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Marburg, Sonnabend, 28. Juni 1884.
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Gras stieg mit seinen langen hochgehobenen Seinen, — da erkannte ich ihn trotz der Entfernung; ich versichere Dich, Mama, er war gar nicht zu verkennen I"
„Sprichst Du von Heinrich? ist er gekommen? fragte die Baronin rasch aufstehend.
„Natürlich von Heinz, — von wem könnte ich sonst sprechen! Siehst Du, daS ist doch endlich einmal eine Freude für Dicht*
Das junge Mädchen sah mit einigem Befremden, wie lebhaft der Eindruck war, den die eben empfangene Nachricht auf die Baronin machte. Ihr blasses Gesicht hatte sich leicht gerötet, — rasch schritt sie der Thür zu, als könne sie den erwarteten Gast nicht früh genug empfangen.
„Ja, das ist eine Freude!" rief sie lebhaft. „Freude, Trost, Beistand, — alles auf einmal kommt mir in ihm 1 — Und ich hatte so wenig an ihn gedacht, daß erst sein zufälliges Kommen mich an ihn erinnern mußte. Und doch ist er der Einzige, auf den ich stets und unter allen Umständen rechnen darf!"
„Er wird gleich hier sein, ich bin voranSgelanfen, um ihn anzumelden", plauderte das hübsche Kind weiter. „Bis zum Kreuzwege war ich ihm entgegengegangen. Anfang» erkannte er mich nicht, und dann, als er mich endlich erkannte, wurde der närrische Mensch ganz rot und verlegen, — so verlegen, daß ich ordentlich Mühe hatte, ihn zum Aufthauen zu bringen. AIS wir zusammen durch den Park gingen, erzählte ich ihm von unserem Ergehen und unserem immer noch ungestillten Kummer um Papas Verlust. Er sah mich immer von der Seite an und hörte schweigend zu. Ich habe mich so sehr verändert, meinte er, — er
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Erzählung von Hans Warring.
„WaS fehlt Dir Mama? Ach, arme Mama; wirst Du denn nie Deinen Verlust überwinden können? Wir Alle
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haben ihn ja so sehr, so sehr geliebt, aber wir müsien doch lernen, ohne ihn zu leben! Vertiefe Dich doch nicht in diese alten Schriften, — dazu sind ja andere da! Sprich mit dem Justizrat, — er will nichts besseres, als daß Du ihm erlaubst, Dir zu helfen. Glaube mir, et wird mit dem Allen viel leichter fertig werden, al» Du!" — Sie war näher getreten und hatte die Arme um den Hals der Frau geschlungen, besorgt in das halb abgewandte Gesicht derselben spähend. „Du hast wieder geweint, — mein Gott, Du mußt zu Grunde gehen in diesem zehrenden, nie schweigenden Schmerze!" — Und dann die Wange an die der Mutter geschmiegt, flüsterte sie leise: „Ich mache mir so schwere Vorwürfe, daß ich schon wieder lachen kann! —Sage mir, bist Du mir böse, daß ich es eben gethan?"
Die Baronin lächelte. „Ich weiß, daß Du ohne Lachen ebenso wenig leben könntest, wie ohne Luft und Sonnenschein."
„O, ich weiß wohl, daß Du jetzt, — zum ersten Mal im Leben, — mein Lachen nicht gern hörst. Aber glaube nut, auch Du hättest lachen müssen, wenn Du ihn gesehen hättest, wie er mit fehlen bekannten langen Schritten drüben die Allee daher kam. Diese Schritte schon machten mich aufmerksam. Ist erS oder ist er» nicht? fragte ich mich. Al» er aber von der Allee abbog, und den kürzeren Weg durch die Wiese« einschlug, und als et durch da» hohe
Zunächst wurde von verschiedenen Mächten, darunter an erster Stelle Deutschland, vor nicht langer Zeit die lange bestrittene Souveränität Spaniens über die Philippinen und die Suluinseln anerkannt und damit ein dauernder Zustand geschaffen. Dann wurde ein deutsches Kriegsschiff dahin nach Neu-Guinea gesandt, um den Uebergriffen der dortigen Engländer gegen die Eingeborenen sowohl als gegen die anderen daselbst ansässigen Europäer ein Ende zu machen. Jetzt haben die Briten den Versuch gemacht, in ihrer alten beliebten Art sich Guineas durch einfaches Aufhissen ihrer Flagge zu bemächtigen. Das Kabinett von St. James nimmt vielleicht an, sein Zugeständnis in Ueber- lassung Angra PequenaS werde Deutschland dahin bringen, seine Augen einer Annexion Neu • Guineas gegenüber zu schließen. Darin dürfte man sich jenseits des Kanals indes stark täuschen: die Zeit, wo man einfach neue Territorien in Besitz nahm und andere Nationen davon nach Möglichkeit ausschloß, ist vorüber. Auch die Frage wegen Neu Guineas wird nicht anders geregelt werden." — Die Darlegungen des Neichskanzlers über deutsche Kolonial- Politik und deren Zusammenhang mit der Dampfersnb- ventionSvorlage haben auf die „freisinnige" Presse keinen Eindruck gemacht; nun dieser Zusammenhang konstatiert, müsse erst recht vorsichtig geprüft werden, so etwa wird darin argumentiert. Bewerkenswert ist eS aber, daß die „Nat.