W. Jahrgang
Marburg, Sonnabend, 10. Mai 1884.
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Die Reise zum Herrn Beiter.
Aus dem Tagebnche eines alten Hallenser Studenten von Albert Jaenich.
Reichstag.
Berlin, den 8. Mai.
22 Plenarsitzung. Eingegangen ist der Gesetzentwurf, «atttfsend die Abänderung der Maß- und Gewichtsordnung M 17. August 1868, sowie der Entwurf eines Gesetzes ^tn den verbrecherischen und gemeingefährlichen Gebrauch M Sprengstoffen.
Vor der Tagesordnung nimmt daS Wort
Staatssekretär des Innern, Staatsminister von Böt- ucker: Er habe dem Hohen Hause einen Gesetzentwurf politischer Natur vorzulegen. Die Regierung habe stch i(tanntlid) im vorigen Jahre bei Ausbruch der Cholera in Mpten veranlaßt gesehen, zur wissenschaftlichen Erforschung dajetben eine ärztliche Kommisston, bestehend aus den Herren Seh. RegieruugSrat vr. K o ch und einigen jüngeren Aerzten, aa Ort und Stelle zu entsenden. Dieselbe habe wider Er- garten ihre Forschungsreise bis nach Indien auSdehnen
waner.
rkt.
TCantfurt a M , Ham- jJ, Magdeburg u. Wien; K[f Moffe in Frankfurt Berlin, München und (,77! m L. Daube und F i'n Frankfurt a. M., Hannover u. Pan».
u Käst 884.
; Nicht» Preston.
„Allons enfants de la patriel11 kommandierte Ich i,ht Aul, ihr Brüder, laßt unS wallen nach der Post, um'den Schatz zu heben. Die Gnadenpforte ist heute am Sonntage bekanntlich nur von 12 bis 1 Uhr geöffnet.'
Apropos, Spund', rief mir Wetßpflock zu, „wir viel gedenkst Du denn springen zu lasten? Mache Dich gehörig Nobel, das sage ich Dir, sonst schreibe ich an Deinen Vetter dor Deiner Ankunft einen Schreibebrief, in welchem ich ihm mitteile, daß Du ein knauseriger Filz bist, der nicht einmal tür seine abgebrannten Freunde ein Herz hat. Wenn der Vetter aber eine hübsche Tochter hat und die von diesem Briefe Wind bekommt, fo kannst Du die Konsequenzen esties derartigen ruchlosen Treibens schon jetzt ziehen.
So weit darf ich es freilich nicht kommen lasten', lachte ich. „Du gerierst Dich ja übrigens wie ein Denunziant von Professton. Wüßte ich nicht, daß Du gerade da« Gegenteil bist, so würde ich Dir sofort meine hohe Protektion entziehen und Dich ohne weiierrS atmosphäristeren.
„Protektion entziehen! Sic! Was der,mit einem.Male für ein Prinz geworden ist! Vorher saß er, mit uns gemeinsame Not teilend, ebenfalls da wie ein geschwollener Bettler, jetzt aber, wo er die Anweisung auf achtzig Thaler tu der Tasche hat, pärscht er sich wie ein Affe Kameelsbuckel und schreit mit Karl Moor: „Ha, ich suht«
Anzeigen nimmt entgegen:, die Expedition d. Blatte», sowie d. Annoncen-Bureanr Jägersche Buchhandlung tu. Franksurt'a- M; Hermaim- scheBischharchlung daselbst; Adolf Steiner i-Hamburg; ♦ Jnvalidendank in Berlin, Dresden ukld Leipzig; I. Bart u. Go. in S W. Thiepes inGlbi
einen Vorwurf hierüber auszusprechen,. Was die Wirkungen des Gesetzes anlange, so erkenne er an, daß an ge- wiflen Orten, wo die sozialdemokratische Bewegung begonnen habe, derselben durch diese« Gesetz ein Hemmschuh angelegt worden, aus dem einfachen Grunde, weil nach der Anwendung des Gesetzes die Sozialdemokratie gezwungen gewesen sei, ihre Kräfte zu konzentrieren. Ob diese Wirkung ober als eine günstige zu bezeichnen, dürfte fraglich sein. Wenn eine große Anzahl von Staatsbürgern auf eine Reihe von Jahren außerhalb des