Einzelbild herunterladen
 

Nr. 168

Marburg, Sonnabend, 19. Juli 1884.

xix. Jahrgang.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux vonHaasenstein undVozler in Frankfurt a M.. Ham­burg, Magdeburg u. Wien; Rudolf Mosse in Frankfurt a. M., Berlin, Münchenund Köln; G. L. Daube und Co- in Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u. Paris.

OherMche >itimo

Anzeigen nimmt.entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux Jägersche Buchhandlung in Frankfurt o.M.; Hermann- scheBuchhandlung daselbst; Adolf Steiner i. Hamburg; Jnvalidendank in Berlin, Dresden und Leipzig; I. Barck u. Co. in Halle; W. Thienes in Elberfeld.

Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. (Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „Jllustrtrte» Sonntagsblatt" durch die Expedition (K o ch'schc

Buchdruckere») bezogen 2y4 Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches ’i Mark 50 Pfg (excl. Bestellgebühr.) — Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg.

Für tt^der^Sxpeditioi^zu erteilend- Auskunft und Annahme von Adreffen werden 25 Pfg. berechnet

t Die Eisenbahnen Deutschlands.

Die im Betriebe stehenden deutschen Eisenbahnen haben zur Zeit eine Ausdehnung von rund 35 500 Kilometern. Nachdem in Gemäßheit deö Gesetzes vom 17. Mai d. I. wiederum einige Privatbahncn in den Besitz und die Ver­waltung des preußischen Staates überzugehen bestimmt sind, ist eS nicht ohne Interesse, sich zu vergegenwärtigen, wie sich vom 1. Juli ab das Verhältnis der Längen der Staatö- und vom Staate sei es für eigene, sei eS für Rechnung der Gesellschaften, verwalteten Eisenbahnen einerseits zu der Länge der noch vorhandenen Privatbahnen unter eigner Verwaltung ar-dererseits stellt. Vom gedachten Zeitpunkte ab wird die Gesamtlänge der ersteren Kategorie von Bahnen in runden Zahlen 31550 Kilometer, die letzteren 3950 Kilometer betragen. Die größten noch vorhandenen Prtvat- dahnunlernehmungen sind kleinere Bahnen untergeordneter Bedeutung.

Von den im Betriebe befindlichen Staatsbahnen haben die preußischen Staats- und vom -Staate verwalteten Privatbahnen allein eine Gesamtlänge von demnächst rund 20300 Kilometern. Da auch die fast 1300 Kilometer langen Reichsbahnen von dem preußischen Minister der öffentlichen Arbeiten resiortieren, so werden von dieser Stelle aus etwa 21800 Kilometer oder über drei Fünftel der d.utschen Eisenbahnen verwaltet. Die noch im Bau befindlichen Staatsbatznen sind dabei noch nicht mitgerechnet. DaS nächftgroße Staatsbahnnetz ist das Königlich Bayerische mit 4300 Kilometern, eS folgt das Königlich Sächsische (2180 Kilometer), das Königlich Württembergische (1540 Kilometer), das Großherzoglich Badische (1320 Kilometer). Der Rest der Staatsbahnen wird verwaltet von den Re­gierungen von Hessen und Oldenburg. Vergleicht man den jetzigen wohlzegliederten Organismus unseres von den Staatsregierungen beherrschten Eisenbahnsystems mit den Eij-nbahnzuständen, wie sie noch vor sechs Jahren in Deutschland waren, als eine große Anzahl mächtiger Aktien­gesellschaften den Eisenlahnverkehr beherrschten, so kann man nur mit Freude und Genugthuung die großen Fort­schritte anerkennen, welche in so kurzer Zett auf diesem Gebiete gemacht sind.

Deutsches Reich.

Berlin, 17. Juli. Der „Reichs-Anz." publiziert einen Erlaß res Ministers v. Goßler an sämtliche RegierungS- Prästbenten über die Maßnahmen zur Verhütung der Ein­schleppung und Verbreitung der Cholera, sowie die In­struktion zur Vornahme der Desinfektion. Besonder« an- empfvhlen wtro die unverzügliche Bildung von Sanitäts­kommissionen, auch in Städten unter 5000 Einwohnern und in den ländlichen Bezirken, soweit nur irgendwe die Verhältnisse eS gestatten. — Geheimrat Koch ist gestern hierher zurückgekehrt. — Der „Nordd. Allg. Ztg. zufolge sind die meisten der in der Presse, namentlich in der fran-

23 Heimkehr.

Erzählung von Hans Warring.

