Einzelbild herunterladen
 

Jtr. ISS.

Marburg, Freitag, 4. Juli 1884.

XHJa-kMg.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte-, sowie d Annoncen-Bureaux von Haascnstein und Vogler in Frankfurt a M , Ham­burg, Magdeburg u. Wien; Rudolf Moffe in Frankfurt a. M., Berlin, iviünchen und Köln; G L- Daube und Co. in Frankfurt a. M-, Berlin, Hannover u. Pari-.

(i)lirtl|dlil'(l|f 3fitiino

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte-, sowie d. Annoncen-Bureaux Jägersche Buchhandlung in Frankfurts. M; Hermann- scheBuchhandlung daselbst; Adolf Steiner i. Hamburg; ♦ Jnvalidepdank in Berlin, Dre-den und Leipzig; I. Barck u. Co. in Halle; W. Thienes in Elberfeld

Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. IPreiS für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „ZllUstrtrte» SonntagSblatl" durch die Expedition (Ko ch'sche Buchdrucker-,) bezogen SV» Mark, durch die Postämter deS Deutschen Reiche- S Mark 50 Pfg (excl. Bestellgebühr.) — Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Psg.

Für in der Expedition zu erteilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet

Abonnements - Einladung.

Bestellungen für das dritte Quartal auf die

Oberhessische Zeitung

mit deren Gratisbeilagen

Amtlicher Anzeiger

für die Kreise Marburg und Kirchhain und

Illustrierter GonutagSblatt

ersuchen wirbel der Post noch recht bald machen zu wollen.

Exped. der Oberh. Zeitung.

Deutsche, Reich.

Berlin, 2. Juli. In der unter dem Vorsitz des StaatömintfterS v. Bötticher gestern abgehaltenen Plenar­sitzung des Bundesrats gelangten zur Vorlage an die Ver­sammlung die Beschlüsie des Reichstages über die unver­änderte Annahme der Gesetzentwürfe, betreffend Beschaffung eines DienstgebäudeS für das General-Konsulat in Shan­ghai, und betreffend die Feststellung eines zweiten Nachtrag» zum ReichshauShalts-Etat für daS EtatSjahr 1884/85. Den von dem Reichstage in veränderter Fassung ange­nommenen Gesetzentwürfen, betreffens die Unfallversicherung der Arbeiter, und betreffend die Kommanditgesellschaften auf Aktien und die Aktiengesellschaften, erteilte die Ver­sammlung in der von dem Reichstage beschlossenen ver­änderten Fassung die Zustimmung. Den zustänvtgen Aus­schüssen wurren zur Vorberatung überwiesen die Beschlüsse des Reichstages über die Gesetzentwürfe wegen Abänderung der Gewerbeordnung (Antrag Ackermann) und wegen der Fürsorge sür die Witwen und Waisen von Angehörigen ves Reichsheeres unp der Marine; in betreff von Petitionen wegen Schadenersatzansprüche an oie Militärverwaltung und wegen PenstonSerhöhung; sowie die Resolution desReichs- tageS, betreffend die Entschädigung der durch den gesetz­lichen Ausschluß der privaten UnsallversicherungSgesellschaften in ihrem Erwerbe beeinträchtigten Bediensteten dieser Ge» sellschaflen. Die von Preußen beantragte, nach § 4 des ReichSgejetzes vom 4. Mai 1874 erforderliche Genehmigung zur Verleihung der Staatsangehörigkeit an mehrere auS- gewiefenr Geistliche wurde erteilt. Den Anträgcn der Aus­schüsse wegen Kreditierung der TabakgewichtSsteuer, in be­treff der zur Ausführung ves Gesetzes über die Anfertigung unv Verzollung der Zündhölzer vom 13. Mat 1884 er­forderlichen AuSführungöbestimmungen, sowie wegen der Aufnahme von Fabriken zum Vernieten eiserner Röhren, zur Herstellung eiserner Brücken rc. unter die nach § 16 oer Gewerbeordnung genehmigungspflichtigen Gewerbean- lagen gab die Versammlung Folge. Die bei einer Kaiser­lichen DiSzipltnarkammer erledigte Mitgliedsstelle wurde

io Heimkehr.

Erzählung von Hans SB art in g.

