-tr. 149.
Marburg, Freitag, 27. Juni 1884.
XLX. Jahrgang.
Anzeigen nimmt entgegen: bie Expedition d. Blatte-, sowie b Annoncen-Bureaux von Haasenstei» und Bögler in Frankfurt a M , Hamburg, Magdeburg u. Wien; Aubolf Moffe in Frankfurt a. M., Berlin, Atünchen und jköln; G L. Daube und in Frankfurt a. M-, Berlin, Hannover u. Paris.
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte-,, sowie d. Annvncen-Bureaux Jägersche Buchhandlung.in Franffutt a. M.; Hermann- scheBuchhandlung daselbst; Adolf Steiner i. Hamburg; Jnvalidendank in Berlin, Dresden und Leipzig; I. Barck u. Co. in Halle; W. ThieneS in Elberfeld.
Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn» und Feiertagen. IPreis für daS Quartal mit der wöchentlichen Beilage „ZllustrtrteS SunntagSblatt“ durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 3‘/t Mark, durch die Postämter deS Deutschen Reiche- 3 Mark 50 Psg (excl. Bestellgebühr.) — Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pf«.
Für in der Expedition zu erteilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Psg. berechnet-
Die Bestellungen für daS dritte Quartal 1884 bei den Postanstalten auf die
Öberheffische Zeitung
mit deren Gratisbeilagen
Amtlicher Anzeiger
für die Kreise Marburg und Kirchhain und
Illustrierter GouutagSblatt ersuchen wir baldigst machen zu wollen.
Die „Oberhessische Zeitung" wird auch in diesem Quartal bemüht sein, ihren Lesern in Leitartikeln und zuverlässigen Korrespondenzen alle politischen Tagesfragen und Zeitbewegungen sofort mitzuteilen. Die „Oberhesstsche Zeitung" ist das alleinige hiesige Blatt, daS mit dem Wolff'sche« Telegraphische« Korrespoudeuzburea« in Verbindung steht und liefert deshalb wichtige Vorgänge sofort in Origiual - Depesche«. Alle lokalen und provinziellen Angelegenheiten finden besondere Berücksichtigung. Regelmäßige Berichte über die Reichs- und Landtags-Berhau-lavge«, sowie ausführliche Berichte über die Sitzungen der Strafkammer des hiesigen Königliche« Landgerichts und des Schwurgerichts, der Landwirtschaftlichen Vereine zu Marburg und Kirchhain und vieles andere. — Börsen-, Krucht-, Vieh- und sonstige Marktberichte. Zahlreiche gemeinnützige und unterhaltende Artikel und ein stets gut gewähltes Feuilleton.
Die wöchentliche Gratisbeilage der „Oberh. Zeitung":
Illustrirtes Zountagsblatt
bringt stets spannende Erzählungen und zahlreiche interessante Bilder; das Sonntagsblatt zu einem Bande gesammelt giebt ein Unterhaltungsbuch von bleibendem Wert.
Anzeige« finden i« der „Oberhessischen Zeitung" eine wirksame Verbrettung und werden mit nur 10 Pfennig die Zeile berechnet, dieselben sind auch für viele Leser von Nutzen, da die „Oberhessische Zeitung" infolge ihrer Beilage „Amtlicher Anzeiger" von Gerichts-, VerwaltungS-, Forst- und Bau-Behörden zu deren Bekanntmachungen benutzt wird.
Bei dem reichen Inhalt der „Oberhessischen. Zeitung" kostet dieselbe tt«r 2 Mark 50 Pfennig, wo sie auf der Post abgeholt wird, und 2 Mark 90 Pfennig, wenn sie durch die Postboten überbracht wird. Alle Postanstalten, auf dem Lande auch die Landpostboten, nehmen Bestellungen an.
Exped. der Oberh. Zeitung.
Der Staatsrat.
Die „Provinzial-Korrespondenz" schreibt: Der Zweck deS StaatSratS besteht in der vollkommeneren Vorbereitung der Gesetzesvorlagen, die bisher allein auf den Schultern des Staatsministeriums ruhte. Das Bedürfnis hierzu ist vor allem in den Kreisen selbst empfunden worden, in
- -- ' .....BMg BHH
4 Heimkehr.
Erzählung von Hans Warring.