gemeinen Rechts und unter ganz bestimmte, nur für sie gegebene Straf- und Polizeibestimmungen gestellt werde, so müßte psychologisch die Wirkung die sein, daß sie von den Pfaden des Gesetzes immer weiter und weiter abgelenkt werden. Diese Erfahrungen habe man in allen Ländern gemacht. Er behaupte deshalb, daß das Gesetz zweifellos schädlich gewirkt habe. Er verweise auf die Entwickelung der anarchistischen Bestrebungen. Wenn wir bis jetzt von verbrecherischen Vor- kommniffrn verschont geblieben, so sei dies durch dieses Gesetz nicht erreicht. Es sei dies der göttlichen Vorsehung, nicht diesen Veranstaltungen zu verdanken, welche gar keinen Schutz gewähren. Auch die Organisation der Sozialdemokratie sei nicht zerstört worden, sie sei wohl von der Oberfläche verschwunden, aber um so gefährlicher geworden. Auch die sozialdemokratische Preste sei nicht unterdrückt worden; an deren Stelle sei nur eine andere, viel schlimmere getreten; die Entwickelung der Preßverhältniste in Rußland sollte in dieser Beziehung ein mahnendes Beispiel sein. Man könne doch daS Gesetz nicht so lange aufrecht erhalten, als die Sozialdemokratie selbst bestehe, andernfalls wäre ja ein Ende res gegenwärtigen Zustandes nicht abzusehen. Man würde nur durch die eigenen Maßregeln gezwungen, zu immer verschärfteren Maßregeln greifen müffen. Nach alledem komme er zu dem Schluß, daß er der Verlängerung deS Gesetzes seine Zustimmung nicht erteilen könne.
Abg. Freiherr v. Minntgerode wie« darauf hin, daß die krankhafte Anschwellung der Sozialdemokratie der stebenziger Jahre erheblich nachgelaffen habe und die Bewegung in friedlichere Bahnen gelenkt sei. Man möge auch nicht die gleichzeitigen Vorgänge in den Nachbarstaaten außer Acht lasten. Wenn Deutfchland von der Rückwirkung derselben verschont geblieben, so sei daS lediglich diesem Gesetze zu verdanken. Man behaupte, daS Gesetz habe die Agitation in die Schlupfwinkel gedrängt. Thatsächlich sei früher öffentlich konspiriert und nebenbei habe man auch noch im Geheimen agitiert. DaS Gesetz hänge eng zusammen mit dem provokatorischen Auftreten der sozialdemokratischen Führer. , , c
Hetze man heute das Gesetz auf, so würde der TerroriS-
der Großen Märkerstraße und trinken da ein paar Flaschen Mosel und esten ein gutes Beefsteak dazu. Bölleret treiben wollen wir nicht, und da mein Geld eben für bestimmte Zwecke ausreichen muß, so muß ich, der Lehre am Schluffe de« Briefes folgend, sparsam damit umgehen.'
Weißt Du, Spund, der erwähnte Schluß ist die einzige Stelle in dem Briefe, die mir eigentlich nicht so recht gefällt —lächelte Wolf verschmitzt, „Dir doch auch nicht, wie?*
„Hm!' erwiderte Ich ernst. .Da« ist so ein eigen Ding. Darübe ließe sich wohl disputieren. Sei dem, wie ihm sei, gut gemeint ist er und — Hand aus» Herz — überflüssig ganz gewiß nicht, für Mnen von un« !*
.Hast Recht!" rief Horst. „Wollen Deinem braven Alten für seine gute Lehre ein volles Glas weihen!
Kurze Zeit darauf faßen wir vergnügt in dem Kellerstübchen in der genannten Straße und lustig klangen die Gläser und fröhlich das Lied:
Studio auf feiner Reist Juchheidi, juchheida! Ganz famos zu leben weiß, Juchheidi, juchheida!
Immer fort durch dick und bilxu Schlendert er durchs Dasein hm. Juchheidi, heidi, heida, Juchherdr, Juchherda! Juchheidi, heidi, heida, Juchheidr, Herda.
