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Marburg, Freitag, 30. Mai 1884.
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Die Reise zum Herrn «eiter.
Aus dem Tagebuche eines alten Hallenser Studenten von Albert Jaenich.
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„Na, da freuen Sie und der Herr Papa sich wohl gehörig, nicht wahr? Das ist schön! Ich sah ja eben, wie lieb Sie sich beide haben! Ei, was Sie beide für ein hübsches Paar wären!" rief die Frau mit der der niederen Volksklasse eigenen zudringlichen Freundlichkeit.
Pst, pst, Mutter Brendel, was reden Sie dal Wenn da« "jemand hörte!" rief Margarete.
Na, was wahr ist, muß doch auch wahr bleiben! Aber nun Adieu, Fräulein, auf Wiedersehen! Adieu, junger Herr! Grüßen Sie nur den Herrn Papa schön, liebes Fräulein!" nickte die Alte, sich entfernend.
Margarete drückte die linke Hand auf ihr Herz und vermochte augenscheinlich kaum, die Thränen zurückzuhalten.
.Mein liebes Gretchen, Du bist ja so blaß! WaS ist Dir denn?" fragte ich besorgt.
-Nichts! Nichts! Der Schreck, von der alten Frau so überrascht zu werden. Die erzählt nun überall, wo sie hinkommt, waS sie gesehen hat und in einer halben Stunde weiß es die ganze Stadt!" rief sie leise.
-Nun und wenn sie das thut?" erwiderte ich.
„Ach, Du weißt nicht, waS daS zu bedeutm hat! Du
kennst die Klatschsucht in einer kleinen Stadt nicht und wie leicht der gute Ruf eines Mädchen« von ihr vernichtet vir»! Die unschuldigste Sache von der Welt nimmt tat Munde solcher Leute allmältch eine gehässige Färbung an I entgegnete sie.
Ich war bei diesen Worten ernst geworden.
»Höre einmal, Gretchen", sagte ich, »setze Dich noch
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Zur vörsenbestenernug.
Die Haltung der liberalen Presie läßt deutlich erkennen, daß fie in dem Gesetzentwürfe über Börsenbesteuerung einen weit schwereren Schlag für die Interessen des manchesterlichen Kapitalismus erblickt, als in dem Kompromiß in der Unfallversicherungsfrage. Daß beide eines Geistes Kinder sind, entgeht den tiefer Blickenden unter den Gegnern wohl nicht; von der Börse aber gilt ihnen das Wort, wonach uns „das Hemd näher ist als der Rock". Daß die Sozialreform hier nicht mehr Halt machen will, spricht in der That besonders für die zunehmende Stärke und Tiefe der Strömung. Jede welt- erfahrene Reform beginnt mit dem Kleinen und nicht mit dem Großen. Zu dem Großen in diesem Sinne gehört aber vor allem der Kapitalismus, ja er ist der größte, schlechtweg derjenige, der alles andere in sich vereinigt und zufammenfatzt, was wir bekämpfen und Umwerfen müssen, wenn eine neue, besiere Gesell chaftSordnung erstehen soll, als diejenige sein kann, die au der Ausbeulung der Vielen durch die Wenigen beruht.
Einen Satz wie diesen aussprechen, heißt vom Standpunkte des Manchestertums freilich so viel, als fich mit der Sozialdemokratie auf einen Boden stellen. Wir wissen aber, daß das Gegenteil wahr ist. Die Sozialdemokratie wäre ohne die Thatsache der kapitalistischen Ausbeutung undenkbar. Nur wenn wir dieser Thatsache an die Wurzel gehen, können wir darum hoffen, die Sozialdemokratie selbst zu überwinden, der drohenden Revolution durch die Reform zuvorzukommen. Dieser Gedanke nun, daS sagten wir schon, hat so viel Macht gewonnen, daß er sich endlich auch an die Größeren wagt, daß die Börfenherrlichkeit ernstlich von ihm unter die Loupe genommen wird und ihre Unantastbarkeit ein Ende hat. In diesem Zusammenhänge vor allem liegt die Bedeutung des Entwurfes. Für sich allein würde er keinen grundsätzlichen Schlag gegen die Börse bedeuten; man könnte sogar sagen, daß dieselbe durch die Besteuerung ihrer Ttzätigkeit im gewtffen Sinne eine Anerkennung erfährt; waS man verurteilt, besteuert man nicht, fondern man schafft eS ab. So ist eS tndeffen nicht gemeint — das brauchen wir nicht zu wiederholen. Die
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Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d. Annoncen-Bureaux Jägersche Buchhandlungen Frankfakt'a.M; Hermann- scheBuchhandlungbaselbst; Adolf Steiner i.Hamburg; ♦ Jnvalidendank in Berlin, Dresden und Leipzig; I. Barlt u. Co. in Halle; W. ThieneS in Elberfeld.
