HX. Jahrgang.
Marburg, Sonnabend, 14. Juni 1884.
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sich ohne Schwierigkeit mit dieser Organisation vereinbaren lasse. Des weiteren waren es dann insbesondere noch zwei Bestimmungen des Entwurfs, gegen welche sich, und zwar wiederum von verschiedenen Seiten her, die Angriffe richteten, die dreizehnwöchige Karrenzzeit und das Umlageverfahren. Da die Spezialdiskusston demnächst auf die sämtlichen in der Generaldebatte berührten Punkte zurüa- sührte, wird sich bei den einzelnen Paragraphen Gelegenheit bieten, die zur Geltung gebrachten Argumente, sowie die für die verschiedenen Gruppen maßgebenden Erwägungen in möglichster Vollständigkeit anzuführen. — Eine konstante Majorität, welche einer ebenso konstanten Minorität gegenübergetreten wäre, bildete sich im Verlause der ersten I Lesung nicht. In wichtigen Punkten stimmten die einzelnen Gruppen abwechselnd mit und gegeneinander. Dagegen wurde der Kommission beim Beginn der zweiten Lesung eine Reihe von Anträgen unterbreitet, welche erkennen ließen, daß drei der in der Kommission vertretenen Gruppen eine Verständigung untereinander gesucht und im Interesse deS Zustandekommens des Gesetze- vorläufig diejenigen Bedenken und Wünsche zurückgestellt hatten, welche während der ersten Lesung «IS trennende Unterschiede ihnen bestanden hatten. Demgemäß waren auch die Anträge von drei diesen Gruppen angehörenden Vertretern gemeinsam gestellt. Eine Folge dieses Vorgehens war, daß bet einer nicht unbeträchtlichen Anzahl von Punkten die Abstimmung in der zweiten Lesung anders ausfallen mußte, i als sie in der ersten Abstimmung ausgefallen war." —
Fast sämtliche Blätter beschäftigen sich heute mit der traurigen Rolle, die gestern im Reichstage die Nationalliberalen unter HobrechtS Führung gespielt haben. Das Deutsche Tageblatt", daS nach Heidelberg und Neustadt für eine Kooperation der Nationalliberalen und Konservativen plädiert hatte, kündigt ihnen heute die Freundschaft und verlangt, daß Herr Hobrecht kaltgestellt werde, da sonst die Konservativen den Nationalliberalen unter keinen Umstanden zur Seite stehen könnten. Die „Kreuz-Zeitung" bezeichnet den gestrigen Tag als ein Unglück für die National- liberalen: die Partei, die nur vom Kulkturkampf gelebt habe, sei nun wirklich am Kulturkampf zu Grunde gegangen.— In der heutigen Stadtverordnetensitzung teilte der Stadtverordnetenvorsteher mit, die Kommission für Beratung des Erlasses des Oberpräsidenten den Singerschen Antrag betreffend beantrage Verwahrung gegen diesen Erlaß. Eine Anzahl Reichs- und Landtagsabgeordneten werde eine Petition an den Landtag wegen Wahrung des Petitionsrechts und der Freiheit der Beratung beantragen.
