Nr. 166
Marburg, Donnerstag, 17. Juli 1884.
XIX. Jahrgang.
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Reformpolittk zu vereinigen, ohne daß er jedoch im Reichstage irgend etwas damit erreichte.
Trügt nicht alles, so haben diese Bestrebungen auch außerhalb des Parlaments bereits eine Wirkung gehabt, mit der wir zufrieden sein können. Jetzt am Schluffe der Legislaturperiode sind unzweideutige Zeichen eines völligen Umschwungs zu gunsten der kaiserlichen Politik bervor- getretcn. Auf allen Seiten ist die Sozialreform als Panier entfaltet worden, und dank der übermütigen Behandlung, die die Opposition der Frage einer Stärkung und Förderung der nationalen wirtschaftlichen Jntereflen zu teil werden ließ, durchzieht eine mächtige Begeisterung, welche für diese Ziele eintritt, das Volk. Die alten Mißverständnisse über wirtschaftliche Fragen sind verschwunden, die Irrtümer, welche von freisinniger Seite gepflegt wurden, sind auf- gellärt, — kurz das Programm der kaiserlichen Botschaft scheint jetzt das Programm der Nation geworden zu sein. Wir dürfen auf die Zukunft vertrauen I
Grundbesitz in besonderer Beziehung auf die preußischen Zustände zu dem Zielpunkt ihrer spitzigen Pfeife wählt. Bekanntlich sind es die hohenzollernschen Fürsten gewesen, welche eS als einen Ruhmestitel betrachteten, „Bois des gueux“ zu heißen. Zu einer Zeit, als in Baden die Bauern noch in Leibeigenschaft schmachteten, wurde auf den preußischen Domänen im Jahre 1720 mit der Aushebung derselben begonnen. Die preußische Gesetzgebung mit ihrer Aufhebung und Ablösung ter bäuerlichen Lasten ist in ihrer Mustergültigkeit fast in allen Staaten Deutschlands nachgeahmt worden, und die Gleichheit vor dem Gesetz war bereits ein Fundamentalsatz der preußischen Könige, als noch anderwärts i la maniere von Ludwig XIV. regiert wurde. Als der Liberalismus im Jahre 1848 seine Herrschaft begann, fand er in Preußen sür den Bauern nichts mehr zu thun übrig; wohl aber hat diese Herrschaft der Macht deS Kapitalismus die weitesten Wege geebnet durch den Freihandel, durch die Wucherfreiheit, die freie Gestattung der Güter - Teilungen von Todeswegen und unter Lebenden, den Landmann ohne Unterschied, ob er großer oder kleiner Grundbesitzer, adelig oder bürgerlich ist, in die Sklaverei eines rücksichtslos vorgchenden Kapitals gebracht. Die Schwarzwälder Bauern wie die badischen Großgrundbesitzer wiffen von jenem Wucher dasselbe Lied zu singen, wie die preußischen Landwirte. Diesem Sinken des Grundbesitzes, dem Niedergang der Landwirtschaft, dem Ausschlachten des kleinen Gutsbesitzes sah der badische Liberalismus gerade so wie anderwärts mit verschränkten Armen zu, während die kaiserliche wie die preußische Politik darauf gerichtet ist, die Sünden des Liberalismus wieder gut zu machen. Wo ist im Reiche oder in Preußen ein Gesetz, welches eine Scheidung zwischen adeligem und nichtadeligem Grundbesitz zuläßt, wo ist eine Maßregel im Reiche und in Preußen, welche den adeligen Besitz dem nichtadeligen gegenüber begünstigt? Die „Karlsruher Zig." wird daraus schweigen müffcn, sie weiß es so gut wie wir, daß gegenüber der schrankenlosen Kapitalsmacht die Jntereffen der Landwirtschaft dieselben sind, daß es hierbei auf die Geburt des Besitzers wie auf die Größe des Besitzes nicht ankommt. Eine Unkenntnis dieser Umstände und Thatsachen darf man bei der „Karlsruher Ztg." vermöge ihrer guten Beziehungen zu der badischen Regierung nicht voraussetzen. Deshalb ist eS doppelt befremdlich und entmutigend, wenn eine so informierte Zeitung es unternimmt, im Widerspruch mit der Wahrheit künstlich wieder die gesetzlich und thatsächlich beseitigten Standesunterschiede aufzurichten, um die verschiedenen Klassen der Bevölkerung gegenseitig zu verbittern und aufeinander zu Hetzen. Wenn dies in der volksparteilichen, fortschrittlichen und sozialdemokratischen Presse geschieht, so wundert eS uns nicht, wenn wir es auch beklagen. Wir sind von diesen unfern Gegnern gewöhnt, daß sie Zwietracht und Unzufriedenheit im Volke säen, um die ftaatS- erhaltenden Elemente zu vernichten und den Profit ihrer
