Rr.lSG
Marburg, Sonnabend, 5. Juli 1884.
XU. Jahrgang.
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Frauen - Arbeit.
Neuerlich begegnen wir wieder in den verschiedensten deutschen Blättern regelmäßigen Reklamen für die sogenannte Frauenarbeit; und zwar selbst in solchen Blättern, die ihrer Aufgabe nach solche Reklamen geradqu bekämpfen sollten. An sich würde es ja lächerlich sein, wenn man behaupten wollte, es werde durch jene Reklame bewiesen, daß die Frauen bisher nicht gearbeitet und daß ste sich in diesem Nichtsthun unglücklich gefühlt hätten. Tatsächlich haben die Frauen in ihrer großen Mehrzahl zu allen Zetten gearbeitet so gut wie die Männer, und ihre Thätigkeit ist zum Teil in der Vergangenheit von weit größerer Bedeutung und von mehr Segen gewesen, als in der Gegenwart, in welcher der Ruf „Frauenarbeit und Frauenemanzipation" aufgekommen und sozusagen patentiert worden ist.
Aber bei dieser „patentierten" modernen Frauenarbeit handelt cS sich um etwa- ganz andere« als in früheren Tagen. Heutzutage ist der Begriff der Arbeit ein vollkommen einseitiger geworden. Und wir möchten sagen, daß er dies geworden ist, ist die eigentliche Quelle des sozialen Notstandes. Daraus sind thatsächliche Folgerungen von der größten Wichtigkeit hervorgegangen — Folgerungen, die zur Zerstörung des tieferen menschlichen, nicht nur gesellschaftlichen Zusammenhangs führten. Erst wenn man sich klar werden wird über die Einseitigkeit des heutigen Arbeitsbegriffs und über die Notwendigkeit, diesen Begriff thatsächlich wieder nach der vernachlässigten Seite hin zu entwickeln, wird man sich der Lösung der großen sozialen Fragen und Schwierigkettrn, die unsere Sorgen wachhalten, nähern.
Der heutige einseitige ArbeitSbegriff läßt im Arbeiten nur das Wertschaffen erkennen und pflegen. Dagegen umfaßt der volle ArbeitSbegriff auch daS Wertbrauchen. Wir unsererfeitS legen aus daS letztere sogar weit mehr Gewicht al« auf daS erstere. Aber wie gesagt, im modernen Wirtschaftssystem ist daS Wertbrauchen im allgemeinen vollkommen vernachlässigt, wenn auch in einzelnen Verhältniffen das Richtige wohl noch in Uebung ist und dann auch immer
u Heimkehr.
Erzählung von Hans Warring.
Der Sinn für daS Ideale in ihm mochte verdunkett, aber eS konnte nicht erloschen sein l Wenn er eine Ahnung hätte von dem Glücke, das hier still für ihn blühte, — wenn er ihm sagen könnte---
Er blickte scharf zu Hanna hinüber, als wolle er in ihrer Seele lesen. Sie saß aber mit niedergeschlagenen Augen da. Ihr liebliches Gesicht war um einen Schatten blasser geworden, — sie vermied augenscheinlich seinen Blick.
Der Diener kam, ihn zum Justizrat zu bescheiden, und er stand auf, um Abschied zu nehmen.
„Geh mit Gott," sagte Gabriele, „und grüße mir Thllo 1 Sag ihm, wie schwer es mir wird, so zwischen denen zu stehen, die ich am meisten liebe auf der Welt, und mich nicht voll und frei zu dem einen oder anderen bekennen zu dürfen. Sag ihm, daß ich ihn anflehe, diesen traurigen Zwiespalt von mir zu nehmen! Ich liebe und ehre die Mutter, — und ich kann auch von ihm nicht lasten!"
Die bebende Stimme und das thränenfeuchte Auge des Mädchen« drohten ihn seiner Selbstbeherrschung zu berauben. Er drückte ihr rasch die Hand und ging. Hanna begleitete ihn bi« in den Flur hinaus.
„Ich fürchte,* sagte er verzagt, „mein Erfolg bet Thilo wird den Erwartungen nicht entsprechen, bk Tante und Gabriele daran knüpfen. Mein Einfluß wird nicht groß genug (ein, alle die widerstrebenden Strömungen zu bestegen, die sich hier geltend machen."
„Aber Sie werden trotzdem nicht ermüten, Sie werden nicht ablassen, ihm ein ttruer, mahnender Freund zu sein!
die besten Erfolge mit sich bringt. Im großen führt — nebenbei bemerkt — die Einseitigkeit, welche in der nationalen Wirtschaft nut das Wertschaffen im Auge hat, zu der einseitigen Exportpolitik, dir in ihrer Rückwirkung unserer Landwirtschaft so schwere Sorgen bereitet. Im besonderen aber führt jene Einseitigkeit zu der in ihren Folgen so grausigen Gestaltung der Frauenarbeit, die das Manchestertum als Schoßkind pflegt und die es durch seine Zeitungsreklamen unausgesetzt wohlwollend begleiten läßt.
