Marburg, Sonntag, 1. Juni 1884.
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(Fortsetzung folgt.)
Wohnzimmers.
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Deutsche» Reich.
©erlitt, 30. Mai. Der Kaiser begab sich vormittags Im besten Wohlsein mit militärischem Gefolge nach Potsdam und nahm um 11 Uhr die Parade über die Potsdamer Garnison im Lustgarten ab. Von den Fenstern des Stadt- schlofses sahen die Großherzogin von Baden, di- Kronprinzessin mit ihren Töchtern, die Prinzesstn Wilhelm mit ihren Söhnen und die Erbprinzessin von Meiningen zu. Der Kronprinz führte das erste Garderegiment, der Prinz Wilhelm besten erstes Bataillon vorbei. Das Wetter war prachtvoll. — Die Fürstin Bismarck und Graf Herbert Bismarck reisten nachmittags nach Friedrichsruhe ab. — Der Vizepräsident des Staatsministeriums, Minister des Innern v. Puttkamer, ist heute früh zunächst zu seiner Gemahlin nach Bad Nauheim bei Frankfurt a. M. abgereist, begtebt sich hierauf auf kurze Zeit auf Dienstreisen und kehrt in etwa 10—12 Tagen wieder hierher zurück. — Der BundeSrat hat den Gesetzentwurf über den Feingehalt der Gold- und Silberwaren in der Fassung, die der Entwurf vom Reichstage erhalten hat, angenommen. — Der Reichstag wird am Dienstag, den 10. Juni, feine Thättg- keit mit der Beratung von zwei konservativen gewerbepolitischen Anträgen wieder aufnehmen. Der Antrag erhebt bekanntlich die alte Forderung der Beschränkung der Lehrlingsannahme auf JnnungSmetster. Der zweite Antrag bezweckt die Einführung von Gewerbekammern, um dem Gewerbestand eine ähnliche Vertretung zu schaffen, wie sie der Handelsstand in den Handelskammern besitzt. Hoffentlich werden sich die konservativen Abgeordneten vollzählig zu dieser wichtigen Sitzung einfinden. — Die Versammlung von Vertretern deutscher evangelischer Kirchenregierungen, die sogenannte „Eisenacher Kirchenkonferenz", wird dem Vernehmen nach in diesem Jahre, und zwar in der Trini- tatiSwoche, wieder in Eisenach tagen. — Auö der gestrigen Sitzung des BundcSratS ist noch nachzutragen, daß beschlossen wurde, die Karbolsäure als Denaturierungsmittel für Salz fernerhin nicht mehr zuzulaffrn. Ferner wurden
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für die Kreise Marburg und Kirchhain
und
art.U.j, 884.
Pfingsten.
Unter den günstigsten Auspizien feiern wir in diesem Jahre das liebliche Pfingsten, daS Fest wonniglichen Friedens und erhabener Begeisterung. In der Welt und innerhalb aller christlichen Länder herrscht tiefer Frieden und Fürsten und Völker scheinen sich mehr als je die christliche Heilsbotschaft zu Herzen genommen zu haben „Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen". Daneben machen stch auch in den meisten Kulturstaaten Bestrebuugm geltend, welche neben der äußeren Ruhe auch den inneren Frieden und die Wohlfahrt aus diesem Gebiete noch weiter iu erhöhen suchen.
Herrlich prangt auch wiederum die Natur in ihrem Festkleide und verkündet Wonne und reichen Segen, wie alle Welt cs zur Pfingstzeit wünscht. Die höchste und edelste Bedeutung des Pfingstfestes liegt jedoch trotzdem nicht auf den erwähnten Gebieten und wenn wir auch mit Freude und Befriedigung auf dieselben blicken können. Pfingsten ist das hohe Triumpsfest des christlich gesinnten H-rzens, welches jene erhabene Begeisterung in stch aufzunehmen und zu christlichen Großthaten anzufeuern vermag, wie wir sie bei der kleinen Schar der ursprünglichen Anhänger der Christuslehre für immer bewundern müffen. Woher war sie denn gekommen, jene wunderbare Macht, die einem Häuflein armer Fischer und Handwerker eine Weltreltgion gründen und verbreiten ließ?! — Bis zum Tode des Stifters der christlichen Religion war dieselbe doch fast nur das Geheimnis und Vermächtnis des kleinen Jünger und Freundeskreises geblieben, den Christus um stch gebildet hatte, unv nach dem Opfertode desselben galt cs, noch eine große, gewaltige Mission mit heiliger Begeisterung zu erfüllen und dem hehren Gedächtnis dieser herrlich erfüllten Mission ist das Pfingstfest geweiht.
