Nr. 159.
Marburg, Mittwoch, 9. Juli 1884.
HX. Jahrgang.
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Deutschland als Kolonialmacht.
Die Postdampfer-Vorlage hat ungeachtet ihres Scheiterns im Reichstage in den weitesten Kreisen eine Bewegung von ungeahnter Mächtigkeit entfacht, die sich unzweifelhaft zur Unterstützung einer ziclbewußtm kolonialen Politik Deutschlands aussprtcht. Mit der Erwerbung des süd- westafrikantschen Küstengebietes von Angra Pequena, durch die Firma Lüderitz ist denn auch bereits der erste Schritt auf diesem Wege gethan worden, und wenn auch Angra Pequena sich vorläufig in privatem Besitze befindet, so steht es doch unter dem Schutze des Reiches, die deutsche Flagge ist fest an jenen entfernten Gestaden aufgepflanzt und es kann wohl nur noch eine Frage von absehbarer Zeit sein, daß sich Angra Pequena und sein Hinterland zu einer wirklichen deutschen Kolonie entwickelt. Eigentlich kann man aber Deutschland jetzt schon als eine große Kolonialmacht betrachten, unter dem Schutze des Stern und Streifenbanners leben Hunderttausende von Deutschen in festen kompakten Massen, in Brasilien, in Chile, in den La-Plata-Staaten, auf den westindischen Inseln, auf Japan, an der chinesischen Küste bestehen zahlreiche deutsche HandelS- faktoreien, in Brasilien wie im Süden Rußlands und in Kaukasien gtebt es blühende deutsche Kolonieen, die schon seit Generationen dort wurzeln und noch treu an Wesen, Sitte und Sprache der Heimat hängen und auf dem australischen Kontinent wie am Kap spielt das deutsche Element ebenfalls eine wichtige Rolle.
Insoweit könnte man schon behaupten, daß Deutschland in allen Weltteilen Kolonien besitze, aber diese Kolonieen befinven sich sämtlich aus einem Grund und Boden, über welchen fremde Staaten die Oberhoheit haben, in diesen Kolonieen gelten die Gesetze der betreffenden Staaten, ihre Bewohner sind Bürger des Landes, unter deffen Flagge sic leben und politisch sind sie deshalb für das deutsche Mutterland verloren. Es ist daher begreiflich, daß sich das Augenmerk der Reichsregierung bet ihren kolonialm B.strebungen auf Gegenden richtet, die unbestritten noch nicht unter der Oberhoheit eines fremden Staates stehen und die Zeit rückt immer näher, wo der glühende Wunsch eines großen Teiles des deutschen Volkes, ein „größeres Deutschland" zu sehen, zu einem neuen Anlaß in der kolonialen Politik des Reiches führen wird. Das Drängen nach Afrika hin, das in der nächsten Zukunft bestimmt scheint, ein Kapitel in der internationalen Politik auSzufüllcn, soll den dabei beteiligten Mächten nicht allein überlasten bleiben. Deutschland, dies deutete Fürst Bismarck in seinen jüngsten Reden im Reichstage ziemlich deutlich an, soll die Hand dabet ebenfalls im Spiele haben.— ES ist ein glücklicher Umstand, daß dieser neue Schritt in der Erweiterung Deutschlands unter der Leitung eines Staatsmannes, wie der gegenwärtige Kanzler ist, gethan werden wird. Mit der Klugheit, die sich einmal wieder in der Bemerkung über die Verteidigung des deutschen kolonialen
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14 Heimkehr.
Erzählung von Hans War ring.
„ES ist manches zusammen gekommen, Euer schönes Vermögen zu gcfährten, die Conjuncturen sind schon lange für den Grundbesitz nicht günstig gewesen, — dazu kommt, daß Dein Vater es sich große Summen hat kosten lasten, seinen Namen aus jenem unstetigen Aklienunternehmen zu retten, das auf so traurige Weise von sich reden gemacht hat, — ich meine das mit den Dampfmühlenwerken, die Pörscher später angekauft hat."
