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Marburg, Mittwoch, 14. Mai 1884.

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Die Reise zum Herrn Vetter.

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der Maßgabe Anwendung, daß dadurch das BesteuerungS- rccht der Wohnfltzgemeinde nicht beeinträchtigt wird. Im übrigen bleibt die Vorlage im wesentlichen unverändert.

Nächste Sitzung am Dienstag um 11 Uhr; Tages­ordnung: Nachtragsetat, Vertrags- rc. Stempelgesctz.

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Aus dem Tagebnche eines alten Hallenser Studenten von Albert Jaenich.

Du mußt doch einmal hören, was da eigentlich für Geister drin sitzen, dachte ich und trat an einen der fit- fchlvsienen Fensterladen, durch besten Ritze der helle Licht­schein hindurchschimmerte.

Da hörte ich denn dem Fenster zunächst eine sehr lebhafte Debatte überKommunal-Steuer-Ueberhäufung. Manschimpfte

Unterdestcn war noch ein Kollege des Mannes hinzu- gckommen.

„So, das weiß Er also nicht?! Dann sei er ein ander Mal höflicher! Ich bin der Regierungsrat Spund aus Magdeburg und hier, um betreffs der hier herrschenden Zustände und Verhältniste einmal zum Rechten zu sehen und alles einer gründlichen Reform zu unterwerfen, wozu auch das Institut der Wächter gehört I* replizierte ich, die Hände gravitätisch in die Seiten stemmend.

„Ach Gott, bester Herr, wenn das wäre! Einen Gottes­lohn würden Sie sich verdienen, wenn Sie etwas für uns lhäten! Bei zwölf Groschen mit Frau und Kindern leben! Die Nacht muß man wachen, und am Tage, wo man arbeiten soll, um sich etwas zu verdienen, ist man müde und marode und wollen die Knochen nicht recht zur Arbeit heran I"

„Na, na, so schlimm wird die Sache wohl nicht fein 1" unterbrach ich ihn mit gewichtig emporgezogenen Augen­brauen. „Ihr mögt während der Nachtwache wohl auch manchen schönen Nicker auf irgend einer Treppe oder in einem versteckten Winkel machen und gewiß so manches Mal das Abpfeifen der Stunden zu verschlafen!"

„Gott soll uns bewahren, bester Herr!" riefen wie au« einem Munde beide Wächter, ind-m sie wie entsetzt über die Schwere dieses Gedankens einen Schritt zurückprallten. „Gott soll uns bewahren! So etwas kommt bei uns gar nicht vor! Da ist auch die polizeilich? Kontrole viel zu scharf!"

„So! Das ist gut! Ich bin zufrieden. Ich werde sehen, was sich für Euch thun läßt!"

„Ach besten Dank, guter Herr!"

„Braucht nicht zu danken!" sagte ich mit herablasten­der Freundlichkeit und ein Zehngroschenstück aus der Börse nehmend. „Hier, Leute, nehmt und teilt Euch darin. Kauft Euren Kindern morgen eine Kleinigkeit dafür! Apropos l Für diese Nacht will ich Euch einmal vom Dienste dis-

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Mit ät emptz 'nen Ürchhast

Deutscher Reich.

