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XIX. Jahrgang.
Marburg, Sonnabend, 31. Mai 1884. _________________________________________ i
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Judirette Besteuerung.
Daß das Reich die indirekten Steuern noch ergiebiger machen muß, ist nicht mehr fraglich, weil die Einzelstaaten, mmal Preußen, größerer Zuschüsse auS den indirekten Steuern des Reiches bedürfen, um die direkte Steuerlast, Me namentlich auf den Gemeinden lastet, zu erleichtern und dringende Bedürfnisse, wie die Verbesserung der Lage bet Lehrer, zu erfüllen. Im preußischen Landtag ist dieses Bedürfnis wiederholt anerkannt worden. Die preußische Regierung hat nun dem Bundesrat zwei Gesetzentwürfe votgelegt, wodurch diesem Bedürfnisse genügt werden soll, namentlich einen neuen Stempelsteuerentwurf und eine Novelle zum Zolltarif. Durch den letzteren soll der Zoll aus eine Anzahl von Gegenständen, wie Spitzen, Stickerei, künstliche Blumen, Taschenuhren, Seidenwaren, Kakao, Schokolade, Branntwein wesentlich erhöht werden. Wie man steht, betrifft das fast lauter Luxus- oder Genußgegen- stände, welche außer Kakao und Rum auch in Deutschland produziert werden und es würde sicherlich für unsere deutsche Spitzen und Stickerei-Fabrikation eine Wohlthat sein, wenn sie vor der Konkurrenz des Auslandes bester geschützt würde, da bekanntlich gerade in dieser Branche von den Albeitern sür wahre Hungerlöhne gearbeitet werden muß. Freilich müßte auch dafür gesorgt werden, daß die Arbeiter auch von dem Gewinn ihren Anteil bekämen und die Herren Fabrikanten ihn nicht allein einsteckten. Branntwein produzieren wir in Deutschland selbst schon viel mehr als genug, deshalb kann es nicht schaden, wenn der Zoll auf die Einfuhr ausländischen Branntweins erhöht wird. Unsere libe- talen Blätter, welche erst dieser Tage Erhöhung der Branntweinsteuer gefordert haben, sind gewiß damit einverstanden. Eine Vorlage wegen Erhöhung der Zuckersteuer ist ja nun bereits an den Bundesrat gelangt und eine solche über Branntweinsteuer wird wohl bald nachfolgen. Diese neue Zollvorlage würde sicherlich die Zolleinnahmen des Reiches erheblich vermehren und für einen Teil der sehr schutz- bedürstigen deutschen Industrie eine Wohlthat fein. Die freihändlertsche manchesterliche Preste ist natürlich auch gegen
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diese neue Vorlage, wie sie gegen die Stempelsteuer-Vorlage wahrhaft tobt. Diese letztere will nämlich alle Umsatz- geschäste, welche bei Wertpapieren mehr als 300 und bei Waren mehr als 1000 Mk. betragen, mit einem Stempel von je 20 Pf. für das Taufend belegen. Die Vorlage geht von der Voraussetzung aus: wer ein Geschäft abschließt im Betrage von 1000 Mk., der kann davon 20 Pf. an den Staat abgeben, unter besten Schutz und unter dessen Institutionen er sein Geschäft betreibt.
ES liegt auf der Hand, daß durch dieses Gesetz der kleine Geschäftsbetrieb, welcher sich in der Regel in geringeren Beträgen als 1000 Mk. bewegt, nicht betroffen würde; diese Steuer würde nur den Großbetrieb, vor allem den Geschäftsumsatz der Börse belasten, auf den eS ja auch hauptsächlich abgesehen ist und bei dem eS sich sowohl bei dem Geld- als dem Warengeschäft in der Regel um große Beträge handelt.
Früher, wenn Gesetze vorgelegt wurden, welche ausschließlich den Umsatz der Börse treffen sollten, dann schrie man seitens der Börse: «Warum bloß das Börsengeschäft und auch nicht andere Geschäfte? Geschäft ist Geschäft." Als man gar bloß die Schwindelgeschäfte der Börse treffen wollte und meinte, eine solche gute Absicht würden doch die Herren von der Börse anerkennen, da riefen sie: „Was heißt Zeit- oder Differenz- oder Schwindelgeschäft? ES giebt keine solche, Geschäft ist Geschäft, Gewinn wird bei jedem erstrebt, sonst macht man sie überhaupt nicht." So fielen alle diese Versuche in den Brunnen und das ganze Börsensteuer - Gesetz, welches wirklich gemacht wurde, brachte nicht so viel ein, wie die Klaffensteuer der Tagelöhner in Preußen. Man hatte di: Schlußnoten und Rechnungen besteuert, man wollte auch die Quittungen besteuern — die Regierung hat erkannt, daß daö alles zwecklos ist, weil diese Steuer nichts einbringt. Deshalb schlägt sie, um alle jene Einwänve zu entkräften, eine Steuer auf alle großen Geschäftsumsätze vor. Natürlich hat sie damit wieder in ein Wespennest gestochen, denn nun rufen die Herren der Börse: Welche Belastung des Handels, alle Geschäfte sollen besteuert werden!? Die „Krz.-Ztg." meinte gestern, die Geschäfte über selbst erzeugte Waren, also die Produkte der Land wirtschaft, des Handwerks und der Industrie müßten von der Steuer frei bleiben. Flugs kommt heute morgen die „Nat..Ztg." und sagt: „Die „Kreuz.-Ztz." steckt ihre schützende Hand über die Rittergutsbesitzer und ihre Verkäufe an Vieh, Futter, Getreice, Spiritus ec.; der Kaufmannsstand mag zufehen, wo er bleibt. Man kann diese ganze Gesetzgebung nicht bester persiflieren, als eS das konservative Blatt thut." — So haben die Herren von der Börse immer eine Ausflucht, daß Landwirtschaft und Gewerbe schon Grund-, Gebäude- und Gewerbesteuer zahlen,
ignorieren sie. Die Börse kann sich dem Entwurf gegenüber jedenfalls nicht mehr beklage», daß ihr durch denselben eine Extrasteuer auferlegt würde.
