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Nr. 168

Nkarburg, Sonntag, 13 Juli 1884.

XIX. Jahrgang.

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Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux Jägersche Buchhandlung in Frankfurt a. M.; Hermann- scheBuchhandlung daselbst; Adolf Steiner i. Hamburg; Jnvalidendank in Berlin, Dresden und Leipzig; I. Barck u. Co. in Halle; W. Thienes in Elberfeld,

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux vonHaasenstein undBogler in Frankfurt a. M., Ham- bürg, Magdeburg u. Wien: Rudolf Moffe in Frankfurt a. M., Berlin, Münchenund Mn; ®. L. Daube und Co. in Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u. Paris.

___»ar tn der Expedition zu erteilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Psg. berechnet. ° Vle

Deutsches Reich.

Berlin, 11. Juli. DerReichS-Anz." meldet: Der Reichskanzler hat die Bundesregierungen ersucht, zu er­wägen, in wiefern ein Teil der Einrichtungen, welche dir Cholera-Kommission für den Fall des Fortschreitens der Cholera in Frankreich empfohlen hat, schon jetzt bei unS vorzubereiten sein möchte. DerRelchS-Anz." publiziert die Ernennung des L-gattonSratS Grafen Radolin von RadolinSkt zum Hofmarfchall des Kronprinzen. Der Oberbibltothekar der Kgl. Bibliothek Geh. Rat und Prof, vr. Lepstuö ist gestorben. Die kronprinzlichen Herr­schaften werden sich Ende Juli nach England begeben; der Kronprinz wird seine Gemahlin mit den Prinzessinnen be- Men und dann anfangs August zu den süddeutschen In­spektionen und zu den Manöver» am Rhein zurückkehren. Im Falle die Kaiserin den Kaiser zu den Manöver» am Rhein begleiten wird, waö nach dem jetzigen Gesundheits­zustände der kaiserlichen Herrschaften sehr wahrscheinlich ist, wird die Frau Kronprinzessin in England bleiben, andern­falls aber sie Vertretung der Kaiserin bei den Manöver» übernehmen. Anfangs August wird der Kaiser, wie üblich, seine Resioenz auf Schloß Babelsberg nehmen, dessen Ge­mächer jetzt von der Julisonnr durchwärmt werden. Ob­wohl noch nicht feststeht, so ist es doch wahrscheinlich, daß die Kaiserin während des Aufenthaltes des Kaisers auf Babelsberg wieder im Stadtschlosse zu Potsdam wohnen wird. Nach dem Sprechregister über die letzte Session des Reichstages hat von den Bevollmächtigten zum Bundes­rate Fürst Bismarck 8 Mal, Minister v. Bötticher 13 Mal, der Kriegsminister e. Bronsart 9 Mal, der Staatssekretär des RetchspostamteS Dr. Stephan 3 Mal, der Staatssekretär des Reichsschatzamtes v. Burchard und der Chef der Admirali­tät Generalleutnant v. Caprivi 3 Mal das Wort genommen. Der Prästoent hat 6 OrdnuogSrufe erteilt. Von den Ab­geordneten hat am häufigsten gesprochen der Abgeordnete Windthorst gegen 60 Mal. ES folgen dann: Richter (Hagen), Reichensperger (Crefeld), Rickert, Sonnemann, Freiherr v. Minnigerode, Freiherr v. Maltzahn-Gültz, Dr. Hirsch, Dr. Freiherr v. Hertling, Günther (Sachsen), Dr. Buhl, Dr. Dohrn, Dr. Baumbach, Dr. Bamberger. Das neueste Heft der unter Mitwirkung der wisienschaft- lichen Deputation für das Medtzinalwesm und von dem Geh. Ober-Medizinal- und vortragenden Rate im Mini­sterium der Medizinal - Angelegenheiten herauSgegebenen Vierteljahrschrift enthält einen beachtenswerten Aufsatz über den Turnunterricht in den Mädchenschulen. Der Verfasser giebt namentlich Vorschriften über die Kleidung und das Schuhwerk der turnenden Mädchen unv eifert gegen das Schnürmieder, von dem er bedauert, daß der Schule über­haupt die Macht fehle, gegen dasselbe als eine gesundheits- gefährliche Mode etnzuschreiten. Schließlich wird festge­stellt, daß der Turnunterricht sür Mädchen innerhalb der

gegebenen Grenzen gleichfalls als ein obligatorischer Lehr­gegenstand zu betrachten sei.