„Ja, ich weißt Dem Manne ist kein Vorwurf zu machen, — er hat das Steuer deS Wracks ergriffen und es aufs Trockene gebracht, als alle anderen eS als unrettbar verlassen hatten."
„Es will mir aber doch nicht gefallen, daß er der einzig Gewinnende unter einer Anzahl Ruinierter war!"
„Vermutlich wäre es mehr nach Deinem Geschmack gewesen, wenn er daS Geld, das einige taufend Dummköpfe fortgeworfen hatten, auf der Straße hätte liegen lasten?" fragte Thilo scharf.
„Ereifern wir uns nicht über einen Menschen, der uns fremo ist und hoffentlich auch fremd bleiben wird," fagte Heinrich ruhig, den raschen Farbenwechsel THUos nicht beachtend. „Ich wollte Dir nur erklären, wie diese» Unheil über Euch gekommen ist. Der standesgemäße städtische Haushalt, — Eure Erziehung, — Dein Aufenthalt in Göttingen und Leipzig, sowie auch Dein Eiatrittt in die diplomatische Karriere, — dies alles hat zusammeogewirkt, den einst so festen Besitz zu erschüttern."
Ein rascher Farbenwechsel auf dem Antlitze deS jungen
Wohles „in der Gegend von Metz" zeigte und mit dem unbeugsamen Mut, mit dem er stets bereit ist, die Vorteile auszunutzen, die er so schnell wahrnimmt, verbindet Fürst Bismarck die Mäßigung bewußter Kraft. Nichts kann nachdrücklicher sein als die Art, wie Fürst Bismarck die Idee zurückwieS, Kolonieen auf Spekulation zu gründen oder die Grenzen deutscher Herrschaft in fernen Weltteilen um deS bloßen Vergnügens der Vergrößerung willen auszudehnen. Wo deutsche Unternehmungslust sich natürlich und gesetzlich niederläßt und dennoch unbeschützt bleibt, da will er seinen Schild vorhalten, um sie zu schirmen. Weiter will er nichts. Bet solchen Gesinnungen des Fürsten Bismarck müßte eine englische Regierung in der That sehr thöricht oder sehr querköpfig sein, wenn die geringe koloniale Unternehmung, nach der Deutschland jetzt strebt, zum Zankapfel beider Völker werden sollte. Wir sehen daher auch, daß mit Verstand und Mäßigung die Angra Pcquena- Angelegenheit in einer Weise geordnet ist, welche die guten Beziehungen zwischen beiden Ländern nur fördern kann.
ES handelt sich aber um mehr als um unabhängige deutsche Kolonien. Deutschland wünscht vielleicht nie und wird vermutlich niemals viele eigene Niederlastungen jenseits deS Meeres anlegen. Was es aber begehrt, ist eine Stimme und eine bedeutende bei Besiedelung jener Gegenden zu haben, die wie der Kongo, während sie für ganz Europa von der größten Handelsbedeutsamkeit sind, bis jetzt noch in die Hand keiner einzigen Macht gefallen sind und daß dies Deutschland gelingen wird, kann nicht gezweifelt werden.
Deutscher Reich.
