Nr. 169
Marburg, Mittwoch, 16. Juli 1884.
XIX. Jahrgang.
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Die Wahlreformbeweguug i« England.
Die Wahlreformbtll der englischen Regierung, durch welche die Zahl der englischen ParlamentSwähler um zwei Millionen vermehrt werden sollte, ist bekanntlich im Oberhause in zweiter Lesung abgelehnt worden und demnach vorläufig als gescheitert zu betrachten. ES bedeutet dies anscheinend einen relativen Mißerfolg Mr. Gladstones in seiner inneren Politik, aber dieser Mißerfolg ist eben nur ein scheinbarer, denn das ablehnende Votum der PairS des Landes hat gegen daS Oberhaus eine Stimmung erzeugt, deren Eindruck man sich in den Reihen der strengkonservativen und hocharistokratischen Mehrheit des Oberhauses schwerlich wird entziehen können. Man höre nur, waS der Hauptredner, der Kohlenarbetter in Durham bei ihrem am 6. Juli abgehaltenen Galameeting von den Gegnern der Wahlreform sagte: „Sollen wir vielleicht vor den Lords auf die Kniee fallen? Sollen wir jetzt und für immer einer erblichen Wühlerbande gestatten, die gerechten Wünsche deS Landes zu durchkreuzen, Gesetzentwürfe zu vereiteln, zu verstümmeln und sie zur Thür hinauSzuwerfeu, wie es ihrer Laune beliebt?" DaS ist die Stimmung, welche unter den Arbeitern in England gegen die Mehrheit deS Oberhauses herrscht, deren GesinnungSgenofien im Unterhause Tadelsanträge gegen Gladstone stellen, um ihn zu Falle zu bringen, nicht etwa, damit Gordon aus den Händen deS Mahdi befreit, oder damit die verletzte Ehre Englands in Egypten und im Sudan wieder hergestellt werde, sondern damit ein Ministerium Salisbury Churchill die bevorzugte Stellung der oberen Zehntausend in ihrem vollen Umfange aufrecht erhalten kann. DaS letzte Ziel der Wahlreform ist die Beschränkung der Rechte des Oberhauses, derselbe Grundgedanke, welcher die Verfaffungs- revisivn in Frankreich durchdringt, trägt auch die Wahl- rrformbewegung in England. Sie ist ein weiterer Schritt auf der Bahn, welche zur Lahmlegung der Aristokratie als Ziel führt. Erklärte doch John Bright in der am 10. IM tn London stattgesundeneu Versammlung liberaler Parlamentsmitglieder ganz offen, daß die gegenwärtigen Befug- niffe deS Oberhauses eingeschräntt werden müffen. Goschen umging den Kern der Frage, indem er die Hoffnung auS- drückte, daß die Liberalen die Wahlreformdewegung nicht bis zur Erniedrigung deS Oberhauses vor dem Lande treiben würden. Dieses Geschäft besorgen inzwischen diejenigen Leute, welche mit Hilfe der Liberalen erst politische Rechte erlangen wollen. Eine Maffen-Versammlung dieser Leute wird am 21. Juli im Hydepark stattfinden und die liberale Parteileitung hat dafür gesorgt, daß diese Kundgebung zu einer der großartigsten sich gestalten wird, welche London jemals gesehen hat. Man schätzt die Zahl der Teilnehmer schon heute auf 60000, eS ist aver sehr wahrscheinlich, daß ste noch um ein Bedeutendes wächst, nachdem das Oberhaus am 8. Juli die Wahlreformbtll bereits in zweiter Lesung abgelehnl hat. Die Mehrheit, welche Salisbury zufammen-
20 Heimkehr.
Erzählung von Hans Warring.
„Durchaus nicht, eS macht mir viel Freude, sie tanzen zu sehen l Sehen Sie, mit welcher Lust sic sich dem Tanze htngtbt, — ist es nicht reizend, ihr zuzusehen?"
„Warum tanzen Sie nicht, — mißbilligen Sir da» Tanzen?"
„Bei Anderen nicht, — bei mir aber würde ich es mißbilligen."