Hamburg, 11. Juli. DaS von hier nach auswärts verbreitete Gerücht, Senator VerSmann beabsichtige aus Gesundheits-Rücksichten zurückzutreten, ist, wie derHamb. Corresp." von kompetenter Seite erfährt, vollständig unbe­gründet. VerSmann erfreut sich der besten Gesundheit.

Bückeburg, 9. Juli. Gestern ist hterselbst der eigent­liche Chef der fürstlichen Regierung, Herr Geh. 06er- regterungörat v. Campe, im Alter von 70 Jahren nach längerer Krankheit gestorben. In ihm verliert die konser­vative Partei des Landes ihre wesentlichste Stütze.

Leipzig. 11. Juli. Der König hat eine Einladung zum deutschen Bundesschießen angenommen und wird am 19. d. M. zu mehrtägigem Aufenthalte hier eintreffen.

Müucheu, 10. Juli. Der vorgestern vom Schwur­gericht verurteilte und sofort in Haft genommene Redakteur Dr. Sigl ist heute vormittags gegen Erlag einer Kaution von 20000 Mk. vorläufig auf freien Fuß gesetzt worden. Sogar dieSüdd. Presse* * meint in recht bezeichnender Weise, es habe diesnach der verbältnismäßig hohen Strafe", welche das Gericht über Dr. Sigl verhängte, einenguten Eindruck gemacht". Letzterer würde aber nicht lange Vor­halten, wenn sich die weitere Nachricht derSüdd. Pr." bestätigte, daß Dr. Sigl seine Strafe nicht im Nürnberger Zellengefängnis, wo es die Insassen verhältnismäßig er­träglich haben, sondern in der Strafanstalt Laufen, woselbst Masienunterbringung und Massenbeschäftigung Regel und die Kost erheblich wenigervorzüglich" ist, als in Nürnberg, werde abbüßen müffen. Bestätigt sich dies, so dürfte man auf die Gründe dieser ganz ungewöhnlichen Maßnahme neu­gierig sein. Mit Dr. Sigl resp. seinemVaterland" im Zusammenhänge stehen zweiErscheinungen", die selbst in München, wo man auf diesem Gebiete an sehr kräftige Kost gewöhnt ist, alles bisher Dagewesene weit hinter sich lasten. ES find dies zwei Blätter, die sich angeblich das Ziel gesteckt haben, den vomBahr. Baterl." Angegriffenen, unter denen auch das deutsche Reich figuriert, Schutz zu gewähren, die aber in Wirklichkeit nicht« als eine Geld­spekulation elendester Sorte sind. In diesen beiden, wohl einzig im deutschen Vaterland dastehenden Blättern, von denen sich daS eineDas andere Vaterland", das andere Das deutsche Vaterland" nennt und die beide ganz im Format des SigsschenVaterland" erscheinen, werden die schmutzigsten, skandalösesten Geschichten mit einer cynlschen Offenheit und Behaglichkeit breitgetreten, wie man es bis da­hin gar nicht für möglich gehalten hätte. Und, was da« Allerschlimmste, es findet sich in der That ein Publikum, welche sich an diesen Meisterstücken der Pornographie delek­tiert, dieselben geradezu verschlingt!! Da ist jeder Kommentar überflüssig.

A«rla«d.

Bern, 11. Juli. Ein in der heutigenNeuen Züricher Zeitung" gemeldeter Züricher Cholerafall wird durch ein Telegramm der SanitätSkommisston Zürich an den Bundes­rat für vollständig unbegründet erklärt.