Zur rechten Würdigung der Bedeutung deS Pfingstfestes gelangt aber nur ein christliches Herz, welches im Geiste nachzuempfindrn vermag, welche heilige Macht deS höchsten Wesens die Jünger an jenem ersten Pfingstseste zu ihren späteren Grvtzthalen, zur Verbreitung und Gründung der chrtstlichen Religion in allen den Jüngern erreich-
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Nr. 5.
baren Ländern begeisterte. Dieser erhabenen Begeisterung, welcher auch der Dichter ein Denkmal gesetzt hat, in den Worten:
Ein Kern des Lichts fließt aus in hundert Strahlen.
Die gottentflammte Abkunft zu bewähren, Begeistrung ist die Sonne, die das Leben Befruchtet, tränkt und reift in allen Sphären! In welchem Spiegel sich ihr Bild mag malen, Mag sie im Liede kühn die Flügel heben. Mag Herz zu Herz sie streben. Sie sucht dos Höchste stets,, wie fie's erkennt! Längst im Gemeinen wär die Welt zerfallen, Längst wären ohne sie zerstäubt die Hallen Des Tempels, wo die Himmelsflamme brennt; Sie ist der Born, der ewges Leben quillet, Bom Leben stammt, allein mit Leben füllet.
Anzeigen nimmt entgegen: die Ekpeditth« b. Blatte-, sowie d. Annoücen-Bureaux sägersche Buchhandlung ist ,-ankfurt'a.M.; Hermann- ch«BuchHandlung daselbst; "bolf Steiner i. Hamburg; mvalidenbank ist Berlin,
23 Die Reise zum Herr» Beiter.
Aus bem Tagebuche eines alten Hallenser Stubenten von Albert Jaenrch.
Natürlich machten wir von dieser Erlaubnis den aus- gicb'gsten Gebrauch. In der Regel saßen wir In der Laube des an das Gehöft anstoßenden Gartens und überließen uns auf ein paar Stunden ganz dem Glück und der Selig- kest unserer jungen Liebe, wobei bereit« auf da« Ernsthafteste unsere künftige WirtschaftSetnrichtung besprochen wurde. Noch wußte der Vetter nichts von unserem Verhältnis. Wir hatten beschloffen, daß ich ihm davon erst nach meiner Rückkehr nach Halle brieflich Mitteilung machen und dabei um ihre Hand anhalten sollte.
An einem wundervollen Mondscheinabeuoe — Mondschein ist ja für Liebend« bekanntlich daS, was für die Blumen das Sonnenlicht - saßen wir b-id-«i-derum in der Laube. Das so unendlich, liebliche milde Licht fiel auf die beiden großen blühenden JaSminsträucher, die zu beiden Seiten des Eingangs standen und stahl stch in magischen, zitternden Wellenlinien durch die Oeffnungen zwischen den Blättern des wilden WeinS und der Rose von Jericho hindurch, das dunkle Innere der Laube matt erhellend. Der laue Luftzug trug uns den köstlichen Duft der Blumen von den Beeten zu. „ t, .
Margarete hatte den Kopf an meine Brust gelehnt und faß mit gefalteten Händen da, den Blick träumerisch aus die vom Mondlichte bestrahlten JaSminblütm gerichtet.