Früher hatte Thilo wohl darüber gelächelt, j tzt er­schrak er über den scharfen Contrast, welchen daS Märchen, das er sich zu seiner Lebensgefährtin aus rsehen, mit der­jenigen bildete, sie wider seinen Willen all sein Denken durch die einfache, edle Wahrheit ihres Wesens gefangen genommen hatte. —

Er fand daS HauS in Blumberg mit Gästen angefüllt und die schöne Tochter von einem Hofstaate bewundernder Anbeter umgeben. Sie wußte sie alle festzuhalten, — auch ihn hatte sie, ehe er eS geahnt, wieder in ihren Zauberkreis gezogen. Er war in dnen tollen Strudel gerathen, in welchem er sich mit ihr und der ganzen Schaar der Gäste unaufhaltsam drehte. Wo er auch hinhören mochte in dieser großen, die Macht des Geldes repräsrntirenden Gesellschaft, er fand bei Allen dieselbe Sucht nach Aufregung, — den­selben Alle beherrschenden Gedanken: Genießen, Genießen, trotz Allem und immer: Er machte wieder dieselbe Bemer­kung, die ihn schon oft betroffen gemacht hatte: alle diese jungen eleganten Leute, deren Väter durch Intelligenz und Fleiß ein große« Vermögen erworben hatten, — sie alle schienen ihren Stolz darein zu setzen, die Talente, die ihr Haus gegründet, in sich zu ertöten oder zu verleugnen. E- schien, als scheuten sie sich, sich zu einem praktischen Ge­danken zu bekennen. Nicht die Seele, nicht der Verstand war,» dir Triebfeder ihre- Thun«; — sie lebten mit den Nerven, — die Aufregung mußt« ihnen die Thätigkett er­setzen. —

Und verhielt eS sich mit der schönen Gustava nicht

zösischen und englischen, zirkulierenden Mitteilungen über Aeußerungen Kochs bezüglich der Cholera in Frankreich und deren Abwehr entweder unrichtig oder entstellt wieder- gegeben, so daß eö geraten ist, diese vollständig unzuver­lässigen Mitteilungen mit großer Vorsicht aufzunehmen. — Die Monarchenbegegnung im Salzkammcrgute soll, wie der „Kreuz-Ztg." und „Rat. Ztg." übereinstimmend be­richtet wird, in der Weise erfolgen, daß Kaiser Franz Joseph dem Kaiser Wilhelm unmittelbar vor der Abreise des letzteren einen Besuch in Gastein selbst abstattet und daß die beiden Monarchen folgenden Tages die Fahrt nach Lens und vielleicht auch weiter gemeinsam machen werden. Als wahrscheinlicher Tag der Entrevue ist biö jetzt der 5. August in Aussicht genommen, doch muß bemerkt werden, daß alles von den Dispositionen des deutschen Kaisers ab­hängt. Die offiziösen Wiener Blätter, an ihrer Spitze die «Wiener Abendpost" begrüßen mit den sympathischsten Worten die Ankunft des Kaisers Wilhelm auf österrei­chischem Boden. Man macht darauf aufmerksam, es sei nunmehr das stebenzehntc Mal, daß der Kaiser Gastein besucht. — Fürst Karl Anton von Hohenzollern feiert am 21. Oktober d. I. seine golvene Hochzeit mit der Fürstin Josephine, Tochter des Großherzogs Karl von Baden und dessen Gemahlin Stephanie de BeauharnaiS, Adoptivtochter des Kaisers Napoleon I. An demselben Tage feiert die Fürstin Josephine ihren 71. Geburtstag. Wie die „Köln. Ztg." meldet, wird das Fest in Krauchenwies statlfinden und daran außer dem König und der Königin von Ru­mänien auch der Graf und die Gräfin von Flandern teil nehmen. Der Fürst ist zwar seit längerer Zeit gelähmt, erfreut sich aber einer ganz besonderen geistigen Frische und Regsamkeit, wovon namenllich viele wissenschaftliche und WohlthättgkritSanstalten der Rheinprovinz Zeugnis ab­legen. — Graf Herbert Bismarcks Ernennung zum Ge­sandten in Haag steht nahe bevor. — Ueber den Antrag Ackermann betreffs des Lehrlings - Privilegiums der In­nungen und über die Stellung des Bundesrat« zu dem be­züglichen Reichstagsbeschluß schreiben die zuverlässig inspirier­ten „Berl. Pol. Nachr.": „Der Antrag Ackermann entbehrt der Strafbestimmung; in Preußen und in einigen anderen Bundesstaaten wird er darum nicht völlig unausführbar werden, inwieweit aber daS Gleiche überall der Fall ist, scheint mindestens zweifelhaft. Die verbündeten Regierungen, welche ihre gesetzgeberische Aufgabe nicht unter dem Ge­sichtspunkte politischer Demonstration aufzufaffen pflegen, wären daher schon dieser formellen Mangelhaftigkeit wegen außer Stande gewesen, über den Beschluß des Reichstages sich alsbald zu entscheiden. ES kommt hinzu, daß dem Antrag Ackermann und zwar hauptsächlich in der Preffe von der Richtung der „Kreuz-Ztg." und der „Germania" eine ganz andere Bedeutung beigelegt morsen ist, als sie dem entsprechenden Satze der JnnungSvorlage von 1881 beiwohnte. Dort bildete die Berechtigung zum auöschließ-