Indes für jeden, der einigermaßen befähigt ist, fozial- politische Beziehungen zu zergliedern und staatSwlrtschaft- liche Verhältniste in ihrer Wechselwirkung zu beurteilen, kann eS keinem Zweifel unterliegen, daß die Entwickelung, die man der Frauenarbeit mit so großer Beflistenheit gegenwärtig gtebt, und daß die moralischen und wirtschaftlichen Absichten, die man mit ihr verbindet, durchaus verwerfliche und verderbliche sind. Auch hier hat man nur das Wertschaffen im Auge. Wo aber bleibt nun das Wertbrauchen, in dem zugleich das Werterhalten ein- geschlosten ist? Und doch besteht insbesondere die wirtschaftliche Aufgabe, dem, was durch die nationale Arbeit geschaffen worden ist, Dauer zu geben, sei eS in dem wechselnden Gange der Zeit auch nur für Tage der Not; aber doch auch für die Zukunft, um den kommenden Geschlechtern auch daS Ihrige von den Früchten vergangener Arbeit zu sichern, wie auch wir aus der Vergangenheit genug, was neu zu schaffen nicht leicht sein würde, überkommen haben. Darin liegt daS rechte Sparen und Wirtschaften ; nicht in dem Zusammenkratzen der Armenpfennige zu kapitalistischer Ausbeutung und Häufung zum Toten.
Sind wir darin einig, so sind wir auch einig darin, daß die Aufgabe, in welcher wir erst die Vollendung der Arbeit, der Einzel- und Gesamtwirtschaft finden, nicht minder tüchtiger und sorgfältiger Thätigkeit bedarf, wie die erste Aufgabe, auf welche das Manchestertum allen Nachdruck legt, und zwar allen Nachdruck deshalb, weil eS darin dir Quelle des internationalen Gewinnes steht. Aber die Vollendung der Arbeit nach der Seite des Wertgebrauches wird dieselbe erst zur Quelle des sozialen und nationalen Gewinne« machen. Unbedingt ist daher die Thätigkeit, die Arbeit hier nicht minder wichtig und wertvoll, und nicht minder bedeutungsvoll für die nationale Entwickelung, insbesondere aber für die nationale Festigung; sie ist auch für die, welche hier zu wirken haben, nicht minder ehrenvoll, wie die Arbeit deS Wertschaffens.
Gleichwohl sucht man, seitdem da- Manchestertum alle Anschauungen wirtschaftlicher und zum Teil auch politischer Richtung beherrscht, die Frauen immer schärfer einzu- spannen in den Zirkel deS rohen und systematlosen Wertschaffens, während das Wertbrauchcn und Werterhalten unbedingt ihre eigentlichste Aufgabe in den Einzel- und in der Gesamtwirtschaft ist. Ihre Aufgabe ist daS eigentliche Sparen, da« in der Verhütung der Vergeudung besteht,
— Sie wissen, daß eS gilt, ein reiche« edle« Leben zu retten, — Sie werden sich dieser Aufgabe nicht entziehen, da« weiß ich!"
Heinz ging die Treppe hinab, mit dem unklaren, dumpfen Gefühl im Herzen, daß die Güter de« Leben« nicht immer nach Recht und Würdigkeit verteilt seien. Diesem Thilo, diesem Lieblinge der Götter nnd Menschen, fiel alle« Erdenglück al« goldnes Gnadengeschenk in dm Schoß. Er mühte sich nicht darum ab, — freiwillig strömte ihm diese Fülle zu, und er ging achtlos daran vorüber!
Wie würde er — Heinz — wohl empfinden, wenn er sich gleich stark und treu geliebt wüßte. Ihm schien, als wäre die Hingabe seine« ganzen Selbst und Leben« noch kein genügender Dank dafür. Aber solch eine Liebe wird eben nur einem Schoßkinde de« Glücke« zuteil, — wa« könnte er, der einfache Geselle, auch dagegen in die Wagschale legen? Nicht«, — gar nicht«! Er mußte sich mit den Brosamen bescheiden, die vom Tische de« Reichen für ihn übrig blieben. Auch wolle er nicht undankbar verkennen, daß auch ihm manche« herrliche Gut beschieden war.
Hatte er nicht eben erst bei der Fahrt e« deutlich gefühlt , daß Gabriele ihm gut sei? — Freilich, wem war da« warnherzige Kind nicht gut? Heute morgen hatte er gesehen, wie sie mit beiden Armen den Hals des alten Vorstehhund« umfaßt und feinen Kopf an ihre Brust gedrückt hatte. Mtt Koko, dem Papagei, koste sie zärtlich wie mit einem holden Kinde, und zu den beiden Granen lief ste mehrmals des Tage«, um sie zu liebkosen und ihnen Leckerbiffen zu bringm. Ja, er mußte sich mit dem Nestchen von Gefühl begnügen, das in ihrem Herzen für ihn übrig blieb! War er geeignet, eine Liebe hervorzurufen, wie der
in der sorglichen Einteilung und in der sachgemäßen Verwendung ; endlich in der Erhaltung dessen, was im Hause dauern soll.