-».eigen nimmt entgegen: !ie Expedition d. BlatteS, löwie d Annoncen-Bureaux »onHaasenstein und Vogler Äntfurt a. M , Ham- dura. Magdeburg u. Wien; «udolf Mosie in Frankfurt » M, Berlin, München und ssln; ® L. Daube und So. in Frankfurt a. M-, Berlin, Hannover u. Paris.
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nach sich leicht der Aufsicht entziehenden Geschäftsformen die unerläßliche Kontrolle sicherstellt, andererseits aber dieser Kontrolle eine solche Form giebt, daß ste die Freiheit deS VeikehrS nicht ungebührlich beeinträchtigt. Der dem Bundesrate vorgelegte Entwurf schlägt zu diesem Zwecke vor, alle Börsengeschäfte (bis zu einem gewissen Minimum, von 300 Mark bei Effekten-, von 1000 Mark bei Warengeschäften) mit einer Abgabe von */io vom Tausend zu belegen, ohne hierbei einen Unterschied zwischen Kaffen- und Zeitgeschäften zu machen, da einesteils daS „Zeitgeschäft" schwer definierbar ist und andernteilS auch das „Kassengeschäft" die Abgabe ohne Beschwerde zu ertragen im Stande sein wird. Ferner verpflichtet e« die beteiligten Kantrahenten eines Geschäfts, den Abschluß desselben wie die entsprechende Abgabe in ein „Steuerbuch" einzutragen, ebenso wie der vireidigte oder unvereidigte Vermittler gehalten ist, die unter seiner Vermittelung zu Stande gebrachten Geschäfte in ein Verzeichnis oder in ein Tagebuch einzutragen. Durch das allmonatliche Vorlegen dieser Steuerbücher, sowie durch die gleichzeitige Einreichung der Verzeichnisse bezw. Tagebuchauszüge ist die Behörde in der Lage, festzustellen, eines Teils, ob daS in dem Steuerbuch des einen Kontrahenten aufgesührte Geschäft auch in demjenigen des Gegenkontrahenten aufgeführt ist, andererseits, ob die in dem Maklerverzeichnisse aufgeführten Geschäfte tu den Steuerbüchern richtig verzeichnet stehen. Auf diese Weise kann von einer Stempelung der Urkunden, auf welche fehr häufig verzichtet wird, abgesehen werden. Hohe Geldstrafen sollen denjenigen treffen, welcher diesen Vorschriften zuwiderhandelt. Die in Vorschlag gebrachte Steuerreform — und in dem gegenwärtigen Stadium der Börsen- steuerfrage konnte eS sich vornehmlich nur um eine Prüfung der Ausführbarkeit dieser Steuerreform handeln — hat bis jetzt eine ganz ungenügende kritische Beleuchtung erfahren. Man hat sich damit begnügt, dieselbe in allgemeinen Redewendungen und Schlagwörtern zu bekämpfen. Statt besten wird von neuem versucht, die prozentuale Börsensteuer an sich als eine gegen „Handel" und „Kapital" gerichtete feindliche Maßregel zu bezeichnen und daraus den Untergang des Börsengeschäfts, deS Nationalwohlstandes und ähnliches zu prophezeien. Diese mehr auf das Gefühl als auf den Verstand berechneten unsubstantiierten Klagen dürfen als ein Beweis dafür angesehen werden, daß die gegnerische Preffe die praktische Ausführbarkeit der vorgefchlagenen Besteuerungsform indirekt zugesteht. WaS aber die unheilvollen Prophezeiungen anbetrifft, so ist nicht einzusehen, wie eine an sich gerechte und notwendige Maßregel ein legitimes Verkehrsgeschäft untergraben und weshalb ste nicht daS illegitime Börsenspiel schädigen soll. Daß aber die prozentuale Börsensteuer eine solche Maßregel ist, kann von keinem Unbefangenen in Abrede- gestellt werden. Dieselbe füllt eine bisher schwer empfundene Lücke auS, indem ste diejenigen nach ihrer Leistungsfähigkeit richtiger
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vorher, als ob wir gegenseitig gesetzter, würdevoller, reifer geworden wären.