Paris, 10. Juli. DieBgence HavaS" meldet: Patenotre erhielt die französische Note, worin die Kriegsentschädigung verlangt wird, erst gestern in Shanghai. Er übermittelte dieselbe sofort nach Peking. Für die Beantwortung derselben ist eine achttägige Frist gesetzt; demnach sind alle Gerüchte von einem militärischen Vorgehen Frankreichs vor Ablauf dieser Frist unbegründet. Ueber vie Spezial-Artillerie- Manöver, welche dieses Jahr zum erstenmal, und zwar vom 1.6. Juli im Lager von Chalons stattfanden, berichtet ein offiziöses Blatt:Es waren 16 Batterteen zu 6 Ge­schützen unter Divisionsgeneral Lajaille, dem Präsidenten der Artillerie-Komitees, versammelt. Die Battertekomman- danten erwiesen sich als sehr tüchtig im Manövrieren sowohl bei der Bildung und der Entwicklung der Kolonnen und der Masten, als bei der Herstellung jener langen Feuer- linien, welche die Artillerie auf der Schlachtfront herzu­stellen sucht, um ihre Wurfgeschosse auf das Hauptziel des Angriffs zu konzentrieren. Die Ausführung war tadellos. Die Ziele bestanden aus Holzstücken von verschiedener Ge­stalt und Größe, welche Bataillone, Schwadronen und Batterteen darstellten und so aufgestellt waren wie die Truppen auf einem Schlachtfelde. Die Richtigkeit der Schüsse war sehr bemerkenswert. Auch sind sehr nützliche Beobachtungen über die neuen Vorschriften betreffs der Ver­proviantierung auf dem Schlachtfelde gemacht worden."

Toulon, 11. Juli. Seit gestern abend starben in Toulon drei, in Marseille neunzehn Personen an der na ^rtreter derTimes" in Toulon hatte mit Dr. Koch eine zweite Unterredung, in der sich der deutsche Forscher folgendermaßen über die Cholera ankerte- Alle Leichenöffnungen haben dieselben Erscheinungen und Bacillen ergeben, die ich in Indien beobachtet habe Bei dem Soldaten Bcrnard fand ich eine größere Menge von Bacillen als in Egypten. Die Herren Strauß und Rour, welche bei der Untersuchung zugegen waren, bezeugten die Beobachtung deö indischen Bacillus in Egypten und erklärten, daß sie denselben stets mit andern vermischt gefunden hätten. Im vorliegenden Falle überwogen die indischen Bacillen. Man findet die Bacillen nur selten im Magen. Die Ver­dauungsstörungen, welche infolge der Seuche auftreten, sind denselben nämlich ungünstig, sie ziehen sich deshalb in die Eingeweide zurück, wo sie sich unglaublich vermehren. Sie erregen dort Bewegungen und Erbrechen, dadurch Blutan- sammlung, Störung des Blutumlaufs und Fieberfrost. Die Bacillen sondern überdies ein wirkliches Gift ab, und so ergibt sich ein Körperzustand, welcher die Erscheinungen

der trockenen, sofort tötlichen Cholera, die ohne Entleerungen

18 Heimkehr.

Erzählung von Hans Warriug.

Die Frau Baronin ist eine Frau, vor der man deu Hut nicht tief genug ziehen kann!" fuhr der alte Herr fort. Sie hätte auf einem Thron geboren werden sollen, denn sie besitzt die höchste und erste Gabe der Regenten: den scharfen Blick für Wert und Befähigung der Menschen, und das sichere Geschick, jeden au den rechten Platz zu stellen. Ihr verstorbener Vater hat sein lebenlang treue Sorge um das Wohl seiner Kinder getragen, aber als er *Ne Frau zu Ihrer Stiefmutter machte, hat er doch da« Beste für Sie gethan."

Diese Worte hörten nicht auf in Thilo nachzuklingeu, »äuge nachdem er sich von seinem alten Freunde getrennt |®tte. Natürlich kannte der Graf sein Verhältnis zu seiner Stiefmutter, und er hatte ihm eine gute Lehre geben wollen. Stolz und Empfindlichkeit bäumten sich in ihm auf: wie kam ein Unberufener dazu, sich In seine intimsten Verhält­nis e zu drängen? DaS war gewiß nicht die rechte Art, chn der Mutter wieder näher zn bringen I

Er Neidete sich um, und ging aus, feine Schwester auf- Msuchm. Auf seine Frage bezeichnete einer der Leute de« Hotels ihm den Weg, den er einzuschlagen hatte. Rasch schritt er vorwärts, die Sehnsucht »ach der so lange Entbehrten wurde mit jeder Minute stärker in ihm. Er uwßte mehrmals »ach dem Wege fragen, da die Straßen N« Dorfs sich vielfach kreuzten, aber jedes Kind konnte chm Auskunft geben, wenn er den Namen des Jastizrat gramer nannte.De oll Herr mit fln Döchting, de by Borgt Janzen wohnt?" Und auf fein Bejahen erfolgte ft-midllche Auskunft.

