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fllarturg, Donnerstag, 10. Juli 1884.
XU. JahtMg
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Deutsche» Reich.
Berlin, 8. Jnli. Die „Nordd. Allg. Ztg." erfährt von zuverlässiger Seite, daß die Nachricht, die Reichsregierung beabsichtige abermals einen Etatsentwurf für zwei Jahre vorzulegen, ganz unbegründet fei. — Die angeordneten, im Gange befindlichen Etatsvorarbeiten betreffen lediglich den Etatsentwurf vom 1. April 1885 bis 31. März 1886. — Unter Vorsitz des belgischen Konsuls Goldberger konstituierte sich hier eine Kommission für Aussteller Nord- deutschlandS und des Königreichs Sachsen auf der Antwerpener Weltausstellung. Stellvertretende Vorsitzende sind Frhr. v. Landsberg-Vehlen und Vizepräsident des Aeltesten- kollegiumö der Berliner Kaufmannschaft Dietrich. Der Kommission gehören außerdem zahlreiche Reichstags- und Landtagsabgeordnete, industrielle und andere angesehene Persönlichkeiten an. Die Geschäftsführung übernahm Dr. Jan- nasch, der zugleich Bevollmächtigter des Antwerpener Zentralkomitees ist. — Der Bericht, welchen die Aeltesten der Kaufmannschaft zu Berlin über den Handel und die Industrie dieses Platzes zu erstatten pflegen, ist für 1883 soeben erschienen. In seinem Eingänge giebt der Bericht eine Ueber- flcht der Lage in den Haupttndustriezweigen Deutschlands; darin wird gesagt: „Ermutigt durch Erfolge der beiden vorangegangenen Jahre sehen wir den deutschen Gewerbefleiß aus den meisten Gebieten im Jahre 1883 eine große, ja in den ersten Quartalen ungewöhnliche Regsamkeit entwickeln; der Unternehmungsgeist ist wach und die Produktion wird zum Teil enorm gesteigert. Leider entsprechen die Resultate nicht überall den aufgewendeten Anstrengungen. Denn wenn auch der anhaltende Betrieb der meisten inländischen ErwerbSzweige für einen ziemlich regelmäßigen Absatz und Verbrauch unserer industriellen Erzeugnisse im Inland sorgte, so haben sich doch die Absatzverhältniffe ins Auslona teilweise verändert, und die Schwierigkeiten, eine ähnliche oder noch größere Ausfuhr wie im Jahre 1882 zu ermöglichen, sind im Jahre 1883 gestiegen. Beide Umstände, die Regsamkeit und Erhöhung der Produktion und die vermehrten Schwierigkeiten des Exportes, haben die Preise der gangbarsten Artikel weiter sinken laffen. Die Ausetnandersolge zweier Jahre, in welchen die Erwartungen einer gesegneten Ernte iurd) die Ungunst der Witterung in den Sommermonaten getäuscht wurden, trug wesentlich zur Vermehrung der wirtschaftlichen Schwierigkeiten bei, mit welchen der deutsche Gewerbefleiß zu kämpfen hatte. Blieb uns auch bei der reichlichen Zufuhr von Getreide vom Auslande wirklicher Mangel fern, so war doch die Konsumtionsfähigkeit der ländlichen Bevölkerung namentlich in den östlichen Provinzen Deutschlands, sür die industriellen Erzeugniffe ganz erheblich geschwächt." — DaS Maiheft zur Statistik des Deutschen Reiche- enthält über die Anmusterungen von Vollmatrosen und unbefahrenen Schiffsjungen bei der deutschen Handelsmarine im Jahre 1883 Zusammenstellungen, deren Angaben auf
15 Heimkehr.
Erzählung von Hans War ring.
„Mir stehen noch andere Mittel zu Geboie, die durchaus nicht mein eigentliches Verdienst, aber wie die Welt nun einmal ist, dennoch oft wirksamer sind, als persönliche Tüchtigkeit. Ein Name wie der meine, unterstützt durch eine Persönlichkeit, — Du weißt, ich bin kein eitler Geck, — und, um kurz zu sein: heut zu Tage schweben große Vermögen in der Luft, — und wer Glück hat, dem fallen sie in den Schoß. — Indessen etwas andere Talente als stmpele kleinbürgerliche Tugendhaftigkeit gehören jedenfalls dazu?"
