Marburg, Dienstag, 13. Mai 1884.
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Aus dem Reichstage.
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Mir uns abfinden.
Aus den weiteren Darlegungen beS Reichskanzlers können wir an dieser Stelle nur hervorheben, was er über daS »Recht auf Arbeit" sagte, weil dies ein Punkt seines Programms ist, der zu den meisten bewußten und unbewußten MißeerstLndniffen Anlaß giebt. Der Abg. Richter z. B. sucht die Sache so darzustellen, alS ob zwischen der Aus- sassung deS Fürsten BiSmarS und derjenigen kein Unterschied sei, weiche zur Pariser Junischlacht von 1848 geführt hat. In dem einen Falle handelt eS sich aber nur um die im preußischen Landrecht anerkannte Verpflichtung deS
Die Reise zum Herr« Beiter.
Aus dem Tagebuche eines alten Hallenser Studenten von Albert Jaenich.
Staates, seinen hilfsbedürftigen Unterth-nevl so viel Gelegenheit zum Broterwerb zu geben, ÄS seine Kräfte es gestatten, d. h. ÄS er ohne Vernachlässigung seiner sonstigen Aufgaben vermag, in dem anderen wird das „Recht auf Arbeit" aus der Thatsache abgeleitet, daß die Arbeiter selbst der Staat sind, mithin vollen Anspruch haben, die sämtlichen Hilfsquellen derselben für sich in Anspruch zu nehmen. Daß das Dinge sind, die grundsätzlich nichts mit einander zu thun haben, steht jeder, der sehen will. Mit vollem Recht durfte der Reichskanzler denn auch fragen, weshalb er den SoziÄdemckraten denn so verhaßt sei, wenn er im Grunde ihre Geschäfte führe? Darauf ist der Abg. Richter die Antwort schuldig geblieben und er wird sie auch später nicht finden. „ u<ljr
Von unmittelbarstem praktischen Interesse endlich waren die Bemerkungen deö Fürsten Bismarck über sein Verhältnis zur Landwirtschaft. Daß er der wärmste Freund dieses ersten und wichtigsten Berufszweiges ist, wisien wer freilich schon längst. Nicht genug aber kann man eS ihm danken, daß er das bei jeder Gelegenheit auch da betont, wo eS den weitesten Widerhall findet: auf der Tribüne deS Reichstages. Er selbst hat die Parole ausgegeben: weg mit dem Fortschritt bei den Wahlen I er konnte dieser Parole keine bessere Unterstützung auf den Weg geben ÄS die Worte, die er über daS gute Recht der Landwirtschaft gesagt hat.
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»reSden und Seim»; I. Barck il in Halle; «. ThieneS in «betfeld.
Präsident v. Levehow ersucht die Redner, stch heute peziell an die zur Debatte stehenden einzelnen Gesetze«- »aragraphen zu HÄten und nicht über die prinzipielle Seite »er Frage sich zu äußern. (Beifall.)
Zu 8 1 beantragen die Abgg. Hasen clever (Soz.- Demokrat) u. Gen.: „Der 8 1 des Gesetzes vom 21. Oktober 1878 wird aufgehoben."
Abg. Geiser (Soz.-Demokrat) begründet diesen Antrag, wird aber wiederholt vom Präsidenten ermahnt, sich an die Sache zu HÄten. Redner kommt zunächst auf die gestrige Aeußerung des Reichskanzlers bezüglich des „Rechts auf Arbeit" zurück und stellt uamens feiner Freunde die Einbringung eines Antrages in Aussicht, welcher den Reichskanzler zur Vorlegung eines Gesetzentwurfs auffordern soll, welcher jenen Grundsatz zur Verwirklichung bringm soll. Im übrigen versucht der Redner den Nachweis, daß seine Partei nicht den Umstutztendenzen huldige, welche da« Gesetz zu bekämpfen beabsichtige. Man möge daS Gesetz aufheven und dadurch die Sozialdemokraten in die Lage setzen, in freier Diskussion daS Äolk über ihre friedlichen Endziele aufzuklären.
Abg. Dr. Windthorst (Zentrum) hebt hervor, daß der vorliegende Antrag stch als ein Versuch darstelle, die Abstimmung früher herbeizuführe», da mit Annahme dieseS AntragS die Vorlage überhaupt abgelehnt sei.