„Eben ist Hoche abgcreist. Noch heute früh kam er zu mir, um Abschied zu nehmen. Er war in sehr gedrückter Stimmung, der arme Bursche! — Können Sie mir sagen, Fräulein Hanna, was Gabriele eigentlich beabsichtigt? Sie ist seiner Erklärung standhaft ausgewichen, und doch muß sie wiffen, daß sich eine gleich glänzende Partie schwerlich zum zweiten Male bieten wird."
»Ich glaube, daß Gabriele sehr wohl weiß, was sie will," entgegnete Hanna nach einem augenblicklichen Zaudern. „Sie gehört nicht zu den Mädchen, die jeden Heiratsantrag als eintn Triumph betrachten — sie ist nicht kokett. Sie wird nur dem Manne zu sprechen gestatten, dessen Antrag sie annehmen will."
„Wenn sie aber einem Mana, wie Hoche, zurückweist, so kann das nur geschehm, weil sie sich bereits gebunden hat, oder doch eine Neigung zu einem Anderen fühlt. Sagen Sie mir, Fräulein Hanna, ob eins oder das andere der Fall ist."
Wieder entstand eine Pause. Dann aber blickte das junge Mädchen auf und sagte offen:
„Gabriele hat niemals über eine HerzenSnrigung mit mir gesprochen."
„Dann also ist meine Befürchtung grundlos," meinte ThUo. „Ich nehme an, daß ein so bedeutsames Ereigniß zwischen zwei intimen Freundinnen kein Geheimniß bleiben kann."
Er blickte sie forschend an. Hanna wechselte leicht die Farbe.
„Ich möchte Sie nicht mit einer Täuschung von mir gehen kaffen", sagte ste dann. „Wenigsten- muß ich Sie warnru, falsche Schlüffe zu ziehen. Ich kann mir sehr
Bor drei Jahren und jetzt!
Als vor drei Jahren der Reichstag gewählt war, glaubte man alle Hoffnung auf einen ersprießlichen Anfang der Sozialreformpolilik und aus eine gedeihliche Fortsetzung der nationalen Wirtschaftspolitik aufgebrn zu müssen. Der Borsprung, den das radikale Element unter Zurückdrängung der nationalen Parteien gewonnen halle, wurde in weiten Kreisen, eingestandenermaßen oder nicht, als eine Abwendung der Nation von den bisher betretenen und neu in Aussicht gestellten Bahnen und als ein- Art von Hinneigung zu der von radikaler Seite entfalteten Fahne der Macht des Parlaments empfunden.
Der Verzagtheit, die sich vieler Patrioten damals zu bemächtigen drohte, gebot die Krone Einhalt. In der kaiserlichen Botschaft, mit der der Reichstag am 17. Nov. 1881 eröffnet wurde, wurde ihnen verkündet, daß die Krone an den als richtig und notwendig erkannten Zielen festhält. Durch dieses offene Hervortreten für Ziele, die schon bei der Wahlvewegung eine Rolle gespielt hatten, wurde denen, welche dieselben mißverständlich aufgefaßt hatten, die Augen geöffnet. Freilich konnte die Zusammensetzung deS Reichstags dadurch nicht rückgängig gemacht werden; dennoch erwies dieselbe sich nach und nach nicht mehr als so feindlich den Reformbestrebungen, wie man zuerst befürchtet hatte. Man darf es dem tiefen Eindruck, den die kaiserliche Bot- schäft aus alle Volkskreise machte, zuschreiben, wenn insbesondere die Nationalliberalen sich mehr und mehr der Unterstützung der von derselben aufgestellten Sozialreformpolitik zuwandten und so das Ihrige dazu beitrugen, das Krankenkaffengesetz und das Unfallversicherungsgesetz — diese beiden ersten sichtbaren Merkmale der Sozialreform — in den Hafen zu bringen.