Die Frau war stehen geblieben. Der feste Blick ihres AugeS war unsicher geworden, — ein feuchter Schleier hatte sich über den klaren Spiegel desselben gelegt. Ach, sie hatte damals gewußt, und wußte auch heute, daß nicht Liebe ihn zu ihr geführt, — seine Liebe hatte unwandelbar der gehört, die er begraben! — Vertrauen und Achtung hatte er ihr geboten, — nicht ein Weib für sein Herz, eine Mutter für seine verwaisten Kinder hatte er in ihr gesucht. DaS hatte sie gewußt, und als sie die gebotene Hand ergriffen, hatte sie mit den Rechten, die diese großmütige Hand ihr bot, auch die Pflichten unwandelbar auf sich genommen. Fünfzehn Jahre lang war es ihr vergönnt gewesen, diese Pflichten zu erfüllen. Sie waren die Wonne ihres Lebens gewesen, — die höchsten und reinsten Freuden des Dasein« hatten sie ihr gebracht, und jetzt, nun es galt, die erste wirklich schwere Pflicht zu erfüllen, jetzt sollte ste davor zurückschrecken! — Wieder hob die Brust der Frau sich angstvoll und beklommen. „Zu schwer, zu schwer für mich, — ich werde der Last unterliegen!" seufzte sie leise. Sie bedeckte mit der Hand ihre brennenden Augen. Nichts don den Außendingen wollte ste sehen. Tief in ihr Inneres wollte sie den Blick tauchen, — prüfen wollte sie sich, ob genug Kraft und Opfermut in ihr wohne, um Hand zu legen an das schwere Werk. Aber nicht ihr Inneres schaute ste, sondern die Tage deS Glücke-, die ste dem Geschiedenen verdankte. Und plötzlich war ihr«, als begegne sie wieder dem Auge deS Sterbenden, —- als fühle ste den Blick dieses
welchen die gesamten Fäden des StaatSorganiSmuS zusammenlaufen und welche zur Ueberwachung der Jntereffen desselben berufen sind. Es ist bei jeder Gesetzgebung von Wichtigkeit, sowohl die Folgen zu überblicken, welche eine Maßregel auf die Kreise des Volkslebens üben wird, als auch die Rückwirkung, welche ste auf den Staats- und Regierungsorganismus haben kann und in vielen Fällen haben muß. Diese Voraussicht nach beiden Richtungen hin ist nicht leicht und kann nur durch das Zusammenwirken vieler, au Erfahrung reicher Männer gewonnen werden. In den parlamentarischen Körperschaften tritt ganz naturgemäß sogleich die Rücksicht auf die Volkskreise und ihre verschiedenartigen Interessen bei jedem Akt der Gesetzgebung in den Vordergrund. Die andere Rücksicht auf die Stetigkeit, Autorität und Funktionöfähigkeit des Regierungsorganismus ist aber ebenso wichttg. Denn von der Sicherheit desselben hängt daS Wohl und die Festigkeit des nationalen Daseins ebenso sehr ab, als von der gesunden Regsamkeit und kräftigen Bewegung der sozialen Lebenskreise. Eine beffere Beurteilung der einzelnen Gesetzgebungsprojekte in ihrer Wirkung nach dieser Richtung hin wird nur zu erzielen sein, wenn neben dem Staatsministerium eine größere Zahl verschiedener in hohen Staatsämtern thätiger und längere Zeit thätig gewesener Personen aus dem reichen Schatz ihrer Erfahrung ihr Gutachten über die Bedürfniffe des Staats- und Regierungsorganismus abgeben.
Wenn neben den Trägern der höheren Staatsämter auch andere ausgezeichnete Persönlichkeiten aus den verschiedensten Berufszweigen in dem Staatsrat Sitz und Stimme erhalten, so isi damit der Zweck verbunden, daß die Träger des Staatsdienstes im engeren Sinne schon in dem vorbereitenden Stadium der Gesetzgebung über die Bedürfniffe der verschiedenen Berufszweige informiert werden, und daß die Repräsentanten der letzteren andererseits auch über die Jntereffen des StaatSorganiSmuS interessiert werden und, von den Bedürfniffen des allgemeinen Staatslebens durchdrungen, zur Aufklärung der öffentlichen Meinung die Vermittelung etwaiger einander entgegenstehender Jntereffen übernehmen.