„Der Vater kommt!" rief endlich Gretchen. „Der darf noch nicht wisten, waS zwischen uns vorgefallen ist! Mein Gott, wie ich glühe! Und wie meine Frisur auösteht I"
„Nimm hier mein Taschenbürstchen! Ein paar Striche, dann ist alles wieder in Ordnung! Warte, ich werde die Friseuse spielen!"
„DaS wird nett werden!" lachte ste leise.
„Oho! Paffe nur auf!" ES wäre nicht das erste Mal, daß ich Damen frisiere! Frage nur meine Schwestern, die werden Dir schon mein Lob verkünden! So! Siehst Du, nun ist die Sache schon gemacht! Besteh Dich einmal!'
In einem kleinen Handspiegel, der im Laden hing und den ich ihr vorhielt, überzeugte ste sich vo» der Wahrheit meiner Aussage.
„Nein, meine Wangen brennen aber wie Feuer! Ich muß mich ins Dunkle wenden, damit es der Papa nicht bemerkt! Gott sei Dank, da kommen Kunden! Die bedient er selbst, baß läßt er sich nicht nehmen und ich entgehe dadurch glücklich seiner Beobachtung l Uebrigens ist ja auch bald EffenSzeit, da werde ich-gleich hinaufgehen und zum Rechten sehen."
„Ich komme bald nach!" rief ich glückselig.
„Natürlich! Wo ich bin, da gehörst Du von jetzt an auch hin! Verstanden?!" sagte ste mit einem reizenden Lächeln, worauf sie, mir noch einmal die Hand drückend, aus dem Laden eilte und ihrem bereits den Hausflur entlang kommenden Vater zurief, daß sie nach oben müffe und er doch die schon harrenden Kunden abfertigen möchte.
(Fortsetzung folgt.)
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Börse hat auch keinen Versuch gemacht, die Sache in diesem Sinne zu deuten. Ihr zufolge ist eS der „Haß gegen daS Kapital", der den Entwurf dikttert hat. Eine kindische Auslegung, die keinen Hund mehr hinterm Ofen hervorlocken wird. Nicht Kapital — Kapitalismus heißt es. DaS Kapital haßt niemand, der fünf Sinne hat, weil es ohne Kapital auch keine Arbeit geben könnte; nur gegen die verderbliche Anwendung deS Kapitals durch den Kapitalismus kehrt sich der „Haß", den die Börse wahrgenommen haben will. Den Patronen derselben freilich mag eS sehr angemeffen vorkommen, daß fie mit Hilfe des ihnen zur Verfügung stehenden Kapitals nur die Hand zu rühren brauchen, um die Kurse zu heben oder zu werfen und so in einer Viertelstunde vielleicht mehr zu verdienen, als ein Mann der wirklichen Arbeit in seinem ganzen Leben erwerben kann. Diese Art, mit Kapital Kapital zu machen, wirkt aber nicht befruchtend, sondern verwüstend, weil ste das Geld im Schranke einsperren hilft, daS „rollen" muß, wenn eS sich segenspendend erweisen soll. Der vorliegende Entwurf bringt diesen Gesichtspunkt in sehr maßvoller Weise zum Ausdruck. Um so sicherer ist die Zustimmung der ungeheuren Mehrheit deS Volkes, das nie begreifen wird, weshalb gerade die Allerreichsten von ihrem „Gewerbe" keine Steuer zahlen sollen.