Der Abend war längst hereingebrochen und die goldenen Styue blinkten mit friedlich stillem Gruße hernieder In die engen, dunklen Straßen, als wir in glückseliger Stimmung dm Heimweg antraten und Schillers ewiges Lied: „Freude, schöner Götterfunken, Tochter au« Elysium rc.!' leise vor uns hinsavaen.
„Da« .war ein ganz famoser Sonntag, wie ich ihn schon lange nicht erlebt W rief Horst im tiefsten Baffe, al» wir auf dem Universllätsplatze angelangt waren, von welchem au« jeder nach seiner Behausung sich begeben wollte.
„Ich schlage vor, daß wir dem Urheber desselben, urserm opferwilligen und uneigennützigen Freunde ein Floreat ausbringen I* schrie begeistert Weißpflock.
„Jawohl, daS wollen wir, da« wollen wirf" stimmte Wolf bei. „Spund lebe, sein Alter lebe, fein Beiter lebe, seine achtzig Thaler leben, wir leben, alle Welt lebe, die Nachtwächter mit eingeschloffen! Heiliger Bimbam, jetzt erst verstehe ich Dich voll und ganz, unsterblicher Altmeister Goethe, der Du so schön, so groß, so erhaben gesungen hast: „Mir ist so ungeheuer wohl, al« wie fünfhundert Säuen 1* O, ich komme mir fast fchier so vor wie ein feistes Säulein au« der stattlichen Zahl dieser fünfhundert und e« bäucht mir, daß ich nicht mehr rede mit menschlicher Stimme, sondern quieke und grunze «gleich solchem lieben Vierfüßler, den schon der alte Homer über alle« ge- lichet l Schon verspüre ich ben Speck auf meinem Rücken wachsen und die lieblichen Borstm sich darauf erheben! Schon--*
„Halte ein, Mensch, daS ist ja zum rasend werden! Ich kann nicht mehr ! Ich bekomme die Lachkrämpfe und Du hast mich auf dem Gewiffen, wenn ich womöglich bl« in die Ewigkeit lache und al» Narr In den Himmel komme!" rief ich, mich vor Lachen schüttelnd.
„Ade nun, Ihr Brüder, geschieden muß sein!" stimmte Klein an.
Juvivallera, Juvivallera, Juvivallerallerallala!
Noch ein herzlicher Händeoruck, bann zog jeder Bursche seine Straße.
Da» ist die schöne, die goldene Zett, Da» sind die Tage der Rosen!
summte Ich leise vor mich hin, al« ich mich behaglich aus meinem Lager reckte, dann umfing mich der Schlaf und der Traumgott führte meine Seele in weite Fernen.
(Fortsetzung folgt.)
mu« her Führer auf die Familie, auf da« VevelnSwesey und auf da« Versammlungsleben von Neuem zur Geltung gelangen; und wie würde man erst diejenigen Personell angreifen, welche nach der Meinung der SozialdemokrattN ihre ruhmreiche Fahne verlaffen haben. Er müsse sich gegelt jese Abschwächung deS Gesetze« erklären, die einer Ablehnung de« Gesetzes gleichkommen würde. Gegenüber den Ausführungen des Abg. v. Stauffenberg, daß daS Gesetz wirkungslos geblieben sei, müffe er daraus Hinweisen, daß dessen frühere Parteifreunde sich entschieden und für eine energische Repression ausgesprochen hätten; nur die Fortt schllttSpartei, die mitunter auf die Wahlen Rücksicht zu nehmen habe, sei anderer Meinung gewesen. Die Innert Verwandtschaft dieser Partei mit der Soziqldemokratie sei im übrigen auch nicht zu verkenne«. Dätz soziale Mißtrauen werde ja von ihr, ebenso wie von der Sozieck- demokratie systematisch genährt; auch der Fortschritt habe immer nur vom Terrorismus gelebt. Sich zum Zentrum wendend, bittet Redner dasselbe, in diesem Fall? der Regierung die notwendigen Machtmittel nicht zu versagen. Er begreife ja, daß man über das bittere Gefühl, da« nach der Meinung der Zentrumsfraktion durch die Ausnahmegesetze gegen die katholische Kirche in ihr hervorgerufen worden, schwer hlnwegkomme; aber man dürfe-doch nicht außer Acht lasten, daß e« sich hier um ein Gesetz handele gegen Ausschreitungen, unter welchen auch die katholische Kirche zu leisen habe. Wer den Frieden wolle, der muß gerüstet sein. Darum bitte er um Annahme der Regierungsvorlage.
