Einzelbild herunterladen
 

«r. 167

Marburg, Freitag, 18. Juli 1884.

xix. Jahrgang.

Anzeigen nimmt entgegen: ^ir Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux oonHaasenstein undVozler in.Frankfurt a M., Ham- butfl, Magdeburg u. Wien; «udolf Mosse in Frankfurt a M., Berlin, Münchenund o'öln G- L. Daube und Co. in Frankfurt o. M-, Berlin, Hannover u. Paris.

ObchtsW Zkitms

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux Jägersche Buchhandlung in Frankfurt o. M.; Hermann- schcBuchhandlung daselbst; Adolf Steiner i. Hamburg; Jnvalidendank in Berlin, Dresden und Leipzig; I. Barck u. Co. in Halle; W. Thienes in Elberfeld.

Erscheint täglich außer an den Werktagen, nach Sonn- und Feiertagen. (Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JllUftrtrteS Sonntagsblatt" durch die Expedition (K o ch'sche Buchdruckerei) bezogen 2*/t Mark, durch die Postämter deS Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg (excl. Bestellgebühr.) — Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Psg.

Für in der Expedition zu erteilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet.

Die Gemeindesteuern.

Bekanntlich ist daS Ziel der Regierung schon längst auf eine Entlastung der Gemeinden gerichtet. An und für sich sind die Steuern, die der Preuße bezw. der Deutsche dem Staate bezw. dem Reiche an direkten und indirekten Abgaben bezahlt, im Verhältnis zu den anderen europäischen Staaten gering. Während der Preuße an Reichs- und Staats­steuern im Durchschnitt 14,90 Mk. bezahlt, werden in Oesterreich-Ungarn 16,65 Mk., in Rußland 17,74 Mk., in Italien 28,90 Mk., in England 41,43 Mk. und in Frankreich sogar 56,04 Mk. auf den Kopf an Staatssteuern erhoben.

Drückend wird die Steuerlast in Preußen erst durch die Höhe der Gemeinde-, Kreis-, Provinzial-, Kirchen und Schulabgaben, sowie durch die Ungleichmäßigkeit der Ver­teilung derselben auf die verschiedenen Klasien der Beitrags­pflichtigen. Das Verhältnis der Gemeinde- rc. Abgaben zu den Staatssteuern ist ein sehr verschiedenes. Im Durch­schnitt beträgt die Belastung der Stadtgemeinden mit Ge­meindesteuern 299,3 Prozent des Auskommens in denselben an Klassen- und Einkommensteuer, in den Landgemeinden sogar 585 Prozent. Besonders schwer belastet sind die Stadtgemetnden in Schleswig-Holstein und Westfalen, die Landgemeinden in Westpreußen, Westfalen, Ostpreußen, Posen, Schleswig-Holstein und Rheinland, nämlich mit über 200 Prozent sämtlicher direkter Staatssteuern, wie die neuesten Untersuchungen auf diesem Gebiete ergeben haben.

Kann hiermit schon das Bedürfnis nach einer Entlastung der Gemeinden als erwiesen gelten, so enthält die Thatsache, daß die Gemetnveabgaben sich in fortwährender Steigerung befinden, die dringende Aufforderung, hieran ehemöglichst die bessernde Hand anzulegen.

Während die direkten Staats steuern sich von 1876 auf 1883/84 um 0,38 Mk. auf den Kopf vermindert haben, haben sich die Gemeindeabgaben in den Stadt- und Landgemeinden in demselben Zeitraum um 0,92 Mk. auf den Kops vermehrt. Für die Stadtgemeinden läßt sich die steigende Tendenz der Gemeindesteuern bis zum Jahre 1849 zurüüoerfolgen. Während damals auf den Kopf 3,77 Mk. fielen, beläuft sich der Kopfbetrag im Jahre 1883/84 auf 11,42 Mk., — mit anderen Worten, die Steigerung gegen 1849 beträgt gegen 196 Prozent. Besonders sind die Ge- meinveabgaben gestiegen in den Jahren 1869 bis 1876 in Berlin um 48 Pro;., in Hessen-Nassau um 36 Proz., in Rheinland um 61 Proz.; ferner in den Jahren 1876 bis 1880.81 in Hannover um 52 Proz., in Hessen - Nasiau um 24 Prozent, endlich von 1880/81 auf 1883/84 in Schleswig-Holstein um 12 Proz. und in Westfalen bezw. Hessen-Nassau um je 17 Prozent.

