Skt. 16«
Marburg, Dienstag, 15. Juli 1884.
xix. Jahrgang.
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.Denken wir nicht an Vergangenes, — laß uns den Augenblick genießen!" sagte Thilo, sich gewaltsam fassend, .und nun laß eS genug sein, Gabriele! — Sieh Deine kuh'ge, gefaßte Freundin muß e« beftemden, daß wir unS 1° kindisch geberden."
Hanna halte unterdessen die umher gestreuten Sachen, Hüte, Bücher, Plaids, — langsam zusammengetragen nb kam jetzt die Anhöhe herab. Als Thilo ihr entgegen- "at, färbte für einen Augenblick ein zarteS Rot ihr Ge- WichkesiN °ber berußte sie ihn mit ruhiger, etwas kühler
Die OppofitiouSstrategev und -Wahlmacher befinden sich augenscheinlich in großer Verlegenheit darüber was in anbetracht der ZustimmungSkundgebungen aus allen Ecken des Reichs zu des Reichskanzlers überseeischer Politik— wie wir die Sache kurz bezeichnen wollm — zu thun sei ES geht das deutlich hervor aus den Versuchen, welche die jenen Einflüssen offene Preffe unternimmt, die von ihren Herren und Meistern gründlich verpfuschte Angelegenheit w-m ihnen günstigeres Fahrwaffer zu lotsen; denn derartige Versuche können doch nur als VerlegenheitSakte auf- gefaßt werden. v '
Die „Vofstsche Zeitung" schreibt einen salbungsvollen Leitartikel, um zu untersuchen, was für Vorteile und was für Kosten den Franzosen aus ihren transozeanischen Kolo» nicen erwachsen. Der Artikel hebt an:
Zm Verlauf der Debatten über die Postdampfersub- vention hoben die Regierungsvertreter ihre Argumente mit Vorliebe auf französische Denkschriften gestützt und wiederholt die französische Kolonialpolitik der deutschen als Muster hingestellt, so daß der Abgeordnete Bamberger es für ratsam hielt, darauf hinzuweisen, wie schon deshalb jenes Beispiel für uns wenig tauglich sei, weil das reichere Frankreich sich den Luxus eimr teueren Kolonialpolitik weit eher gestatten könne als wir...
» ,bic Frage zu entscheiden, ob Deutschland
Frankreichs Kolonialpolitik nachahmen darf, brauchen wir uns bloß an der Hand statistischen Materials zu vergegenwärtigen, was für Kosten einerseits und was für Handelsvorteile andererseits unseren westlichen Nachbarn aus ihren Kolonieen erwachsen.
Es folgt dann eine umfangreiche Berechnung — daß die Daten richtig sind, soll angenommen werden, zumal nicht das Resultat der Rechnung uns interessiert, sondern die Art der Argumentation — welche ergiebt, dem Jahresverdienste einer Anzahl französischer Privaten auS den transozeanischen Kolonieen Frankreichs von 17Vz Mill. Fr. sei eine Jahreszubuße auS dem Staatssäckel von 86 r/z Mill. Fr. gegenüber zu stellen. Nachdem nun dieses Resultat dem deutschen Kolonialschwärmer vor Augen gestellt worden, gelangt die „Voff. Ztg." zu folgender Schlußstrophe:
Die hier angeführten Daten können allerdings nichts beweisen gegen den Wert von Kolonieen an sich. Pflanz- kolonieen z. B. sind jedem sich stark vermehrenden Volke eine Wohlthat. Sie beweisen selbst nichts gegen HandelS- kolonieen, denn auch die laffen sich nutzbringend machen. Ävhl aber beweisen sie, daß das französische Kolonialsystem sur uns nicht als Muster taugt und daß deshalb unsere Aegierungsmänner in keiner Weise berechtigt sind, wenn hre eigene Weisheit sie im Stiche läßt, Denkschriften, welche ranzostsche Regierungen zur Begründung ihrer eigenen un- lauglichen Kolonialpolitik verfaßt haben, als autoritatives Material für deutsche Verhältniffe zu verwerten.
-Wenn man jenen Eingang und diesen Ausgang der
Heimkehr.