Eine solcher Art geregelte vorbereitende Thättgkeit, welche auf die mannigfache Jntereffen des Staates im einzelnen, wie in ihrem ganzen Umfang Rücksicht nimmt, kann nur von wohlthätiger Wirkung auf die gedeihliche Lösung der Aufgaben sein, zu denen Preußen berufen ist. Je größer und schwieriger dieselben werden und je ernster ste zu nehmen sind, desto weniger wird der Staat des Rates erfahrener, uneigennütziger und unparteiischer Männer entbehren können.
Deutsche? Reich.
Berli«, 25. Juni. Der „Reichs-Anz." schreibt: Anläßlich der Nachrichten über den Ausbruch einer der Cholera ähnlichen Krankheit in Toulon sind von reichs- wegen nähere Ermittelungen über die Natur der Krankheit und über die an Ort und Stelle getroffenen sanitären
umflorten AugeS auf sich ruhen, — diesen ernsten, mahnenden, flehenden Blick. Jetzt verstand ste ihn, diesen Blick, — jetzt wußte sie auch die Worte deS Testamentes zu deuten, deffen Sinn ihr bisher dunkel und unverständlich, widersprechend dem Leben des Verstorbenen gcschicnen. Sie sollte gut machen, so hatte er gewollt, was er in Schwäche gefehlt! Deshalb hatte er die Macht dazu in ihre Hände gelegt, — deshalb dem geliebten Sohne die Besitzergreifung des Erbes bis zur Großjährigkeit seiner Schwester, also für fünf Jahre verwehrt, — deshalb endlich ste, seine Witwe, zur freien Obervormünderin dieser letzteren und zur Verwalterin des ganzen NachlaffeS eingesetzt! Wenn Einem, so war ihr der Weg der Pflicht klar vorgezeichnet, — zwar war er dornen- und mühevoll, aber er mußte gewandelt werden! Sie hatte an der Seite deS Gatten Glück und Reichtum genoffen, — jetzt durste sie sich der Sorgen und der Armut nicht entziehen!
II.
Bis zu diesem Entschluffe war sie gelangt, als ein Ton von außen ste aus ihrer Versunkenheit aufrüttete. Ein Lachen schlug an ihr Ohr, ein frische«, heiteres, silberhelles Mädchenlachen, das der gequälten Frau wie ein Klang aus einer glücklicheren, sorgenlosen Welt erschien. Sie hob daS Haupt und lauschte diesem Klang wie ein Verschmachtender auf das Rieseln der Quelle lauscht, die ihm Rettung bringt. Sie kannte dies Lachen, — war doch die junge, süße Stimme, die eS hören ließ, die Lust ihres Lebens gewesen von dem Augenblicke an, da ste ste zuerst gehört. Damals war e- daS Sümmchen eines zweijährigen Kinde» gewesen,
Maßnahmen veranlaßt worden. Gleichzeitig
den Fall, daß die Krankheit sich.al» vte-RsiatischeCholera Herausstellen sollte, entsprechende Abwehrmaßregeln deutscherseits vorbereitet. — Die „Nordd. Allgem. Ztg." meldet, der Reichskanzler habe sich eine Erkältung zugezogen, infolge bereit sich wiederum neuralgische Schmerzen eingestellt haben. Fürst Bismarck sei dadurch verhindert worden, sich an den Reichslagsverhandlungen während der letzten Tage zu beteiligen. Wie die „Nordd. Allgem, Ztg." hört, ist das Unwohlsein des Reichskanzlers darauf zurückzuführen, daß derselbe sich am Montag in später Stunde, als es bereits recht kühl geworden war, in den Reichstag begeben mußte, nm der Kommisstonssttzung über den Gesetzentwurf, betreffend die Subventionierung neuer Dampferlinien beizuwohnen. — Unter dem Vorsitz des Staats - Ministers von Bötticher wurde am 24. Juni eine Plenarsitzung des Bundesrats abgehalten. Der Königlich sächsische Geheime RegicrungSrat Bötticher ist für das Königreich Sachsen zum stellvertretenden Bevollmächtigten zum Bundesrat ernannt worden. Von dem Beschluß des