Marburg, Donnerstag, 22. Mai 1884
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Großer und kleiner Grundbesitz.
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und ihnen die kostspielige und zeitraubende Aufrichtung eines Testaments zu ersparen.
Danach ergiebt sich, was von den Eisenacher Redensarten über die Feindschaft und Interessen - Verschiedenheit zwischen großem und kleinem Grundbesitz zu halten ist. Beide haben dasselbe Jnteresie an der Erhaltung eines leistungsfähigen Bauernstandes; die Vertreter befe Großgrundbesitzes haben dasselbe bethätigt, indem just ihre Partei und nicht diejenige der Freisinnigen bemüht gewesen ist, die Erhaltung der bestehenden bäuerlichen Höfe in einer zeitgemäßen, nirgend die Freiheit der Einzelnen beschränkenden Weise zu erleichtern. Die Schutzpatrone der Eisenacher aber haben in dieser, wie in anderen Fragen immerdar auf der entgegengesetzten Seite gestanden. Für sie giebt es eben keine Bauern, sondern nur „Staatsbürger", keine ländlichen, sondern nur „freiheitliche" Interessen, überhaupt keinen anderen Standpunkt, als denjenigen des Großstädters, der die auf sein Programm eingefchworenen Vertreter des städtischen Gewerbes und Handels für das „Volk" erklärt und der an die Leute jenfeit der Stadtmauer nur denkt, — wenn die Wahlen vor der Thüre stehen. ;
- Höferolle beschränkt sich darauf, denjenigen Bauern, die ttn Hof der Familie erhalten wollen, entgegenzukommen
verletzt wurden. — Die „Nordd. Allg. Ztg." macht Verfolg eines Berichtes des Rotterdamer Konsulats die noch mangelnde Organisation des Kohlenexports das Scegefchäft aufmerksam und empfiehlt namentlich Vermittelung Rotterdams für die Kohlenausfuhr nach
Ostsee. — Von der Statistik des Deutschen Reichs, Neue Folge, ist jetzt der 1. Band geliefert wor-en, welcher eine Zusammenstellung der zu Anfang des Jahres 1884 geltenden Bestimmungen für die gemeinsame Statistik des Deutschen Reichs umfaßt. Diese Zusammenstellung, welche einen starken Band bildet, enthält zunächst ein nach Materien systematisch geordnetes Verzeichnis der gemachten Bestimmungen uns sodann ein Verzeichnis der dem königlichen Statistischen Amte zu liefernden Nachweisungen nebst Be-
derselben bezahlen muffen, einen ganzen Thalcrl Es himmelschreiend, waS diese Leute im Handumdrehen für paar Worte kritzeln für ein Heidengeld verdienen l"
„ES ist doch aber darauf, wie eS scheint, besser
zeichnung der cinseukenden Behörden und Angabe der Ein- lendungstermine. Was diese Nachweisungen betrifft, so sind eö drei halbmonatige, drei monatige, zwei vierteljährliche, elf jährliche und eine sünfjährliche und es beziehen dieselben sich auf den Warenverkehr mit dem Auslände, Statistik der Zölle und Reichssteueru, Auswanderung über See, Preise wichtiger Waren im Großhandel, Kriminalstatistik, Eheschließungen, Geburten und Sterbefälle, Erwerbung und Verlust der Reichs- und Staatsangehörigkeit, Ernteerträge, Statistik der Bergwerke, Saliuev und Hütten, Verkehr auf den deutschen Wasserstraßen, Seeschifscchrt, Statistik der Dampfkessel-Explosionen und Statistik der Schulbildung der eingestellten Ersatzmannschaften. Außer den periodischen Nachweisungen giebt eö noch neun solcher über die Ergebnisse von Erhebungen, bezüglich welcher bestimmte Vorschriften über die Periode der Wiederholung nicht gegeben sind, nämlich 1. Volkszählungen (1871, 1875, 1880); 2. landwirtschastlche Bodenbenutzung (1878, 1883); 3. Viehhaltung (1873, 1883); 4. allgemeine Gewerbestatistik (zuerst 1875 mit der Volkszählung, dann 1882 mit der Berufszählung verbunden); 5. Statistik der Dampfkessel und Dampfmaschinen (1879); 6. Statistik der Reickstagswahlen (1871, 1874, 1877, 1878, 1881); 7. Medizinalstatistik (1876); 8. Organisation der Zvll- und Steuerverwaltung des Deutschen Reichs; 9. Verzeichnisse der wichtigeren Zoll- und Steuerstellen des deutschen Zollgebiets.
