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XIX. Jahrgang

Marburg, Donnerstag, 12. Juni 1884.

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^en nimmt entgegen: Spedition b. Blattes, ^rdÄnnoncen-Bureaux

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Und wenn die Vertreter der heutigen Jubilarin vor wenigen Tagen dem Kaiser deS neuen Deutschen Reiches ihre Huldigung auS Anlaß ihre« Festtages darbringen und ihre Wünsche an den Stufen deS Thrones dem allgeliebten Vater seine« Volkes, dem Schützer der deutschen Arbeit vortragen durften, so beweist daS nicht nur von neuem, mit wie inniger Liebe Kaiser Wilhelm an den Freuden und Leiden auch der Kleinen und Kleinsten seines Volkes teil nimmt; sondern eS beweist zugleich, welch ernste, nimmer ruhende Sorge man an höchster Stelle den Bestrebungen des Handwerkerstandes zuwendet, in vollem Bewußtsein, welche starken Kräfte für Staat und Gesellschaft in korpo­rativen Organisationen stch barstellen.

Noch ist der Zeitraum zu kurz, als daß die Früchte des JnnungSgesetzes von 1881 gereift sein könnten, noch ist man aller Orten in einer Periode deS Organisierens, der Cadresbildung begriffen; je eifriger aber die Hand­werker selbst den Rahmen des JnnungSgesetzes mit lebens­vollen Organisationen ausfüllen, je größer werden die Segnungen fein, die ihnen selbst, dem Staate und der Gesellschaft aus der korporativen Organisation erwachsen.

Ein eigentümliches Zusammentreffen fügt es, daß heute, am Jubiläumsfesttage bet Berliner Schuhmacherinnung, der Deutsche Reichstag einen Antrag verhandeln wird, der als Kernpunkt der weiteren Ausgestaltung des JnnungS- wesenS vielfach betrachtet wird. Ob heute schon die Zeit gekommen, in dieser Periode de« Formierens, des Kräfte- sammelnS behufs energischer Aufnahme der Vertretung der Handwerksintereffen den Rahmen des JnnungSgesetzes und die darin gegebenen Rechte und Pflichten zu erweitern, ist hier bei dieser Festbetrachtung kaum Ort und Zeit zu untersuchen. Aber das eine mag gesagt sein, daß der Handwerkerstand selbst am meisten dazu beitragen könne, seine Ziele zu erreichen; einmal, indem er mit frischem Leben die neugeschaffenen Innungen erfüllt und zeigt, daß sie Institutionen sind, die nicht allein StandeSintereffen, sondern denen der Allgemeinheit dienen, und indem er, der Handwerkerstand, zugleich erkennt, wie das korporative Leben, welches er stch schaffen will, bedingt eine Unter­stützung all der staatserhaltenden Elemente, welche den schweren Kampf gegen die Nivellierenden zu bestehen haben.

Beherzigt der Handwerkerstand in seiner Gesamtheit die vom Kaiser den Berliner Schuhmachern gegebene Mah­nung, tritt er selbstbewußt in allen politischen Kämpfen auf Seite der staatSerhaltcnden Parteien, dann wird er da« mit seinen eigenen Jntereffen und Wünschen am besten dienen.

00 sechshuudertjährige Jubiläum der Berliner Schuhmacher - Juuuug.

Schon die Thatsache, daß in der Hauptstadt des neuen Mischen Reiches eine solche Feier unter allgemeiner Be- Mng und Teilnahme stattfindet, ist ein Stück Geschichte. Mse Thatsache lehrt mit zwingender Gewalt, welche eminent Utende Kraft den gewerblichen korporativen Organisationen MWvhnt.

Schauen wir zurück durch der Jahrhunderte Lauf, deren Mndunz diese Berliner Innung heute feiert, so sehen jjt ein kraftvolles, gewerbfleißigeS Bürgertum in allen Men germanischen Stammes sich vereinigen, Innungen Mn zur gemeinsamen Vertretung der Interessen aller, gjt sehen diese korporativen Gestaltungen erblühen, fie hart in Hand mit den deutschen Fürstengeschlechtern den Kknpnnkt abgeben, aus dem heraus die konservierenden Me fließen, welche in harter, schwerer Not und Gefahr Sit Widerstandsfähigkeit des Deutschen Reiches gegen seine M allen Seiten andrängenden Neider und Widersacher Mten.