ebenso? Ihm waren plötzlich die Sinne geschärft, er nahm jetzt Manches wahr, waS ihm früher entgangen. Da war dieselbe Ruhelosigkeit, — derselbe Ungestüm, der von einer Aufregung zur anderen drängte. „WaS haben wir morgen vor?" fragte sie, wenn sie sich Abends vom Tanze müde in einen Lehnstuhl geworfen und ihren Hofstaat um sich versammelt hatte. „Machen Sie Vorschläge, meine Herren! — Etwas Neues, wenn ich bitten darf, etwas Neues I — Pistolenschießen? alt, ganz alt 1 — Wettrudern? — Schon dagewesen I [— Hat Niemand eine neue Idee? — Ein Königreich für eine Jvee l" —

ES war am dritten oder vierten Abende nach seiner Ankunft in Blumberg. Der große Saal war brillant er­leuchtet, die breiten Fensterthürm nach dem Garten standen offen, man tanzte wie eS allabendlich geschah. Vom Flügel her tönten die auffordernden Klänge eine» Straußischen Walzer«.

„Kommen, Sie, wir wollen tanzen I" sagte Gustava, die auf ihrem Wege nach dem Tanzsaal Thilo in einem der Nebengemächer getroffen hatte. „Ich weiß, daß Sie daS Walzertanzen verstehen, — daß Sie Verständniß dafür haben, was so ein reicher Walzer Arm in Arm zu be­deuten hat 1"

Er hielt sie im Arm und sie durchflogen den Saal. Er hatte, wie oft schon, diesen Tanz getanzt, aber mit einer Empfindung, wie heute, noch nie. Jedem seiner hdßm raschen Pulsschläge antwortete ein ebenso heißer, rascher, und sagte ihm, daß et ein sLöneö, glühendes, läsen-- fchaftliche« Weid im Arme halte. Ihr dunkle«, von heiß.m Leben« urst glühendes Auge ruhte in dem seinen, über ihre roten halbgeöffneten Lippen ging der Athem heiß und rasch,

