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JRarOurg, Sonntag, 11. Mai 1884.

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Anregung gegeben worden zu einem gemeinschaftlichen Bor­gehen der Regierungen gegen die anarchistischen Verbrechen, so konstatiere er, daß Se. Majestät der Kaiser bereit- vor Anregung de- Abg. Wtndthorst Ende März de- Jahres 1881 Veranlassung genommen, sein Ministerium und den Reichs­kanzler auf diese Gefahren aufmerksam zu machen und in einem an ihn (den Reichskanzler) gerichteten Schreiben zu einem gemeinsamen Handeln der Großmächte aufgesordert habe. Die mit Rußland zunächst angeknüpsten Verhand­lungen hätten auch insofern Erfolg gehabt, als Rußland die Initiative zu einer gemeinschaftlichev Vereinigung der europäischen Mächte ergriffen und den Vorschlag behüst Zusammentritt» einer Konferenz gemacht habe. Frankreich habe indes seine Zustimmung von England abhängig ge­macht; England lehnte ab, Frankreich folgte, und die Schweiz erklärte, daß eS zu ihrer Zustimmung des Vorgehens der Westmächte bedürfe. ES ergebe sich daraus, daß die Re­gierung ihrerseits von Hause aus nicht versäumt habe, die Sache zu verfolgen. Er für seine Person habe sie übrigens seit Dem Jahre 1881 aus dem Auge verloren, denn er habe nach dem Ausfall der Wahlen des Jahre- 1881 jede Hoffnung aufgegeben, mit einem solchen Ge­setze im Reichstage durchzudringen; jetzt allerdings, wo der Reichstag selbst die Initiative dazu ergriffen, sei eine solche Befürchtung nicht mehr vorhanden, und die Regierung harr die Vorlage dem Reichstage unterbreitet und hoffe, daß <ie die Zustimmung des Hause- finden werde. Aber daß litt diesem Gesetze nicht die ganze Gefahr gedeckt werde, gegen welche das Sozialistengesetz gegeben worden, liege auf der Hand. Die Verbrechen feien nicht mit Dynamit begangen worden; die schweren Verbrechen vor sechs Jahren härten auch unter dem strengsten Dynamitgesetz begangen werden können. Er müsse infolge Aeußeruugen verschiedener Reimer noch einen anderen Punkt, auf dem auswärtigen Gebiete liegend, berühren. Dieselben hätten darauf hingewiesen, wie wenig die russische Regierung im Stande gewesen sei, die nihilistischen Gefahren zu beseitigen. Zwischen der deut­schen Sozialdemokratie und dem rusflschen Nihilismus seien aber thatsächlich Beziehungen gar nicht vorhanden. Der Arbeiter in Rußland sei gut kaiserlich; würden in Rußland die Arbeiterbataillone einmal loSgelaffen; dann wäre t« mit dem Nihilismus bald vorbei. Der letztere rekrutiere stch aus dem Abiturientenproletariat, au- halbgebildeten Leuten und aus Offizieren, die mit ihrer Lage unzufriedeu seien. Deutschland sei bereits einen Schritt darüber hinaus. Die fortschrittlichen Theorieen hätten stch in dem Attentäter Blind kristallistert, die fortschrittlichen Blätter seien nach dem Attentat in sittlicher Entrüstung darüber auSgebrochem, daß er (der Reichskanzler) stch von Blind nicht habe erschießen lasten. Jeder, der die Karrikaturblätter von damals (gelesen, werte den Eindruck bekommen haben, daß die Mast en da­mals viel mehr aus BlindS Seite gestanden, als aus seiner

drei Schoppen nachzukommen, denn ,«a- soll au« der Welt denn noch werden, wenn keiner mehr trinken will?'!"

.Auf Wiedersehen, ave, adel Na, schreibe man ja bald, Aujust, hörst Du?" schrie Weißpflock mit weinerlich verstellter Stimme, indem er sich scherzweise mit dem Zipstl seines Taschentuch« über die Augen fuhr, als der Zug stch bereits in Bewegung gefetzt batte.

Ich winkte den Zurückbleibenden einen letzten Gruß zu, dann lehnte ich mich behaglich in meine Eck- und überließ mich beschaulichen Betrachtungen, während der Zug in die frische klare Morgenluft hineindampfte.