Nicht ohne Kampf mit anderen korporativ organisierten Schichten verläuft dieser Prozeß, aber die erwerbende, ge- mbiicher Arbeit innewohnende Kraft ist so groß, daß in M Ueberschusse derselben die Innungen zu Zünften stch MSgestalten, die gar oft nicht mehr die Jntereffen aller W, sondern egoistische einzelner Kreise vertreten. Und m beginnt eine andere Zeit, eine Epoche deS Kampfes M den Zunftzopf. Mit allen Mitteln sucht ein demo- kshfierender Geist, der Erbfeind allen korporativen WesenS, ch hartnäckig widerstehenden Innungen zu zersetzen, auf- Mm, zu beseitigen.

Mit dem Beginne der allgemeinen Gewerbefreiheit scheint Hr Kampf ein für allemal zu Ungunsten deS korpora- tM Elementes im Gewerbsstande entschieden. Aber es Stint nur jo; einige wenige, darunter die jetzt jubilierende bchnhmacherinnung, halten fest am korporativen Gedanken, ß überleben die Periode des allgemeinen Nivellierens. Und M kurze Zeit im Vergleiche zu jenen Jahrhunderte über- dwtmden Bildungen währt es, dann erhebt stch im Hand- «rk lautet und tarnet lauter der Ruf nach Wtederher- Nung der Innung.

In erneuter Form, angepaßt einer neuen Zeit, bleibt K Innung, die korporative Zusammenfaffung veS Hand- tttte, Siegerin übet die atomisierenden Einflüsse; die kichSgesetzgebung schafft einen neuen Rahmen für JnnungS- Wiungen, und wir erleben jetzt, wo diese Schuhmachet- taung auf ein Dasein von zwanzig Generationen zurück- Ükft, eine Epoche, in welcher überall die neuen Innungen N) formieren, um von neuem wahr machen zu helfen, daß *6 Handwerk einen goldenen Boden habe.

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„Aber Mann, waS fehlt uns denn alleweil?" fragte sie verwundert.

„Das Beste 1* entgegnete er und machte eine Bewegung deS Geldzählens, „was unS immer gefehlt hat."

„Zeiscl, schau doch 'mal dort hinauf", sagte die Alte, und zog ihn an« Fenster. — Der Nachbar Leberecht, ein steinreicher Rentner lag im gelbseidenen Schlafrock auf dem Balkon seine« neuen Hauses, sog ohne Lust und Liebe an seinem langen, türkischen Pfeifenrohr, gähnte und machte ein Gesicht so langweilig wie der Mond im letzten Viertel.

„Der legt sich schlafen und steht auf wann er will, ißt und trinkt waS er will, und hat auf Gottes Welt nichts zu schaffen, al« Geldzählen und mit der Haushälterin keifen."

„Zeisel, möchtest Du mit Dem tauschen?"

„DaS käme darauf an", meinte er schalkhaft, nahm Stock und Hut und ging in« „Weiße Roß", um den ge­wohnten abendlichen Stammseidel zu trinken. — Dazu mußte es immer reichen, wenn auch dir Stadtpfelferei/ seit sie aufgehört hatte zünftig zu sein, ein traurige« Geschäft geworden war.

Einesteils der Kunst, andernteil« deS Brote« wegen, mochte stch Zeisel mit Den zeitgemäßen Neuerungen durch­aus nicht befreunden. Seit die Jnnungsgebräuche abge­schafft waren, konnte jeder fahrende Bettelbube — wie der StadtmustkuS ingrimmig sagte — Spielmann werden, schlecht und recht, ohne-Lehr- und Gesellendienst. — Das war der ehrbaren Stadtzinkinlstenkunst ein Schlag in« Angesicht. — Auch die alte, schöne Sitte, daß vor der Morgenglocke und nach dem Abendläuten ein Choral vom Kirchturm geblasen wurde, hatte aufgehört und damit auch das einträgliche Türmeramt, das stch fett urdenklichen Zeiten in der Zeisrischen Familie vom Vater auf cen Sohn ver­erbt haben soll, aber leider vom Magistrat nicht al«

grscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JllustrtrteS IountagSblatt" durch die Expedition (K o ch'sche Buchdruckerei) bezogen 2*/t Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg (excl. Bestellgebühr.) — Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg.

