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HX. Jahrgang.

Marburg, Sonnabend, 7. Juni 1884.

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los hervorgezogen oder erstickt sind, oder daß Vieh, welches in einem Eisenbahnwagen eingeschlossen war, erstickt ist; diese Wirkung ist in erster Linie der Kohlensäure zuzuschreiben. Eine der gräßlichsten Szenen ereignete sich im Dezember 1848. Harry Lewes erzählt*) dieselbe in seiner „Physiologie des täglichen Lebens- folgendermaßen: „Die Kohlensäure gegen eine gleiche Menge Sauerstoff abzugeben — das heißt also, einen geringeren GasauLtausch zu bewirken — scheint ein sehr unbedeutender Vorgang zu sein, und nur die eindringlichen Lehren trauriger Erfahrung können den Menschen davon überzeugen, daß dieser Vorgang von der äußersten Wichtigkeit ist. Jedes Kind weiß, daß wir zum Atmen Luft haben müssen; jedermann weiß auch, wie un> angenehm eS ist, keine frische Luft zum Atmen zu haben; die große Menge der Menschen hat aber davon ke^-Ahnung, daß Luft, die nicht frisch ist, so schlimm wie Gift wirkt.

„©ine äußerst traurige Illustration dieser Unwissenheit bietet daS Unglück, welches sich an Bord des „Londonderry ereignete, eines zwischen Live-Pool und Sligo lausenden Dampfer«. Freitag den 2 Dezember 1848 lies er aus nach Liverpool mit 200 Passagieren, meist Auswanderern an Bord. ES kam stürmisches Wetter und der Kapitän befahl, daß alle hinab gehen sollten. Die Kajütte für die Hinterdeckpassagiere war nur 18 Fuß lang, 11 Fuß breit und 7 Fuß hoch. In diesen kleinen Raum wurden die Passagiere einaezwängt. Wären die Luken offen gelaffen worden, so hätten die Eingesperrten doch wenigstens nur eine gewisse Unbequemlichkeit beim Atmen zu erleiden ge­habt. Der Kapitän ließ aber die Luken schließen und aus einem nicht aufgeklärten Grunde einen Gummimantel über

*) Wolpert, Ventilation und Heizung. 2. Ausl.

und wie wir eS in dem neuen UnfallverstcherungSgesetz« Entwürfe wieder vorfinden, mit dem staatssozialistischen System ist die Zweideutigkeit, welche dem Worte „StaatS- ozialismuS" durch den modernen Sprachgebrauch angeklebt st, und welche unseren Gegnern die Möglichkeit bietet, die eine korporative Organisation des Grundbesitzes und der Arbeit anstrebende sozial-konservative Politik mit der eigent­lich staatssozialistischen Politik vor den Augen des am Wortklange hängenden Volkes in einen Topf zu werfen. Man versteht nämlich heutzutage unter „Staatssozialismus* vielfach auch denjenigen berechtigten Zwang und dasjenige Aussichtsrecht, welches der Staat nach seinem in ihm liegen­den Zwecke notwendiger Weise ausüben muß, und dessen Grenzen je nach der Stufe der geschichtlichen Entwickelung, auf welcher er gerade steht, enger oder weiter gezogen erscheinen, während nach der historischen Entstehung derjenigen wissenschaftlichen Richtung, welche man auf dem Gebiete der Volkswirtschaft sowohl wie auf staatsrechtlichem Gebiete als die „sozialistische" bezeichnet, unter Staatssozialismus derjenige Zw.ig des Sozialismus zu verstehen ist, welcher die Ueberführung sämtlichen PrivatbesttzeS, Kapitals und Grundbesitzes in die Hand des Staates von oben herab mit Hülfe der Omnipotcnz des bestehenden Staates anstrebt, sich also nur hinsichtlich der Loyalität des gebrauchten Mittels, nicht in Hinsicht auf den Zweck von der Sozial­demokratie unterscheidet. Wenn daher der Fürst Bismarck in einer seiner letzten Retchötagsreden ausführte, daß der moderne Staat nicht umhin könne, etwas staatssozialistisch zu sein, so verband er eben mit diesem Worte die oben zuerst gekennzeichnete allgemeinere Bedeutung, nicht aber ven Begriff deS Sozialismus im engeren, historischen Sinne.*.— Die heute hier versammelten Delegierten deS Berliner Aeltesten-Kollegiums der Kaufmannschaft, sowie der Handelskammern von Köln, Frankfurt a. M., Karlsruhe, Mannheim, Hannover, Bremen, Hamburg, Stettin, Königs­berg, Magdeburg, Breslau, Danzig, Leipzig und DreSdm beschlossen, bezüglich des Börsensteuer-Gesetzentwurfseine Petition an den Bundesrat zu richten, welche von den Berliner Aeltesten entworfen ist und in folgenden vier Punkten gipfelt: Ersten«, der Stempel auf Immobilien ist nicht maßgebend für den Stempel auf Objekte des Handels­verkehrs, weil bei beweglichen Gütern möglichst schneller Umsatz wünschenswert ist; zweitens, das Gesetz würde zur Folge haben, daß zum Nachteile deS Landes wenig große Mittelpunkte, die jetzt im Lande verbreitete kommerzielle Arbeit in sich aufsaugen; drittens, die Kontrollbestimmungen erscheinen nicht annehmbar, weil sie das Verkehröleben unter polizeiliche Aufsicht stellen; viertens, die auf den Umschlag gelegte GeschäftSsteuer, da sie nirgends anderSwo existi rt, würde den deutschen Handel in dem internationalen Verkehr schwer schädigen. — Der Straßburger Männergesangverein ist heute vom Kronprinzen und von der kronprinzlichen