Der Antrag wird darauf zurückgezogen. Demnächst werden die verschiedenen Amendements W i n d t h o r st zu den einzelnen Paragraphen deS Sozialistengesetzes zur Debatte gestellt.
Abg. Dr. Windthorst bedauert, daß die Regierung und auch die Konservativen so wenig Rücksicht auf seine Anträge genommen hätten. Die bezüglichen Auölaffungrn des Ministers v. Puttkamer, deren wohlwollende /Form er allerdings anerkenne, hätten die Sache in einer Schärfe zugespitzt, wie sie nicht notwendig sei. Redner betont daß seine Anträge lediglich in dem Grundsätze wmzeltrn daß da- Sozialistengesetz eine dauernde Jnstttution weder sein noch werden dürfe. Die« werde auch von tonfrrvattvrr Seite verneint, im Grunde aber sage man „ja", da man keinen Zeitpunkt angegeben, wo die Giltigkeit deS Ausnahmegesetzes enden soll. Eine solche Verlängerung auf unbestimmte Zeit sei aber einer dauernden Einrichtung gleich zu achten. DaS werde im Volke schwer empfunden, denn dasselbe sei niemals empfindlicher, als wenn es den Eindruck habe, man wolle ihm GewÄt anthun. Jedenfalls werde ich bei den Wahlen klar darlegen, daß wir den ernsten Versuch gemacht haben, der Regierung die nöttgen Mittel zur Bekämpfung der Sozialdemokratie zu gewähren. Sollte infolge der Ablehnung der Vorlage eine Auflösung des Reichstages erfolgen, die un« bei Neuwahlen die geschloffenen Arbeiterkolonnen entgegenstellt, so weise ich dir Verantwortung dafür entschieden zurück! (Bravo im Zentrum.)
„Aha, da ist gut sein, da ist gut Hütten bauen, dacht« ich bei mir, da mußt Du hinein, um Dir auch eine zu bauen.
Ich klopfte mit dem großen messingenen Mopfer an der Hausthür einmal, zweimal, dreimal mit immer potenzierter Vehemenz. Nichts rührt stch. Endlich, als ich da« vierte Mal mit aller Gewalt bumbre, daß daS ganze Haus dröhnt, kommt so etwas im Hausflur angeschlurrt.
„Wer ist denn da?" ruft eine heisere Stimme.
.Ich! Machen Sie nur auf!" erwidere ich.
„Was heißt Ich!" tönt die Stimme.
„Wünschen Sie diesen Begriff in philosophischer Determination?" frage ich zurück.
„Was meinen Sie?" repliziert die Stimme ta bereits ärgerlichem Tone.
„Ich meine über mein Ich sehr wenig, da- überlaste ich in der Regel Anderen, z. B. Ihnen. Heber da« Ich im allgemeinen sagt aber der große Philosoph Fichte: „Ich bin Ich und setze mich selber und setze ich mich selb« elfl nicht Ich, so habe ich ein Nicht-Jch gesetzt!" Haben Sie in Ihrem Leben schon einmal etwas von Fichte gehört, mein Bester?" fragte ich.
„Schaffskopp!" Sie wollen mich hier wohl zum Narren wachen?" rief die Stimme hinter bet Thür wütend, worauf stch die Tritte verhallend nach dem Innern de« Hauses wieder entfernten. m ,
„Der „Kopf" ist ganz üb«flüsfigl Wenn Sie einfach Schaf gesagt hätten, wäre e« ja völlig genügend gewesen, denn der Kopf ist ja stet« dran!" schrie ich ihm lachend nach.
Die Affaire machte mir ungeheueren Spaß, «so de facto exkludiert, das ließ sich nicht wegleugnen.
«mtsetzwm sol«t.)
Anreisen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte«, '»wie d. Annoncen-Bureaux
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-ügersche Buchhandlung in -ankfurtla.M; Hermann- scheBuchhandtung daselbst; AdoyjEchnmo^Hambm«; >validend<mk in Berlin,
Sprachlos, wie vom Donner gerührt, starrte ich das »»glückselige Menschenkind an.