— Der Reichstag beriet gestern den Antrag Wtndthorst | auf Aufhebung des kirchlichen AusweisungsgesetzeS und den
«on Hertltng erstattete Bericht der UnfallverstcherungS- Lommission des Reichstag« ist nunmehr zur Verteilung aelangt. Die Kommission war in die Beratung dieser Borlage, nachdem sie zuvor den Gesetzentwurf betr. die Abänderung deS Gesetzes über die eingeschriebenen HulsS- krffen, vorberaten, am 28. Mai eingetreten. Sie hat zu diesem Ende 23 Sitzungen gehalten, von denen 20 auf Me erste, 3 auf die zweite Lesung entfallen. In drei Weiteren Sitzungen wurde der schriftliche Bericht verlesen und festgestellt. L-tztercr wird mit folgenden allgemeinen Bemerkungen über den Gang der Verhandlungen etnge- leitet: „In der Generaldirkussion, welche bei Beginn der eisten Lesung stattfand und eine Sitzung auSsüllte, trat eine große Verschiedenheit der Ansichten hervor. Nahezu eine jede der in der Kommission vertretenen fünf parlamentarischen Gruppen schien eine besondere Stellung dem Entwürfe gegenüber einzunehmen. Während aber auf keiner I Seite eine unbedingte und rückhaltlose Zustimmung laut wurde, war die Opposition gegen die Vorlage nach Grad und Umfang mannigfach abgestust. Auch die Gegner de« Verstcherungszwangcs fahen davon ab, ihren prinzipiell abweichenden Standpunkt in der Form von Abänderungsvorschlägen zur Geltung zu bringen, wohl aber verlangten diejenigen, deren Standpunkt von dem der Vorlage am weitesten ablag, daß eö den Unternehmern sretstehen müsse, wo und unter welchen Bedingungen sie der VerstcherungS- vflicht genügen wollten, und erblickten darin die notwendige Gegenleistung für die zeitweilige Zurückstellung der keineswegs aufgegebenen prinzipiellen Bedenken. In diesem Sinne wurde die Aufrechterhaltung der freien VerstcherungS- Gesellfchasten als unerläßliche Voraussetzung bezeichnet und die in dem Entwürfe vorgeschlagene staatliche Organisation abgewiese». Andere gingen nicht so weit, wollten jedoch dieser Organisation ein anderes System zu Grunde gelegt roiffen — geographisch abgegrenzte Betriebsverbände statt der Berufsgenossenschaften - und noch neben derselben Raum für die privaten Versicherungsgesellschaften, zum mindesten sür die auf Gegenseitigkeit gegründeten belassen. Aber auch aus der Seite, wo man die Frage der Zulassung der Privatgesellschaften durch die früheren Verhandlungen, und zwar in verneinendem Sinne, für entschieden ansah, sand die von den verbündeten Regierungen vorgefchlagene Organisation nicht auSnahmloS Zustimmung, vielmehr wurde eine Umgestaltung derselben an wesentlichen Punkten al« notwendig bezeichnet. Daß der Kreis der zu versichernden Personen ausgedehnt werden müsse, wurde wiederholt und aus verschiedenen Gruppen heraus verlangt; auch hier aber zeigte sich eine Uebereinstimmung weder in bezug auf den Umfang der angestrcbten Ausdehnung, noch auch bezüglich
der Frage, ob man um des größeren Kreise« willen auf die vorgeschlagene Organisation verzichten oder aber die
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konservativen Antrag auf Errichtung von Gewerbekammern. Der Antrag Wtndthorst wurde mit allen gegen 40 Stimmen angenommen und der zweite Antrag wurde, nachdem der Minister erklärt hatte, daß die Regierung selbst die Errichtung von Gewerbekammern vorbereite, zurückgezogen. ES ist oft gesagt worden, die Nationalliberalen könnten ohne den Kulturkampf nicht leben und würden mit ihm sterben. Diese Behauptung erhielt gestern eine interesiante Bestätigung. Die Nationalliberalen stimmten gegen den Antrag, während sonst das ganze HauS mit vereinzelten Ausnahmen für die Aufhebung des ExpalriierungS-GefetzeS stimmte. DaS hätten , nun die Nationalliberalen immerhin thun mögen; sie haben das Gesetz früher gemacht, und so wenig sie Lust haben, ihre früheren falschen wirtschaftlichen Gesetze zu verbessern oder aufzuheben, so wenig wollen sie daS bei den Mai- . gesetzen; sie versichern