„Wie das? — ich verstehe Sie nicht!"
„Das hängt mit dem traurigen Verhängniß unserer Familie zusammen. Der Vater hat Gattin und fünf Kinder verloren, alle an der tückischen Krankheit, die dem scheinbar blühenden Leben ein erschreckend rasches Ende be- rritete. Ich allein blieb ihm übrig, ein Angstktnd, das rr mit unaussprechlicher Sorge hütete. Ich schien viel schwächlicher, als alle meine Geschwister, und Jahre lang habe ich im Auge meine« Vaters gelesen, daß er den Tov neben mir stehen sah. DaS war eia Schatten, der über «einer Kindheit und Jugend lag und erst tn den letzten Jahren verschwunden ist. Und dieser Schatten wurde dunkler bet dem kleinsten Unwohlsein, daS mich ergriff. So lernte ich früh alles vermeiden, was mir schädlich sein konnte, und daher habe ich auch nur einmal getanzt, — ein einziges mall" _
„Und dann gaben Sie eS auf?"
»Ja, dann gab ich e» auf, — zwar mit schwerem Herzen, denn ich hatte mehr Geschmack daran gefunden, al« ich selbst geahnt. Ich begegnete einem Blicke meine« «ater«, einem Blicke voll so peinigender, tüdllichrr Angst,
gebracht hat, ist nicht allzugroß, sie beträgt nur 59 Stimmen bei 351 Abstimmenden.
Die Wahlreformbewegung charakterisiert flch demnach immer mehr als ein entschiedener Protest der englischen Nation gegen -die ganze Stellung de« Oberhauses und gegen die Art und Weise, in welcher die Vertreter des starren AristokratevtumS den liberalen Anforderungen unseres Jahrhunderts Trotz bieten zu können glauben. Die liberale Partei führt diesen Kampf gegen die PairS mit der vollen Unterstützung der öffentlichen Meinung und trotz des Scheiterns der Wahlreformbill im Haufe der Lords kann eS keinem Zweifel unterliegen, daß der Kampf, nachdem der VolkSwtlle bereits so energisch zum AuSdrucke gelangt ist, sich früher oder später gegen daS Oberhaus entscheiden wird. Die Führer der Tories scheinen indessen noch nicht geneigt zu sein, in die Schmälerung der Befugnisse deS Oberhauses einzuwilligen und durch dieses starre Festhalten seiner Mehrheit an einer unhaltbaren Stellung untergräbt daS Haus der Lords selbst die Wurzeln der aristokratischen Macht. Für daS Kabinett Gladstone aber hat diese ganze Bewegung vorläufig daS Gute, daß ste das Interesse deS englischen Volkes von den Vorgängen in der auswärtigen Politik teilweise ablenkt. Namentlich ist unter ihrem Einflüsse daS Interesse an der egyptischen Frage, welche nach wie vor den Stein deS Anstoßes für Herrn Gladstone bildet, zurückgetreten und wenn der englische Premier jetzt in letzterer nur halbwegS geschickt operiert, so kann eS ihm gelingen, sich in der öffentlichen Meinung Englands auch in bezug auf die egyptifche Affaire zu rehabilitieren.
Deutsches Reich.
Berlin, 14. Juli. Die „Nordd. Allg. Ztg." erklärt gegenüber der Behauptung der „Magdeburgischen Ztg." in Sachen des Admirals von Stosch: Die Thatsache ist nicht wahr, daß der Reichskanzler mit Stosch in Konflikt geraten war, demgemäß ist auch die Thatsache nicht wahr, daß eine Krisis zwischen beiden Herren eingetreten war und der Reichskanzler seine Demission eingereicht habe; ferner ist die Thatsache nicht wahr, daß Graf Moltke irgend welchen Auftrag zu Vermittelung gehabt, noch solche aus eigener Initiative versucht höbe. Dagegen ist eS Thatsache, daß ein Konflikt zwischen drm damaligen Präsidenten des Reichs- kanzleramts: dem Minister Delbrück und dem Chef der Admiralität, General v. Stosch, in 1876 stattgefunden hat. Es gelang indessen dem Fürsten Bismarck, Delbrück zu beschwichtigen und ihn trotz deS gegen ihn vom Ehef der Admiralität gerichteten offenen Angriffs zum Bleiben zu bewegen. ES bleibt unS ungeachtet oller gegen uns erhobenen Widersprüche nur noch übrig, unsere Angaben über ein „preußisches Ministerium Gladstone" unsererseits zu wiederholen und aufrecht zu erhalten. Auf Verlangen sind wir fogar imstande, noch mehr Kandidaten desselben zu benennen. — Der „Reichsanzciger" publiziert die Ernennung
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daß ich mir sagte, meine Lust werde zu teuer bezahlt, — seitdem habe ich nie wieser getanzt."