(Um 2 Uhr erschien während dieser Rede- der Reichs kanzler Fürst v. Bismarck im Hause/ da« er gegen HM 4 Uhr wieder verließ.)
Abg. Dr Windthorst: Was zunächst die von dem Vorredner an das Zentrum gerichtete Apostrophd anlange, so freue er stch, von demselben das Anerkenntnis zu vch- nehmen, daß für die Zentrumsfraktion Erwägungen besonderer Art bei diesem Gesetze Platz griffen. Derselbe Habe diese Erwägungen sehr richtig charakterisiert, daß bei dem Zentrum eine sehr starke Abneigung gegen alle Ausnahmegesetze vorhanden sei, weil die Katholiken seit mehr als 12 Jahren bitterlich unter Ausnahmegesetzen leiden, die auch heute noch wie ftüher fortbestehen. Daß da« Zentrum danach abgeneigt sei, für Ausnahmegesetze zu stimmen, sMe Jeder begreifen. Wenn sodann der Vorredner den NationÄ- liberalen allerlei gute Lehren gegeben, was sie thun könnte«, um endlich zu einer richtigen Situation zu kommen, so sollten diese wohl darauf hinauSlaufen, daß sich die Konservativen mit den Nationalliberalen vereinigen möchten zu einer Partei. Es möge das Rezept deS Herrn v. Minni- gerode recht gut gemeint gewesen sein, aber er glaube, inner«
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täglich außer an ben Werktagen nach Sonn- unb Feiertagen.
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--j Allgemeines schallendes Gelächter folgte dieser Eruption
SÄ sittlicher Entrüstung. ,
Ä ISO „Beruhige Dich nur, mein Lieber", entgegnete ich, „ich 67 Mn kein Geizhammel, das weißt Du, und werde thun, waS
■■■ l H kann. Ich schlage vor, wir gehen In den Weinkeller, In
ch, wenn das Ergebnis dieser Forschungen wiflenschastllch ma! beitet sein werde, wir dahin gelangen dürften, der ttolera in unserem Lande einen wirksamen Damm ent» Mnzusetzen. Se. Majestät der Kaiser und die verbündeten Regierungen glauben daher, daß diesen Männern für ihre Opferfreudigkeit und Selbstverleugnung Dank gebühre, welcher eine Anerkennung ihrer Leistungen enthalte. (Bei- fatt.) Der Gesetzentwurf, den er vorzulegen die Ehre habe, Wage vor, dem Kaiser die Summe von 135 000 Mk. aus 6tB bereiten Mitteln de« Reichshaushalts zur Verfügung >u stellen, um diesen Männern, denen Deutschland nicht genug danken könne, einen entsprechenden Lohn für ihre Mühe zu gewähren. (Lebhafter Beifall.)
Nach Erledigung einiger unwesentlicher Gegenstände tritt das Hau« in die zweite Beratung des Gesetzentwurf«, betreffend die Verlängerung ter Gültigkeitsdauer deS Sozia- Mngef.tzcs bi« zum 30. September 1886, zu welchem der Sbg. Dr. Windthorst feine In der Kommission diskutierten Anträge wieder eingebracht hat.
In der Debatte nimmt zuerst daS Wort Abg. Freiherr Schenk von Stauffenberg, welcher zunächst auf die Geschichte des Sozialistengesetzes näher eingeht und dabei insbesondere betont, daß die Absicht der Majorität bei Annahme dieses Gesetzes nicht darauf gerichtet gewesen fei, die sozialdemokratische Partei gewiffermaßen in ihrer Existenz zu vernicht n, sondern dasselbe sei gerichtet gewesen gegen Deren Methode, gegen die Art und Welse der Agitation in btt Presse und in den Versammlungen. Man habe deshalb das Gesetz auch mit einer Reihe von Kanteten zu umgeben versucht. Diese Kanteten hätten stch indes als um nutzlos erwiesen; das Gesetz fei in dieser Weise nicht zur ______„ Ausführung gelangt. Er sei aber weit entfernt davon,