Jenseits, hinter dem Eisengitter lag die Straße, und über die Wipfel der alten Kastanien, die jetzt ihre Blüten­kerzen aufgesteckt hatten, ragte der Dom und schaute ernst aus Haus und Hof herab. Tausend Erinnerungen auS der;Ktnderz«it wachten bei diesem Anblicke in Heinrich wieder auf. Er halte einst viel in diesem Hause verkehrt, als stets gern gejehener Spielgenosse der Söhne de» Hauses. Aber von der ganzen blühenden Ktnderschaar war nur da« jüngste und zarteste Sprößchen übrig geblieben. Damals war sie ein stilles, sinniges Kind gewesen, mit Augen, die ernster und tiefer schauten, als sonst Kinderaugen pflegen. „Man steht es dem Kinde an, daß es im Schatten des Doms geboren ist,- hatte einst seine Tante gesagt, und ihm war dieser Ausspruch im Gedächtnis geblieben, weil er ihm so treffend eischimcn war. Die feierlich ernsten Augen des Mädchens hatten auch ihn stets an Orgelspiel unv Chorgesang erinnert. Ob sie auch jetzt noch so welt­fremd ausschauen mochten?

Im nächsten Augenblicke wurde ihm Antwort auf diese Frage. Die Thür öffnete sich unv durch daS sehr lange Zimmer kam rasch und leicht ein schlankes Mädchen ihm entgegen. Ehe er noch Worte zu der wohlgesetzten Anrede finden konnte, die er bei dieser Gelegenheit sür Pflicht hielt, halte fie ihn als lieben, langembehrten Jugendfreund be­grüßt. Es wurden ihm ein Paar Hände entgegengereicht, die ihm für ein herzhafte» Schütteln fast zu zart und zer­brechlich erschienen, die aber seine Hand dennoch mit warmem herzlichem Drucke ergriffen. — „Was nur die paar Jahre

wieder besetzt; dem Entwurf eines Gesetzes für Elsaß- Lothringen, betreffend Deklaration zum Jagdpolizeigesetz vom 7. Mai 1883, die Zustimmung erteilt. Eine Ein­gabe, betreffend die Ermittelung des Raummaßes bei der Verzollung der zu Brettern geschnittenen Holzblöcke, wurde ablehnend beschieden, eine auf Abänderung der Zivil- und Strafprozeßordnung gerichtete Eingabe an den Reichskanzler überwiesen. Schließlich faßte die Versammlung Beschluß über die geschäftliche Behandlung mehrerer Eingaben von Privaten. — Die vereinigten Ausschüsse des Bundesrats für Zoll- und Steuerwesen und für Handel und Verkehr sowie der Ausschuß desselben für Handel und Verkehr hielten heute Sitzungen. — Eine heute vom „Deutschen Tageblatt" gebrachte Nachricht, nach welcher der Bun­desrat die Windthorstsche Resolution auf Aufhebung des ExpatriierungS-GesetzeS angenommen habe, ist auf die obige Thatfache zurückzuführen, daß der Bundesrat einigen Geistlichen die Rückkehr gestattet hat. Die erwähnte Reso­lution hat dem Bundesrate noch gar nicht vorgelegen. — Der Minister der öffentlichen Arbeiten hat Veranlaffung genommen, die Eisenbahn-DirektionS-Prästdenten bezüglich der Berücksichtigung der Medizinalbeamten bet der Ver­gebung von Bahnarztstellen dahin mit Weisung zu versehen, daß bei Besetzung eintretender Vakanzen bezw. in Fällen, in welchen die Lösung der mit Bahnärzten geschloffenen Verträge aus besonderen Umständen angezeigt erscheint, unter sonst gleichen Verhältnissen auf die betreffenden Orts­ansässigen, zur Uebernahme der bahnärztlichen Funktionen bereiten und geeigneten Medizinalbeamten an erster Stelle zu berücksichtigen ist. — Die Annahme deS Antrages Acker­mann zu 8 100 e der Gewerbeordnung, betr. die Unter­richtung von Lchrlingen, zu der unter gegebenen Voraus­setzungen, und wenn die höhere Verwaltungsbehörde sich dahin erklärt, in Zukunft nur den Jnnungsmeistern daS Recht znstehen soll, hat nicht verfehlt, in Handwerker kreisen eine große Bewegung hervorzubringen, und wir glauben, daß die nächste Holge «ine Zunahme der Innungen sein wird. Daß der BundeSrat den Beschlüffeu des Reichstags seine Zustimmung erteilen werde, steht man in den Kreisen der Handwerker als unzweifelhaft an. Wir wollen hier nicht in eine materielle Prüfung der ganzen, mit dem 8 100 e der Gewerbeordnung verknüpften Erweiterung des Handwerker- refp. JnnungSrechteS eintreten; nur soviel sei nochmals hervorgehoben, daß nach unserem Ermeffen eine wirksame Förderung der Innungen nicht durch derartige fakultative Vergünstigungen erreicht werden kann, sondern daß eS dazu zwingender Vorschriften in dem Gesetze bedarf. Am wirksamsten würde eS sein, wenn man den Innungen das Recht zusprechen wollte, zu gunsteu ihrer gemeinnützigen Einrichtungen an Kaffen, Schulen u. bergt, alle Handwerks- genvffen ihres Bezirkes, auch die außerhalb der Innung stehenden, zu besteuern. Die Begründung dieser Forderung ist so oft erbracht, daß sie hier nicht aufö Neue geltend