„Du denkst an eine reiche Heirat I"
„Ja, warum sollte ich nicht? Unser Haus ist von beschränkenden Vorurteilen stets frei gewesen. In unserer Familie sind bürgerliche Heiraten mehrfach vorgekommen, ohne unserem Ansehen geschadet zu haben. Und in keiner unserer Familieninstitutionen ist eine Klausel enthalten, die einem Ort die Verpflichtung auferlezt, erst die Ahnen zu zählen, ehe er eine Wahl trifft. Mein Ahnherr Friedrich von Horth, der um die Mitte des fünfzehnten Jahrhundert- in die Mark einwanderte und sich mit der Tochter eine- ehrsamen Bürgers von Soltwedel verheiratete, antwortete denen, die zu dieser Heirat die Köpfe schüttelten: Horth bleibt Horth l — Nun, daS soll dann auch mein Wahlspruch fein I*
„Als Deine ritterlichen Ahnen ihren Nachkommen da- schöne Menschenrecht, die freie Wahl einer Lebensgefährtin sicherten, haben sie wohl kaum daran gedacht, daß ihr Enkel daran- eine Spekulation machen werde, Und Dein
die Zahl der angemusterten Vollmatrosen und unbefahrenen Jungen, die Beträge der verabredeten Heuern (bezw. die anderweitigen Vergütungen), ferner auf die Anzahl der Schiffe, sür welche Jungen angemustert worden sind, sowie auf der letzteren Alter und Heimat (Wohnort der Eltern) sich beziehen. Danach sind bei den deutschen Seemannsämtern 1883 13598 Vollmatrosen und 2629 unbefahrene Jungen angemustert worden gegen 13174 bezw. 2578 im Vorjahre, welches seinerseits gegenüber den 7 bezw. 8 Vorjahren, für welche derartige Zusammenstellungen bestehen, die höchsten bezüglichen Zahlen aufwieS. Die durchschnittliche Monatsheuer für die Vollmatrosen im Jahre 1874 auf 59,44 Mk. berechnet worden, ist von da bis zum Jahre 1880 auf 43,00 Mk. zurückgegangen und hat sich bis 1883 wieder auf 47,74 Mk. gehoben. Für die Schiffsjungen war im Jahre 1875 eine DurchschntttSheuer von 19,55 Mk. monatlich ermittelt worden, welche ebenfalls beinahe von Jahr zu Jahr bis auf 14,71 Mk. im Jahre 1881 gesunken ist, um 1882 wieder auf 15,37 Mk. und 1883 auf 1602 Mk. zu steigen. Nach der hohen Zahl der Anmusterungen darf einerseits angenommen werden, daß ein Mangel an Arbeitskräften für die deutsche Handelsmarine gegenwärtig nicht vorhanden ist, während andererseits die steigende Bewegung der Heuersätze in den letzten 2 Jahren den Schluß zuläßt, daß eine gesteigerte Nachfrage nach seemännischen Arbeitskräften und demnach eine anhaltende Beffernng in den Verhältnissen der deutschen Rhederet eingetreten ist.
Danzig, 8. Juli. Das Panzergeschwader, zwei Panzer- Kanonenboote und die TorpedobootSdiviston führten vergangene Nacht wiederholt größere Angriffsübungen auf die Danziger Hafenforts aus, sowie den Ueberfall de» Geschwaders in Putziger Wiek durch Torpedoboote. Prinz Heinrich und General v. Caprivi wohnten aus der „Grille" und dem „Blitz" den Manövern bei. Prinz Heinrich fährt nachmittags auf der „Hansa" nach Kiel zurück. DaS Geschwader bleibt bis zum 17. Juli hier.
Trier, 5. Juli. Wie die Saar-Zeitung erfährt, ist acht Geistlichen unserer Diöcese, die auS den Regierungsbezirken Trier oder Coblenz ausgewiesen waren, durch die Regierung die Rückkehr gestattet worden. In sämtlichen 8 Fällen handelt eS sich um Geistliche, die keine Strafen mehr zu verbüßen haben.