Berlin, 12. Mai. Die Abreise Sr. Majestät des Kaisers und Königs nach Wiesbaden, welche, wie bereits gemeldet, am Sonnabend Abend nicht stattgefundcn hatte, wird, wie wir erfahren, nunmehr morgen, Dienstag, abend 10 Uhr sicher erfolgen. Die bereits getroffenen Reife- dispositionen bleiben durchweg dieselben, so daß also die Ankunft in Wiesbaden am Mittwoch Vormittag um 9’/* Uhr erfolgen dürfte. Die Equipagen und Pferde Sr. Majestät des Kaisers sind bereits am Sonnabend von hier nach Wiesbaden abgegangen. — Der Kaiser nahm vormittags Vorträge entgegen, empfing später den Grafen Mollke und arbeitete dann mit dem Zivilkabinett. Nachmittags um 1 Uhr konferierte der Kaiser mit dem Fürsten Bismarck und begab sich um 3 Uhr nach Charlottenburg, um dem dortigen Wettrennen beizuwohnen. — Der Kaiser wohnte nachmittags dem Rennen auf der Charlottenburger Renn­bahn bei und wurde vom Publikum mit der Nationalhymne begrüßt. Der Fürst von Bulgarien war ebenfalls an­wesend. — Der Fürst von Bulgarien mochte dem Fürsten Bismarck gestern einen längeren Besuch. — Die „Krcuz- zeitung" will wisten, der Kaiser hätte nunmehr das Aus­scheiden des Fürsten Bismarck aus dem preußischen Mini­sterium genehmigt. — Der Prinz von Wales ist gestern abend nach Paris abgereist. — Die ReichStagSkommisston zur Vorberatung des Antrags auf Entschädigung unschul­dig Verurteilter beschloß, einen Gesetzentwurf auSzuarbeiten, welcher eine Entschädigung für unschuldiger Weise erlittene Strafhaft auSsprtcht. Von einer Entschädigung für Unter­suchungshaft soll auS Zweckmäßigkeitsgründen zunächst ab­gesehen werden. — Die Aktienvesttzkommission des Reichs­tags nahm Artikel 213a und b, betreffend die Haftbarkeit der Gründer an. — Die Landgüterordnung für Schlesien und das Gesetz betreffend Abänderung deö PenstonSgesetzeS von 1872 werden in der heute ausgegebenen Nummer der Gesetzsammlung publiziert.

— Der Eindruck der Reden deS Fürsten von Bismarck in Sachen der Verlängerung deS Sozialistengesetzes unv das Resultat der Abstimmung vom Sonnabend laffen in den Preßerörterungen so eigenartige Eindrücke hervortreten, daß es wohl angezeigt scheint, sich mit denselben etwas näher zu beschäftigen. Das „Berliner Tagebl." spricht von einem „unfreiwilligen Stege". „Weh unö, wir haben gesiegt", könnten Regierung und deren Freunde ausrufen! Nach

Reichstag.

Berlin, den 12. Mai.

der heutigen (25.) Sitzung ist die Begründung ulM^Thuamit-Gesetz cingegangen. DaS Haus tritt in die dritte Beratung des Sozialistengesetzes, in Verbindung mit dm Resolutionen Windihorst und Stöcker ein. Zunächst irsolgl die Generaldebatte.

Eine neue Nefclution des Abg. Wendt lautet: „In Erwägung, daß die Bestrebungen der Sozialdemokratie die Älgcn der Entwickelung der Gesellschaft sind und in erster zieihe auf eine Besserung der materiellen Lage der Arbeiter­klassen zielen und vaß für rie Lösung der sozialen Frage „,eter von der christlichen Kirche, noch von een verschiedenen Rätgionögesellschasten Hilfe zu erwarten ist, über dte Reso- lulionen Stöcker und Windthorst zur Tagesordnung über­zugehen." Die Resolution findet nicht die nötige Unter­stützung und kommt daher nicht zur Debatte.

Abg. Bebel nimmt nochmals in längerer Ausführung die Sozialdemokratie gegen die ihr vorgeworfenen revolu­tionären Bestrebungen in Schutz, kritisiert das Verhalten der Parteien bei der Debatte und der Abstimmung und wendet sich speziell gegen das Zentrum und die Deutsche freisinnige Partei. Die Sozialdemokraten würden sich die kmpsangenen Lehren merken und sie bei den nächsten Wahlen ousnützcn, in die sie in einem ganz anderen Umfange, als bisher, eintreten würden. Die Palliativmittelchen für die Hebung des Bauern- und Handwerker-Standes, wir In­nungen rc., würden das siegreiche Vordringen der Sozial- demokrcti- nicht hemmen. Die sozialpolitische Tätigkeit cer Regierung fördere gerade die Erreichung der soziali­stischen Ziele.

Abg. Bamberger plädiert gegen daS Gesetz im Sinne der neulicken Rede v. StauffenbergS unv verteidigt seine Parteigenossen, die im Jahre 1878 für den Erlaß deS Sozialistengesetzes und 1881 für dessen Verlängerung ge­stimmt haben, aber heute eine ablehnende Stellung ein» nehmen, gegen Bebels Vorwurf der Inkonsequenz. Da­mals handelte es sich um eine ausnahmsweise Maßregel, heute dagegen um eine solche, die fast eine dauernde zu werden drohe.