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Heimkehr.
Erzählung von Hans Warring. „Nimm an, daß dies meine Absicht ist!" sagte Gabriele. Thilo fuhr auf.
Anderseits ruhten aber auch nicht die radikaleren Elemente. Herr Richter vermaß sich, der kaiserlichen Botschaft im Parlament eine „Antwort" zu erteilen und dieselbe als Agitationsschrift drucken zu lassen. Versuche, die königliche Gewalt fortschrittlichen Idealen entsprechend einzuschränken und das Parlament als den ausschlaggebenden Faktor hinzustellen, wurden bei jeder Gelegenheit unternommen, so bei der Frage der Stellung der Beamten, namentlich aber auch bei Erörterung der militärischen Angelegenheiten. Aber im ganzen mißglückten diese Versuche und ste schärftm das Gefühl des Volkes wie des Reichstags für die Gefahren, welche für den Frieden der Nation aus derartigen Bestrebungen erwachsen können. Nur in einem Punkte, auf Wirtschafts- und steuerpolitischem Gebiete, erzielte die Opposition Erfolge. Daß aber der Wind im Volke bereits um- geichlagen war, kündeten die preußischen Landtagswahlen, welche die Hoffnungen des Radikalismus einige Zeit herab- Ittmmten. Gleichwohl hielt derselbe eS für nötig, um so schroffer vorzugehen und sich zu um so heftigeren Angriffen «egen die monarchische Politik und gegen die nationale
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wohl denken, daß Gabriele das, was sie am tiefsten emp. findet, am sorgfältigsten in sich zu hüten weiß. — Ich glaube, — daß kein Mädchen von Zartgefühl — dergleichen Empfindungen — zu einem GesprächSgegenstande macht. — ES giebt Gefühle, die ewig unausgesprochen bleiben müffcn, — wenn man sie nicht einem Einzigen — gestehen darf."
Das Schwanken der sonst so ruhigen Stimme machte auch seinem Athem geschwinder gehen. Er sah, wie die Handarbeit zwischen den seinen Fingern des Mädchens sich zitternd bewegte. Aber mit ihrer gewöhnlichen ruhigen Fassung legte ste dieselbe auf den Tisch nieder und faltete die Hände im Schooße.
„Sie sind also der Meinung, daß GabrielrnS Neigung bereits vergeben ist?" fragte er. 8
»Ja, ich denke so, — indessen kann ich mich täuschen," entgegnete ste zögernd.
„Wer kann aber der Gegenstand sein? Ich habe ste auszuforschen gesucht, aber welchen Namen ich auch nennen mochte, ste zeigte bei keinem jene verräterische Befangenheit Bitte, könnten Sie mich nicht auf den rechten Weg weisen?"
St- warf einen raschen Blick in sein Gesicht, — dann schüttelte sie leise den Kopf.
„Das muß Gabriele selbst thun, — ich habe k-in Recht dazu," entgegnete ste fest.
Er war aufgestanden und schickte sich zum Gehen an. Plötzlich, während er noch zögernd vor ihr stand, fuhr ihm -in Gedanke durch den Kopf, — ein Gedanke, der ihm eine rasche Blutwoge in die Wange trieb.
(Fortsetzung folgt.)
»Deine Absicht, einer Zukunft gegenüber, wie ich ste so glänzend kaum für Dich zu träumen wagte! Für so kindlich hätte ich Dich nicht gehalten, — aber ich werde Dich nötigenfalls zu Deinem Glücke zu zwingen wissen!"