„Wa—a—a—S? Der hier geht nicht nach Halberstadt?
„Nein, nach Halle", wiederholte lächelnd der Schaff»«, ben meine verblüffte Miene zu belustigen schien. „Aber beeilen Sie sich, mein Herr, sonst kommen Sie nicht mehr mit, das Signal zur Abfahrt muß iw Augenblicke «tönen.
„Infame Wirtschaft daS!" schrie ich ingrimmig. „Kaum hat man stch wieder in einer so schönen Ecke zurecht gesetzt, ba wird man wieder herausgetrieben und muß die vermaledeite Wanderung von Neuem beginnen!"
„Bewegung ist Leben, Stillstand ist Tod!" «widerte lachend d« Schaffner.
Woher haben Sie diesen Newtonschen Grundsatz?"
'Ja, mein Verehrtester", lautete die Antwort,, „wenn ? mancher Mann wüßte, wa« mancher Mann wir, thät manch« Mann manchem Mann manchmal mehr Ehr!
Ich schluckte die Pille ruhig hinunter, setzte mich mit meinem Koffer in gelinden Hundetrab und richtig, als ich tin Koups des mir bezeichneten Zuge« kaum erklettert hatte, »fiff die Maschine und der Zug setzte sich in Bewegung.
„So, Gott sei Dank, jetzt sitze ich wieder. Mag bet- Äug nun hinfahren, wohin er Lust hat, meinetwegm nach Buxtehude oder Rttzebüttel, mich kriegt kein Mensch mehr heraus!" rief ich vor mich hi», während der Humor mit ber Entrüstung in mir bereits wieder um die Oberhand kämpste. ,
__, Glücklicherweise war ich auch diesmal allein im KM»«-
Ich streckte Äso in bequemster Weis« «eine beiden Beine
Reichstag.
Berlin, den 10. Mai.
24. Plenarsitzung. DaS HauS ist gut besetzt, die Tribünen überfüllt. Am BnndeSratStische: StaatSmintster v. Bötticher, v. Puttkamer und mehrere BundeS- kommiffare. Präsident v. Levetzow eröffnet die Sitzung um 12Vz Uhr.
Erster Gegenstand der Tagesordnung ist die erste und zweite Beratung des Gesetzentwurfs, betreffend die zur Erforschung der Cholera nach Egypten und Ostindien entsandte wiffenschastliche Kommission.
Der Gesetzentwurf lautet:
„Zur Verleihung von Belohnungen an die Mitglieder der wtffenschaftlichen Kommission, welche im Jahre 1883 behufs Erforschung der Cholera nach Egypten und Ostindien entsendet worden ist, wird dem Kais« eine Summe von 135 000 Mark zur Verfügung gestellt.
Der Reichskanzler wird ermächtigt, diesen Betrag au« den bereitesten Mitteln deS ReichöhauShalts zu entnehmen und al« außeretatSmähtge Mehrausgabe zu verrechnen." , _ ,
Ohne jede Debatte wird die Vorlage in erst« und zweit« Lesung genehmigt. ■
Darauf fährt da« HauS in der zweiten Beratung deS Gesetzentwurf«, betreffend die Verlängerung der Dauer des Sozialistengesetzes, fort.
über den gegenüberliegenden Sitz, lehnte mich mit dem Oberkörper behaglich in meine Ecke zurück, zündete mir eine frische Importierte an und den blauen durch daS geöffnete Fenster entschwindenden Ranchrtngen nachblickend, verlor ich mich bald wieder in süße Träumereien, au« denen ich auch nicht eher erwachte, als bis der Zug glücklich in den Bahnhof der altehrwürdigen StiftSstadt Halberstadt eingelaufen war.
Da die Zeit des PostanschluffeS nach O ... . bneltS vorüber war, so blieb mir nicht« weiter übrig, al« in Halberstadt über Nacht zu bleiben. Ich logierte mich demgemäß in einem dem Bahnhofe zunächst gelegenen Ho'.el ein, speiste zu Nacht und begab mich dann, da e« zum Schlafen noch zu früh war, ich dazu auch noch keine Neigung verspürte, auf den Weg, um in aller Schnelligkeit, so gut e« ging, die Stadt wenigsten« in ihren Bierverhältniffen kennen zu lernen. u t v
Die Sentenz: »Suchet, so wndet ihr finden, klopfet an, so wird euch aufgethan!' muß, wa« ben zweiten Satz betrifft, entfliehen auf einem Jrrtume bes gelehrten Denker« beruhen; wenigsten« erwie« stch biefer zweite Satz an mein« Person als total falsch.