Für in der Expedition zu erteilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet.____

Deutsche- Reich.

Berlin, 10. Juni. Der Kaiser konferierte heute nach­mittag mit dem Ches der Admiralität, v. Caprivi, und

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*Mntfurt a M, Sam- Magdeburgu.Wien;

4 Etwas vom alten Stadtztnttuisten Zeisel von Balthasar Ludwig.*)

Im Landstädtchen O. stand seiner Zeit ein schmale« stebelhäuSchen. Gran, verwittert und baufällig sah e« Dischen den gutgehaltenen, stattlichen Nachbarbauten so Webütftig aus, wie ein kranke« Matrönchen.

Dem StadtmustkuS Gottfried Leopold Zeisel, welchem Häuschen durch Erbschaft zugesallen war, ihat eS herzlich ®, daß er ihm nicht aufhelfen konnte — dazu gehörte dkid, und daS war seine schwache Seite.

„Wenn e« mich und meine Alte nur noch auShSK", Nte er zu jagen, „nachher kann e«, in Gottes Namen, Hammen rappeln."

.Frau Anna Maria Zeisel war die« ein schlechter Trost, sie liebte das kleine Eigentum, und ihre Kinder und Hideskinder noch mehr, und dachte in ihrem Sinn, das oder andere aus der großen Schar könne dereinst ebenso Frieden darin wohnen, und in Ehren grau werden — wie sie 8 mit ihrem Gottfried Leopold geworden war.

„Zeisel", sagte sie, „so Gott will, hält da« alte Nest ^Jungen auch noch warm, uns sie weroeu ebenso glücklich wie wir es waren."

„Glücklich! — Anna Marie, bist Da denn glücklich g*cn?" fragte er und sah schier mit Ehrfurcht und Jätung seinem wackeru Weibchen in das runzelige, vor ^Zeit alt gewordene Gesicht.

fe *) Aus der „Neuen Musik-Zeitung", (Köln, Verlag von P. J. Nger), ein Blatt, das seines reichen Inhalts wegen, wie aber S seines außerordentlich billigen Preises wegen (vierteljährlich Mig.) die wärmste Empfehlung verdient. Die „Neue Musik- Muig- erscheint monatlich zweimal, und bringt neben interessanten Matzen, Biographieen rc. auch zahlreiche Mufikbeilagen.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition b. Blattes, sowie b. Annoncen-Bureaux Jägersche Buchhandlung in FrankfurOa.M.; Hermann- scheBuchhanblung daselbst; Aböls Steiner i.Hamburg; ♦ Jnvalidenbank in Berlin, Dresden unb Leipzig; I. Barck u. Co- in Halle; W. Thienes in Elberselb.

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G- L. Daube unb f in Frankfurt a. M-, g(jn, Hannover u. PanS.