Ausland.
Wien, 8. Juli. Die „Wiener Zeitung" publiziert den Staatsvertrag vom 5. Juni 1884 zwischen Oesterreich-Ungarn und Sachsen betreffend mehrere Eisenbahnanschlüffe an der beiderseitigen Landesgrenze. — In den diplomatischen Kreisen wird es bezweifelt, daß die egyptische Konferenz zu einem befriedigenden Ergcbniffe gelangen wird. Zunächst haben die Kabinette kein Jntereffe, dem britischen Reiche beim AuSlöffeln der heißen Suppe zu helfen, die einzu-
Ahn Fritz soll mit dem schönen BürgerSkinde auS Soltwedel auch gerade nicht reiche Schätze an Gut und Geld in sein HauS geführt haben."
„Lieber Junge, man merkt es Dir an^ daß Du aus den Urwäldern der Obotriten kommst I Wer in der Welt lebt, muß sich der Welt anpaffen. — Welcher Mann kann heut zu Tage wohl dem Ideal seiner Jugendtage treu bleiben? DaS Leben macht so vielfältige Ansprüche, — legt so vielfache Rücksichten auf! — Die jetzige Welt lebt mehr mit dem Verstände, als mit dem Herzen. — DaS gilt sowohl von den Männern, als von den Frauen. Zeige mir in unseren Kreisen die Märcheuprinzesstn, die einen Mann auS Liebe nimmt! Ich kenne keine! Etwa-Ehrgeiz, sehr viel Eitelkeit, und noch mehr Durst nach Glanz und Lebensgenuß, — das ist'» was heut zu Tage die Stimme des Herzens ersetzen muß. — Welcher Mana wird Thor genug sein, dagegen sein Herz einzusetzen!"
„Du denkst von den Frauen sehr gering!"
„Ihre eigene Schuld! Ich habe meine Menschenkenntnis nicht erlangen können, ohne eigene Illusionen aufzugeben, namentlich den Frauen gegenüber. In jeder Lebenslage, ob vornehm, ob gering, habe ich ste stets als dieselben erkannt, stet- dieselbe Triebfeder ihres Handelns. Sie leben nicht mit der Seele, sondern mit den Nerven, und die Senstbllität dieser letzteren ist der einzige Unterschied, den ich wahrgenommen habe."
Bei Beginn des Gesprächs hatte Heinrich in sich dir Frage erörtert, ob eine Andentuug von der Liebe des schönen edelen Mädchen» daheim dm Freund vielleicht in eine andere Bahn lenken könne. Jetzt warf er diesen Gedanken wett von sich. Wenn Thilo die Fraum so gering achtete,
brocken ste nicht geholfen haben, zumal England von den Helfenden noch fordert, daß diese obendrein Opfer bringen. Gewiß, Egypten zahlt Wucherzinsen, von denen ganz, nicht nur um daS der Konferenz vorgeschlagene halbe Prozent befreit zu werden dem unglücklichen, auSgesogenen, maltrai- tierten Lande vom Herzen zu wünschen wäre. Aber zugunsten der Wucherer ist ja JSmail Pascha, der Vater des Khedive Tewfik unter die Vormundschaft der englisch-französischen Doppelkontrolle gestellt, ist Arabi Paschas Versuch, dem Nillande seine Selbstregiernng wiedrr zu erringen, blutig niedergeschlagen, ist Egypten von den Engländern okkupiert worden. So lange nicht die englischen Soldaten Egypten betreten hatten, so lange hatte dieses Land die Zinsen seiner Schuld bei Heller und Pfennig bezahlt. Kann es das jetzt nicht mehr, so ist doch erwiesen, daß England allein die Schuld an der egyptischm Finanznote trägt. Mag es selbst die Kostm seiner Mißwirtschaft tragen und nicht dieselben den kontinentalen Gläubigern Egyptens aufbürden. Dazu tritt die Rechtsfrage. Wenn der partielle egyptische Staatsbankerott durch eine Konferenz nicht nur nachträglich sanktioniert, sondern angeordnet wird; so wird die Vernichtung des Eigentumsrechts, die oberste sozialdemokratische Doktrin, zum integrierenden Teile des Völkerrechts erhoben. Angesichts der heutigen Zeitströmung wäre eS hoch bedenlich, wenn die Kabinette der kommunistischen Parteien ein Präzedens für die Konfiskation liefern würden. Man glaubt, daß die Konferenz den ganzen Sommer hindurch ihr schläfriges Dasein fortspinnen wird, um dann resultatlos auseinander zu gehen. Nach dem Rhamadan nimmt aber der Mahdi seine militärischen Operationen wieder auf und wenn die englischen Offiziere mit gleichem Geschick wie bisher vorgehen, dann wird bald kein Egypten fürs englische Okkupieren und Administrieren und fürs europäische Konferieren und Kontrolieren übrig bleiben.