Mein Geist beschäftigte stch mit der nächsten Zukunft, mit meiner Ankunft, mit meinem Empfange, mst meiner Ausnahme beim Vetter. Meine Phantasie spiegelte mir anmutige und heitere Erscheinungen vor. Ich sah eini ele­gantes, mächtiges, fchloßähnliches Gebäude, die große Licht- und Seifenfabrik des Herrn Vetter», mit einer Front von wenigstens zwanzig hohen Bogenfenstern , vier Etagen hin- auf, in der Mitte die Einfahrt, ein mächtiges Portal mit schweren, eichenen, mit schönem Schnitzwerk versehenen Thür- flügeln. In diesem stand der Herr Vetter, ein hoher statt­licher Mann in eleganter Toilette; auf der langen Weste von geblümtem Seidenstoff erglänzte die schwere goldene Uhrkette mit dem gewaltigen Petschir daran aus dunkelrotem Achat. Die freundlichen Augen belebten ein volle- kernge­sunde- Gesicht mit gebräunten Wangen und behäbigem Doppelkinn; die freie Stirn umgab bereits grau melierte-, kurz geschorene- Haar. An ihn lehnte stch seine Gattin, eine kleine, gemütliche, kugelrunde Dame, ein weiße« Spitzen- häubcheu auf dem braunen, schlicht gescheitelten Haar, den sittsamen Leib züchtig umhüllt von einer duukelwollenen Hau-rvbe, vom Gürtel über der kattunen Wirtschaftsschürze

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Die Reise zum Herrn Vetter.

Aus dem Taaebnche eines alten Hallenser Studenten von Albert Jaenich.

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herniederhängend der mächtige Schlüffelbund, so da auf- schleußt alle Höhen und Tiefen de« Hauses mit ihrem reichen Inhalte.

Halb versteckt aber hinter dem würdigen Elternpaar steht die züchtige, knospende Jungfrau, die liebliche'Martha — ja wohl, Martha mußte und konnte ste nur heilen und nicht anders — mit ihren dicken, aschblonden Zöpsm, die ihr biS unter die ftnlee hinabhingen, mit großen vergiß­meinnichtblauen Kinderaugen in dem rosigen Gesichtchen, mit dem allerliebsten Stumpfnäschen, dem frischen, kirsch­roten, vollen Lippenpaar und dem alabasterweißen,. runden Halse aus den schönen Schultern. Di- herrliche, schlanke Figur ist nach vorn gebeugt, da« Auge blickt unverwandt und mit Spannung die Straße hinab, an deren Ende das Postgebäude steht. Da« liebe Kind schaut nach der« Zetter aus, nach mir, dem — innerlich gesteht sie sich« ta «n ~~ mit Ungeduld und Sehnsucht erwarteten Koustn, denn der ist ja Student und Studenten waren um jeher loa6 Jbeat ihre« Herzens, das Bild ihrer Träume, und e’tnmol einen .studierten" Mann zu besitzen, das dünkte ihr ja immer so überaus schön. Wer weiß also, was die Zukunft noch mit stch bringen konnte, wenn der Koustn ihr und sie ihm — —

.Station Magdeburg! Fünf Minuten Aufenthalt! unterbrach die Stimme des daS Koupö öffnen den Schaffner» meinen gerade in diesem Augenblicke entzücken den Zdemgang.

fuhr auf und rieb mir die Augen wie einer, der eben au- einem Nicker aufgewacht ist. .ffäotztausend, bo» geht ja nichtswürdig schnell", murmelte to) dann vor mich HM, ärgerlich, meinen Handkoffer ergreifen und den Zug nach Halberstadt suchen zu müssen.

Rach langem Suchern auf dem in endloser Lange stch hinziehenden Bahnhofe wies mich ein mit einer Bahubv-