Reichstags vom 13. d. M., betreffend die Decharge der Rechnung der Kaffe der Ober-RechnungSkammer für das Etatsjahr 1881/82, nahm die Versammlung Kenntnis. Der von dem Reichstage in unveränderter Fassung angenommene Gesetzentwurf, betreffend den Reingewinn auS dem von dem Großen Generalstabe verfaßten Werk „Der dentsch-französtsche Krieg 1870/71", wird zur Allerhöchsten Vollziehung vorgelegt werden. Dem Anträge Sachsens gemäß wurde die Erneuerung der Anwendung des § 28 des Gesetzes gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie vom 21. Oktober 1878 auf die Stadt Leipzig und den Bezirk der dortigen Amtshauptmannschaft genehmigt. Die Vorschläge des Vorsitzenden in betreff der Wiederbesetzung erledigter Stellen bei mehreren DtSziplinarkammern fanden die Zustimmung der Versammlung. In betreff der Ausfuhrabfertigung von Zucker in Würfelform wurde der Erlaß der Bestimmungen genehmigt, welche von den Ausschüssen zur Ergänzung deS von dem Bundesrat dieserhalb am 1. Februar 1879 gefaßten Beschluffes vorgeschlagen worden waren. Die Versammlung erteilte den nachbezeich- neten Vorlagen die Zustimmung: dem zu Hanyang am 26. Nov. 1883 unterzeichneten FreundschaftS-, HandelS- und Schiffahrtsvertrag zwischen dem Reiche und dem Königreich Korea; der in Berlin am 20. d. M. mit Italien wegen gegenseitigen Schutzes der Rechte an Werken ter Litteratur und Kunst abgeschlossenen Uebereinkunft; der Uebereinkunft zwischen dem Reich und dem Königreich Siam, betreffend den Handel mit geistigen Getränken in Siam, vom 12. März d. I.; dem Entwurf eines Gesetze-, betreffend die Feststellung eines zweiten Nachtrages zum Reichshaushalts-Etat für da» Etatsjahr 1884/85; der Vorlage, betreffend die Herstellung einer Statistik der öffentlichen Armenpflege. Eine Eingabe, betreffend den Erlaß von Brausteuerfixum, wurde ablehnend befchteden. Nachdem
und eS war ihr entgegengeklungen, als sie an der Hand des Gatten daS HauS betreten, das jetzt ihre Heimat war. Kein beglückenderer Empfang hätte ihr werden können, als der, den man für ste vorbereitet. Als er sie in daS Kinderzimmer geführt, hatte die Kleine vom Arm der Wärterin ihr mit dem jauchzenden Ruf: Mama! Mama! die Aermchen entgegengestreckt. Was in diesem Augenblicke in ihrem Herzen erblüht war, das konnte ihr ganzes Leben hindurch nicht wieder verwelken. Alle Wonnen des Daseins waren plötzlich über sie ausgeschüttet worden. Sie, die Arme, Einsame, Verkümmette, die an allen Freuden gedarbt hatte, sie war plötzlich auf die Mittagshöhe des Lebens und Glückes gehoben worden. Als sie daS Kind in ihren Armen gehalten, — als ste fein Haupt an ihre Brust gedrückt hatte, da hatte sie leise und feierlich den Schwur gethan, den süßen Mutternamen zu verdienen. —
Das Lachen draußen war verstummt, dafür aber ließen sich rafche leichte Schritte auf dem Kieswege vor dem Fenster hören, und ein feines Gesichtchen spähte mit schönen großen Augen in- Zimmer.
„Sitzest Du noch immer über ten garstigen Papieren, Mama? Bitte, lege sie beiseite und komm in- Freie, Du wirst ja ganz melancholisch darüber!"
Sie hatte die Fensterthür geöffnet und war ins Zimmer getreten, — eine schmächtige Mädchengestalt, die auf schlankem Halse ein feine- Köpfchen trug. Das tiefschwarze Trauergewand sprach noch von Leid und Kummer, aber da- feine Rot der Wangen und der Glanz der Kinderaugen zeugte schon wieder von neuerwachter Jugendlust.
(Fortsetzung folgt.)