-Ztg." nicht etwa gegen Herrn Richter, das wäre nichts besonderes, wohl aber gegen Herrn Bamberger Front macht; sie sagt: „Wir können eS nicht für nützlich halten — weder nützlich für Reich und Volk, noch für den Liberalismus als Partei — wenn mit derartigen „ver- zögerlichen Einwenden", wie der von der augenblicklichen Finanzlage hergenommen, in einer Frage operiert wird, welche in den weitesten Kreisen das politische und daS wirtschaftliche Interesse der Bevölkerung erregt. Noch weniger Mässig wäre allerdings die Verhinderung einer direkten Entscheidung durch ein Hlnzögeru der Angelegenheit In der Kommission bis zum Schluß des Reichstages. DaS ist ein Manöver, welches man dem Zentrum überlassen mag, dessen diplomatisierender Taktik eS dienen kann — nebenbei ein Grund mehr für liberale Politiker, eS nicht mitzumachen. Wer daS Nein für notwendig und gerechtfertigt hält, mag es aussprechen, tote dies seitens einzelner Abgeordneten bei der ersten Lesung geschehen ist, und auch Andersdenkende werden den Muth der Meinung achten; daS Ausweichen vor der Entscheidung aber bringt den Eindruck hervor, als ob man daS ablehnende Votum nicht zu rechtfertigen vermöchte, oder dessen Wirkung auf die Wähler fürchtete — jedenfalls die ungünstigste Position, in welche ein Abgeordneter sich versehen kann. Gegen eine reifliche Prüfung — die sich nur nicht auf Dinge erstrecken mutz, welche für die Entscheidung nicht in Betracht kommen — hat niemand etwas einzuwenden; aber eS ist nicht notwendig, datz der Reichstag In dieser Woche geschlossen wird, so daß die reifliche Prüfung ein Hindernis der Entscheidung
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Berlin, 26. Juni. Im Ministerium deS Jnnem ist, wie dem „B. B.-C." mitgeteilt wird, ein Gesetzentwurf betreffend die Teilung einiger RegiemngSbezirke bereits vollständig ausgearbeitet, doch dürfte derselbe, bevor er dem Landtage vorgelegt wird, zunächst den Provinziallandtagen der betreffenden Provinzen zur Begutachtung zugeheu. ES handelt sich dabei um eine Teilung der drei Regierungsbezirke Königsberg, Breslau und Düsseldorf, deren Verwaltung in ihrem gegenwärtigen Umsange nach Durchführung der Selbstverwaltung grotze Schwierigkeiten bietet.— Ueberhaupt soll im Ministerium deS Innern eine lebhafte gesetzgeberische Thätigkeit in den Sommermonaten sich ent» wickeln, denn der Herr Minister des Innern hat bereits seine Willensmeinung dahin kundgegeben, daß die weitere Ausdehnung der Verwaltungsgesetzgebung zunächst aus die neuen Pcovinzen sofort in Angriff zu nehmen ist, so daß der Landtag sich schon in der nächsten Session mit dieser Frage zu beschäftigen haben wird. Von der Einführung der Selbstverwaltung in der Provinz Westfalen und der Rheinprovinz ist c8 dagegen wiederum ganz still geworden. Der gegenwärtig in den höheren Regionen wehende Wind, welcher den Ultramontanen nicht gerade günstig ist, scheint von neuem auf die Realisierung der Wünsche der Bevölkerung der genannten beiden Provinzen seinen nachteiligen Einfluß üben zu wollen, wenigstens ist bisher nichts bekannt geworden, das auch nur annähernd auf eine Entschließung Im entgegengesetzten Sinne htndeuten könnte. — Ein offiziöse Beziehungen unterhaltender Korrespondent hiesiger Blätter glaubt einige Andeutungen über die Richtung geben zu können, in welcher die nächsten Absichten der deutschen Kolonialpolitik zu suchen sind. Er schreibt in dieser Beziehung: „Schon seit länger al« einem Jahre tauchen einzelne Anzeichen auf, daß die Aufmerksamkeit des Auswärtigen Amts auf die großartigen und zahlreichen Inselgruppen zwischen Ostasten und Australien gerichtet ist.