Die Luft in «ufere» AufeuthaltSriiumeu.

(Fortsetzung)

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den Eingang der Kajütte werfen und befestigen. Die un­glücklichen Passagiere waren nun verurteilt, dieselbe Lust immer von neuem wieder zu atmen. Daö wurde bald unerträglich. Und nun begann eine schaudererregende Szene von Wahnsinn und Gewaltthaten unter dem Stöhnen der Sterbenden und dem Fluchen der Krästigern; sie wurde nur durch einen der Leute unterbrochen, dem eS gelang, sich mit Gewalt einen Weg auf das Verdeck zu bahnen und den ersten Steuermann in Alarm zu bringen, dem nun ein fürchterliches Schauspiel bevorstand: 72 waren bereits tot, viele waren im Sterben; ihre Körper waren krampfhaft gewunden, das Blut trat aus den Augen, Nasen und Ohren."

„Die Ursache dieses tragischen Vorfalls lag in der Un­wissenheit des Kapitäns und feines Steuermanns. Sie hatten nichts von der Bedeutung frischer Lust für das Leben erfahren. Ihnen war nie gelehrt worden, daß ein­mal geatmete Luft ohne Nachteil nicht noch einmal wieder geatmet werden kann; ihnen war die Thatsache fremd, daß die Lust, welche einmal in die Lunge eingetreten und wieder ausgetreten ist, verdorben ist, und daß verdorbene Lust so schlimm ist, wie ein Gift."

In dem erwähnten Falle ist der Kohlensäuregehalt der Luft sehr groß gewesen, größer als et gewöhnlich In bewohnten Räumen vorkommt. Doch kommen auch hier bäusta Kohlensäureansammlungen vor, welche belästtgend sind. Wer wird dieses wohl nicht schon in Theatern, Kon­zerten, Bierstuben, Schulstuben oder sonst wo selbst em­pfunden haben? Wer kennt nicht Leute, deren äußere« Aussehen schon verrät, daß sie längere Zeit die frische Last entbehrt haben? ES fragt sich nun, welche« Maß von Verunreinigungen noch zulässig ist, da stet« in einem ge-

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Ammoniak entsteht ebenfalls durch Zersetzung orga­nischer Stoffe (Schimmel, Pilse, Schwämme), tritt meistens in Verbindung mit andern Körpern auf, und macht sich dann sehr bald durch seinen Geruch bemerklich.

Butt er säure tritt mit dem Schweiße der Haut auf und veranlaßt mit Ammoniak einen widerlichen Geruch, der häufig in den Wohnungen der ärmeren Klassen zu finden ist.