... ....... 'n ...aHMJi.'."

auS allen diesen Kindern gemacht habenI" dachte Heinz in stiller Verwunderung, während er seine Augen von einem der Mädchen zum andern wandern ließ. Sie waren grund­verschieden und dennoch beide reizend. Der schmächtigen zarten Hanna gegenüber, deren glänzendes dunkles Haar, schlicht gescheitelt und tief im Nacken zu einem griechischen Knoten verschlungen, die herrliche Form deS Kopfes und Halses voll zur Geltung brachte, stand die glänzende in Schönheit strahlende Gabriele, ein stolzes junges Sachsen­kind, das in seinen goldglänzenden Locken und blauen Augen die charakteristischen Rastezeichen ihrer tapferen Vorfahren in seltener Reinheit bewahrt hatte,

Hanna sagte, daß ihr Vater augenblicklich im Bureau beschäftigt sei, und daß er, bis er für Heinrich frei sein wird, ihn und Gabriele ihrer Fürsorge anvertraut habe. Man setzte sich zum Frühstück und Hanna zeigte sich als freundliche aufmerksame Wirtin. Heinz vergaß seine Damen­scheu ihrer anmutigen, unbefangenen Natürlichkeit gegenüber.

Ob er mehrere Tage in Berlin zu bleiben gedenke? fragte sie. — Nein er wolle nur einen Tag bleiben, be­richtete er. Er gedenke morgen nachmittags mit dem Fünf- Uhr-Zuge wieder einzntreffcn und habe bereits den Wagen zum Bahnhof beordert. Seine Geschäfte wolle er morgen früh abwickeln, so bleibe ihm der heutige Nachmittag und Abend für Thilo. — Ob er sich freue, seinen Freund nach so langer Trennung wiederzusehen? forschte sie weiter, und während sie sprach färbte ein zartes Rot ihre Wange. — Gewiß freue et sich sehr entgegnete er, allein auf ein fröhliches Wiedersehen dürfe er nicht rechnen. Es sei auch nicht deswegen, daß er ihn aufsuche. ES habe sich in der Zeit ihrer Trennung viel verändert, und ihre Zwiesprache

gemacht zu werden braucht. Die abfällige Kritik, die der StadtsyudiknS, Herr Eberly, gegenüber den Berliner In­nungen gefällt hat, und die durch eine Denkschrift der JnnungSvorstände Berlins in einzelnen Punkten recht wirk sam und schlagend beleuchtet worden ist, hat nicht verfehlt, unter den Handwerkern in ganz Deutschland große Der stimmung hervorzurufen. Dieselben glauben daraus den Schluß ziehen zu sollen, daß ihre Interessen gerade in den Kreisen der kommunalen Verwaltung noch keineswegs weder dem richtigen Verständnis, noch besonderem Wohlwollen be gegnen. Dir Handwerker aber, in Berlin wie anderwärts, mögen eben auch aus diesem Vorgänge die Lehre ziehen, daß ihnen vor allen Dingen Einigkeit und festes, ernstes Vorwärtsstreben not thut, wenn sie die gesteckten Ziele er­reichen wollen. Was sie vom „Liberalismus" zu erwarten haben, dürfte ihnen aller Orten klar sein.