Pest, 8. Juli. Die Parlamentswahlen sind beendet. Durch die Stichwahlm gewannen die liberale Partei und die Unabhängigen je 4 Sitze. Das Gesamtresultat ist 234 Liberale, 60 Mitglieder der gemäßigten Opposition, 77 „Unabhängige", 17 Antisemiten, 16 Nationale, 9 Parteilose.
Marseille, 8. IM. Von gestern abend bis heute vormittag 9Vr Uhr sind 14 Personen an der Cholera gestorben.
Xoulott, 8. Juli. Bon gestern abend bis heute vormittag- 10 Uhr sind 10 Personen an der Cholera gestorben. — Der Tvuloner Berichterstatter der „Times" hatte eine Unterredung mit Dr. Koch, in welcher sich die berühmte deutsche Cholera-Autorität sehr pessimistisch über die Choleragefahr ausgesprochen haben soll. „Meine Ansicht", erklärte der deutsche Gelehrte, „ist ganz entschieden; eS handelt sich hier Um die astatische Cholera; ich teile hierin die Ansicht aller hiesigen Aerzte. Ich habe allerdings noch keinen Augenschein vorgenommen; heute war er dieser edelen Liebe nicht wert! — Rasch brach er das Gespräch ab und lenkte es auf die geschäftlichen Auseinandersetzungen. Die Frage, ob Thilo die sehr kostspielige repräsentative Karriere nicht aufgeben und dafür den zwar mühevolleren aber zu einem sicheren Ziele führen en Weg durch die verschiedenen Zweige der Verwaltung wählen möchte, verneinte dieser entschieden. Gerade seine jetzige Stellung sei zur Erreichung seiner Absichten von großem Werte. Sobald er feine günstige gesellschaftliche Position aufgebe, verliere er auch die günstigen Aussichten auf die projektierte reiche Heirat. — Gegen den Verkauf drö Hauses protestierte er entschieden. Nach Ablauf der Trauerzeit müffe doch Gabriele in die Welt eingeführt werden. Oder sei die Mutter etwa der Ansicht, sie dort zu verheiraten, vielleicht an ein Mitglied des städtischen Richterkollegium« ? Zu einer derartigen Heirat würde er niemals seine Zustimmung geben. Trotz aller TestamentSbestimmungeu sei und bleibe er doch immer daS Haupt der Familie, und er sei der Ansicht, daß er für feine Schwester die höchsten Ansprüche stellen dürfe! —
Als Heinrich sich nach langer peinlicher Verhandlung von Thilo trennte, that er es in der traurigen Uebrrzeugung, daß eine tiefe Kluft sich zwischen ihnen aufgethan. Ihre Wege gingen fortan weit auseinander, und ob ste die einstigen Freunde je wieder zusammenführen würden, schien mehr als zweifelhaft.
Da» Zerwürfnis in seiner Familie hatte anfangs doch schwerer auf Thilo gelastet, als er vorausgesehen hatte. Zwar der Stiefmutter konnte er nicht ohne Groll gedenken, oet durch den Umstand noch genährt und verstärkt wurde, daß ste trotz seine- Widerstrebens ihren Willen durchgesetzt und da» Hau» in Berlin verkauft hatte. (Fortsetzung folgt.)