Erzählung von Hans Warring.
„Wirst Du es einrichten können, daß ich Euch öfter treffe, und namentlich anderswo, als im Hause des Justiz- ratS?" unterbrach er plötzlich und unvermittelt der Schwester Plauderei. Seit länger als drei Jahren habe ich jedes Zusammentreffen mit ihm vermieden, — es ist mir peinlich jetzt seine Gastfreundschaft oft in Anspruch zu nehmen.' Besucht Ihr nicht die Concerte und Soireen? — Ich käme am liebsten mit Euch auf neutralem Boden zusammen!"
„Gewiß besuchen wir sie," entgegnete Gabriele mit leichtem Befremden zu ihm aufblickend. „Und wir werden sie noch öfter besuchen, wenn Du eS so wünschest."
„Ist eö dem alten Herrn nicht unbequem, Euch zu begleiten?"
„Er zeigt eS nicht, — im Gegentheil, er scheint eö zu wünschen, daß wir unS amüstren. — Aber eS wird ihn befremden, Thilo, daß Du sein Haus vermeidest. Bedenke, wie lange er mit unserer Familie befreundet gewesen ist!"
„Du verstehst das nicht! Er ist MamaS Rechtsbeistand, und in dieser Eigenschaft habe ich mit ihm einige etwas unliebsame Briefe gewechselt. Hat er Dir nie davon gesprochen?"
„Niemals! — Er hat nie anders, als freundlich und milde von Dir gesprochen!"
„Und,--und---Hanna?"
»Sie auch, natürlich! Hanna sagt nie ein Wort, daS mich kränken könnte, sie ist mir die liebste, rücksichtsvollste Freundin."
„Was hat sie über mich gesagt, Gabriele?"
»Nie etwas Nachteiliges, das weiß ich bestimmt. Freilich, oft haben wir nicht über Dich gesprochen, — eS schien mir immer, als suche sic dies zu vermeiden."
Thilo preßte die Lippen zusammen und ging eine Weile
schweigend neben seiner Schwester einher. Dann änderte er den Gesprächsgegenstand.
Es geschah, wie er gewünscht hatte. Weder der Justizrat noch Hanna drängten ihm ihre Gastfreundschaft auf. Als er dem alten Freunde seines Hauses seine Aufwartung machte wurde er freundlich empfangen, aber nicht zum Wiederkommen aufgefordert. Dafür aber zeigten Vater und Tochter eine liebenswürdige Bereitwilligkeit, Gabriele überall zu begleiten, wo er ste zu treffen wünschte. Er sah sie Vormittags auf dem Corso, Nachmittags in den Concerten des Kurhauses und Abends auf den Soireen. Es schmeichelte seinem Stolze, daß der vornehm aussehende alte Herr und die beiden schönen Mädchen stets ein Flüstern des Bei- W"v°rriefen, wo sie sich auch zeigten. Er hatte einen kritischen Blick selbst für Fraumtoiletten, und war nicht ganz ohne Besorgniß gewesen, ob man seiner jungen Schwester auch die nötigen Mittel zu einem standesgemäßen Auftreten gewährt hatte. Aber schon nach ihrem ersten Zusammentreffen in der Gesellschaft war er beruhigt. Sie sowohl, wie ihre Freundin erschienen in tadelloser Toilette, und selbst er, der gewiegte Kenner mußte sich gestehen, daß in vornehmer Einfachheit und Feinheit des Geschmacks kaum eine der anderen Damen mit ihnen rivalistren durfte
„Haben Sie noch einen Tanz für mich frei, Fräulein Hanna? fragte er ste auf der ersten Soiree, die ste gemeinsam besuchten. Hanna schüttelte lächelnd den Kopf. „Ich tanze niemals," sagte ste.
„Sie tanzen nicht? Dann bringen sie aber Gabriele ein großes Opfer, indem Sie sie begleiten."
(Fortsetzung folgt.)