Ich mochte wohl etwa ein HÄbe« Dutzend Kneipen und Restaurationen abpatroullieri unv in jeder einen Schoppen de« übrigens — wenigsten« was die Wirkung onbettifft — ganz vortrefflichen Biere« zu mir genommen haben, al« ich, de« Spiritus Sanctus, wie zur Pfingstzeit, voll, wiederum vor einem Hause anlangte, dessen Schild dasselbe al« „RestaurÄion und Bayrisch-Bl«-Lokal!" bezeichnete und au« beton Zimmern trotz ber geschloffenen Fensterladen und der verschloffenen Hausthüre das Gewirr unzähliger Stimmen, sowj« da« Geklapper von Gläsern und Geschirr lustig ertönte.
Die Reichstags-Verhandlungen -e- 9. Mai „lAneten stch vor denen de« vorhergehenden Tage« vor- »?mlich dadurch aus, daß der Reichskanzler, welcher ^Sitzung bi« zum Schluffe beiwohnte, zwetzsÄM längeren UllSführungeu das Wort ergriff, die sich zunächst streng an ^ vorliegenden Gegenstand auschloffen, später aber auch a^ere Gebiete streiften, weil die Angriffe, die der Abg. «ichter diesmal in altgewohnt«Weife gegen die gesamte Miigkeit des leitenden Staatsmannes richtete, diesen zu „„aischer Abwehr nötigten. Beide Mal aber sprach Fürst Wmarck mit einem Nachdruck und einer überzeugenden Krast, die ihre Wirkung im Lande nicht verfehlen werden.
Von großem Interesse war gleich zu Anfang, was n Wr die Bestrebungen sagte, eine int«nationale Verein- I x b-uung gegen daS sogenannte politische Verbrecher- llkd tum herbeizuführen. Zum «stenmale wurde dabei offi- lU| ,jell klar gestellt, waS aus ber Lage der Dinge selbst keilich schon längst hatte geschloffen werden müffen — daß die Mehrzahl der europäischen Mächte solchen Vergärungen auch heute noch abgeneigt ist. Nur die russische Regierung zeigt stch bis jetzt bereit, der Anregung Deutsch- hmes ganz und ohne Vorbehalt zu folgen. Zn W i e n ist der gute Wille vorhanden, die bestehenden staatsrechtlichen Verhältnisse bieten ab« Schwierigkeiten dar, die noch nicht haben überwunden werden können. Die Westmächte, Frankreich und England, verhalten stch ablehnend, ohne daß, nie e« scheint, Gründe anzuführen, über die stch diskutieren ließe. England sagt einfach: nein — und Frankreich er- Mt, die Initiative Englands abwarten zu wollen. Unter diesen Umständen bleibt nichts übrig, ÄS stch selbst zu helfen, jo gut es gehen will. Die ReichSregteruug hat deshalb ein »Dynamitgesetz" eingebracht und hofft, daß der Reichstag demselben seine Zustimmung nicht versagen wird, eine Er- mrtung, die wir im vollsten Maße teilen. Nach den Er- llLrungen de- Abg. Richter wird auch die freisinnige Partei dem Entwürfe unbedenklich zustimmen, der vielleicht nicht einmal bei den Sozialdemokraten auf Widerspruch zu rechnen hat. Ueber daS Mangelhafte eines solchen einseitigen Vorgehens freilich täuscht stch niemand; mehr ist itibefien, wie gesagt, nicht zu erreichen, und damit muffen
fach hnei Mai:
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. nimmt entgegen: WL—
^ Berlin, München und «7 G L. Daube und
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önschei b ruderet) bezogen <2*/» gzzark, durch die ißoftätnter bi
«ucyvruaerer- oejogen «/. **«*«-“ in der Expedition ,u erteilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet. .________r_------— - ...... l r ..... ■ ■ ' '