Sie lächelte, als ste zu ihm aufblickte. Es war ein liebliches, mildes Lächeln, heiter, trotz der leisen Resignation, die auS den Augen blickte. —
ES wurde ihm zur Gewohnheit, daß er hinter ihrem Stuhle stand und mit ihr sprach, während Gabriele tanzte, und die Freude, welche beide an dem schönm, vielumworbenen Mädchen hatten, bildete einen nie versagenden Gesprächsstoff zwischen ihnen. " So selbstlos erfreute sich Hanna an den Erfolgen der Freundin, daß ste darüber zu vergessen schien, wie jung ste selbst war und wie berechtigt zu gleichen Triumphen.
Eines Abends, als sie nicht erschienen war, litt es auch ihn nicht in dem heißen staubigen Tanzsaal. Er schlenderte ins Freie, und verlockt von dem schönen Abend, ging er weiter und weiter, bis er sich plötzlich vor dem kleinen Hause des Voigt« wiederfand. Die Fenster waren offen und drinnen brannte Licht. E« wurde gespielt, und als er durch das Weinlaub späte, erblickte er Hanna am Flügel.
Er stand lange Zeit unbeweglich, — dann ging er rasch hinweg. Vergevlich versuchte er e«, seine Empfindung zu verspotten, — über die Rückkehr zu seiner gefühlvollen Primanerzeit zu höhnen, — daS Bild, welches er eben gesehen, wollte nicht von ihm weichen. — Er müsse abreisen, sagte er fich, — ober er blieb. — Er dachte an die Last seiner Schulren und an die fürstliche Mitgift der schönen Gustavo Pörscher. Einmal kam ihm der Gedanke, daß auch der Justizrat für reich gelte, — daß auch in dieser Hinsicht seine Tochter eine gute Partie wäre. Aber ehe er diesen Gedanken noch vollendet, fühlte er, wie das Blut
deS Geheimrats Bödicker zum Präsidenten des ReichSver- sicherungSamteS und meldet, daß das ReichSversicherungS- amt mit dem heutigen Tage in Thätigkeit tritt. Ferner veröffentlicht der „Reichsanzeiger" eine Bekanntmachung, betreffend die Anmeldung der unfallverstcherungSpfltchtigen Betriebe, welche bis zum 1. September erfolgen muß. — Betreffs der durch Ucberfchwemmungen in Westpreußen in Not geratenen Personen soll der Minister sich der Auffassung angeschloffen haben, daß den Notleidenden nicht rück- zahlungspflichtige Darlehen, sondern bedingungslose Unterstützungen zuteil werden, und zu solchen Unterstützungen soll eine entsprechende Summe aus Staatsmitteln mit zur Verteilung kommen. — Neueren Bestimmungen zufolge sollen Eisenbahn - Stationsbeamte fortan zum Schöffen- oder Ge. schworenen-Amte nicht mehr berufen werden, weil ihr Fernbleiben von dem Dienste große Unzuträglichkciten zur Folge haben und die Sicherheit des Bahnbetriebes geradezu gefährden kann. — Wie wir hören, werden die drei für chinesische Rechnung auf der Vulkan Werft erbauten Panzerkorvetten, von denen die eine bereits unter deutscher Handelsflagge und unter Kommando des verabschiedeten Korvetten-KapitänS Scbelin im Hafen zu Kiel zum Auslaufen nach China bereit liegt, nicht früher nach Hongkong in See gehen, bis die aufs neue zwischen Frankreich und China ausgebrochene Differenz beigelegt sein wird. Auf der Korvette „Ting Auen" haben sich außer der deutschen Matrosenbesatzung 2 chinesische Seeoffiziere und 8 chinesische Maschinen-Jngenieure eingeschifft. — Der