Argumentation und Logik der „Vossischen" liest, muß man billig m Staunen geraten! Unsere RegierungSmänner, von ihrer eigenen Weisheit im Stiche gelaffen — und von der »vossischen Ztg." nicht auf den richtigen Weg gebracht, — ? » " Denkschriften französischer Regierungen als autoritatives Material für deutsche Verhältniffe verwertet? That- sächlich hat der Reichskanzler nicht einmal, sondern wieder- M erklärt, es falle ihm nicht ein, da« „französische Kolonialsystem" für Deutschland nachahmen zu wollen; wie kommt also die „Voss. Ztg." zu ihrer hochweisen Belehrung? Allerdings wurde eine französische Denkschrift in diesen Diskussionen zitiert; diese handelte aber lediglich und allein von den mit Dampfersubventionen erzielten Resultaten. Daran scheint sich die „Voff. Ztg." dunkel zu erinnern; auf die Gedächtnisschwäche ihrer Leser kann ste sich ver- laffen, warum also nicht die Gelegenheit beim Schopf ergreifen, die verschiedensten Dinge durcheinanderrühren, keck weg behaupten: „Die Vegierungsvertreter haben mit Vorliebe die französische Kolonialpolitik der deutschen als Muster hingestellt!"
Auch die „Volks-Ztg." unternimmt einen Versuch, Deckung für die exponierten „Führer" zu schaffen; daß eS u tempo mit der „Voff. Ztg." geschieht, beweist wohl, daß System in der Sache ist - so zu sagen „höhere Hand . Auf das eigene Nachdenken ihrer Leser muß dieses demokratische Organ freilich mehr Rücksicht nehmen, als die „Voff. Ztg."; es wird daher etwa also argumentiert: die Zustimmungskundgebungen kommen meist (?) aus
und Süddeutschland, wo die allgemeine Wehrpflicht noch nicht so in Fleisch und Blut übergegangen sei, als in Preußen; abgesehen von den „Schwärmern" scheiden sich die Gegner und Freunde der Kolonialpolitik im wesentlichen nach altpreußisch und nicht altpreußisch. England, Holland, Frankreich begründeten und erwarben ihren Kolonialbesitz mit geworbenen Söldlingen, ergo paßt deren Kolonialpolitik nicht für uns. So vorbereitet gelangt man dann zu folgendem Schluffe:
Wenn man in denjenigen Landeöteilen, die erst seit wenigen Jahren das System der allgemeinen Wehrpflicht ohne jedes Stellvertretungssystem angenommen haben, den Einfluß dieser Institution auf die Frage der Kolonial- politik überfleht, so finden wir dies begreiflich, da solche Institutionen, um in ihrem vollen Umfange und nach allen Richtungen hin beachtet zu werden, erst Generationen hindurch in Fleisch und Blut übergegangen sein müssen: in den altpreußischen Landesteilen, wo heute die Enkel und Urenkel von denen, welche zuerst nach der Katastrophe von Jena zu Regimentern und dienstpflichtigen Landes- lindern zusammentraten, der Militärpflicht genügen, rechnet man mit dieser Militärpflicht und man scheut sich, das Blut der Landeskindcr als Kaufpreis für überseeische Kolonieen einzusetzen.
ES klingt sehr schön, von dem Ruhm der deutschen
Flagge zu sprechen, welche auf der Ostküste Afrikas oder °uf-inigm Inseln im stillen Ozean wehen soll, und die in Aussicht gestellten Millionen, welche uns der Handel dieser Kolonieen einbringen soll, sind auch ganz hübsch, aber „die bosnische Frage ist nicht die Knochen eines einzigen pommerschen Grenadiers wert" hat Fürst Bismarck gesagt, und Neu-Guinea oder Angra-Pequenna sind doch sicherlich auch nicht des Opfers auch nur eines einzigen Landwehl mannes wert.
.. Das klingt doch nun gerade, als ob Herrn Lüderitz sur Angra-Pequenna oder gar den Neu-Guinea-Gründern bereits je ein Bataillon Landwehr zur Verfügung gestellt wäre oder werden sollte. Der Reichskanzler hat schon am 2b. Juni sich dagegen verwahrt, die Sache so darzustellen, als ob beabsichtigt sei, Landwehrmänner zum Namaqua- sang zu benutzen; Forts und Garnisonen von Reichs- ^uppen darin, daran denk-er nicht, und wie über die Möglichkeit europäischer Komplikationen aus Anlaß der beabsichtigten überseeischen Politik gedacht würde, wurde ebenfalls sehr deutlich ausgesprochen. WaS hat das Alles bun Reichskanzler gegenüber der „Volks-Zeitung" geholfen? Gar nichts; ste beweist kühn aus der allgemeinen Wehrpflicht „die Unmöglichkeit der Kolonialpolitik".
