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Marburg, Freitag, 16. Mai 1884.
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Reichstag.
Berlin, den 44! Mai.
27. Plenarsitzung. HauS und Tribünen sind mäßig ttsitzr. AmBundcsratStische: Staatsministerv. Bötticher, M. Reg-Rat Bödtker und mehrere Kommiffarien.
Präsident v. L e v e tz o w eröffnet die Sitzung um 12 Vi Uhr.
Erster Gegenstand der Tagesordnung ist die erste und rventuell zweite Beratung des von den Abgg. Baumbach id.-freis.) u. Gen. eingebrachten Gesetzentwurfs wegen Ab- jndrrung des Gesetzes vom 1. Juli 1883, betreffend die Abänderung der Gewerbeordnung.
Der Antrag lautet:
Artikel 1. In § 44a fällt der 3., 4. und 5. Absatz fort.
Artikel 2. Im § 56 fällt der mit den Worten „AuS- geschloffen vom Feilbteten im Umherziehen sind ferner" beginnende Teil des Paragraphen fort."
Der Antrag Baumbach will die im Borjahre vom Reichstag beschloffenen einschränkenden Bestimmungen, betr. gte Legitimationskarten für Handlungsreisende, und bezüglich deS Kolportage-Buchhandels abändern.
Abg. Dr. Baumbach begründet seinen Antrag, indem er betont, daß durch die vorjährigen Beschlüffe deS Reichstags große Jntereffenkreise schwer geschädigt worden seien, und zwar nicht nur materiell, vielmehr enthalte jene Gewerbeordnungs-Novelle eine Degradation des Kaufmanns- standes. Redner wiederholt im übrigen die bei Beratung der Novelle im Vorjahre von liberaler Seite geltend gemachten Einwendungen und verlangt die Freiheit deS Buchhandels im Interesse der Volksbildung. (Beifall links.)
BundeSkommiffarGeh.Rat Bödtker wendet sich gegen die Ausführungen deS Vorredners und verweist auf die Preßstimmen, welche seit den zwei Monattn, seitdem der Antrag vorliegt, Stimmung machen sollten gegen die Be- Mffe des. Vorjahres. ES sind ja bei keinem Gesetze Un- zuträglichkeiten in der Ausführung zu vermeiden, allein ! dir wenigen bei ter Handhabung der GewerbeordnungS.Novelle dorgekommenen Unregelmäßigkeiten Mn MenS der Zentralstelle gewiffenhaft untersucht und berichtigt worden. Den Vorwurf, als wolle die RcichSregierung dem Handelsstand zu nahe treten, weist der BundeSkommiffar mit Entschiedenheit zurück. WaS die Bestimmungen üder den Kolportagc- Buchhandcl betreffen, so haben die Behörden davon mehr Unannehmlichkeiten als die Betroffenen, da ihnen aus der Ausstellung der Bücherverzeichniffe rc. eine große ArbeitS- lch erwachse. Man möge eS daher bei den bisherigen Bestimmungen lassen, durch welche die guten Elemente nicht getroffen werden. (Beifall rechts.)
Abg. Ackermann (d. kons.) erinnert an die Thatsache, daß bet Beratung der GewerbeordnungS-Novelle die LinkS- liberalcn ihre vollen Sympathien mit den HandlungSreisen-
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io Die Reife zum Herrn Beiter.
Aus dem Tagebnche eines alten Hallenser Studenten von Albert Jaenich.
Immerhin war ich scelenvergnügt, daß der abscheuliche Traum eben nur ein Traum war, denn bei dem Gedanken an die nächtliche WSchteraffaire konnte ich mich denn doch rines gelinden Gruselns nicht erwehren und in der That bemerkte ich auch eine entschiedene Gänsehaut auf meinen Armen.
Die Uhr zeigte übrigens bereits die vierte Morgenstunde. Ich stand daher eiligst auf, rieb mir die Stellen meine» Körpers, auf die ich gefallen war, um die normale Zirkulation des Blutes wiederherzustellen, uud klingelte dann nach meinen Kleidern und dem Kaffee.