Organische Bestandteile kommen durch Atmung, Hautabschürfungen, Staub rc. in die Lust, und wirken dadurch sehr schädlich, daß sie bei ihrer sehr seinen Ver- ieilung und in Gegenwart von Wasserdämpse sehr bald in Fäulnis übergehen. . . ... ,

Schließlich seien hier noch die Räuchermittel er- wähnt/ welche ost zur Verbesserung der Lust angewandt werden, in Wirklichkeit aber nur die Luft verschlechtern und durch ihren hervorragenden Geruch die schlechte Beschaffen- fcit mehr oder weniger verdecken.

Von den erwähnten Bestandteilen ist ^ Sauerstoff uvtwendig zum Leben, der Stickstoff ziemlich indifferent, die übrigen Stoffe dagegen find mehr oder weniger schädlich. Am wichtigsten von letzteren ist die Kohlensäure, weil sie uv meisten vorkommt und durch den Lebensprozeß stets entwickelt wird. Ein gewisser Vorrat ist dann in der Lust stet« enthalten und auch unschädlich, bei größerem Gehalt bewirkt dieselbe Unbehagen, bei noch größerem Krämpse und andere krankhafte Erscheinungen und schließlich den £ob. Mancher Leser wird sich gewiß deS einen oder t underen Falles erinnern, in welchem Personen, welche tu X stueu Brunnen, Grube oder Schacht eingestiegeu sind, leb’

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Deutsche- Reich.

»erlitt, 5. Juni. Der Kaiser empfing heute den Besuch des aus Marienbad zurückgekehrten Prinzen Fried­rich Karl und fuhr mittag- mit der Großherzogin von Baden nach Potsdam, um der Einladung der kronprinz­lichen Herrschaften zum Diner im Neuen Palais zu folgen. — Die „Prov.-Korrefp." knüpft an ein Refums der vom Königlich preußischen statistischen Büreau veröffentlichten Ergebnisse der Erhebungen über die finanzielle Lage der Gemeinden folgende Betrachtung: Die hier in kurzen Zügen geker zeichneten Verhältnisse lassen sich dahin zusammen- fassei 3 daß die Gemeinde- und Korporationsabgaben nicht nur und in andauernder Steigerung begriffen

sind, sondern daß sie auch infolge der Ungleichmäßigkeit ihrer Verteilung und der Art ihrer Aufbringung zu einer drückenden Last geworden sind. Insbesondere sind die Schulausgaben für die Gemeinden eine schwere Last, und ist vornehmlich auf diese die im Vergleich zu dem Staat außerordentliche Höhe der direkten Gemeindeabgaben zuruck- zuführen. Wenn weiter aber auch die Städte absolut mehr belastet sind als die Landgemeinden, so werden sie doch noch von den Landgemeinden übertroffen, wenn man die Belastung nach der Leistungsfähigkeit bemißt. Es er- giebt sich hieraus von selbst die Notwendigkeit umfassender Reformen auf diesem Gebiete und zugleich die Richtigkeit derjenigen Wege, welche zur Erleichterung der Ueberbur- düng der Gemeinden von der Regierung in Aussicht ge­nommen sind. Die weitere und energischere Verfolgung dieser Ziele wird auch die Lösung der sozialpolitischen Aus- gaben in bezug auf ihre finanzielle Seite erleichtern helfeiy wie andererfeit« diefe Reformen auch den Gemeinden durch Erleichterung ihrer Armenlast von Nutzen sein werden. — Graf Wilhelm v. Bismarck Schönhausen ist, wie schon mit­geteilt, zum Geheimen RegierungS- und vortragenden Rat int Staatsministerium ernannt worden. Er war bisher Regierungsrat und Hilfsarbeiter in der Reichskanzlei und trat erst vor einigen Wochen in den preußischen Staats­dienst und zum Staatsministerium über und zwar gerade in jener Zeit, in welcher sein Vater, der Reichskanzler, sich entschlossen hatte, aus dem preußischen Staatsmimsterium auszuscheiden. Graf Wilhelm v. Bismarck gelangt s.hr früh zu der Stellung eines Geheimen Regierungsrates. Er ist am 1. August 1852 geboren, also noch nicht 32 Jahre alt. Sein Examen als Gerichtsassesior hat er im Jahre 1878 abgelegt. - Die „Neue Preußische Zeitung" eröffnet eine Artikelreihe über HülsSkassenzwang und Staatssozialismus und knüpft in dem ersten der Artikel daran an, daß von den Gegnern stets daö ZwangSkorpo- rationSfystem nach Schäffle und der Staatssozialismus mit der Sozialdemokratie vermengt werden; sie sagt darüber „Schuld an dieser Vermischung und Vermengung deS Zwangskorporationssystems, wie eS Schäffle vertreten hat,