— Die Kommission für die Unfallversicherung beendigte am 17. Mai die erste Lesung der Vorlqgtz. Die Beratung begann mit den gestern ausgesetzten §§ 84 und 89. Abg. Eysoldt beantragt zu § 84, den nach der Vorlage blos zur Geheimhaltung der Betriebsgeheimnisse verpflichteten Vorstandsmitgliedern und Beauftragten auch die Nachahmung der Geschäftsgeheimnisse zu verbieten. Abg. Gutfleisch beantragt zu § 86, das Recht deS Reichsversicherungsamtes zur Erkennung von Ordnungsstrafen bis zu 1000 Mark zu beseitigen und die eigentlichen Strafen den ordentlichen Gerichten zu überlassen. Beide Anträge werden angenommen ; desgleichen zwei Anträge des Abg. Gutfleisch auf Einfügung zweier neuer Paragraphen, welche die B strafung der Vorstände und Beauftragten für den Fall unbefugter oder mißbräuchlicher Veröffentlichung der Nachahmung von Betriebsgeheimnissen regeln. Der Abschnitt VIII. „Schluß nud Strafbestimmungen" wird hierauf in rascher Folge erledigt von § 92 bis § 106, unter Einfügung der beiden erwähnten vom Abg. Gutfleisch beantragten Strafparagraphen als §§ 103a und b. Zu § 97 erklärt Geh. Rat Bödiker aus Anfrage, daß die Rechie und Pflichten auS Versicherungsverträgen, welche nach der Vorlage auf die BerufS- genoffenschaft übergehen, so lange fortdauern, bis die Im Vertrage bedungene Zeit vorüber ist und daß, wenn der Vertrag auf Kündigung steht, es der Berufsgenoffenschaft
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte», sowie d. Annoncen-Bureaux Jägersche Buchhandlung in Frankfurt!«. M; Hermann» scheBuchhandlung daselbst;
S-lt. 101 i 101 r 1011 1021 1011 1021 1001 102, 681 77 98 1021
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Die Reise zum Herr« Beiter.
Aus dem Tagebuch- eine» alten Hallenser Studenten von Albert Jaenich.
Diagnose stellen."
Wir waren im Zimmer angelaugt, einem nicht großen, aber recht wohnlich mit altertümlichen Möbeln eingerichteten Gemache. Auf dem viereckigen, mit einer roten Decke belegten Ausziehtische vor dem lederbezogenen, hochlehnigen Sopha stand eine mächtige Lampe mit grünlackiertem Blechschirme, neben dem Tische aber, verschämt errötend, Kousine Margarete.
Man konnte wohl kaum einen größeren Kontrast finden, als hier zwischen Vater und Tochter. Dieses herrliche Mädchen sollte daS leibhaftige Kind dieses von der Natur so sehr stiefmütterlich bedachten und geradezu simpel aussehenden Manne» sein?! Wenn ich r» hier nicht eben mit apodiktischer Gewißheit hätte, so hätte ich tausend gegen ein» dagegen gewettet.
Lange, dunkelblonde Haarflechten wanden sich in fast erdrückender Fülle um den schön geformten Kopf. Dunkle maudelsöruüge Augen, eine leicht gebogene Nase, welche dem
fein geschnittenen Gesichte einen aristokratischen Zug verlieh, ein frisches, kirschrotes Mündchen von ebenmäßiger, alabaster- weißer Zähne — so sah Kousine Margarete aus, die mit ihrer hohen, schlanken Figur ihren kleinen Papa beinahe um fast eine« Kopfes Länge überragte.
Sie hatte über ihr Negligee eine Jacke von dunklem Wollstoff geworfen und nahm sich in ihrem kurzen Röckchen, t aS die weißen Strümpfe bis an den feingeformten Knöchel sehen ließ, und den grünsammetnen, gestiekten Pantöffelchen ganz wunderlieblich ans.
Sie mochte meinen, unverholene Bewunderung auö- drückenden Blick bemerken, denn sie wurde glühend rot, als ich lebhaft auf sie zutrat und ihr mit einem herzlichen „Guten Abend, liebes Kouflnchen I" einen Kuß auf die Lippen drückte.