zwar immer, wie daS so ihre Gewohnheit ist, mit allgemeinen Redensarten, unter denen man sich alles und nichts denken kann, sic wollten ja auch eine Revision der Maigesetze, welche den Frieden zwischen Staat und Kirche befestige; aber wie sie sich diese Revision denken, daS sagen sie so wenig, als sie sagen, wie sie sich die Börsensteuer und die Sozialreform denken, für welche sie sich ja auch in solch allgemeinen Redensarten aussprachen, während sie im Parlament sowohl Gegner der wirklich sozial- reformatorischen Punkte des Unfallgesetzes als der Börsensteuervorlage sind. Aber daß die Nationalliberalen am Kulturkämpfe, der eine ihrer Hauptsünden ist, zu Grunde gehm, das hat die gestrige Debatte in ein grelles Licht gestellt. Ihr Redner war der Exminister Hobrecht, der gestern reichlich Gelegenheit erhielt, über das bekannte Sprüchlein O si tacuisses rc. nachzudenken. Dieser Mann scheute sich nicht, öffentlich die Hauptbestimmung deS Expatriierungs- gesetzes, nach welcher Geistliche, die nichts anderes verbrochen haben, als daß st- im Gehorsam gegen ihre Kirche, aber im Widerspruch mit den Maigesetzen, z. B. der Anzeigepflicht der Geistlichen, ihr geistliches Amt verwalten, predigen, Sakramente spenden, Seelsorge treiben, aus Heimat und Vaterland verbannt werden können — eine „humane und milde" zu nennen. Daß darüber eine allgemeine Entrüstung im Reichstage entstand, läßt sich denken — und man kann wohl sagen: eine Partei, welche ein solches Gesetz für ein „humanes und mildes" erklärt, hat sich selbst ihr Todesurteil gesprochen. So wird der Partei ihr Kulturkampf, in dessen Blütezeit, als die Hetze gegen Kirche und Christentum ihren Höhepunkt erreicht hatte, ihr damaliges
I Hauptorgan auSrief: „Es ist eine Lust zu leben!"—zum Verderben — und wir müssen eS der „Post" überlassen, „Staat mit solchen Bundesgenossen zu machen." Sie haben gestern ebenso wie vorgestern beim Jnnungöpara- graphen bewiesen, daß sie immer noch die alten Kulturkämpfer und Manchesterleute sind. Zu glauben, mit solchen
I Leuten Reform-Politik treiben zu können, ist einfach Thorheit.
Etwas vom alte« Stadtziulinistea Zeisel
von Balthasar Ludwig.
mit Bleichplätzchen — aber lasset Euch nicht anführen — mit dem Rest endlich-setzt Ihr Euer baufällig Häuschen wieder in stand."
Als das Geld kam, wurde dieser Rat getreulich befolgt.
Im Stalle blökte nicht nur eine Kuh, sondern auch ein Kälbchen; Hühner gakerten im Hofraum, und Garten, Ackerland und Wiesen standen schon auf dem nächsten Steuerzettel.
MS daS Häuschen ganz fertig war, versammelte der Stadlmuflkus alle seine Lieben nah und fern um sich, und gab ein fröhliches Familienfest.
Am Frühmorgen des Festtages — es war ein Sonntag _ setzte sich Zeisel im Bette auf und horchte. — Vom Kirchturm herab erklang in feierlichen Akkorden sein Lieb- lingschoral:
„Wie schön leucht uns der Morgenstern."
„Anna Marie", fragte er leise, „hörst Du nichts?"
„Ja!" erwiderte die Alte, welche still mit gefalteten Händen da lag und andächtig lauschte.
„DaS sind unsere braven Buben l" sagte er und wischte sich eine Thräne ab.
Als die Glocken zum ersten Gottesdienst riefen, setzte sich vom Zeiselschen Häuschen ein stattlicher Zug in ®e» wegung: voran die Men, dann sieben Söhne herkulische Gestalten in schmucker Uniform — sieben SohneSfrauen, vier Töchter und Tochtermänner und fünfundzwanzig Enkel-
Leberecht riß, trotz Podagra, mit dem freundlichsten Gesicht, sein Fenster aus, rief einen „schönen guten Morgen" hinunter und blickte dem Zuge nach.
Der Zeisel ist doch rin beneidenswerter Mann! dachte er.
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er und ließ sich mit dem Schriftstück auf dem Großvater- stuhl nieder. „ , u
Zeisel blätterte weiter —erst eifrig, dann poco a poco ritardando, dann gar nicht mehr. Sein Zeigefinger ruhte auf einer Stelle, und mit leuchtenden Augen blickte er in Mozarts Partitur.
„Meister, Ihr blättert ja nicht?