Die Steuer ist so niedrig, daß sie für den Geschäftsbetrieb nicht drückend ist; das ist auch seitens der liberalen Preste anerkannt worden. Es kommt nun aber darauf an, die Erhebung der Steuer den Geschäftsleuten möglichst br quem zu machen. Die Regierung hat für die professionellen Geschäftsleute die Führung von Steuerbüchern vorgeschlagen, In welchen die gemachten Geschäfte zu verzeichnen und welche am Enke jeden Monats der Steuerbehörde vorzulegen sind. Die Privatleute sollen, wenn sie ihren Stempel zahlen, ihre Geschäfte angeben. Seitens der Börse macht man dagegen geltend, daö sei zu lästig und verletze das Geschäftsgeheimnis des Kaufmanns. Was da- letztere betrifft, so wird selbstverständlich die Steuerbehörde den Inhalt der Steuerbücher nicht zu jedermanns Einsicht offen legen ober inbiskret behandeln. Was die Steuerbücher betrifft, so läßt sich ja vielleicht noch ein anderer Modus finden. Lästig ist übrigens jede Steuer, angenehm ist keine. Würde die Regierung eine neue Konsumsteuer vorschlagen, so würde man natürlich ebenfalls über große Belästigung und vor allem über Verteuerung der Ber- brauchsartikel klagen und namentlich würde man geltend machen, daß die Konsumsteuer vorzugsweise die großen ärmeren Volksklasten trifft. Das kann man bei dieser Steuervorlage nicht, denn sie trifft nicht die große ärmere Volksmaste, sondern die großen Geschäftsleute, weil sie nur auf Geschäfte von über 1000 Mark gelegt ist. Es wird selten vorkommen, daß ein Bauer für mehr als für 1000 Mk. Vieh ober Weizen ober der Handwerker für mehr als 1000 Mk. Waren auf einmal verkauft, und thut er es ja einmal, fo kann er auch, wenn er 1000 Mk. einnimmt, 20 Pfg. Steuer bezahlen, eS muß ihm nur möglich! bequem gemacht werden. Der Großgrundbesitzer und Großindustrielle werden durch die Steuer mehr betroffen werden; jedenfalls aber werden auch sie in einem Moment besteuert, wo sie die Steuer am leichtesten tragen können, nämlich in dem Moment, wo sie viel Geld einnehmen. Und wir glauben, wenn Grundbesitzer und Großindustrielle durch diese Steuer es erreichen könnten, daß sie in ihren Kommunallasten erleichtert werden, so würden sie sich mit der neuen Steuer schon aursöhne». Will man aber die Produkte der Landwirtschaft und Industrie von der Steuer ausnehmen, womit wir prinzipiell sehr einverstanden wären, so kann man der Börse gegenüber geltend machen, daß die Landwirtschaft und Industrie schon ihre Grund-, Gebäude- und Gewerbesteuer von diesen Produkten bezahlt haben und diese Steuern mit der Größe des Geschäfts ober Grundbesitzes wachsen, während der Börfenmann die größten Muffen Wertpapiere und Waren umsetzt, ohne daß felne
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W Die Reise zum Herr« Beiter.
Aus dem Tagebuche eines alten Hallenser Studenten von Albert Jaenich.
„Oho', bist Du auch hier, Vetter?" rief er, mich bewertend. „Sieh einmal an, Du möchtest Dich recht gut $um Verkäufer eignen! Du nimmst Dich ja hinter dem Ladentische ordentlich stattlich auS! Hast Du Dir schon weine Kräuterseife angesehen? Besteh Dir einmal dies Stück genau und rieche daran! Sv etwas Schönes giebt eS auf der ganzen Welt nicht mehr! Und wie prachtvoll sie beim laschen schäumt! Ganz gelb ist der Schaum, wie beim Quirnbacher Biere!"
„Kennst Du da« auch?" fragte ich erstaunt.
„Ich kenne alles, auch Kulmbacher Bier, wenn ich eS °«ch nicht trinke! Zwei und ein halber Silbergrofchen für das Seiiel ist viel zu theuer! DaS trinkt man ihm nicht ab! Da trinke ich lieber mein Gläschen Getreldekümmel tob meine Einfache, die kosten zusammen einen Silber» Loschen und bringen ganz dieselbe Wirkung hervor.