„Guten Abend, lieber Vetter, sei herzlich willkommen l" erwiverte sie verschämt.
„Na, Margarete, nun pflege mir auch den Vetter gut und sorge dafür, daß es ihm bei uns gefällt. Die Herren in den großen Städten sind immer etwas verwöhnt!" lachte der Vetter, der nun seine blaue Schürze abnahm und sich vergnügt in eine Ecke des Sopha« setzte, während er mich gleichfalls zum Platznehmen aufforderte.
„Ich werde thun, waS in meinen Kräften steht, Papacheu", sagte sie. „Der Vetter muß freilich damit vorlieb nehmen 1 So bequem und komfortabel wie in Halle wird eS allerdings hier bei unS nicht fein", fügte sie, schelmisch lächelnd, hinzu.
„Sei nur ganz außer Sorge, Gretchen! Verwöhnt bin ich wahrlich nicht und selbst, wenn ich eS wäre, so würde mir doch alles, was mir mit so viel Liebenswürdigkeit und Grazie geboten würde, wie Nektar uirv Ambrosia vor-
Deutscher Reich.
Berlin, 20. Mai. Der Kaiser nahm heute vormittag Vorträge und zahlreiche militärische Meldungen entgegen, arbeitete dann mit dem Militärkabinett und konferierte nachmittags mit dem Staatssekretär Grafen Hatzfeldt. Der Botschafter Fürst Orloff, Fürst Dolgorucki- und das russische Botschaftspersonal sind der Kaiserin! von Rußland bis Königsberg entgegengereist. — Der--„-Reichsanzeiger" publiziert das Gesetz über den wettere« Erwerb der Eisenbahnen für den Staat. — Ueber einen auf dem Uebungs- platze des Eisenbahn - Regiments gestern, abend vorgekome menen Unglücksfall wird gemeldet, daß bei der Abtragung einer Brücke dieselbe trotz der Absteifung, wie man annimmt, infolge eine» schadhaften Bolzes, zusammenbrach und auf die unter derselben arbeitenden Soldaten stürzte, wobei 19 Mann durch die Brücke an ben Gliedmaßen
worden", entgegnete ich lächelnd.
„Gott sei gelobt, ja! Jetzt geht es wieder! Aber Morgens, beim Aufstehen, bin ich immer noch sehr belegt und des Abends, beim Niederlegen, muß ich immer ganz entsetzlich husten! Weißt Du kein Mittel dagegen, Vetter? Philosophie ist ja Weltweisheit, die muß also doch alle Gebiete des Wissens umfassen, folglich auch die Medizin!"
„Freilich, Vetter, lasse uns nur erst gemütlich am Tische sitzen, dann werde ich mir Deinen Krankheitsfall genau überlegen und nach den vorhandenen Symptomen die
Höferolle daS Zusammenhalten der bäuerlichen Höfe Leichtern, reaktionären Ursprung« sei und mit junker- üg, Liebhabereien Zusammenhänge, die den wahren Jnter- [ M- u i-es Bauernstandes durchaus zuwiderliefen.
UV wahrheitswidrige Behauptung steht mit einer M» im Zusammenhänge. Die Eisenacher wollen den MN einreden, der gefährlichste Feind deS kleinen und Men Grundbesitzes sei nicht die Bodenzersplitterung, auf MN die Latifundien-Wirtschaft, d. h. daS Bestreben der r.)fi Grundbesitzer, die selbständigen Bauernwirtschaften und ----*_? i® Wirtschaften in die großen Rittergüter aufgehen zu beziehentlich zu neuen Großwirtschaften zusammen-
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. ■ , a. idle, UM zu herrschen", ist ein Grundsatz, der im Wtrt- ),traPe “ Dieben ebenso gilt, wie in der Politik.