SoudershlMsev, 30. Juni. Heute hat der Landtag den Verkauf der Staatsbahnen Ilmenau-Großbreitenbach und Hohenebra-Ebeleben an den Getriebspächter H. Bach- stein-Berlin genehmigt. Die Eisenbahngesellschaften Nord- hausen-Erfnrt und Saalbahn waren auch zum Ankauf ge­neigt, doch realisierte sich das Abkommen mit Bachstein leichter und günstiger. Derselbe zahlt sür beide Bahnen die Summe von 1,210,000 M.; die Baukosten beliefen sich zwar auf 1,538,000 M., so daß ein Verlust von 328,000 M. entsteht, da aber an Betriebspacht nur 34,950 M. ein­genommen worden, die Zinsen von genannter Kaufsumme aber zu 4 pCt. 48,400 M. betragen, so steht sich der StaatSfiSkuS beim Verkauf immer noch erheblich bester als bei der Verpachtung. Im Kaufvertrag ist eine ungünstige Feststellung des Tarifs verhütet, auch eine eventuelle Ueber­nahme der Bahnen durch das Reich vorgesehen. Die Kauf­summe wird zur Schuldentilgung und ein Ueberschuß von 194,000 M. zur Erbauung zweier Krankenhäuser in Arnstadt und Sondershausen verwendet.

München, 1. Juli. Nach mehrwöchiger Krankheit und inmitten einer politischen Stagnation, welche nachgerade permanent werden zu wollen scheint, nehme ich heute meine Berichterstattung wieder auf, und zwar weil mit dem heutigen Tage die neue Landeskultur - Rentenanstalt ins Leben tritt. Der Zweck dieser durch Gesetz vom 21. April 1884 ge­schaffenen Einrichtung ist der, Klein- wie Großgrundbesitzern zur Ausführung von Kulturunternehmungen Kapitalien unter billigen Bedingungen zu verschaffen. Wir haben es hiernach mit einer staatlichen Wohlfahrtsanstalt zu thun. In das Gebiet der Anstalt gehören: Ent- und Bewässe­rungen, Korrektionen an Bächen und Privatflüsten, Anlagen zum Uferschutz und zum Schutz gegen Ueberschwemmnngen, Urbarmachungen und Verbesterungen von Grund und Boden, Anlagen von Wegen zur besseren Benutzung landwirtschaft­lichen Grundbesitzes, Zusammenlegung von Grundstücken und Aufforstung ödliegender Gemeindegründe. Der Zins­fuß der von der Anstalt bewilligten Kapitalien ist auf

werde manchen peinlichen und traurigen Gegenstand berühren müssen.

„Armer Thilo!" sagte Gabriele. „Heinz ist nicht zu­frieden mit ihm, — er wird, fürchte ich, nicht glimpflich mit ihm verfahren."

„®r ist ihm stets ein großmütiger, nachsichtiger Freund gewesen, er wird es auch jetzt sein!" sagte Hanna rasch. Ihre Augen, deren ernst bittender Ausdruck nicht zu ver­kennen war, suchten Heinrichs Blick.

„Ich bin der Ueberbtinger gewisser Forderungen, deren Annahme ihm schwer werden wird," entgegnete er. „Er wird, wie ich fürchte, die Botschaft vom Botschafter nicht trennen können. Und wenn er auf der irrigen Anschauungs­weise verharrt, die schon den Konflikt mit seiner. Mutter verursacht hat, so wird er auch meine Absichten verkennen und mich fallen lasten, wie sie!"

„Aber Sie werden ihn nicht fallen lastm!" sagte Hanna mit fünfter Dringlichkeit. „Ich entsinne mich, daß Sic schon als Knabe stark und großmütig genug waren, ein rasches Wort ihres Freundes zu überhören. Sie werden eS auch jetzt thun! Sie werden ihm seinen Irrtum ver­zeihen, — Sie werden denselben nicht verurteilen wie eine Sünde, sondern ihm helfen, ihn wie eine Krankheit über­winden."

Es lag etwa« in der Stimme des Mädchens, das sein Herz mächtig bewegte. Sollte sie dem Freunde die Bor- Itrbe bewahrt haben, die sie unzweifelhaft als Kind für ihn gehegt? WaS konnte die Liebe eines Mädchens wie Hanna nicht aus einem Manne machen, der so glücklich begabt »ar, wie Thilo! Er konnte doch nicht untergegangen sein in dem tosenden Strudel der Welt. (gortfetuxg folgt.)