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Acht Tage später saß ich großartig in einem Koups zwester Klasse und blies den Rauch meiner Importierten mit der Kraft einer Dampfmaschine wie ein Groß-Mogul Ct Auf> dem Perron standen meine Freunde, bereit, mir bei meiner bevorstehenden Tour nach Magdeburg die letzte Thräne nachzuweinen. Wir gedachten nochmals des letzten, so schön verlebten Sonntags, ich freilich nicht ohne ein weh­mütiges Gefühl im Hinblick auf mein bedeutend erleichterte« Portemonnaie. $u bald etwas von Dir hören

lasten wirst; ich kenn! da«; aber wenn Du erst dort und im Anblick Deiner eventuellen liebreizenden Base und ihre« werten Vaters, be« talg- und stearinbeflistenen Herrn Vetters, völlig aufgegangen bist, dann denkst Du viel an uns, dann hast Du eben mit Dir und Deinen Angelegenheiten vollauf iU ^Ptappre^ keinen ^Unsinn, ©taubgeborener!" eroberte ich. „Im übrigen thut Ihr ja gerade, als ob ch au Nimmerwiedersehen und nicht blo« auf ein paar umpige Wochen wegginge. Wa« ich verspreche, da« halte ich, da« wißt Ihr, und ich habe Euch feierlich mit Wort und Hand schlag versichert, daß ich Euch in den ersten acht Tagen meine« Aufenthalte« in O .... Kunde von meinen Erleb

A .©ul wir wollen Dir glauben!" ries Horst. «Also Nochmals Adieu, alte« Haus! Laste Dir« recht gut gehe» Mw vergiß nicht, «n« laut Verabredung alle Tage mindesten»

behaupte, daß da« Gesetz einen Zustand der Beruhigung n daS Land gebracht, den wir im Jahre 1878 kaum noch erhoffen konnten; man müsse eben nicht den Zustand von heute als Maßstab an das Gesetz legen, sondern stch ver­gegenwärtigen, welche Zustände vorhanden wären, wenn dieses Gesetz nicht bestanden hätte. Die Behauptung, baß die anarchistische Bewegung aus der Fortdauer des Sozialisten­gesetzes hervorgegangen sei, finde seine Widerlegung in der ein­fachen Thatsache, daß wir unter der Herrschaft dieses Gesetzes von dem Anarchistentnm ziemlich freigeblieben seien, während in denjenigen Staaten, wo Präventivgesetze nicht bestehen, das­selbe in voller Blüte sei. Das Anarchistentnm sei übrigens eine ganz unausbleibliche Konsequenz der Frucht der Sozial­demokratie, und er mache deshalb die Sozialdemokratie auch moralisch verantwortlich für die anarchistischen Verbrechen; beide seien gewachsen auf dem Boden des MateraliSmuS, beide würden getragen von dem gemeinschaftlich leidenschaft­lichen Haste gegen alle« Bestehende. Was die Anträge Wtndthorst anlange, so begreife er nicht, daß dieser Meister der parlamentarischen Taktik stch der Illusion habe hm- geben können, für diese Anträge eine Majorität im Hause zu vereinigen, oder daß sie von den Regierungen ange­nommen werden könnten. Die Regierungen seien sich be­wußt, daS Gesetz loyal und seinem Sinne entsprechend ge­handhabt zu haben, und in diesen Anträgen werde den­selben zugemutet, anzuerkennen, das Gesetz sei zu drakonisch gewesen. Zum Schluß kommt der Minister aus die von dem Abg. Windthorst beantragte Resolution, den Bundes­rat zu ersuchen, soweit seine Kompetenz reicht, dahin zu wirken, daß überall die Hemmniste beseitigt werden, welche die verschiedenen Religionsgemeinschaften in der freien unb ungeschmälerten und so gesegneten Wirksamkeit für Fort­pflanzung und Förderung christlichen Glaubens und Lebens im deutschen Volke zur Zeit noch hinderit oder beengen. Der Herr Minister bemerkt hierzu, daß der Antragsteller einen fundamentalen Einwand gegen dieselbe in der Reso­lution selbst gelegt, denn die Kompetenz des Bundesrats in kirchenpolitischen Angelegenheiten reiche jedenfalls nicht sehr weit. Indem er dann noch konstatiert, daß die öffent­liche Meinung in der Preste der Ueberzmgung für die Notwendigkeit des Fortbestandes des Sozialistengesetzes sich nicht mehr verschließen könne, schließt der Minister mit der Mahnung, dem Gesetze die Zustimmung nicht zu versagen. Diejenigen, welche dazu beitragen sollten, da« Gesetz zu Falle zu bringen, würden vor dem Areopag ihrer Wähler demnächst einen schweren Stand haben.