.Weißt Du, Gretchen", unterbrach ich daS Schweigen, „es wäre doch herrlich, wenn Du nächste Woche mit mir zu meinen Eltern reisen könntest ! Würden diese sowie meine Schwestern sich sreuenl" .„
„Ja, ha« möchte ich auch von ganzem Herzen gern l
Illustrierter SouutagSblatt
ergebenft ein. Exped. der Oberh. Ztg.
jrcSben und Leipzig; I. Barck u. Co. in Halle; W. Thienes iy Elberfeld.
e.wivcrte st- lebhaft. „Aber wie daS möglich machen?! So ohne weiteres läßt mich der Vater nicht reisen! Allein schon gar nicht! Er selbst aber ist aus dem Hause nicht fortzubringen, das weißt Du ja, und eine Begleiterin ist nicht vorhanden. Diesen Wunsch werden wir also wohl fallen lasten müstenl*
„Das ist allerdings traurig", erwiderte ich niederge- schl'gen. „Wa« meinst Du", rief ich bann lebhaft, „wenn ich nun dem Papa unser Verhältnis offenbarte! Da wäre die Situation doch geklärt uns Deine Reise mit mir nicht nur ermöglicht, sondern sogar gewistermaßen geboten!"
„Nein, nein! Laß e« nur bei unserer Verabredung! Ich weiß nicht, mir würde jetzt noch der Mut fehlen, dem Vater nach Deiner Erklärung gegenüber zu treten! Er würde auch dadurch zu sehr überrascht werden und daS könnte schlimm auSfallen, denn er ist in seinen.Enstchlüflen, wenn ste ihm plötzlich aufgedrängt werten, unberechenbar!" entgegnete ste ängstlich. m _
Ich halte eS immer mit dem Sprüchworte: Was Du thun willst, daS thue bald! Einmal muß eS so wie so geschehen! Dein Vater ist mir gewogen, ein Jugendfreund und Verwandter des meinigen, ich selbst nehme einmal eine geachtete Stellung in der Gesellschaft ein, Du bekommst einen g-blldeten Mann, der Dich über alles liebt, also wüßte ich nicht, was Dein Vater gegen unsere Verbindung einzuwenden haben sollte!"
„DaS ist ja alles wahr, aber--
„Nur kein Wenn und kein Aber, Gretchen 1 Die Hauptsache ist Kourage! Frisch gewagt ist halb gewonnen! Laste mich nur machen l Morgen früh nach dem Kaffee, wenn der Vater daS Tageblatt liest, wobei er stet« in guter Laune ist, stecke ich mich in meinen schwarzen Anzug, knöpfe einen
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die bisherigen Mitglieder des Kuratorinrns der Reichsbank wieder gewählt. — AuS den Mitteilungen, die Herr von Bötticher im Bundesrat über die Grundsteinlegung zum ReichStagSgebäude gemacht hat, geht hervor, daß die Feier mit Rücksicht auf daS Befinden deS Kaisers sich in knappester Form vollziehen wird. Es werden keine Reden oder Ansprachen gehalten werden; nur der Kaiser wird einige Worte sprechen und der Reichskanzler wird die Bau-Urkunde verlesen. Einladungen an die Reichsfürsten werden nicht ergehen. — ES wird übrigens nachträglich bekannt, daß die Umgebung deS Kaisers und seine Aerzte bis zuletzt alles aufgeboten haben, ihn davon abzubringen, gestern zu Pferde die Parade abzunehmen. Der Kaiser bestand aber darauf und die Anstrengung hat keine üblen Folgen für seinen Gesundheitszustand gehabt, so daß er heute bereits wieder eine Parade in Potsdam abgenommen hat.