folgt heule abend der Einladung des Reichskanzlers zum Diner. — Bei dem vorgestrigen Empfange deS Präsidenten und der ihn begleitenden Minister der Südafrikanifchen Re­publik hat ersterer an den Kaiser folgende Ansprache ge­halten: Majestät! Es ist mir eine Ehre und eine wahre Freude, von Ew. Majestät in so freundschaftlicher Weise empfangen worden zu sein. Dies um so mehr, als ein großer Teil der Bevölkerung der Südafrikanischen Republik und von ganz Südafrika deutschen Ursprungs ist. Ich selbst bin stolz darauf, einem germanischen Volksstamme entsprossen zu fein, obgleich ich bedauere, daß ich nicht im Stande bin, Ew. Majestät in der Sprache meiner eigenen Vorfahren anzureden. ES ist meine Hoffnung und mein Wunsch, daß das Verhältnis zwischen Deutschland und Transvaal, ja zwischen Deutschland und ganz Südafrika stets ein freundschaftliches bleiben möge, und daß die Han­delsbeziehungen zwischen beiden Ländern zunehmen mögen zur Förderung der beiderseitigen Wohlfahrt, und es soll mir eine wahre Freude sein, wenn mein und der anderen Vertreter der Südafrikanischen Republik gegenwärtiger Be« such dazu beizutragen vermöchte. Se. Majestät der Kaiser haben darauf folgendes erwidert: Ich freue Mich sehr, in Ihnen, Herr Präsident, den Vertreter eines durch alte StammeSgenoffenschaft mit Deutschland verbundenen Ge­meinwesens zu begrüßen. Ich habe an dem Aufblühen und Gedeihen Ihres Staates von jeher lebhaften Anteil ge­nommen und freue Mich umsomehr, daß die freundschaft­lichen Beziehungen Deutschlands zur Transvaal - Republik nunmehr auch einen vertragsmäßigen Ausdruck finden follen. Ich bin überzeugt, daß der wachsende Verkehr zwischen Deutschland und Ihrem Lande dazu beitragen wird, die Gefühle der Freundschaft unb Sympathie, welche zwischen den beiden blutsverwandten Bevölkerungen bestehen, zu steigern und werde Meinerseits dieses Ziel nur fördern helfen. — Die Aktiengesetz-Kommisston des Reichstags nahm in zweiter Lesung unverändert die Bestimmung an, daß die Aktien auf Namen mindestens 1000 Mark, die Aktien auf den Inhaber mindestens 5000 Mark lauten müssen. Die Anträge: den Minimalbetrag beider Aktien auf 1000 Mark festzusetzen, die Beschränkung deS Minimalsatzes auf 200 Mark für Aktien von gemeinnützigen Unternehmungen zu streichen und die Notwendigkeit der Genehmigung de« Reichskanzlers zu beseitigen, wenn im Falle örtlichen Be­dürfnisses Aktien unter 1000 Mark zugelaffeu werden sollen, wurden abgelehnt. — In der Unfallgesetz-Kommis- fion wurde mit Verlesung des von dem Abgeordneten von Hertling verfaßten Berichtes begonnen. — Der Festzug der Schuhmacherinnung anläßlich deren heuti­gen sechshundertjährigen Jubiläums nahm einen glänzenden Verlauf. In dem über achttausend Personen zählenden Zuge befanden stch gegen 40 andere Innungen und viele

Familienprivilegium angesehen werden konnte. Der Über­flüssig gewordene Zinkinist Zeisel wurde in seinen besten Jahren auf eine Pensionsrate gesetzt, die zu viel zum Sterben, zu wenig zum Leben bot. Der Ehrentitel „Städtischer Musikdirektor" war der Zucker auf der bittern Pille. — Auch die Kirchenmusiken, wie die lustigen Adjuvant- schmäuse waren der Mode zum Opfer gefallen. Turn-, Fecht-, Reitvereine, Liedertafeln und Liebhabertheater — die Kinder eines neuen Zeitalters wuchsen wie die Pilze auS der Erde, und von der alten Zeit behauptete man — sie habe einen gehörigen Zopf. Das konnte und wollte Ehren- Zeisel nicht leugnen, denn auch da« Zöpfchen der guten, alten Zeit war ihm lieb — so lieb wie sein eigene«, ba« er, wie erzählt wird, so lange trug, bis ihn Frau Anna Marie nächtlicherweile gewaltsam davon befreite, weil er zum Kinderspott geworden war. —

Es konnte nicht fehlen, daß man den Musikus Zeisel im Städtchen für einen wunderlichen, alten Kauz hielt, obwohl Frau Anna Marie überzeugt war, einen besseren unb lieberen Menschen gäbe eS auf Gottes Welt nicht. Deshalb verwöhnte sie ihn aber auch ganz erschrecklich — unb würbe, ohne e« zu wollen, bie Zieh- unb Nährmutter feiner meisten Schwächen.

Der gute Zeisel war ein ungewöhnlich zerstreuter Mann; seine ganze Gedächtniskraft konzentrierte sich auf die Musik. — Bestem konnte er sich hierin nicht, denn feine Frau nahm ihm alle Alltagsgedanken ab, und fo kam er niemals zur Einsicht seines Fehler«. „Er vergäße selbst seine Nase, wenn sie ihm nicht angewachsen wäre", sagte manchmal Frau Anna Marie, wenn sie ärgerlich war, ba« heißt, wenn er wieber einmal bie bazu gehörige Schnupftabaksdose ver­

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