Eine Stunde später saß ich in der viersitzigen Postkutsche, nicht ohne mich vorher mit bösem Gewiffen nach allen Seiten scheu umgesehen zu haben, ob nicht ein Polizeibeamter wegen deS verübten und etwa bereits entdeckten Frevels auf mich fahnde, was glücklicherweise nicht der Fall war, und ließ mich von dem Braunen links und dem Schimmel rechts von der Deichsel, denen übrigens Fettleibigkeit selbst von ihrm ärgsten Neidern und Feinden dicht nachgesagt werden konnte, in die frische Morgenlust hsttauSziehen. , _
Wieder hatte ich Glück, ich war allein im Wagen und konnte es mir daher nach Herzenslust bequem machen, was ich denn auch redlich that. Ein paar Zigarren, die ich dem »Schwager" auf dem Bocke präsentierte, versetzten ihn in titte so begeisterte Stimmung, daß er seine Trompete ergriff «tob lustige Weisen in die Lüfte hineinschmetterte.
Der Mann mußte Militär und zwar Kavallerist gewesen sein, denn al8 er mit dem Vortrage von Liedern fettig'»ar, bließ er die schönsten Kavalleriesignale.
Seltsamerweise fchien die» den Schimmel deSGespannes k eine eigentümliche Aufregung zu versetzen. Da« alte
wattiger Stoß und im nächsten Augenbstcke lag die Karre gekentert da und streckte ihre vier Räder, von denen das rechte Vorderrad zertrümmert war, gen Himmel um Rache. Schimmel und Brauner standen, zwar noch heftig schnaubend und am ganzen Körper zitternd, aber doch ruhig nun, da und schienen der Dinge zu warten, die da kommen sollten.
Der Postillon war durch dm Ruck vom Bocke herunter und in den mit Schlamm Und allerhand Morast angefülltm, glücklicherweise nicht tiefen Chauffeegraben geschleudert worden, auf deffen Rande er nun saß und sich mit beinahe fanatischer Heftigkeit den linken Arm und die Hälfte seines linken Oberschenkels rieb.
Abgesehm von einigen unbedeutenden Kontusionen war auch ich glücklich davongekommen und hatte alle Hände voll zu thun, um mich aus dem umgestürzten Rumpelkastm herauszuarbeiten, was mir untet'Anwendung aller turnerischen Kraft und Gewandtheit schließlich auch gelang.
„Na, Schwager", tief ich, bereits wieder in guter Laune, dem Aermsten zu, „das war ja eine recht niedliche Attacke auf unfern Hals und unsere Beine 1 Daran ist nur Ihr verdammtes Signalblasen schuld 1 Sehen Sie wohl, daß der Gaul ein auSrangierte« Kavalleriepferd ist, wie ich gleich von vornherein richtig vermutete l Sie haben sich doch nicht ernstlich verletzt?"
„Na nee, ick jlobe, jebtochen hab' ick nix, man blos 'n Bisken verstukettl" erwiderte er. „De Kehrseite schmerzt mir allerdings noch jewaltig. War bat aber een infamigtrr Ruck I Mich kam et vor, als wenn ick so mit eenem SchwapS durch bisher nntntbetfte Jahrhunderte flöge! Dat Brest »en Schimmel scheint nu ooch jenug zu haben, denn er macht een Gesicht, al» wenn et nid) bis uf dreie zählen könnte. Na warte man, Pusielken, ick werde dich nachher schon de Flötentöne beibringen, daß dich bat Durchsetzen uf lange Zeit verjehm soll." (3ortfetyug folgt.)
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d. Annoncen-Bureanx Jägersche Buchhandlung in «antfurt'a. 9JI; Hermann- scheBuchhandluna daselbst; Adolf Steiner i.Hamburg; Jnvalidendant in Berlin, Dresden and Leipzig; I. Barck u. Co. in Halle; SB. Thienes in Elberfeld.
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litn- ® L- Daube und «o. in Frankfurt a. M-, «erlitt, Hannover u.Pan»._________________________________________________ ________
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Tier spitzte die Ohren, schnaubte heftig mit den Nüstern und nahm eine unruhige tänzelnde Gangart an.