Diejenigen, welche sich wirklich daS Jnteresie der Steuer­zahler angelegen sein lasten, sollten ihre Sorge vornehmlich darauf richten, daß die besonders drückenden und fühlbaren Steuern, nämlich die direkten Gemetndeabgaben, vermindert

Ls Heimkehr.

Erzählung von Hans Warring.

.Ich hoffe, es ist nicht Heinrich I" sagte Thilo. — «Ich will hoffen, daß er es nicht ist! Ich bitte Sie, Fräulein Hanna, Gabriele zu warnen I — Nie und nimmer werde ich zugeben, daß fit sich unter ihrem Stande verheiratet/

Bei dem zornigen Klang seiner Stimme war auch sie aufgestanden. Sie stand ihm gegenüber, das Gesicht etwas blasser als gewöhnlich, aber mit dem ruhigen, lieblichen Ausdruck, den es immer zeigte.

„Gabriele wird diesen Mann nicht als unter sich stehend erachlen, — ste ist die Frau dazu, seine edlen Eigenschaften voll zu würdigen!" sagte sie fest. Und dann, nach einer Pause, fuhr ste in bittendem Tone fort: „Und Sie werden « auch thun, — Sie werden sich darauf besinnen, was dieser Mann für Ihr HauS gethanl — Sie werden als Edelmann an ihm handeln: edel, — als Freiherr: frei von kleinlichen Vorurteilen! — Sie werden ihm auf die Weise danken, die Ihrer und seiner würdig ist, indem Sie ihm das köstlichste Gut gebe«, das Sie zu vergeben haben, — das einzige, das Wert für ihn hat!" —

In heftiger Erregung hatte ste gesprochen, — er hatte ihre Hände ergriffen und an seine Lippen gedrückt. Dann standen ste eine Weile Hand in Hand, — Auge in Auge, bis lachende Stimmen von der Dorfstraße her an ihr Ohr fähigen. Dos brach den Zauber. In der nächsten Minute «ar Hanna allein, und während der Tage, die Thilo noch im Orte verweilte, gab ste ihm keine Gelegenheit mehr zu einem Einzelgespräche.

werden. Das ist freilich nur möglich auf dem Wege der Reichssteuerreform, welche die einzelnen Staaten in den Stand setzen würde, einerseits einen Teil der Ausgaben, welche die Gemeinden zu bestreiten haben, auf die Staatö- kaffe zu übernehmen, anderseits auf einen Teil ihrer Ein­nahmequellen zu gunsten der Gemeinden zu verzichten.

DaS Jntereffe für die Steuerzahler ist kein aufrichtiges, wenn es sich nicht in dem Wunsch nach einer wirksamen Entlastung der Gemeinden offenbart. Man wird daher gut thun, sich genau zu vergewissern, ob jemand sich nur durch Schlagworte und durch unerfüllbare Versprechungen für die Steuerzahler interessiert oder ob er für eine Reichssteuer­reform und für die Verminderung der Gemeindesteuern eintritt. _______________________________________________________________

Deutsches Reich.

Berlin, 16. Juli. Ein Blick in die Parteipresse ge­nügt, um die Ueberzeugung zu gewinnen, daß, wenn wir auch noch nicht mitten im Wahlkampfe stehen, doch von allen Seiten die Vorbereitungen getroffen werden, um in denselben mit Erfolg eintreten zu können. Aber: mit welchem Erfolg? Mit Erfolg für die Partei resp. die Fraktion, oder mit Erfolg für die Förderung der öffent­lichen Angelegenheiten? Natürlich nimmt jede Partei für sich die Voraussetzung in Anspruch, daß ste zur Wahrung und Förderung der allgemeinen Jntereffen am meisten ge­schickt sei, und daß man also diesem Zwecke am besten diene, wenn man der Fraktion zu möglichst starker Ver­tretung verhelfe. Ein solcher Standpunkt hat indessin doch nur sehr bedingte Berechtigung, nämlich nur für den Fall, daß das Parlament die Führung für sich in Anspruch nimmt und der andere Faktor sich lediglich dieser Führung unterwirft. Bei uns liegen aber bekanntlich die Dinge fo, daß dem Kaiser und den v.'rbündeten Regierungen die Führung zusteht, daß diese sich zu großen Zielen bekannt haben, für welche die Mitwirkung des Reichstages in An­spruch genommen wird, so daß die Wähler, wenn ste zur Ausübung ihres Wahlrechtes schreiten werden, flch darüber Klarheit verschaffen müssen, wie die Kandidaten, die flch ihnen präsentieren, sich zu den bekannten Zielen deS Kaisers und der verbündeten Regierungen stellen. Mit Recht be­rufen sich die konservativen Elemente darauf, daß die Ant­wort auf diese Frage schon durch ihr bisheriges Verhalten gegeben sei; aber mit Unrecht würde man mit dieser Be­rufung einen Exkluflvanspruch auf das Vertrauen aller Wähler begrünten wollen, welche entschloffen sind, die kaiserliche Politik zu unterstützen, da man unter Berück­sichtigung der Entwickelung, welche die deutschen Partei- Verhältnisse genommen haben, wohl wissen könnte, wie wenig eine einzelne Partei Aussicht hat, die Majorität im Reichstage für sich zu erlangen. Wir haben bereit« in einer Reihe von Artikeln die Möglichkeit eines Zusammen­gehens der Konservativen mit den gemäßigten Liberalen