Die Lösung dieser Aufgabe erfordert aber nicht minder Umsicht als die schaffende Arbeit; sie gestattet, wenn sie erfolgreich sein soll, ebenso wenig wie jene Zersplitterung; und sie bedingt nicht minder eine sorgfältige Erziehung, Vorbereitung und Einlebung. Daher sind alle Strömungen, welche geeignet sind, hier verwirrend zn wirken, wohl zu beobachten und entschieden zu bekämpfen, sobald sie sich allzu sehr vorzudrängen suchen.
Wir sind weit entfernt, die Grenze zwischen dem Wertschaffen und dem Wertbrauchen, die Grenze zwischen den wirtschaftlichen und^politischen Aufgaben des Mannes und der Frau zu einer starren und unübersteiglichm machen zu wollen. Wir haben nicht« gegen alle zufälligen oder durch die Not ober sonstwie sich ergebenben Uebergriffe des Manne« in da« Gebiet des Wertbrauchens und umgekehrt der Frau in das Gebiet des Wertschaffens; aber nur als Ausnahme. Wir kannten Frauen, die in Krankheit oder nach dem Tode des Mannes diesen in Haus und Wirtschaft vollkommen erschien, die zu ihrer Aufgabe noch die andern ohne Beschwerde hinzunahmen, die Pferde und Ochsen lenkten und den Pflug führen konnten. Aber diese Fähigkeit war einfach die Frucht der tüchtigen Erfüllung ihrer eigentlichen Aufgabe, denn diese führt die Frau von selbst auch zum tieferen Einblick und oft sogar zur Be herrschung der Verhältniffe des Schaffens, welche zunächst zu einer um so sorgsameren Wahrnehmung des Wertverbrauchens führen wird. Und wir kennen sehr wohl die vielfachen Beispiele hervorragender Frauen aller Zeiten, die zum Ueberdruß oft angeführt werden zum Beweis, daß die Frau „vollkommen befähigt sei, mit dem Mann zn konkurrieren."
Gewiß ist die Frau vollkommen befähigt, mit dem Mann zu konkurrieren; und sie soll mit ihm konkurrieren, wenn man unter „konkurrieren" verstehen will, waS das Wort bedeutet: mitgrhen, Mitarbeiten, mitstreben. Wenn das Wort aber, wie im Zirkel des Manchestertums bedeutet: sich einander auffreffen, so haben wir für die Sache nur Abscheu. Das aber ist's was beabsichtigt wird, mit dem Schlagwort „Frauenarbeit", mit den Reklamen für „Frauenarbeit", mit den Anstachelungen hinstchttich der mannebenbürtigen „Frauenbefähigung", oft demonstriert mit der Ge- hirnwage; mit den glänzenden Belobigungen solcher Frauen, denen „es gelungen, ein neue« Arbeitsgebiet zu erobern", wie z. B. neuerdings das der Ingenieure (von denen ohnehin Hunderte brotlos Herumlaufen oder bei einem Lohn von zwei Mark und weniger für den Tag elend fristen) und technischen Zeichner (bei denen es noch schlimmer aus-
Jmmerhin sei zuzugeben, daß die „Frauenarbeit" in der manchesterlichen „Konkurrenz" manchen Mann au« dem
schöne und glänzende Thilo? Er war zur Arbeit geboren, und Arbeit, schwere Arbeit lag vor ihm. DaS durfte und wollte er nicht vergessen l Und wenn er sie gethan, — wenn er den beiden schönen Menschmkindern den Weg zum Glück gebahnt, dann hatte er seine Pflicht vollbracht unb konnte aus ihrem Gesichtskreise verschwinden. Sie würden ihm natürlich ein freundliche« Andenken bewahren und ihn bei einem etwaigen Wiedersehen mit einem: Du treue Seele, — Du lieber alter Freund! begrüßen. —
Ein schmerzliche« Zucken ging über sein Gesicht. Aber er glättete seine Mienen, und der Justizrat hatte sich bei den geschäftlichen Erörterungen über Mangel an Aufmerksamkeit nicht zu beklagen.
IV.
Nach dem Tode des Barons und nach bet Abreise der beiden Frauen nach Ostau hatte Baron Thilo da« Haus in Berlin allein inne. In einer der neuen Straßen des Westend« gelegen, war eS Eigentum de« Barons gewesen, der an eigenes Dach gewöhnt, sich in einer MietSwohnunq nicht behaglich gefühlt hatte. Al« er es gekauft, war es lange nicht daS zierliche und zugleich stattliche Gebäude gewesen, das Heinrich durch die vornehme Eleganz seiner Fotzade überraschte, als er e« halbversteckt hinter blühenden Laubgruppen, abseits der Straße, vor sich liegen sah. Als er den wohlgepflegten Vorgarten durchschritt, sagte er sich, daß eS dem jungen Thilo schwer ankommen werde, dieses reizende Schlößchen mit einem Mietshause zu vertauschen, und doch mußte er auf dieser Forderung bestehen, denn es war im Familienräte beschloffen worden, HauS und Garten in Berlin al« entbehrlichen Luxus zum Verkauf zu stellet.
(Fortsetzung folgt )