Kaiser, der sich, nach den aus seiner nächsten Umgebung hierher gelangten Nachrichten, des besten Wohlseins erfreut, wird bald nach seinem Eintreffen in Gastein das neue Aktiengesetz unterzeichnen, welches dem Monarchen dorthin bereits von dem Reichskanzler Fürsten Bismarck zugesandt worden ist. — Zu der Stellungnahme des gestrigen Parteitages der National- Liberalen in Elberfeld gegen die Börsensteuer bemerkt die „Germania": „Bemerkenswert ist die absichtliche Zweideutigkeit, deren sich die Nationalliberalen bei ihrem anscheinend so „mannhaften" Protest gegen die Börsensteuer befleißigen. Sie richten ihr Anathema gegen den „preußischen Entwurf einer Geschäftssteuer", der thatsächlich nicht mehr existiert. Was dem Reichstage zugtng, war der Entwurf des Bundesrates, der tn wesentlichen Punkten von dem preußischen abweicht. Möchte man den Inhalt des letzteren als „Geschäftesteuer" bezeichnen, so hatte doch der Bundesrat den Entwurf gerade dahin umgestaltet, daß er eine Börsensteuer, nicht mehr eine allgemeine Geschäftsstelle! herbeiführe. Warum sprachen fich nun die Nationalliberalen nicht offen uno klar über diese Vorlage des Bundesrats aus? Warum adresstren sic ihren Protest an den „preußischen Entwurf", der längst beseitigt ist? Offenbar zu dem Zwecke, um thatsächlich sich jeder Stellungnahme zu der Frage, wie ste jetzt schwebt, zu entziehen, dabei aber sich den Schein zu wahren, als ob sie energische Verfechter der
ihm heiß in die Wange stieg. Was hatte die Welt aus ihm gemacht, daß er angesichts dieses Mädchens an ihr Vermögen denken konnte! —
Er fühlte sich aufgeregt und gereizt durch die widersprechenden Empfindungen, die aus ihn einstürmten. Das Leben, zu dem er zurückkehren mußte, erschien ihm öde und schaal, und doch sah er keinen Ausweg vor sich. Zu diesem Inneren Zwiespalt trat noch ein äußeres Ereigniß, das ihn reizte unv verstimmte. ES war Gabriele, die diese Stimmung verursachte. Die Bewerbung deS jungen Grafen Hoche, des Majoratserben, um sie, bildete schon seit Wochen da« Tagesgespräch der Badegesellschaft. Auch Thilo hatte die leioenschaftliche Bewunderung deS jungen Mannes nicht verborgen bleiben können. Es schmeichelte seinem Stolz, die schöne Schwester von dem hervorragendsten Cavalier so ausgezeichnet zu sehen, und gleichzeitig war seine brüderliche Liebe befriedigt durch die glückverheißende Zukunft, die sich für Gabriele eröffnete. Der alte Graf hatte schon mehrmals gegen ihn, — Thilo — betont, daß ihre beiderseitigen Familien von jeher in naher Verbindung gestanden hätten, — kurz, Alle kamen den stolzen Absichten Thilos entgegen, Alle, — nur Gabriele nicht. Sie hatte die Winke, die er ihr schon mehrmals gegeben, absichtlich ignorirt, er sah, daß der Graf nicht wagen konnte, sich zu erklären, roenn ste fortfuhr, ihn so wenig zu ermutigen."
„Dürste ich Dich vielleicht um eine Erklärung Deines Betragens bitten?" sagte er eine« Morgens in gereiztem Tone zu ihr, als er am Abend vorher ihre abweisende Haltung dem jungen Grafen gegenüber wieder beobachtet hatte. „Wenn Du so fortfährst, wird Hoche ohne eine Erklärung abreisen!' (Fortsetzung folgt)