lichen Haltm von Lehrlingen den Schlußstein einer auf dem Boden der Freiwilligkeit stehenden Organisation de« Kleingewerbes. Ohne Zweifel hat ein Teil der Mehrheit dem Antrag Ackermann auch nur in diesem Sinne beige­stimmt. Von den in den bezeichneten Blättern vertretenen Richtungen dagegen wird der Antrag Ackermann mit Vor­liebe als erster Schritt auf lern Wege zur Zwangsinnung bezeichnet. Ganz abgesehen davon, daß hinter dieser Auf­fassung keinenfall« die Mehrhät des Reichstags steht, leuchtet eS ein, daß diese Deutung des Antrags zu beson­derer Vorsicht mahnt, damit nicht Bestrebungen Vorschub geleistet wird, welche von der Auffaffung der verbündeten Regierung prinzipiell abweichen. — Wie nationalliberale Blätter mitteilen, wird Herr v. Trcitschke, bisheriger Reichs. tagSabgeordneter für Kreuznach-Simmern, ein Mandat zum Reichstage nicht mehr annehmen. — Gegenüber der Mel­dung, Herr v. Bennigsen beabsichtige wieder für den Reichs­tag zu kandidieren, werden jetzt Anzweiflungen laut, so in der „Rh.-W. Ztg."; die „Volks-Ztg." erklärt die ganze Nachricht für erfunden. — Dem preußischen Landtage wird in der nächsten Session ein Gesetzentwurf betr. die Erhaltung der Kunstdenkmäler und Altertümer zugehen. Bei dem jetzigen Zustande entstanden fortwährend Streitigkeiten dar­über, was ein Denkmal ist und darüber, ob den auf Grund des Dotationsgesetzes für die Konservierung von Alter­tümern dotierten Kommunalvei bänden eine Verpflichtung oder ein bloßes Recht erwachsen ist. Der im Kultus­ministerium ausgearbeitete Gesetzentwurf nimmt das Vor­handensein der in den einzelnen Provinzen bestehenden wiffenschaftlichen Vereine, deren Bestrebungen direkt oder in­direkt aus die Erforschung und Erhaltung der beweglichen und unbeweglichen Denkmäler gerichtet stns, zum Ausgangs­punkt. Wie aus einer seitens des Kultusministers an die Oberpräsidenten erlaffenen Verfügung hervorgeht, sollen zu den Denkmälern Bauwerke je?er Art, als Kirchen, Schlösser, mittelalterliche Befestigungen, Ruinen, prähistorische Denk­mäler, z. B. Steingräber, sodann auch Bilder, Schnitzereien, Urnen, Münzen und dergleichen gerechnet werden. Was die Organisationsfrage anbelangt, so dürfte die Errichtung einer Art Zentralkommission in Aussicht genommen sein, worin die einzelnen dotierten Verbände eingegliedert werden. — Von dem deutschen Reichs-Postamt ist eine Verfügung er­lassen worden, die allem Anscheine nach mit der drohenden Choleragefabr in Verbindung zu bringen ist. Nach der­selben ist der Austausch von Postpaketen mit Algerien, Tripolis und Tunis bis auf weiteres eingestellt. Alle Post- anstalten sind angewiesen, Postpakete nach diesen Ländern nicht mehr anzunehmen. Die den deutschen Grenz - Aus­gangs Postanstalten inzwischen etwa noch zugehenden Pakete nach den bezeichneten Ländern werden nach den Aufgabe­orten zurückgeleitet werden. — Wie die „Berl. Pol. Nachr." melden, wird neuerdings von zuständiger Seite darauf hin­gewiesen, daß die außeramtlichc Beschäftigung eines Lehrers

— er fühlte jede Bewegung ihrer schlanken, üppigen Ge­stalt. Ein toller Wirbel erfaßte ihn, ein wilder Drang, so hinzufliegen ohne Aufhören. Und sie mochte Aehnliche« empfinden. Ihre Hand ruhte nicht mehr auf seinem Arm, — sie umklammerte ihn mit festem Griff, als wolle st« ihn nicht mehr lassen. Sie wehrte ihm nicht, als er sie fester und näher an sich zog, da er im raschen Wirbel sich mit ihr drehte. Er fühlte ihren heißen Athem, ihre wehen­den Locken an seine Wange, an seiner Stirn.

AthemloS, mit wogender Brust und halbgeschloffenem Auge glitt sie aus seinem Arm auf eine« der kleinen Sopha« nieder, welche die Fensternischen anSfüllen. AthemloS wie sie, stand er neben ihr. Noch niemals hatte erste so schön gefunden, wie eben jetzt. Ihr in den Nacken znrückgewor- jener Kopf, — ihr Lächeln, — der Blick, der unter der dunklen Wimper hervor zu ihm aufleuchtete, — Alles ver­wirrte ihm die Sinne.

„Sind Sie ausgeruht, mein gnädige« Fräulein? Dark ich um die Ehre bitten? fragte eine schrille Stimme neben ihm.

„Zu einem raschen Walzer bin ich nie zu müde," lachte sie. Im nächsten Augenblicke flog sie dahin, ebenso, wie vorher mit ihm 1 Derselbe Blick, — dasselbe Lächeln, — dasselbe Wehen der dunklen Locken! Der Zauber war gebrochen, — er blickte ernüchtert um sich.

„WaS für ein animirter Abend heuteI In diesem Hause findet man immer Amüsement I Und die Tochter des Hause«, — famose Erscheinung!"

Er wollte nicht« mehr hören, — hastig trat er durch eine bet Fensterthürm auf den Balcon hinaus. Draußen lag eine milde sternhelle Nacht über die Erde.

(Fortsetzung folgt)