„Herrlich! - Unvergleichlich!" ries er w e im Traum.
Leberecht sprang auf und sah ihm über die Schul {er. — Oben über der unvergleichlichen Stelle hing ein Papierchen wie ein kopfloser Reiter. Er zog eS triumphierend heraus:
„Nachbar, daS LoS I —Jetzt laßt Euch zu 7500Thaler ^°Derb"fchüttelte er ihm di- Hand und sein grobeS.gelbeS G-stcht erglänzte, nicht wie der Mond im letzten Viertel, nein, wie eitel Sonnenschein, dmn im Grunde war er ein gutmütiger Mann. _ _
DerMustker machte ein verwirrte«Gesicht. „AberHerr Nachbar, wa« soll ich mit all dem Gelbe machen?
„Nicht im Hause behalten, Meister—beileibe nicht! — sonst ist e« bald verzettelt."
Härt!" fuhr Leberecht nach kurzer Pause fort, „Eure Söhne haben all- ihr gutes Auskommen .-.Sech« davon sind Stabstrompeter und Hoboisten, der siebente des Königs Pate, ist Militärkapellmeister", ergänzte Zeisel nicht ohne Stolz. „Eure Töchter aber", fuhr der andere fort, „sind all- an klein«, hiesige Handwerker verhüratet; di- können Geld brauchen. — Also, sagen wir: 6000 Thal« verteilt Ihr unter Eure vier Schwiegersöhne gegen mäßigen Zinsfuß, und sichere Schuldverschreibung der Ordnung wegen. Von den übrigen 1500 Thaler kaust Ihr Euch etwa eine Kuh, rin Stück Kartoffellaud, rin Gärtchru und rinr Wirse
Die beiden Männer suchten und fanden bald daS halb verkohlte Stümpfch-n. Von der Nummer sah man nur n°$ ÄAen’ Kopf hängen lassen, Nachbar! — Hier in der Ecke steht — Gott sei Dank — die Nummer auch noch. Ich tonte: noch ist Polen nicht verloren! — Aber, sagt 'mal Zeisel, wie lange spielt Ihr diese Nummer?
.Drei Jahre vielleicht!"
"Richtig!" — vorher spielte ich sie jahrelang und zog immer Nieten, darnach fiel gleich in der nächsten Ziehung tln ^Äsel, habtJhr die Anzeige vom Kollekteur erhalten?"
^DaS kann sein, ich weiß aber nichts davon."
„Guckt Ihr auch in keine Gewinnliste?
Nein", sagte Zeisel, „niemals!
"So io dann spielt ihr bloß, um Euer Geld los zu wer "en?'- Aber iielleicht findet sich da« betreffende Los auch noch. Laßt uns einmal suchen!"
„Anna Marie!" rief der MustkuS nach der Thür gehend. Leberecht vertrat ihm den Weg.
Nicht« da! — kein Frauenzimmer I Wir könnens allein.-Und nun Meister, nehmt einmal Eure Gedanken zusammen. - Welches sind Eure LiebltngSstuS- < u „HaydnS Sinfonien und Mozarts Strcichquart-tte! 'Gut - bringt die Bände! Darin wird zuerst gesucht.
Der MustkuS blätterte — fand aber nichts. Leberecht begann seinen Folianten tüchtig zu schütteln. Siehe da! Der Brief de« Kollekteur« fiel h«°u« und zwar mit unerbrochenem Siegel. — „Nicht einmal gelesen! murmelte
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Berlin, München und L(n‘. G- L. Daube und 6o in Frankfurt a. M-, «erfin,Hannover ».Pari«.
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Erscheint täglich außer an den Werktagen nach S°nn-und Feiertagen. tat 5*0 eftettgebttbr'.^-^nfetHoSgebftb/fttt die gefpaUene'setk 10 Pf«.
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte«, sowie d. Annoncen-Bureaux Jägersche Buchhandlung in Frankfurtsa.M.; Hermann- scheBuchhandlung daselbst; Adolf Steiner i. Hamburg; Jnvalideudank in Berlin, Dresden und Leipzig; I. Barck u. Co- in Halle; W. Thiene« in Elberfeld.
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