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Marburg, Sonnabend, 24. Mai 1884.

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Sozialistengesetz «ud Unsallverficherung.

Bei der außerordentlichen Bedeutung, welche die Ber- lingcrung des Sozialistengesetzes für die laufende ReichstagS- Gon gehabt hat, wird eine Erinnerung an die Absichten «ckmäßig sein, welche der Einbringung des bezüglichen Mages zu Grunde lagen. .In der Hoffnung auf er­zreiche Mitwirkung des Reichstages an dem Werke der Zozialreform", zunächst deS UnfallverstcherungSgefetzeS, war tjefer Antrag eingebracht und in der bei Eröffnung des Mcichstages gehaltenen Rede ausdrücklich hervorgehoben goicen, daß die verbündeten Regierungen ihrerfeitö bemüht j£in würden, durch Erfüllung der Pflichten gegen die arbeitende Bevölkerungden Erwartungen und Zusagen zu ^sprechen, welche die Vorbereitung und den Erlaß deS Gesetzes vom 21. Oktober 1878 begleiteten".

Durch ihre Zustimmung zur Verlängerung deS Sozia- Hengesetzes hat die Mehrheit der Volksvertretung eine abermalige Anerkennung der Pflichten ausgesprochen, welche durch den Erlaß dieses Gesetzes übernommen worden waren. Die Mehrheit hat sich zur Beihilfe bei dem Wecke ver­bindlich gemacht,durch welches den auf dm Umsturz ge­richteten Bestrebungen revolutionärer Elemente der Boden entzogen und die Beseitigung der erlassenen Ausnahmegesetze »«gebahnt werden soll". An der Entschiedenheit, mit welcher die öffentliche Meinung für die Verlängerung der Gel- luugSdauer des Gesetzes vom 21. Oktober 1878 eingetreten ist, hat neben der Einsicht in die Gefahren der Zeit das allseitige Verlangen, dem Zustandekommen und der Aus fihrung der sozialreformatorischen Gesetze jede Hemmung und Verzögerung fern gehalten zu sehen, entscheidenden Anteil gehabt. Hemmungen wären eben unvermeidlich ge- «scn, wenn die Rücksicht auf den von der sozialdemokratischen Propaganda zu befürchtenden Mißbrauch bei der Beratung «ab Feststellung der zu gunsten der Arbeiter zu treffenden Einrichtungen maßgebend gewesen wäre. Unter den g e g e n * Bärtig gegebenen Verhältnissen ist den Faktoren der Gesetz- gibung die nötige Freiheit deS Handelns gesichert; es wird Mtauf ankommen, daß von derselben der richtige Gebrauch gemacht werde.

Die Grundlagen des Gesetzentwurfs, betr. die Unfall- versicherung, können als gesichelt angesehen werden. Rück- stchtlich der Ausbringung der Versicherungsprämien durch die Arbeitgeber, der genosienschaftlichen Organisation, des LeckungSverfahrenS rc. besteht wesentliche Uebereinstimmung btt Meinungen. Hinsichtlich eines, mindestens ebenso nichtigen Punkte« sind dagegen vielfach unzutreffende An­schauungen im Umlauf. In weiten Kreisen glaubt man ttr Beteiligung der Arbeiter an den neuen Einrichtungen Möglichst enge Grenzen stecken und darauf hinwirken zu Äffen, daß das Arbeiterelement nicht als solches, sondern nut int Verein mit den Arbeitgebern und unter Leitung

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damit Margarete nicht dazu kommt! Ich liebe es nicht, hierbei von Kindern beobachtet zu werden! Wenn ich einmal so einen pfeife, dann thue ich das immer Solo, Solisstmo, dem kleinen Veilchen gleich, das im Verborgenen blüht! So! Das ist brav!"

Er blinzelte mir freundlich zu und schob bann die kleine Feldflasche wieder in die Brusttasche seiner Drillichjacke zurück, nachdem er zuvor auch einengepfiffen" hatte.

Als im Augenblicke darauf Margarete mit Dorothea, der alten Wirtschafterin, ins Zimmer trat, machten wir beide die unschuldigste Miene von der Welt und nur ab und zu warfen wir uns, im glücklichen Bewußtsein unseres Ge- heirnniffes, einen verständnisinnigen Blick zu.

So, lieber Vetter, nun sei so gut und lange zu! Laffe Dich nicht nötigen, das ist mir immer ein Gräuel!" rie- mir Margarete zu, während sie sich einen Stuhl herbei, holte, um neben mir Platz zu nehmen.