Der Herr Justizrat fei nicht zu Hause, er sei nach Marschen gefahren, berichtete die behäbige Fran des VoigtS, die unter der Thür des kleinen zierliche» Hänschens stand, und die Fräulein seien an die See hinabgegangm. Er möge nur geradeaus gehen bis vor das Dorf, dann links am Strande bis zu der Spitze, wo er die Amrumer Dünen sehen könne, da werde er sie wohl finden.

Ja, er fand sie, als er der Weisung der Frau folgend langsam auf dem feuchten Seesande dahin schlenderte, den die zurückwsichettde Flut gefestigt hatte. Sie hatten den Aussichtspunkt, wo sie sich gelagert, gut gewählt. Eine breite in das Dünenlabyrinih gerissene Lücke gestattete einen Blick auf das zwischen grünen Wiesen und niederen Baumgruppen gelegene Dorf Rantum, hinter welchem sich wieder die hohen wild zerklüfteten Dünenberge von Hörnum erheben.

Südwärts glänzten die weißen Strandberge von Amrum im Sonnenschein, und ostwärts am fernen Horizonte tauchte wie ein Nebelstreif Föhr mit feinem alten Kirchturme an­der Flut. Die Lust war von jener durchsichtigen Klarheit, die auch das Ferne nah erscheinen läßt. Klar und scharf umrlffeu hob sich von dem matt gefärbten Hintergründe, den Dünen und Himmel bildeten, jeder einzelne Gegensiand ab. Thilo war stehen geblieben und betrachtete dieses an­ziehende Bild, das wie alle nordischen Seebilder in seiner matten, monotonen Färbung und mit seinem weiten, sanft verschwimmenden Horizonte einen schwermütigen, sehnsucht­erweckenden Eindruck machte. Und da, als er nach langer Betrachtung sich wandte, erblickte er die Gestalten beider Mädchen. Gabriele hatte sich in bett weißen Dünensand gedrückt, den Arm aufgestützt, die Wangen tn der Hand

uHend, schien sie in ein Buch vertieft. Ihre ruhende Stellung und die Wellenlinien des Bodens entzogen sie ibm^da« Rill ^Beschauers. Um so deutlicher trat ^er B°gl°iterln entgegen. Hanna saß neben Gabriele, so daß ihre ganze Gestalt scharf und klar wie eine Silhouette aus dem lichten Hintergründe hervortrat. Ueber ein Buch gebeugt, das auf ihren Knieen lag, schien sie zu zeichnen. Thilo umfaßte jede Einzelheit ihrer Er- scheinung mit scharfem Blick, und er mußte sich gestehen, daß er wohl kaum jemals eine anmutigere Gestalt gesehen Die feine Linie des Profils, das zierliche Ohr, die Fülle des glänzenden Haares, das zwanglos geordnet die edle F°rm des Kopfes hervorhob, die anmutige Haltung, nicht« entging ihm. Als er sich näherte, mochte ihr Ohr feinen Tritt vernommen haben, sie wandte rasch den Kovf Einen Augenblick schaute sie ihn unsicher an, dann Wen & $VU ^k-nnen. Ein paar rasch geflüsterte Worte ver­ständigten Gabriele. Dann war diese aufgesprungen und kam mit ausgebreiteten Armen die Anhöhe herabgelaufen

Lange hielten sich die Geschwister schwelgend umschlungen leise weinend lehnte Gabriele an Thilos Schulter Ö@o'

*Ji(0' so ^1" sagte sie endlich, sich ?mporrichtend. "Ich habc es lange nicht fassen können, daß der Groll in etneS Menschen Brust stärker sein könne als die Liebe. Nun hast Du es mir während der letzten drei Jahre bewiesen!" In diesem Augenblicke konnte er eS selbst nicht fassen, or auf das Glück dieser Stunde so lange hatte ver­zichten können. Sein Auge hing an dem lieblichen Gesicht, das unter Thräne» lächelnd zu ihm aufblickte. w

(Fortsetzung folgt )