„Der Schimmel ist wohl ein auSrangierteS Kavallerte- pferd?" fragte ich den Postillon.
„I nee, bat iS er woll nich; dem macht man blöS das Blasen Spaßl" erwiderte mit freundlichem Grinsen der Gefragte, dem Dialekt nach ein echter Spree-Täufling vom reinsten Waffer.
„Aber Sie haben bet der Kavallerie gedient?" fragte ich weiter.
„Ja woll, bat versteht sich, bat will ick mtenen, vier Jahre in Potsdam bei die Jarde-Husaren!" erwiderte er, sich mit Genugthuung in die Brust werfend.
Und wieder nahm er seine Trompete vor den Mnnd, und das Signal zur Attaque: Täterä, täterä, tätera, terä, terä! schmetterte durch die Luft.
Da, ein plötzlicher Ruck, daß ich mit dem Schäre! an die Wagenwand flog, und hurrah, hurrah, hopp, hopp, hopp, gings fort im sausenden Galopp, daß Roß und Wagen flogen und Kies und Funken stoben.
„Dunnerschock und Granaten, ick kann dat Beest nich mehr rejierenl" schrie der Postillon! bleich vor Schreck, indem er vergeblich alle Krast anstrengte, die wild gewordenen Pferde zum Stehm zu bringen.
Mit zurückgelegten Ohren und gesträubtem Schweif und Mähne, da« Gebiß fest auf den Steg des Zaume« gedrückt, stürmte der Schimmel in voller Karriere dahin, während der Braune zur Gesellschaft und wahrscheinlich von der Tollheit seines Kameraden angesteckt gleichfalls weit ausgriff.
HerauSsprlngen aus dem dahinsausenden Kasten wäre sicherer Halsbruch gewesen. Also war das relativ Beste immerhin, ruhig sitzen zu bleiben und die Katastrophe, die auch bald eintrat, abzuwarten.
An einer Biegung der Straße erfolgte plötzlich ein ge-
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dem kaufmännischen Verkehr geschaffen. Die Faffung jenes Reichsgesetzes fei eine außerortentlich schwer verständliche und unklare, die noch durch einen Beschluß deS Bundesrats und durch ein Reichsgerichtsetkenntnis vermehrt worden sei. Er spricht der Regierung für die Vorlage dieses Gesetzes seinen Dank auS und glaubt an dieses Vorgehen der Regierung die Hoffnung knüpfen zu dürfen, daß dieselbe im BnndeSrat dahin wirken werde, die großen technischen Schwierigkeiten, welche dutch die Erhebung deS Reichsstempels dem Warenverkehr erwachsen, Meber^u beseitigen.
Abg. Zelle schließt 'sich Im allgemeinen diesen Ausführungen an.
Finanzminister v. Scholz konstatiert dlein erfreulicher Weise hervorgetretene Uebereiustimmung und spricht fttne Befriedigung über die wohlwollende Behandlung auS, welche die Vorlage in der Kommission allseitig ersthren. Er könne die Verwirrung in bezug auf den Kontraktstempel nicht in Abrede stellen und er kann hinzufügen, daß die preußische Regierung im BundeSrate eine 'Novelle zum Reichsstempelgesetze beantragen werde.
Der Gesetzentwurf wird hierauf nach den KömmissionS- beschlüffen unverändert genehmigt.
ES folgt die Beratung der Petition deS Vorsitzenden des „Volkswirtschaftlichen Vereins für Rheinland": Mn Verschärfung der Sonntagsruhe. Die Petition geht in dreifacher Richtung dahin: 1. daß die Staatsregierung selbst für die verschiedenen'Gebiete der Verwaltung den Beamten und Arbeitern die Sonntagsruhe oder doch wenigstens den Besuch des Gottesdienstes nach Möglichkeit sichere; 2. daß die Zentralbehörde den Bezirksregierungen eine bestimmte Direttive gebe, für welche Privatunternehmungm und inwieweit in diesen Sonntagsarbeit notwendig resp. zulässig erscheint; daß sie dieselben zu entsprechenden, genau präzisierten polizeilichen Bestimmungen veranlaffe und auf energischere Durchführung dieser Btstimmungeu dringe; 3. daß die preußische Staatsregierung auf eine gesetzliche Regelung dieser Frage der Sonntagsruhe in BundeSrate hinwirke.