Sachlich tragen beide qu. Artikel zur Diskussion natür- lich nicht das Mindeste bei; ein gewiffeS Interesse haben sie nur als Gradmeffer der Verlegenheit, welche in den Kreisen der Oppositionsmatadore herrscht. Dieselben haben sich diesmal so zu sagen „überschlagen" und schicken nun die ergebene Presse ins Treffen, um die Schlappe zu verdecken, denn Unfehlbarkeit ist ein notwendiges Requisit eines richtigen „Führers". - Durch Preßleistungcn nach AU der hier charakterisierten wird aber wohl niemand so recht zum Glauben an diese Unfehlbarkeit gebracht werden.
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Deutsches Reich.
m derltu, IL. Juli. Der „Germania" zufolge sieht die Publikation des Akiicngesetzes binnen Kurzem bevor; der Reichskanzler habe dasselbe bereits unterzeichnet und soll eS nächster Tage dem Kaiser unterbreitet werden. — In den Mgsten Beratungen des Staatsministeriums ist, wie man hort, auch die Frage der Berufung des Staatsrates zu seiner ersten Sitzung in Erwägung gezogen worden. Es ist dafür der Oktobermonat in Aussicht genommen und eö wird diese erste Sitzung nicht, wie früher beabsichtigt war, nur eine konstituierende fein, sondern der Staatsrat wird sich sofort mit wichtigen gesetzgeberischen Angelegenheiten für den Reichstag zu beschäftigen haben. Die Mitteilung eines Korrespondenten, daß mit der Reaktivierung des Staatsrats M eMen werde, hat für sich viel
Wahrscheinliches, ein Beschluß in dieser Richtung ist aber bisher noch nicht gefaßt worden, wohl auch deshalb nicht weil man erst abwarten will, wie die Thätigkeit des Staats- rateS sich gestaltet. Unrichtig ist aber die Nachricht, daß
Anzeigen nimmt entgegen: hie Expedition b. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux vonHaasenstein undVogler in, Frankfurt a M., Hamburg, Magdeburg u. Wien; Rudolf Moffe in Frankfurt e. M., Berlin, Münchenund Mn; G. L. Daube und Co. in Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u. Paris.
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Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux Jägersche Buchhandlung in Frankfurt o. M.; Hermann- scheBuchhandlung daselbst; Adolf Steiner i. Hamburg; ♦ Invalidendank in Berlin, Dresden und Leipzig; I. Barck u. Co. in Halle; W. Thienes in Elberfeld.
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Dann schritten sie miteinander dem Dorfe zu. Thilo, ?c Waids der Mädchen über die Schulter geschlagen, hörte m Plaudern Gabrilens zu, die sich an seinen Arm ge- ?°ngt hatte. Sie erzählte Mancherlei, — von ihren Reise- bbn en' ccn Ihrem Entzücken über die Rheingegenden, . ste eben erst kennen gelernt hatte. — von ihrem Bade- wen — nur von daheim nichts. Fragen mochte er nicht, » mit er t: bet 3-it wird sie von selbst reden," beschwichtigte 'S-, ] Ungeduld. Aber bald vergaß er diese. Immer ' bl Ätodfte fein Wick zu Hanna hinüber, die zartfühlend > ffitd unh stch selbst überlassen hatte und Muscheln
f fnfat btnh ^Aerne a f dem feuchten Sande suchte. Wie anzie- iL ste r,laä Machen geworden war, — wie graziös bewegte ___!> ~ rvie leicht und anmutig war ihr Gang! Sie te«Mbtn ttnt Von Erscheinungen, die anziehen ohne zublen- ohn', £ ®a denen oberflächliche Beobachter vorübergehrn, , zu achten, die aber, je länger man sie betrachtet,
lontfltf so reizender erscheinen. —