lnspamj Wirklichkeit sind eS aber gerade die den konserva- «i Par leien angehörenden Vertreter des Großgrundbesitzes, tzc der Sodenzersplitterung und der durch unzweckmäßige t Labil tlriluugen bewirkten Verschuldung des bäuerlichen Grunv- tzes entgegenarbeiteu. Das Mittel, daS sie zu diesem tzs empfehlen und in mehreren Provinzen gegen den _C,.DU. iderspruch der Freisinnigen inS Werk gerichtet haben, ist __1 - ch keineswegs ein „mittelalterliches", die Freiheit der Ber- u Secret jung des Erblassers beschränkendes. Derjenige Hofbesitzer, 5 Zimm r den Wunsch hegt, seinen Hof vor Zersplitterung uuv veimiels tcischuldung zu bewahren und einem seiner Söhne (dem Nr. 7. letben) unter erträglichen Bedingungen zu übertragen, I das in kostenloser und einfacher Weise thun können, . .. lern er seinen Besitz in die Höferolle eintragen läßt. Kt“t, Ilse Verfügung ist jederzeit wirerruslich, sie gilt auch nur M'e ! den nächstbevorstehenden Erbfall und nicht für die Zu-
»ft; sie hat mit Majoratsinstitut und mit völliger Aus- nCl ließung der übrigen Erben nichts gemein. Die Absicht
3tt den Lieblingsbehauptungen der „Freisinnigen" und M denselben begründeten Eisenacher liberalen Banern- .FLm gehört die Aufstellung, daß die neuerdings von der '^V^tMebung verfolgte Absicht, mit Hilfe des Instituts der
Adolf Steiner i. Hamburg; ♦ Jnvalidendank in Berlin,
Dresden und Leipzig;
I. Baxck u. Co. in Halle;
W. Thienes in Elberfeld.
.Na, nun wirdS aber gut! Nein, hat man schon so M erlebt!?" schrie jetzt der Herr Vetter mit plötzlich izcwandeltem, strahlendem Gesicht. „Der Vetter aus lOel Meines alten, lieben, braven Karl sein Junge! Und t halte ich für den nichtswürdigen Talgreisenden und srwcrke hier im Hausflur mit ihm herum, wie mit einer tagten Droschke! Heda, Margarete, zünde die Lampe au, i gute, große Lampe, aber schraube den Docht nicht zu h, hörst Du, damit der Zylinder nicht platzt, die dicken » teuer, immer zwei Stlbergroschen das Stück! Herr ■" Ht, die Freude! Und der liebe Alte läßt grüßen und auch -i Frau Mutter und die gesamte Familie, Sela! Na, hne nur herauf, mein Junge! Margarete, rufe schnell 1 o -Dore! Sie soll etwa» zu essen bringen und zu trinken! . ifl । der Küche steht noch eine Flasche Bier l Bringe sie, - h. die rechts, da« ist Tafelbier, die bayerische, die daneben " It, nimm nicht, bayerisch vier ist für die Nacht zu schwer, 7 kann der Vetter am Ende nicht schlafen! Aber so komme 9 H herauf, mein Junge, komme doch heraus!
.Potztausend, kannst Du aber reden!" unterbrach ich ihn J 6 lachend, indem ich dem mit seinem laufenden Talglichte , tanleucbtenben tappend die Treppe hinauf folgte.
1 „Nein, die Freude, mein Junge, die Freude! wieder» 304 30 ta der Vetter unterwegs. „Ich bin Dir sdust stumm - 9-1 ein Fisch, wahrhaftig stumm wie ein Fisch! Nicht drei 1 ’^orte spreche ich den ganz« Tag außer im Geschäft mit Leuten natürlich, denn das viele Sprechen greift die •tae an und die Lunge ist ein sehr kostbares Gut! Habe I im Frühjahr dem Doktor einen Thaler für Ausflicken
Sieht man näher zu, so gewahrt man, daß diese Sätze j gegenseitig aufhcben und unter einander im Widerspruch jtn. Wären die Vertreter des Großgrundbesitzes wirklich mf aus, die kleineren Grundbesitzer zu verschlingen, so M gerate ihnen daran gelegen sein, der Bodenzersplitte- »j In die Hände zu arbeiten und da« gleiche Erbrecht K Erben eines Hofbesitzers aufrecht zu erhalten. Das chnctste Mittel, die selbständigen Bauernwirtschaften in großen Rittergüter aufgehen zu lassen, besteht ja eben riiOQor: daß man die Höfe zerschlägt oder mit Schulden Über- - jrf, um sodann die einzelnen, nicht existenzfähigen Klein- Waften, welche aus ihnen gebildet werden, zu verschlingen.
.„n nimmt entgegen: "Litton d. Blattes, ^Annoncen-Bureaux .. ^senstei» und Vogler »tls. „ Wurt ° M, Ham.
»"Magdeburg u.Wien; *Woffe in Frankfurt E Berlin. München und ® L. Daube und —Frankfurt a. M., ^Hannover u.PanS.
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