»Zwingen!" — Ihre blauen Augen blitzten, und ihre Gestalt schien größer zu werden. „Laß Dir sagen Thilo, daß ich in dieser Sache Deine Einmischung nicht dulde! Entweder heirate ich den Mann, den ich mir selbst wähle, «der ich heirate gar nicht.
Was war das? — Das war nicht mehr da« liebliche mgsame Kind, als welches er ste bisher gekannt hatte, — war ein Weib, daß sein Recht zu vertheidtgrn wußte! Welche Erfahrungen hatten ste gereift?
Er blieb stehen und blickte ihr nach. Sie schritt ein- h-r wie eine junge Königin, doppelt schön in ihrer zornigen Erregung. Wenn ste seine stolzen Erwartungen täuschte, wenn ste sich unter chrem Worte fortgäbe! — Er wollte nicht fürchten, — aber er wollte versuchen, sich Gewißheit zu verschaffen.
Ein paar Tage später nahm er die Gelegenhrtt wahr, tu. v°nna iu sprechen. Er hatte sie, al« er scheinbar ab- whtSlos an ihrem Hause vorbei schlenderte, in der Wein- uJ. Ftsehen, war auf ihre Einladung näher getreten und 9 tk sich neben ihr gesetzt. Sie sah die Wolke auf seiner ™tn und forschte nach deren Ursache.
- »Ich will es Ihnen nicht verhehlen, daß Gabrielen« ^halten mich unzufrieden macht", sagte er.
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux vonHaasenstein undBogler w, Frankfurt a M>, Hamburg, Magdeburg u. Wien; Audolf Mosse in Frankfurt e. M., Berlin, Münchenund Mn; G- L- Daube und Co- in Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u. Paris.
Deutsches Reich.
Berlin, 15. Juli. Ter französische Botschafter war beauftragt, das Bedauern seiner Regierung auszudrücken anläßlich des beim gestrigen Volksfeste in Paris erfolgten HerabreißenS einer an einem Gasthofe angebrachten deutschen Fahne. Wegen der Schnelligkeit des ganzen Vorganges habe die Polizei nicht rechtzeitig einschretten können. (S. unten Art. Paris.) — Die „KarlSr. Ztg." unternahm eS vor einigen Tagen, die Beziehungen des Bauernstandes zu dem adeligen Grundbesitz in folgender Weife zu charakterisieren: „In neuester Zeit wird von konservativer Seite der Versuch unternommen, die Fürsorge für die landwirtschaftlichen Jntereffen zur Neubildung des in Baden tief herabgesunkenen Einflüsse« dieser Partei auSzubeuten. Man muß unserem Bauernstände mit den Thatsachen der Erfahrung zeigen, daß seine Jntereflen durchaus nicht gleichbedeutend sind mit denen des adeligen Großgrundbesitzes und in seinen in Preußen und anderen Staaten hervorgetretenen selbstsüchtigen Vorteilsbestrebungen." Die „Kreuz- Ztg." hat diesen Erguß bereits in folgender Weise treffend abgefertigt: „Glaubt etwa das halbamtliche Blatt durch solche unwahren Jnstnuattonen, die wahrlich nicht geeignet sind, die vom Reichskanzler so häufig und so energisch betonte Vertretung der gemeinsamen Jntereffen der Landwirtschaft zu fördern, sondern irgend einem Hetzartikel des Richterschen „Reichsfreund" entnommen sein könnten, „dem Volke" zu dienen? Wir möchten das stark bezweifeln. Immerhin aber bleibt es bedauerlich, daß ein halbamtliches Blatt einer deutschen Landesregierung auch heute noch so wenig Verständnis von dem besitzt, was unserem Volke not thut." Die „Nordd. Allg. Ztg." schreibt hierzu: Wir können unS dieser Bemerkung der „Krz.-Ztg." nur anschließen und wollen unser Befremden und Erstaunen nicht zurückhalten, daß die „Karlsr. Ztg." gerade den adeligen
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