Berlin, 7. Juli. In der unter dem Vorsitz deS StaatS-MinisterS von Bötticher am 5. Juli abgehaltenen Plenarsitzung des Bundesrats wurde der Beschluß des Reichstages vom 24. Juni d. I., betreffend eine Petition deS Zentralverbandes der Haus- und städtischen Grundbesitzer- Vereine Deutschlands wegen Abänderung des § 8 der Zivilprozeßordnung, dem Reichskanzler überwiesen. Eine bei dem Kaiserlichen Dtsziplinarhof erledigte Stelle wurde durch Neuwahl wiederbcsetzt. Dem Beschluß des Reichstages vom 15. Mat d. I., betreffend eine Petition wegen Rückerstattung deS Zolles für gesägte Marmorplatten, gab die Versammlung keine Folge. Genehmigt wurden die Anträge der AuS- schüste, betreffend die Zollabfertigung von Leinenwaaren durch das Königlich sächsische Haupt-Zollamt zu Schandau; Zollerleichterungen im Veredelnngsverkehr mit Roheisen; die zwangsweise Versetzung eines Kaiserlichen Postbeamten in den Ruhestand; den Bericht der ReichS-Schuldenkommission sowie die vom Reichstage darüber gefaßten Beschlüsse. Schließlich faßte die Versammlung Beschluß über die ge- schäftliche Behandlung mehrerer Eingaben von Privaten. — Die „Nordd. Allg. Ztg." schreibt: Der „Hamburgische Korrespondent" bringt in seiner Nummer vom 2. Juli die Mitteilung, daß der einstimmige Protest der Handelskammern
BaronS antwortete diesen langsam und nachdrücklich gesprochenen Worten. Eine Pause entstand, dann antwortete er, indem er mit einer stolzen und ungeduldigen Bewegung den Kopf zurückwarf:
„Deine Ansicht in Ehren, aber Du wirst wohl erlauben, daß ich bet der meinigen bleibe. Ich gebe zu, daß in den letzten Jahren die Ausgaben nicht normal gewesen sind, aber bet einem Besitz, wie dem unsrigen, reguliert sich das mit der Zett. Ich glaube, daß ich in dieser Sache klarer sehe, als die Mutter und Du. Sie ist in beschränkten Verhältnissen aufgewachsen, — ihr fehlt der Ueberblick über einen großen Besitz. Unser sorgloses Leben auf breiter Basis ist ihr gewiß als unverantwortliche Verschwendung vorgekommen. Die Kargheit ihres ganzen erlauchten aber armen Geschlechts steckt in ihrem Blute, und da ihr nun einige Rückstände in die Augen gefallen sind, so meint sie gleich, wir stünden vor dem Zusammenbruch. Ich müßte mich sehr irren, wenn sie die Sache nicht mit Darben und Sparm wieder in Ordnung bringen wollte. Bist Du etwa als Abgesandter gekommen, Heinz, mir dergleichen Anträge zu machen?"
„Du magst recht haben, wir beide, Tante und ich, könnten uns irren, denn wir sind nicht geschästskuudig. Aber der Justizrat Cramer hat unsere Befürchtungen be- stätigt, — er hat schon seit Jahren gewußt, daß eS abwärts gingl"
„Der Justizrat ist ein sehr vorsichtiger, um nicht zu sagen ängstlicher Geschäftsmann, der von jeher zum Schwarzsehen neigte. Auch er kann mir in dieser Sache keine Autorität fein l"
Ein paar Augenblicke schwieg Heinrich, von dem hart-
gegen da» Geschäftssteuergesetz die Reichsregierung etwas stutzig gemacht zu haben scheine und daß jetzt dem Gedanken wieder Raum gegeben werde, wenn auch nicht gerade eine Erhebung, so doch eine nochmalige Beurteilung des Gesetzes durch Handelsorgane eintreten zu lassen. Dem gegenüber bemerkt die „Nordd. Allg. Ztg.": „Diese Mitteilung ist nach jeder Richtung unbegründet. ES haben sich überhaupt nur vereinzelte Handelskammern über den gedachten Gesetzentwurf geäußert: von einer Wirkung dieser Aeußerungen auf die Reichsregierung kann daher wohl nicht die Rede sein." Weiter sagt die „Nordd. Allg.Ztg.": „Im übrigen halten wir es für unrichtig, daß eine Begutachtung des Börsen- steuergesetzeS durch Handelsorgane beabsichtigt ist; zweifellos würde der Preußische Staatsrat die berufene Behörde sein, um den von Preußen aufgestellten Entwurf, bevor er im Bundesrate eingebracht wird, zu prüfen." — Betreffs des StaatSratS schreibt man der „Kr.