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wäre. Der Reichstag ist erst drei Monate versammelt und während eines beträchtlichen Teils dieses Zeitraums hatte das Plenum Ferien." An anderer Stelle sagt das Blatt: „In hohem Grade erfreulich ist die Erklärung, welche Fürst Bismarck über die Ziele deutscher Kolonialpolitik abgab. Der Reichskanzler erklärte, daß nach seiner Ansicht daS Reich nicht Koloniem gründen und mit einem büreau- kratischen Apparat versehen, sondern nur die auch sich selbst herauswachsenden Unternehmungen deutscher Reichsangehöriger schützen solle. Diese Erklärung trifft den Kernpunkt der Frage und entscheidet sie In einer Welse, welche geeignet ist, daS Vertrauen, welches die auswärtige Politik deS Reichskanzlers im allgemeinen genießt, auch speziell seiner überseeischen zuznwenden." Dagegen sagt die „Germania" : „DaS deutsche Volk wird sich also jetzt mit diesen ihm vorgelegten Gedanken allgemein, und auch viel konkreter, al» bisher geschehen, zu beschäftigen haben. ES soll natürlich dabei von den Impulsen deS nationalen Gefühles, denen wir schon in voriger Woche Ausdruck gaben, sich mltbestlmmen lassen, darf sich aber durch dies Gefühl auch nicht abhalten lassen von den einschlagenden ernsten realen Erwägungen. Auf jeden Fall ist die Frage in ihrem ganzen Umfange jetzt eröffnet, die wenigstens all- mälige Stellungnahme für Jedermann Pflicht, auch bei den Wahlen wird die Frage ihre Rolle spielen, Überhaupt und im Allgemeinen, und speziell noch, weil wohl gerade wegen des weiten Hintergrundes, den die Dampfersubvention jetzt auch offiziell erhalten hat, die Aussichten auf die Erledigung derselben bereits in dieser schon bald zu Ende gehenden Session noch schlechter gestellt haben, als sie bei der späten Inangriffnahme der Sache ohnehin schon waren. Der Aufschub wäre an sich zu beklagen, aber für die Fragen im allgemeinen und die Stellungnahme des Volkes dazu ist eS wohl gar nützlich, wenn dieses konkrete Ferment noch auf einige Monate In die Gährung hineingeworfen bleibt." — Durch die unerwartete Debatte, die sich heute im Reichstage über die Dampfersubvention entsponnen hat, wird der Schluß der Session jetzt statt Freitag erst Sonnabend erfolgen.
Hannover, 23. Juni. Im Laufe nächster Woche wird auf dem Meppener Schießstande der Firma Krupp ein hoher Beamter der marokkanischen Regierung in Begleitung mehrerer marokkanischen Solvaten erwartet, die dort längere Zeit verweilen werden, um Schießübungen vorzunehmen. — In Göttingen hat sich nach dem Vorbilde der meisten deutschen Universitäten ein „Verein deutscher Studenten" gebildet mit dem Zweck, „unter den deutschen Studenten zu Göttingen deutsche Gesinnung zu pflegen, seinen Mitgliedern eine ausgedehnte TageSlitteratur zur Verfügung zu stellen und denselben hierdurch, sowie durch eiwanige Besprechung und Vorträge über allgemein interessante Gegenstände deS öffentlichen Lebens die Grundlage zu einem reifem Urteile zu geben." — Eine Mitteilung der „Hannoverschen Post" zufolge wird in Braunsch veig in nächster Zeit vor dem
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könne die kleine Gabriele In dem großen Fräulein gar nicht wieder erkennen. Da fragte ich ihn, ob er vermutet hätte, daß ich mit siebenzehn Jahren noch ebenso aussehen würde, wie mit dreizehn? Darauf wurde er wieder rot und ging schweigend neben mir, die Augen zu Boden geschlagen. Als wir an den dunkele» Toxusgang tarnen, der zur Kapelle führt, blieb er stehen. Sein erster Gang solle ihn an die Gruft dessen führen, dem er soviel zu verdanken habe, sagte er. Und da ich merkte, daß ihm jede Gesellschaft auf diesem Gang störend sein würde, sagte ich, ich werde voranSgehen, Dich zu benachrichtigen. — Ist es nicht hübsch von ihm, Mama, daß er so dankbar und anhänglich ist? Da kommt er! Er hat sich auch verändert in den vier Jahre», die er in Mecklenburg gewesen, — aber dennoch habe ich ihn sogleich erkannt! — Der Heinz ist nun einmal ein Mensch, der mit keinem anderen zu verwechseln ist!"
ES war allerdings eine Gestalt, die man nicht leicht wieder vergaß, wenn man sie einmal gesehen, welche über den Rasen daherkam. Von ungewöhnlicher Höhe, mit breiter Brust und breiten Schultern fiel der Mann In unserem Zeitalter der Pygmiengestalten durch die kraftvolle Männlichkeit feiner Erscheinung auf. Wie ein Recke deS Mittelalters tarn er daher, der goldblonde Bart 618 auf die Brust herabwallend, da» mächtige blonde Haupt mit einem dunklen, breitrandigen Filzhute bedeckt. Als er, vor der Baronin stehend, ehrerbietig das Haupt entblößte, zeigte er unter der weißen Stirn ein Paar hellblaue Augen, zu deren Helle die von der Sonne tief gebräunte untere Partie feines Gesichte» in seltsamem Kontrast stand. (Fortsetzung folgt.)