VI.

ES waren endlos lange Wochen, die Thilo nach seiner Rückkehr auS dem Bade in Berlin verlebte. Ihm schien es, al« hätte die Sonne noch nie so heiß über den stau­bigen Straßen gebrütet, — als sei die Stadt noch nie so öde und leer gewesen. Die verhangenen Fenster der Häuser, in denen er am liebsten au« und eingegangen war, brachten ihm feine Einsamkeit, fein Alleinstehen inmitten einer Welt voll gleichgültiger Menschen mit schmerzlicher Deutlichkeit zum Bewußtsein. Noch nie vorher hatte er sich so nach festen Banden gesihnt, wie eben jetzt, noch nie vorher so schwer das Zerwürfniß empfunden, das ihn fo einsam ge­macht.

Zuwellen überfiel ihn eine kaum zu bewältigende Sehn­sucht nach Ostau, nach seinem kühlen, schattigen Park, nach dem weiten Gelände, daS man von den Fenstern des Herrn- hauseS überblickt, nach der alten vom Dome überragten Stadt, und vor Allem nach dem Hause am Domplatz. Wenn nur Gabriele noch einmal die Bitte auSspriche, er möchte kommen, — er hätte Alles vergessen und vergeben können und ihre Bitte erfüllt. Aber ste hatte früher zu oft vergeblich gebeten, zu oft vergeblich versichert, Alle, Alle, — sie pflegte dieses Alle immer doppelt und dreifach zu unterstreichen,--würden ihn von Herzm willkommen

heißen, als daß sie es jetzt noch einmal thun sollte. — Und jetzt plötzlich ganz unaufgefordert kommen, — und vielleicht gar befremdeten Blicken begegnen: Nein, daS ging nicht au, das wäre für seinen empfindlichen Stolz zn viel gewesen l

In dieser Stimmung überraschte ihn ein zierliches Billet der schönen Gustavs Pörscher, Sie seien auS dem Bade