Abg. Reichensperger begründet nochmals kurz die Zustimmung eines Teiles deS Zentrums zur Verlängerung tes Sozialistengesetzes.

Abg. Richter erklärt, er habe erst nach der Fusion der Sczessioniften mit der Fortschrittspartei erfahren, daß eine Anzahl ehemaliger Sezesstonisten für die Verlängerung des Sozialistengesetzes stimmen wolle; vorher habe er da­von keine Kenntnis gehabt. Dieselben würden aber nie­mals für eine weitere Verlängerung stimmen, wie Bam-

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Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d. Annoncen-Bureaux Jägersche Buchhandlung in Krankfurt'a.M.; Hermann- scheBuchhandlung daselbst; Adolf Steiner i. Hamburg; Jnvalidendank in Berlin, Dresden und Leipzig; I. Barck u. Co. in Halle; W- Thienes in Elberfeld.

««.eigen nimmt entgegen: ^Expedition d. BlatteS, ? mie d Annoncen-Bureaux ^n Laasenst-i" und Vogler Frankfurt a M, Ham- Magdeburg u. Men;

«udölf Moss- u, Frankfurt Bk Berlin, München und

G L. Daube und 50 in Frankfurt a. M-, Setlin, Hannover u. Varis-

pensieren. Geht daher ruhig nach Hause und schlaft Euch einmal ordemlich auS. Ich werde für die Sicherheit während der Nacht andere Dispositionen treffen!"

„Aber der Herr Bürgermeister--!" wagte der eine

mit bedenklicher Miene einzuwenden.

„Wenn ich als Regierungs-KommiffariuS etwas anordne, so hat der Herr Bürgermeister in keiner Weise dagegen zu remonstrieren. Im übrigen werde ich morgen selbst mit ihm darüber Rücksprache nehmen", erwiderte ich stolz und gemeffen.

„Ach Gott, was Sie doch für »in lieber guter Herr sind. Möge der Himmel Ihnen das alle« tausendfach wiedervergelten, was Sie hier an uns thun l" riefen bewegt die beiden Repräsentanten der nächtlichen Gerechtigkeit.

„Ja, ja, wenn er es nur recht bald thuu wollte!" ent­gegnete ich, nicht ohne einen gelinden Anflug von Rührung.

Ich hätte mich können vor Lachen ausschütten, als ich sah, wie die beiden Wächter in der That auf den Leim gingen und sich vergnügt nach Hause trollten, um einmal eine Nacht ruhig zu verbringen. Der Herr Regierungsrat Spund hatte es ja erlaubt, folglich durften sie eS mit gutem Gewiffen thun.

Al« ich mir aber hinterdrein so recht überlegte, was ich eigentlich gethan, wurde mir doch einigermaßen blümerant zu Mute. Unerlaubte Aneignung eines mir nicht gebühren­den Titels und gar zum Zwecke der Störung amtlicher Funktionen unter Vorspiegelung falscher Thatsachen. — Alle Wetter, die Sache konnte eklich werden, wenn — und das war ja nicht anznnehmen — der gestrenge Herr Bürger­meister dieselb nlty . onfall« vom humoristischen Stand­punkte aus auffaßte. Wie aber Hit' der Beherrscher von Halberstadt sich der f ™hek eine- auf einer Ferien- r-ise zu einem Seifra,«''. "'*■< n begriffenen | .üenser Studenten akkomodieren ,o ■ - ^azu war ja gar fr1' Grund vorhanden. (Fortsetzung folgt.)

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und räsonnierte auf den Magistrat und die Stadtverordneten fürchterlich.

„Ahr, das ist unzweifelhaft der Spießer-Stammtisch", mutmeUe ich vor mich hin. „Rrrr, ein ander Bild!"

Richtig, da sprachen sie vom Esten. „Nein, Zwiebel kann- ich durchaus nicht vertragen, besonders rohe nicht, ich <veiß mich da vor Unbehaglichkeit nicht zu retten", hörte ich eine fettige, quakende Stimme sich ereifern.

Alte Gourmanvs, also schon harmloser, dachte ich bei mir.