Aber, ich werde doch nicht allein hier effen und Ihr mir zusehen! Das geht doch nicht! Da schmeckt es mir ja nicht! Nein, allein effe ich feinen Bissen, darauf könnt Ihr Euch verlassen l" erwiderte ich bestimmt.

Wir haben ja längst gegessen, Vetter 1 Wir sind gewöhnt, um punkt sieben Uhr zu essen! Wenn Papachen später ißt, dann hat er eine unruhige Nacht!" sagte Margarete mit überzeugungsvollem Kopfnicken.

Aber Tu doch nicht! Drum Du wenigstens ein paar Biffen mit. Allein schmeckt eS wahrhaftig nicht! Thue es mir zu Liebe!" "

Nun gut! Aber eben nur Dir zu Liebe!" lachte sie.

Der Detter hatte augenscheinlich auf unser Gespräch gar nicht geachtet. Er saß unbeweglich in feiner Ecke und starrte sinnend vor sich hin. Ich hatte unterdessen die Ge­legenheit benutzt und als Koustn der neben mir sitzmdeu

Margarete mehrmals zärtlich die Hand gedrückt und sie, die Kousine, hatte diese Drücke leise erwidert.

Diese Temperatur meines Herzens war gar nicht mehr weit vom Siedepunkte entfernt und das Leuchten ihrer Augen ließ mich erkennen, daß auch in ihrem HerzenS- barometer das Quecksilber bedeutend im Steigen begriffen war. Eben traf ich Anstalt, einen Kuß zu applizieren, als sich ungelegenerweise der Vetter plötzlich mit den freund­lichen Worten an mich wandte:Na, das ist hübsch, Kinderchen, daß Ihr Euch so amüsiert und mit einander vertragt. Ueberhaupt, Vetter, wirst Du Dich meistens hier an meine Tochter halten müssen, denn ich bin eben ein Geschäftsmann, der den Tag über vollauf zu thun hat."

Ist mir sehr angenehm, wollte ich eben sagen, besann mich aber noch zeitig genug, um bloS zu fragen:WaS hast Du denn eigentlich so viel selbst zu thun?" Du hast doch sicher Deine Buchhalter, Komptoiristen, Aufseher rc."

Buchhalter? Komptolristen? Aufseher? WaS denn noch mehr?" rief er entsetzt die Hände zusammenschlagend.Der bloße Gedanke daran könnte mich wahnsinnig machen! Bei den schlechten Zeiten so viele unnütze Esser! Um Gottes­willen, wo denkst Du hin? Ich bin selbst mein Buchhalter, Komptoirist und Aufseher in eigener Person! Ich besorge die Fabrikation der Ware, ich bediene meine Kunden, kurz, ich mache alles selbst! Dabei habe ich noch Landwirtschaft. Morgen z. B. laffe ich Korn einfahren I Begreifst Du nun, daß ich Tag und Nacht auf den Beinen fein muß?!'

So arg brauchtest Du eS aber wohl auch nicht zu machen, Papachen", sagte Margarete vorwurfsvoll.Du quälst Dich ja geradezu ab und gönnst Dir nicht eine ruhige Stunde 1 DaS hast Du doch gerade nicht nötig und weshalb sich unnötigerweise das Leben so sauer machen I"

(Fortsetzung folgt.)

Die Reise zum Herrn Netter.

Aus dem Tagebuche eines alten Hallenser Studenten von Albert Jaenich.

Na höre einmal, Vetter, die schönen Worte und daS Schmeicheln scheint Ihr in Halle auch auS dem Grunde zu Wehen. Nimm Dich nur in Acht, daß ich mich nicht furchtbar revanchiere!" Dabei drohte sie mir mit ihrem schlanken Finger so anmutig, daß ich sie wieder mit ent» ßcktern Blicke betrachtete. Natürlich wurde sie wieder rot »nb eilte aus dem Zimmer, um, wie sie sagte, die Dore zu Äsen und den Tisch für einen Imbiß zurecht zu machen