, „Freilich! Nur der Geschmack ist etwa» verschieden!" lachte ich,
„Was thue ich mit dem Geschmack! Mein Kümmel ndmkckt mir ausgezeichnet und meine Ei fache ist bester als dieser Lackrlzzenpamps!" erwiderte er, während er dabei mit ^l'klich bewundernswürdiger Schnelligkeit und Geschicklichkeit einem jeden die gewünschte Ware abwog, verpackte, daS Geld ^erzählte ober darauf herausgab, ohne auch nur einen ‘Wgen Fehler zu machen.
Ein tüchiiger Geschäftsmann war eS, baS mußte ihm lelbst der Neid lasten und diese Eigenschaft, verbunden mit ’yntm scharfen, natürlichen Verstände und seiner Gutherzigkeit M reichlich die Schrullen und Sonderbarkeiten seines «ffens
wieder aus.
„Ich gehe jetzt hinauf, Vetter!" sagte ich nach kurzer Zeit mich erhebend. „Ich will nach Hause schreiben. Der Vater hat es mir nämlich auf die Seele gebunden, ihm möglichst bald zu schreiben, wie eS Dir und Deiner Familie geht und wie eS überhaupt bei Dir anSsteht I"
„DaS thue nur! Laste Dir nur von der Margarete Papier und Schreibzeug geben und schreibe Deinem lieben Vater, daß ich mich außerordentlich freue, daß er Dich mit hergeschickt hat, daß ich aber sehr bedauere, daß er nicht selbst mitgekommen ist. So alt ist er noch nicht, daß er nicht die kleine Reise hätte unternehmen können, zumal bei den jetzigen Verkehrsmitteln. Seit Eisenbahnen existieren, sind überhaupt die Entfernungen eigentlich an- der Welt verschwunden!"
„Schön, Vetter, werde alles prompt auSrlchten!" Kommst Du bald nach?"
Ich stellte diese anscheinend harmlose Frage nicht umsonst.
„Vor dem Mittagsesten nicht! Ich habe bis dahin hier unten und in bet Scheune noch vollauf zu thun? So lange also mußt Du Dich schon mit Margaretens Gesellschaft begnügen!" entgegnete er.
DaS ist ja himmlisch, buchte ich, währenb ich mit ein paar Sätzen die Treppe hinauf sprang.
„Gretchen!" rief ich in die offen stehende Küche, j,Gretchen I Komme doch schnell einmal herein I Ich habe Dir . etwas ganz Besonderes mitzuteilen!"
Mit erklärlicher Neugierde war sie im Augenblicke da und sah mich mit gespannter Erwartung an.
Ich ergriff sie bei beiden Händen, sah ihr ein paar Sekunden in da- liebe, schöne Gesichtchen, bann zog ich sie schnell an meine Brust und gab ihr einen herzhaften Kuß, worauf ich sie wieder los ließ.
„Nun, was hast.Du mir benn so ganz Besonberes
mitzuteilen? Beeile Dich, ich habe nicht viel Zeit übrig, die Suppe steht auf dem Feuer und läuft mir sonst über! Dore ist im Keller!" drängte sie.
„Hast Du wirklich nichts Besondere» gemerkt, Gretchen?" lachte ich.
„Ach gehe! Du treibst nur Deinen Scherz mit mir!" schmollte sie.
„Aber Gretchen, ist denn ein Kuß von mir nicht- Besonderes? Und habe ich Dir einen solchen nicht soeben mitgeteilt?"
„Herr Gott, ist baS ein übermütiger Mensch 1 Na warte nur, bis ich nachher Zeit habe! Da» werde ich Dir mit Zinsen zurückzahlen!" lachte sie nun ebenfalls.
„Wird mir sehr angenehm sein!" rief ich. „Apropos, Gretchen, ich muß nach Hanse schreiben, kannst Du mir nicht Briefpapier und Schreibzeug geben?!"
„Gehe nur in meine Stube! Aus dem Tischchen am Fenster liegt meine Mappe. In der findest Du alle-, waS Du brauchst!"
Damit eilte sie zurück in die Küche, um die Nudelsuppe vor dem Ueberlaufen zu bewahren.
Drei Wochen waren, mir und Gretchen natürlich so schnell wie drei Tage, dahin gegangen. Ein Tag mit geringer Abwechselung fo wie der andere. In die Kneipe ging der Vetter nie. Dazu war er zu sparsam. Sowie die Uhr des Abends die neunte Stunde anmeUete, ging er mit fast peinlicher Regelmäßigkeit zu Bett. Wir dagegen, Margarete und ich, hatten glücklicherweise Vollmacht, fo lange aufjubleiben, wie e8 uns beliebte. Diese Konzession hatte der Herr Vetter freilich nur aus Rücksicht auf mich für die Dauer meines Besuche« gemacht, sonst mußte Margarete ebenfalls punkt neun Uhr ihr Zimmer aufsuchen.
(Fortsetzung folgt.)