Eben strengte ich mich mit-an die Fensterlade gedrückten Ohren an, noch weitere Informationen einzuziehen, da fühlte ich eine ziemlich unsanfte Berührung meiner rechten Schulter, während in min rechtes Ohr die rauhen Worte tönten: „Hier wird nicht gehorcht I Machen Sie, daß Sie fortkommen!"

ES war der Wächter der Nacht, der liebliche Sänger, der drohend vor mir stand, Ein diabolischer Gedanke blitzte vir durch da« Hirn.

„Weiß er, mit wem Er spricht?" herrschte ich ihn an, wich kurz nack ihm umdrehend und mich In meiner ganzen Ang? vor ihm cmporrichtend.

Bestürzt fuhr der nächiliche Hüter der öffentlichen Sicherheit einen Schritt zurück. Mein Auftreten hatte ihm also imponiert.

„Nrin, das — das — weiß ich nicht", antwortet, er ! kleinlaut.

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ffrfAeint täglich außer an den Werktagen nach Sann- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „FllustrtrteS SonntagSblatt" durch die Expedition (Koch'fche Buchdruckerei) bezogen 2'/. Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg (excl. Bestellgebühr.) - Jnsertrons-ebühr für dre gespaltene Zeile 10 Pfg.

Für in der Expedition zu erteilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet

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berger heute erklärt habe. Sie hielten daS ablehnende Votum künftig für Parteisache. -

In der Spezialdiskussion über den einzigen Artikel des Gesetzes verliest Abg. Liebknecht eine Erklärung der sozialistischen Fraktion, daß dieselbe als Gegnerin aller Aus­nahmegesetze Gegner auch dieses Gesetzes sein müste. Die Sozialdemokratie habe übrigens unter dem Sozialistengesetze sich guter Erfolge erfreut, sie werde auch ferner unentwegt ihre Ziele verfolgen. — Die Spezialdiskussion wird hier­auf geschloffen, der einzige Artikel und das ganze Gesetz werden angenommen. ES folgt die Diskussion über die Resolutionen.

Abg. Windthorst zieht seine Resolution wegen deS UebergangeS zum gemeinen Rechte in der Bekämpfung der Sozialdemokratie zurück und begründet seine Resolution auf Freigebung der kirchlichen Kräfte, soweit solche durch die Partikulargesetzgebungen gehindert sind. Er verweist nament­lich auf die kirchenpolitische Gesetzgebung in Berlin, Darm­stadt und München.

Abg. Stöcker befürwortet seine Resolution, welche neben der kirchlichen Seite auch die Aufgaben der sozialen Reform für den Staat energisch zum Ausdruck bringe.

Die Abgg. Günther und Meyer sprechen gegen beide Resolutionen. Letzterer führt auS, daß keine Religions­gesellschaft in Deutschland an der freien Entwickelung ihrer Kräfte behindert sei.

Abg. vr. Wendt will kein privilegiertes Staatsktrchen- tum, er ist deshalb gegen beide Resolutionen.

Abg. Richter-Hagen spricht gegen beide Resolutionen, worauf die Diskussion geschloffen wird. Die Resolution Windthorst wird in namentlicher Abstimmung mit 178 gegen 115 Stimmen abgelehnt.

Nächste Sitzung morgen (Feingehaltsgesetz, Cholera-Do- tationSgesetz, Maß- und Gewichtsordnung, Dynamttvorlage.)

vom Landtag.

Berlin, den 12. Mai.

In der heutigen (85) Plenarsitzung des Abgeord­netenhauses wurde die dritte Lesung des Kommunal- steuergesetzeS fortgesetzt. § 8. (Ansprüche einer Gemeinde an gewiste von einer Nachbargemeinde zu erhebende Steuern) wird nach Ablehnung aller dazu gestellter Anträge ebenfalls abgelehnt. $ 11 wird nach den Anträgen der Abgg. von Huene, v. Zedlitz und v. Bitter dahin angenommen, daß diejenigen, welche bei abgabepflichtigen Aktiengesellschaften u. s. w. alS Aktionäre, Gewerken, Genossen oder Mitglieder beteiligt sind, verlangen können, daß ihr auS der desfallsigen Beteiligung fließendes Einkommen bei der Einschätzung zu Gemeindeabgaben in ihrer Wohnfltzgemeinde außer Berech­nung bleibe. Der Absatz 2 deS § 10 findet hierbei mit