verteilt, doch handelt eS sich offenbar um die Beseitigung der Unklarheiten, die über den Kontraktstempel bestehen, also um die Fassung des Reichsstempelgesetzes in der Tarif­nummer 4. Es soll diese Unklarheit beseitigt, bann aber auch, wie au8 Aeußerungen deS FtnanzmtnisterS im Ab- geordneteuhause zu schließen ist, der Ertrag des Stempels erhöht werden. Der Konsularvertrag mit Rumänien soll dem Bundesrate binnen kurzem zugehen und wahr­scheinlich noch in dieser Session an den Reichstag ge­langen. DieProv.-Korresp.", die Ergebniffe der ab­gelaufenen LandtagSsesston besprechend, mißt eine große Schuld daran, daß die Jagdordnung und die Kommunal- Vorlage gescheitert, die Einkommen- und Kapitalrenten­steuervorlage nicht einmal über die KommissionSverhand- lungen hinauSgekommen find, der immer weiter um sich greifenden Neigung, alle Vorschläge der Negierung nach Parteigestchtspunkten umzugestalten, bei. Durch solche un­fruchtbare Thätigkeit werde daS Ansehen des Parlaments geschädigt. Jede Regierung werde die einsichtige Kritik ihrer Vorlagen durch die Volksvertretung zu würdigen wiffen; wenn aber die kritische Thätigkeit so überhand nehme, daß jede schöpferische Thätigkeit mehr oder weniger in den Hintergrund gedrängt werde, so entstehe die Gefahr, daß daS Land das Vertrauen und Jntereffe für die par­lamentarischen Einrichtungen verliere. Einer römischen Meldung derGermania" gegenüber, der Papst habe Herrn v. Schlözer erklärt, die Kirche könne das Opfer der Demission LedochowSkts nur dann bringen, wenn Preußen daS Gesetz über die Vorbildung der Geistlichen revidiere, sagt dieNordd. Allg. Ztg.", nach einer Auskunft von unterrichteter Stelle habe der Papst in einer Unterredung mit Herrn v. Schlözer über eine an erweite Besetzung des Erzbistums Posen von einer Revision des gedachten Ge­setzes gar nicht gesprochen. Nach anderweitigen römischen Naachrichten solle der Papst verstimmt sein durch die jesui­tische Einflüsterung, die deutsche Presse verhöhne ihn, weil sie in bet Ernennung LedochowSkiS zum Sekretär der Bitt- schrtftenkommisston einen Steg bet preußischen Politik er­blicke. Ebenso sei der Papst über die Landtagsverhand- lungen bezüglich der Jagdzewskischen Interpellation in ent­stellender Weise berichtet worden. Die Abfertigung, die der Kultusminister einzelnen Rednern des Zentrums wegen ihrer Injurien erteilte, habe auf den Papst verstimmend gewirkt; die polonisterenden Einflüffe machten sich wieder stärket geltend. Hierzu bemerkt dieNordd. Allg. Ztg.", ste kenne kein ansehnliches Blatt, welches den Papst In der ange­gebenen Weise verhöhnt habe; dagegen hätten viele Blätter die Regierung wegen zu großer Nachgiebigkeit verspottet. Wenn die Regierung durch daS Kanoffa-Geschrei und nicht durch sachliche Rücksichten auf daSSeelsorgenbedürfniS bet preußischen Katho­liken geleitet worden wäre, so würden heute noch sämtliche

.«gen nimmt entgegen:

Expedition d. Blatte», <-mie d Annoneen-Bureaux ^Haasenstein und Vogler ^rantfurt a M , Harn- Magdeburg u. Wien; Äf Moffe in Frankfurt Bi Berlin, München und G L. Daube und k in Frankfurt a. M., jetlin, Hannover u. Paris.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d. Annoncen-Bureaux Jägersche Buchhandlung in Frankfurt!«». M; Herrnann- scheBuchhandlung daselbst; Adolf Steiner i. Hamburg; Jnvalidendank in Berlin, Dresden und Leipzig; I. Barck u. Co. in Halle; W. ThieneS in Elberfeld.

Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen BeilageZlluftrirteS Sonntagsblatt" durch die Expedition (Ko ch'sche Buchdruckerei) bezogen 3«/4 Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg (excl. Bestellgebühr.) Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg.

Für in der Expedition zu erteilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 35 Pfg. berechnet

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Sage einmal, Vetter, wo ist denn die Tante? Schläft 8t schon?" fragte ich, al« die Thüre sich hinter ihr ge­flossen hatte.

Die schläft schon seit beinahe zehn Jahren", erwiderte Vetter leise, während ihm zwei große Thränen über die Rangen herabrollten.