-Ztg.": Nachdem das Regulativ für den StaatSrat von Sr. Majestät dem Kaiser und König vor vierzehn Tagen genehmigt worden ist, wonach der ganze Staatsrat nur ausnahmsweise versammelt werden, dagegen die Begutachtung der ihm vorzulegenden Entwürfe für ungewöhnlich, wie schon in früheren Zeiten, durch eine engere Versammlung erfolgen soll, ist man mit der Einteilung deS StaatSratS in einen weiteren und einen engeren und mit der Bildung der vorgeschriebenen sieben Abteilungen beschäftigt. In früheren Perioden waren im Staatsrate folgende sieben Abteilungen vorhanden: 1. für die auswärtigen Angelegenheiten, 2. für die Militärangelegenheitm 3. für die Justiz-, 4. für die Finanz-, 5. für die Handels-, 6. für die inneren Angelegenheiten, 7. für den Kultus und die Erziehung; nach der Reaktivierung, deS Staatsrats 1854 wurden jedoch Handels- und Ftnanzangelegenheiten zu einer Abteilung zusammengefaßt, so daß im ganzen nur sechs solcher vorhanden waren. Da die Abteilungen den Hauptzweigen deS Staatsdienstes entsprechen sollen, so dürften auch diesmal Aenderungm in denselben zu erwarten sein; namentlich wird darauf hingewiesen, daß die Ministerien der öffentlichen Arbeiten und Der landwirtschaftlichen Angelegenheiten teils überhaupt neugebildet sind, teils eine Bedeutung erlangt haben, welche man früher nicht kannte, außerdem bestand seit den zwanziger Jahren eine Kommission des StaatSratS zur Prüfung und Berichtigung der Fassung der Gesetzentwürfe, die aus bleibenden Mitgliedern, dem Präsidenten, dem Staatssekretär, dem jedesmaligen Referenten der Sache und dem zu der Sache in Beziehung stehenden Departementschef, sowie andererseits aus Mitgliedern bestand, die nur auf eine Sitzungsperiode in der Dauer von einem Jahre berufen waren. — Die Bemerkung des Reichskanzlers, daß der frühere Chef der Admiralität, General von Stofch, der Kandidat der Liberalen für die Nachfolge des Fürsten Bismarck gewesen sei, hatte einen Korrespondenten der „Magdeb. Ztg.", welcher diese Behauptung des Kanzlers in Abrede gestellt
näckigen Unglauben des jungen Barons überrascht. Dann aber mußte er sich sagen, daß dieser Unglaube eine wohlüberlegte Taktik sei. Er wollte nicht glauben, oder sich doch wenigstens den Anschein geben, nicht zu glauben. Das war ein schlimmes Zeichen, und Heinrich sah ein, daß auf feinen Beistand nicht zu rechnen fei.
»Ich bin in der Hoffnung gekommen," sagte er langsam und tonlos, „durch eine klare Darlegung Deine Hilfe zu erlangen. Ich hoffte, daß wir alle gemeinsam ans Werk gehen würden, — nun sehe ich, daß wir ohne Dich handeln müffen."
„Wir? — Bist Du denn bei der Sache auch beteiligt?" „Nur insofern, als ich meinen Prinzipal um Entlastung aus seinem Dienste gebeten habe, um als Administrator in Ostau eintreten zu können."
„Das hättest Du gethan? DaS steht Dir ähnlich, Du treue Seele! Aber Du hättest doch erst Rücksprache mit mir nehmen sollen, ehe Du diesen Schritt thatst! Wem, die Sachen wirklich so stehen, wie Du sagst, ich glaube es nicht, aber wir wollen den Fall setzen, so ist eS mit Darben, Sparen und Einschränken am wenigsten gethan. Das ist geradezu der verkehrte Weg! Diese kleinbürgerliche Taktik mußte uns um allen Kredit bringen."
„ES ist doch aber der einzige ehrenhafte Weg, der uns bleibt. Nur ehrliche Arbeit und strenge Selbstbeherrschung kann uns zum Ziele führen!"
„Verzeih, lieber Junge, aber wir beide sehen die Sache von sehr verschiedenem Standpunkte an. Du stützest Dich auf Deine Kraft und Tüchtigkeit, — das ist ein sehr ehrenwerter Standpunkt, dem Niemand seine Anerkennung versagm wird." (Fortsetzung folgt.)