Reichskanzler Fürst Bismarck (welcher während der Rede des Herrn Ministers in den Saal getreten) bemerkte zunächst, daß er im allgemeinen seinen Ausführungen in ver ersten Lesung nur wenig zuzufügen habe. Wenn indes hier und in der Kommission ein besonderes Gewicht darauf gelegt worden, daß erst durch den Antrag Windthorst eine

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-..eigen nimmt entgegen: J^gfpebition d. Blatte», ?«ie b Annoncen-Bureauk

«W Berlin, München und LiG L. Daube unb 2 in Frankfurt a. M-, Aw, Hannover u. Pares-

Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. für ba8 Quartal mit ber®g”b“br® ttr*Me gespattene°Zelle*1» Pf».

Reichstag.

Berlin, ben 9. Mai.

23. Plenarsitzung. Die zweite Beratung über den Ge- Meütaiurf, betreffend die Verlängerung der Gültigkeitsdauer d-z Sozialistengesetzes wird fortgesetzt.

Abg. Richter (Hagen) spricht, nachdem er stch gegen die gestrigen Ausführungen des Abg. v. Minnigerode ge­wendet, seine Befriedigung darüber aus, daß das Gesetz Mw den Dynamitgebrauch vorgelegt worden. Dasselbe Walte eine Ergänzung des gemeinen Rechts, die stch nicht bloß gegen eine Partei, sondern gegen Gewalithätigkeiten Mer Art richte. Von denjenigen aber, welche für da« Sozialistengesetz schwärmen, scheinen Neunzehnte! nicht zu Men, wa« in demselben steht. Der Atteutatsversuch ge­legentlich bet Feier der Enthüllung deS Niederwalddenkmals sei eine eigentümliche Illustration für das Sozialistengesetz. Dieser Versuch habe unter der Herrschaft dieses Gesetzes stattgesunden, und das Sozialistengesetz habe, diesen Versuch Mt zu verhindern vermocht, nur eine glückliche Fügung habe ben Versuch nicht zur Ausführung kommen lassen. Die sozialdemokratische Bewegung fei zu keiner Zeit in Berlin schärfer hervorgetreten, als unter der Herrschaft deö Sozialistengesetzes. Die Handhabung desselben habe in der Arbeiterbevölkerung eine tiefe Mißstimmung hervorgerufen unb die Zahl der fanatischen Sozialdemokraten wesentlich vermehrt. Die Regierung selbst aber habe durch ihre über­triebene Vorstellung von der Leistungsfähigkeit des Staates diese Idee groß gezogen. Ob bas Sozialistengesetz an­genommen ober abgelehnt werbe, diese» Regierungssystem «erde nicht im stände sein, der Entwickelung der Sozial­demokratie tu Deutschland einen wirksamen Damm entgegen- lllicfeßtle

LundeSkommlssarluS, Minister deS Innern v. Putt- kamer: WaS das von Herrn Richter erwähnte Dynamit­attentat ans dem Niederwalde anlange, so handele eS sich hier keineswegs um eine festgestellte Thatsache; das Material darüber sei noch keineswegs abgeschloffen. Die Gefahr, die in diesem verbrecherischen Treiben liege, werde aber von ben verbündeten Regierungen keineswegs unterschätzt, unb sie seien bereit, soweit eS durch gesetzgeberische Maßregeln mög­lich ist, diesen Gefahren zu begegnen. Aber wenn Herr Richter im Ernst glaube, daß durch ben Erlaß eine« solchen GchtzeS das Sozialistengesetz überflüssig werve, so irre er; umgekehrt werde gerade durch die anarchistischen Gefahren seine Notwendigkeit in ein um so helleres Licht gerückt. Die Herren von ber Fortschrittspartei wollten allein durch Be­lehrung aus bie Sozialbemokratie einwirken; die historischen Erfahrungen sprächen aber für bie Notwendigkeit gesetzlicher Maßregeln. Wenn man von «dem Sozialistengesetze jede Unmöglichkeit künftiger Verbrechen, eine völlige Ausrottung der Sozialdemokratie erwartet habe, bann allerdings habe das Gesetz seine Aufgabe nicht erfüllt; er seinerseits aber

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Anzeigen nimmt entgegen : bie Expedition d. Blatte«, sowie d. Annyncen-Bureaur Jägersche Buchhandlung in Stanffurtia. M; Hermann- scheDuchhandlung daselbst; Adolf Steiner i. Hamburg; ♦ Jnvalidendanl in Berlin, Dresden und Leipta,; I. SBatd u. Co. in Halle; W. Thiene« in Elberfeld.

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