für die nächsten Wahlen erörtert: eine Möglichkeit, deren Grundlage in dem gemeinsamen Bekenntnis zu den großen Zielen der Reichspolitik gegeben ist, ohne ein Opfer der Parteiformel auf der einen oder der anderen Seite zu forbern. Thatsächlich ist auch das Vorhandensein dieser Möglichkeit bereits konstatiert worden, indem berichtet wer­den konnte, daß in einer Reihe von Wahlkreisen bindende Abmachungen in solcher Richtung geschlossen worden. Wir können daher, ohne Besorgnis vor Mißverständnissen, nur unser lebhaftes Bedauern darüber aussprechen, daß Partei­organe extrem-konservativer Richtung immer und immer wieder jene vorhandene Möglichkeit in Frage stellen, indem sie sich daS Recht der Proskription gegenüber einzelnen Personen der anderen bündnismäßigen Partei anmaßen. Jene Organe sind in dieser Beziehung noch orthodoxer, als sich selbst Herr E. Richter, welcher sich die „Ausmerzung" doch erst für die Zeit nach den Wahlen vorbthält, ob­wohl es ihm gewiß sehr hart ankommen mag, die Unbvt- Mäßigkeit, welche ihm entgegen tritt, nicht sofort für „wahl- unfähig" erklären zu können. Herr Richter ist aber ein scharfsinniger Taktiker und mag sich wohl überzeugt haben, daß WahlterrorismuS zur Zeit wenig angebracht ist, selbst auf jener Seite nicht, auf welcher man sonst gewöhnt ist, sich Der Parteileitung blindlings zu unterwerfen. Die extrem konservativen Elemente, welche wir im Auge haben, werden selbst zugeben müffen, daß ste kaum beanspruchen können, allen konservativen Elementen Wahlreglements vorzuschreiben, und daß der Versuch, von jenem Stand­punkte aus die Grenze der Bündnisfähigkeit mit den National- liberalen stecken zu wollen, die Bündnismöglichkeit über­haupt in Frage stellen muß. Ueberall dort, wo die großen Ziele zum Verständnis gelangt sind, welche der inneren deutschen Politik für die nächste Zukunft gesteckt sind, wird man um dieser Ziele willen sich bemühen müssen, die Fraktion, und darum erst recht den Bruchteil der Fraktion, weniger hoch zu stellen, als die Gewähr der Sicherheit, jene Ziele fördern zu können. Man wird also bei Er­wägung der Bündnismöglichkeit und -Notwendigkeit nicht allgemein verbindliche Grenzlinien ziehen dürfen, sondern man wird von Fall zu Fall für jeden einzelnen Wahlkreis diese Fragen prüfen und nach der Eigentümlichkeit des einzelnen Falles entscheiden müffen. — Der „Schles. Ztg." zufolge ist der Vizepräsivent der Regierung zu Kassel, Herr von Bcauchitsch, an Stelle deS Herrn von Kamptz zum Regierungspräsidenten in Erfurt bestimmt; Vizepräsident in Kassel wird der Geh. RegierungSrat im Reichsamt des Innern Herr Magdeburg.

— Dem „ Justiz-Ministerialblatt" sind folgende Daten bezüglich der Thätigkeit der SchiedSmänner im vergangenen Jahre entnommen. Die Zahl der SchiedSmänner am Ober- Landesgericht Berlin betrug am Jahresschlüsse 1431, an bürgerlichen Rechtsstreitigkeiten betrug die Zahl der Sachen überhaupt 4209, die Zahl der Sachen, in welchen beive

zurückgekehrt, schrieb ste, und die ganze Familie in Blum­berg versammelt. Verheiratete Schwestern mit Mann und Kindern, Cousinen mit gleich interessantem Anhang, alte Tanten und Onkel seien in Menge vorhanden. Es sei ein wahres Raritätenkabinet von Langweiligkeiten, die sie auf­zuweisen hätte. Auf die Länge aber sei die Sache nicht zu ertragen, — mit der Gabe der Familienliebe sei sie eben nicht reich begnadet, — sie habe daher den Entschluß ge­faßt, Hilfstruppen zu werben, um ste gegen die fürchter­liche Monotonie des Familienlebens in die Schlacht zu führen. Als oberste Kriegsherrin rufe ste daher ihre Trup­pen ins Feld, und er fei einer der ersten, den ste zu sehen erwarte. Bon morgen an werden Blumenberger Equipagen zu jedem ankommenden Zuge auf dem Bahnhofe bereit stehen u. f. w. — u. f. w. —

Er stand lange und blickte auf die Zeilen. Sie kenn­zeichneten durchaus das Wesen deS schönen, verwöhnten Mädchen«, dessen einziger LebmSzweck froher, ununterbroche­ner Genuß war. Sie war nur liebenswürdig, wenn ihr jeder Tag ein helleres Fest brachte, — dann allerdings konnte ste durch Geist, Mutwillen und Witz bezaubern. Aber dieses Mädchen in Verhältnisse gebracht, wo ste.Rück- sichten zu nehmen, vielleicht gar Opfer zu bringen hatte! Dieses Mädchen in das alte Haus am Dom versetzt, an die Seite eines kränklichen, früh verwitweten BaterS l — Thilo entsann sich, daß er die schöne glänzende Gustavs, wenn sich nicht zu beseitigende Hindernffse ihrem Willen in den Weg gestellt, sehr verdrießlich, sehr mißgestimmt ge­sehen hatte. Er hatte dadurch den Eindruck empfangen, als sei zu solchen Zeiten jeder Aufmthalt angenehmer, als der an ihrer Seite. (Fortsetzung folgt)