— [Zur Stempelsteuer.^ Die„Nat.-Ztg." bringt heute noch einen wütenden Artikel gegen den Stempelsteuerentwurf. Sie nennt ihn einen „Faustschlag ins Gestchi der Geschäftswelt" und bezeichnet es als „zum Lachen", daß die „Prov.-Korresp." auch noch Gründe für bep Widerspruch gegen den Entwurf verlangt. „Einen Mann, dem eine Ohrfeige appliziert werden soll, auffordern, wisten- schaftlich darzulegen, wie daS Aufschlagen eines Körper- auf die Muskulatur des Gesichts wirke, das heißt in der Thal übertriebene Ansprüche an die Kaltblütigkeit und die Naivetät des Patienten machen." Das ist ein Pröbchen von der Sprache der Börse. Weil die „Krz.-Ztg." stch dafür ausgesprochen hatte, daß die Geschäfte der produktiven Arbeit von der Steuer auSgefchlosten würden, und auch die „Post" eine ähnliche Kritik an dem Artikel geübt, so schreibt die „Nat.-Ztg." kurzweg, obwohl die „Krz.-Ztg." sich ausdrücklich für die Besteuerung der Börse ausgesprochen hatte: „Nachdem gestern die „Krz.-Ztg." sich von der Vorlage losgesagt hat, kommt heute auch die „Post" mit ihrem Absagearlikel." Das Börsen-Organ sucht also die Nachricht auszusprengen, auch die konservative Preffe habe sich von der Vorlage einfach losgesagt und wolle davon nichts wiffen, die Vorlage sei deshalb so gut wie beseitigt, da keine Partei für dieselbe eintrete. Gleichzeitig übt das Blatt dabet die Taktik, daß es die Besteuerung der Börse mit der Besteuerung der Geschäfte der produktiven Arbeit so mit einander verknüpft, daß eins mit dem andern steht und fällt, so daß also, wer die letztere von dem Ges-tz auSnehmen wolle, ganz selbstverständlich den ganzen Gesetzentwurf verwerfe; denn man könne die Börsengeschäfte nicht besteuern, wenn man die übrigen Geschäfte freilasse. Bei dem früheren Börsengesetzentwurf klammerte sich die Börse an die darin gemachte Unterscheidung zwischen „legitimen" und „illegitimen" (Spiel- oder Differenzge- schäften), und brachte diese Entwürfe dadurch zu Fall, weil reinen Kragen und ein Paar Manschetten um und rück« dann zur Attacke vor!"
„Na, ich laste mich dabei nicht sehen, mir wird schon jetzt bei dem bloßen Gedanken daran himmelangst!" rief ste, stch dichter an mich schmiegend. „Aber jetzt ist eSZett ins Haus zu gehen! Wie oft steht Papa deS Nachts auf und revidiert, ob auch alles in Ordnung ist!"
„Gut, so gehen wir! Aber es bleibt unwiderruflich dabei! Morgen halte ich um Dich an!"
„Wenn Du es einmal durchaus willst und Dir fest vorgenommen hast, was soll ich da noch weiter sagen! Du als Mann mußt ja überhaupt am besten wistrn, wa« Du zu thun hast!" lächelte ste.
Bald darauf war jedes in feinem Zimmer und schlief dem großen Morgen entgegen.
Und er kam heran. Mit ängstlicher Miene prüfte Margarete beim Kaffee deS Vaters Miene. Sie war heiler und freundlich wie immer. jDaS Gespräch drehte sich um die gewöhnlichen TageSereigniste.
Der Vetter ergriff sodann daS Tageblatt und begann eS zu studieren. Margarete wurde blaß und verließ daS Zimmer. Wenige Augenblicke später auch ich.
Eilig kleidete ich mich in Schwarz um, legte reine Wäsche an und frisierte mich sorgfältiger als gewöhnlich. Dann trat ich wieder aus meinem Zimmer heraus und schickte mich an, den großen Wurf zu thun. Margarete Hatte die Thüre ihres Stübchens ein wenig geöffnet und sah bleich vor Erregung heraus.
„Mut!" rief ich ihr leise zu. „In einer Viertelstunde ist alles vorüber!"
Ein flüchtiger Kuß und ich öffnete die Thüre des
,fl.,igen nimmt entgegen: ^Expedition b. Blatte-, “Le d Annoncen-Bureaux
Ja, Magdeburg u.Wren;
Sf Moss- in Frankfurt Berlin, München und
Mtn- G L. Daube und in Frankfurt a. M.,
Merlin, Hannover u. PanS. . ,
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Mu u. theiU
best.