- l(j „Deutsche VolkSwirtsch. Korresp." hat kürzlich einen _ * ,rliM über die Solidarität der Interessen zwischen Land- - » .iltschaft und Industrie gebracht, dessen Tragweite

Ji der Stellung des Organs für sehr bedeutend halten. EL konservativer Seite ist diese Jnteressensolidarität ja Lft nicht nur gepredigt, sondern auch mit der T h a t Msiigt worden, wie der Zolltarif von 1879 beweist, dessen Schutz unser heimischer G werbefieiß wieder Kräften und damit auch zu Ehren gekommen ist. Auf Lftrießer Seite aber schien man zu Gegenleistungen bis « nicht sehr geneigt zu sein. Die Getreide, Vieh- und Quölle zwar hatte man seinerzeit bewilligen Helsen. ES Mr das aber sehr widerstrebend und mit dem festen Ent- Msse geschehen, zu weiterem nicht die Hand zu bieten, Im man von höheren Getreidepreisen auch Steigerung ... ^nduftrielöhne und damit Beeinträchtigung unserer Kon- bmelizfähigkeit auf dem Weltmärkte befürchtete. Wie un- imündet die Besorgnis ist, hat die Entwickelung der Dinge di den letzten 5 Jahren gelehrt; unwiderleglich ist nachge- Bitfen worden, daß die Getreidezölle mit den Getrerdepreisen Ms zu thun Haden, sondern daß hier ganz andere Fak- lsren, insbesondere aber die internationale Spekulation, «mn man will, der Getreidewucher, maßgebend sind.,Das scheint in den Jndustriekreisen jetzt nach Gebühr gewürdigt m werden. Noch größeres Gewicht aber legen wir dar- luf daß man den Schutz der Landwirtschaft endlich auch M etwas ansehen lernt, waö man im eigenen Interesse M nur gewähren kann, sondern auch gewähren muß, «eil die Kaufkraft des inneren Marktes wesentlich von dem Blühen der Landwirtschaft bedingt ist. Auf den inneren aber muß eS der Industrie vor allem ankommen, weil sie le« äußeren Marktes niemals sicher fein kann. Dieser Bub naturgemäß von unseren Konkurrenten beeinflußt, die sich mehr und mehr von denselben Gesichtspunkten leiten L Men, als wir, indem sie sich auch ihrerseits den inneren Markt zu sichern bestrebt sind. Die fortschreitende AuS- lilbung de« Schutzzollsystems fast in der ganzen Welt läßt daran keinen Zweifel. Eine Industrie, die sich unter solchen Umständen wesentlich auf die Ausfuhr stützen wollte, müßte aus sehr unsicheren Füßen stehen. Daß wir aus die Aus'uhr nicht verzichten werden, so lange wrr sie haben linnen, versteht sich von selbst. Aber wir dürfen von ihr nicht leben wollen. Und daS haben wir auch nicht nötig, wenn wir dafür folgen, daß der heimischen Landwirtschaft ihre Lebensbedingungen erhalten bleiben. Daß sich die Landwirtschaft in ihren berufenen Vertretern dankbar er- oeiien wird, davon darf die Industrie überzeugt fein. Hier hat man wie gesagt schon längst für die volle Jnteressen- gemeinschaft Verständnis gehabt, wie sie zwischen Gliedern eine s VolksleibcS allenthalben bestehen soll.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d. Annoncen-Bureaux Jägersche Buchhandlung in Frankfurt'a-M-; Hermann- scheBuchhandlung daselbst; Adolf Steiner i.Hamburg; ♦ Jnvalidendank in Berlin, Dresden und Leipzig; I. Barck u. Co. in Halle; W. Thienes in Elberfeld.

_ja,n nimmt entgegen: Pfopebition d. Blattes, Lieb Annoncen-Bureaux ^ naasenst-in und Vogler ^Tantfurt a M, Ham- Magdeburg u.Wren;

Äfülloffe in Frankfurt ^«Berlin, München und G- L. Daube und

L in Frankfurt a. M-,

i^lin, Hannover u. Paris----------------------------------------- ---------- ,,