Die „Prov.-Korresp." weist in einem ArÜkel über die neue Börsensteuervorlage zunächst auf das Ungenügende des jetzigen Gesetzes hin: 20 Mill, habe man davon erwartet — und auf 2 784 000 habe dasselbe in dem jetzigen Etat angesetzt werden müffen. Sowohl der finanzielle Mißerfolg wie da« Gefühl, daß ein BesteuerungSmoduS ausfindig gemacht werden muffe, welcher diesen Grundsätzen Rechnung trägt, haben im Dezember 1882 die konservative Partei deS Reichstags zur Einbringung eines Gefetzvor- schlags bewogen, welcher hauptsächlich an der Begriffsbestimmung der Zeitgeschäfte scheiterte. Auch die liberalen Abgeordneten Oetker und Hansen hatten am 6. März d. I. im Abgeordnetenhause gegenüber der hohen Stempelbelastung deS Grundbesitzes eine stärkere Heranziehung des Verkehrs mit beweglichem Vermögen zu den Stempelabgaben ausgesprochen. Auch der badische Landtag habe sich kürzlich für eine Erhöhung der Börsensteuer ausgesprochen; ferner die Heidelberger Erklärung und der Rationalliberale Parteitag in Berlin. Dann fährt das Blatt fort:
Besicht so — wie man sagen darf —, abgesehen von einseitig interessierten Kreisen und derjenigen Partei, die sich in grundsätzlichem Widerspruch zu den auf wirtschaftlichem, steuerlichem und sozialem Gebiet sich bewegenden Reformbestrebungen befindet, kaum eine Meinungsverschiedenheit über die Richtigkeit und Berechtigung des zu erstrebenden Zieles, so konnte die hiermit gestellte Aufgabe sich vornehmlich darauf befchränken, einen möglichst unanfechtbaren Steuermodus ausfindig zu machen, d. h. eine Besteuerungsform, die einerseits gegenüber den der Natur der Sache
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einmal einen Augenblick hierher und höre mich ruhig an! Ich bin kein Freund der halben Maßregeln, ebenso wie ich kein Freund von Flausen und Windbeuteleien bin? Ich wollte lieber den Tod, als daß Dir um meinetwillen auch nur das geringste Leid widerführe! Was ich Dir vorhin sagte, als wir so unliebsam gestört wurden, ist die Wahrheit, ist mein voller, heiliger Ernst! Ich liebe Dich von ganzem Herzen! Um darüber gewiß zu werden, dazu bedarf es für mich nicht Wochen und Monate, dazu genügt ein Tag I Ob ich Dir das oben im Putzzimmer sage, oder hier im kleinen, unscheinbaren Ladenftübchen, ist ganz gleich! So, jetzt habe ich Dir daß gesagt und nun frage ich Dich ehrlich und aufrichtig: Hast Du mich ebenso lieb, Margarete, so lieb, daß Du Dich entschließen könntest, nach ein paar Jahren, wenn ich mein Ziel erreicht, meine Frau zu werden?"
„Mein Gott, Vetter--da« — daß — so plötzlich --1" rief sie bebend und abwechselnd erbleichend
und errötend. „Laffe mir Zeit! Biß morgen! Biß nachher! Wie leicht kann hier wieder jemand kommen!"
„Mag die ganze Welt kommen und Zeuge diestß Augenblicks sein! Antworte nur offen und schnell, ob Du mich liebst?" drängte ich.
„Ja doch, ja, von ganzem Herzm, Du ^stürmischer Mensch!" flüsterte ste, mit beiden Armen meinen Hals umschlingend.
„Mein liebeß, liebes Gretchen!"--
„Met, lieber, lieber Vetter!"--
Weiter sagten wir beide kein Wort, sondern Hielt' n uns nur stumm umschlungen.
Alß wir unß endlich loß ließen und einander ansahen, da kam eß unß vor, als ob wir ganz ander« aussähen ote