Ich brückte ihm stumm die Hanb. ES war mir lieb, Margarete nicht im Zimmer war. Die Frage hätte K auch in ihr schmerzliche Erinnerungen wachgerufen.

Der Vetter knirschte wieber, wie er daS stets zu thun Hegte, wenn er seine Rührung unterdrücken wollte, mit Zähnen, daß eS mir heiß unb kalt über ben Rücken *f, dann sagte er plötzlich:Trinkst Du auch ein Kümmel- M, Vetter? Echter, reiner Getreidekümmel! Fährt einem N recht warm in ben Magen unb in die ©lieber. Meine Stlige nahm auch alle Morgen zum zweiten Frühstück und Ak Veeper in der Dunkelstunde ein Schlückchen davon, war ihr der liebste unb kein Schnäpschen schmeckte ihr wie dieser! Gott habe sie selig I Dort oben wird sie ja 6M Meinen trinken, da wird, glaube ich, überhaupt nichts ge- "^INilen. Na, haue nur einen runter, aber beeile Dich,

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ber letzteren zum Mitthun unb Mitraten herangezogen werden dürfe. An unb für sich begreiflich, erscheinen diese Ein­wendungen gegen den Inhalt der Vorlage rückstchtlich ihrer praktischen Wirkungen nicht unbedenklich. Einerseits drohen dieselben, daS System des Gesetzentwurfs zu zerreißen, nach welchem die Thätigkeit ber Unternehmer - Genossenschaften durch diejenige von Arbeitervertretungen ergänzt werden soll, andererseits aber liegt die Befürchtung nahe, daß eine Organisation, welche den Arbeiterstand als solchen unbeteiligt läßt, deS volkstümlichen Bodens entbehren und dadurch deS Zwecks verfehlen würde,den auf den Umsturz gerichteten Bestrebungen revolutionärer Elemente den Boden zu entziehen". Ein gewiffeS Maß selbständiger Beteiligung der Arbeiter wird bei den UnfallverstcherungSeinrichtungen ebensowenig entbehrt werden können, wie daS bei der Or­ganisation der Krankenkaffen der Fall war, wo man sich an den gesetzlichen Handhaben zur Vorbeugung mißbräuch­licher Ausnutzung hatte genügen kaffen. Nicht allein dar­auf kommt es an, daß daS Richtige gethan werde, sondern zugleich darauf, daß die angewendeten Mittel die gehörige moralische Wirkung üben, daS Vertrauen der Beteiligten wecken und dieselben ihrer Vereinzelung entrücken.

Die mit der Beratung des in Rede stehenden Gesetz­entwurfs betraute Kommission ist zur Zeit mit Vorschlägen beschäftigt, welche für dieArbelterausschüffe" der Vorlage Ersatz schaffen sollen. Es wird zunächst abzuwarten sein, welche Gestalt diese Vorschläge annehmen. Für unzweifel­haft wirb aber schon jetzt anzusehen sein, baß eine Organi­sation , welche von selbständiger Beteiligung des Arbeiter­elements vollständig absieht, nicht wohl für eine Erfüllung derjenigenErwartungen unb Zusagen" wird gelten können, welche ben Erlaß des Gesetzes vom 21. Oktober 1878 begleiteten". Die verbündeten Regierungen haben bereits ihrerseits an denselben festgehalten. (Prov.-Korresp.)

Deutsche« Reich.

Berlin, 21. Mai. Der Kaiser nahm heute Vorträge entgegen, erteilte bann mehrere Audienzen und konferierte nachmittags mit dem Minister Maybach. Die Kaiserin von Rußland traf hier abends 8 Uhr 19 Minuten auf dem Bahnhof Friedrichstraße ein, wo Kaiser Wilhelm die­selbe im Salonwagen herzlichst begrüßte. Nach etwa zehn- minütigem Aufenthalte verabschiedete sich der Kaiser und setzte die Kaiserin ihre Reise fort. Orloff und Dolgorncki haben hier den Zug verlaffen und sich von der Kaiserin verabschiedet. Heute hat ber BundeSrat eine Sitzung abgehalten, in der bas Dynamitgesetz unb die Novelle zum HilsSkaffengesetze nach ben Beschlüssen des Reichstages an­genommen worden find. Dem Bundesrat ist seitens Preußens ein Antrag betr. Abänderung deS ReichSstempel- abgabengesctzeS zugcgangen. Der Entwurf ist noch nicht