Die Kommission beantragt Ueberweisung der Petition an die Staatsregierung zur Berücksichtigung, während Abg. Dr. Graf dieselbe der Regierung als Material überweisen will. Für die Sonntagsruhe scheine allerdings eine größere Freiheit erforderlich, aber man könne doch nicht etwa so weit gehen, die Personenzüge an Sonntagen einzustellen. Man möge doch durch solche Anträge nicht die einmütigen Bestrebungen nach größerer Sonntagsruhe stören uttb: dem deutschen Volke nicht den deutschen Sonntag rauben, der der religiösen Sammlung, der Familie und dem unschuldigen Vergnügen gewidmet ist.
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den und den Kolportagebuchhändlern bekundet und dafür gesorgt haben, daß die Regierungsvorlage" nach Möglichkeit abgeschwächt wurde. Nun ist dir Novelle erst seit dem 1. Januar d. I. in Kraft, und schon behaupten die Fortschrittler, die Bestimmungen derselben hätten die allernachteiligsten Folgen gehabt. WaS ist denn eigentlich geschehen? Ist das Vaterland in Gefahr? Der einzige Fall einer Unregelmäßigkeit, den der Antragsteller anführt, ist sofort geordnet worden. Redner weist die Behauptung, alS werde der Kaufmannsstand durch die Novelle geschädigt, als unerwiesen zurück, und betont, daß bezüglich des Kolportage- BuchhandelS der veutsche Buchhändlerverein seine Zustimmung erteilt hat. Angesichts solcher Zengniffe aus BerufS- kreisen halte ich es für ungerechtfertigt, auf Anträge einer Minorität einzugehen, die erst vor kurzem darin unterlegen ist. (Bravo I rechts.)
An der weiteren Debatte beteiligen sich noch die Abgg. Goldschmidt (d.-freis.), Blum (nat-lib.) und Kayser (Soz.-Dem.), welche für den Antrag Baumbach eintreten, ferner die Abgg. v. Schalcha (Zrntr.) und v. Kleist- Retzow (d.-kons.), welche sich dagegen aussprechen; letzterer bezeichnet insbesondere den vorliegenden „freisinnigen" Antrag als ein Wahlmanöver, und bemerkt gegenüber den fortschrittlichen Angriffen auf die JnnungS - Bestrebungen, daß die Konservativen derartige Anträge immer wieder einbringen werden, bis das durch die manchesterliche Doktrin aufgelöste Handwerk wieder geeinigt ist. (Bravo! rechts.)
Dann wird nach einem Schlußwort des Mitantragstellers Abg.Munckel (d.-freis.) der Antrag Baumbach in seinen beiden Teilen mit 142 gegen 123 bezw. mit 144 gegen 122 Stimmen abgelehnt, woraus sich das Haus auf morgen (Donnerstag) 1 Uhr vertagt.
Tages - Ordnung: Dritte Lesung deS Dynamitgesetzes. Wahlprüfung. Schluß 5 Uhr.
vom LoAdtog.
Berlin, den 14. Mat.
87.Sitzung des AbgeordnetenhaufeS. DerAbg. Ottow ist gestorben, deffen Andenken in der üblichen Weife geehrt wird.
Auf der Tagesordnung steht zunächst die zweite Beratung deS Nachtragsetats, welche durch die Verstaatlichung der verschiedenen Bahnlinien notwendig geworden ist.
Der Etat wird nach kurzer Debatte in Einnahme und Ausgabe auf 3381588 Mk. festgestellt.
ES folgt die zweite Beratung deS Gefehentwurfs, betr. die Stempelsteuer für Kauf- und LieferungSverträge im kaufmännischen Verkehr und sür WerkverdingungSverträge.
In der Debatte über § 1 verweist Abg. Lehren auf die großen Verwirrungen, welche das Reichsstempelgesetz in
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