Marburg, Freitag, 25. April 1884.
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Den letzten Gegenstand der Beratung bildete der Antrag der Abgg. Frhrn. v. Stauffenberg und Gen., betreffend die Anordnung von Erhebungen über die Zulässigkeit der Gewährung von Pensionsansprüchen an solche ehemalige Militärpersonen, bei denen im Kriege erlittene innere Dienstbeschädigungen erst nach dem Präklusivtermin hervorgetreten sind. Dem Anträge wurde von vorneweg durch die Erklärung des BundeSbevollmächtigten Kriegsministers Bronsart v. Schellendorff die Spitze abgebrochen, daß die preußische Militärverwaltung unausgesetzt bemüht gewesen, in allen denjenigen Fällen, in denen ein Be dürfnis nachgewiesen sei, im Wege der Unterstützung Abhülfe zu schaffen, und daß gegenwärtig über die generelle Regelung der Frage im preußischen KrtegSministerium Verhandlungen schwebten, daß auch sämtliche Regierungen dem Gegenstände Wohlwollen entgegenbrächten. Der Antrag wäre danach eigentlich gegenstandslos, indes würde die Regierung in der Annahme desselben eine Unterstützung ihrer Bestrebungen erblicken, ihr könne derselbe daher nur willkommen sein. Sämtliche Redner erklärten sich durch dieses Entgegenkommen des Ministers befriedigt. Der Antrag gelangte auch, anscheinend einstimmig, zur Annahme. Nächste Sitzung Donnerstag. (Relikten- und Pensions-Gesetz.)
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Historische Novelle von F. Stöckert.
.Aber ich kann .s nicht gestatten", sagte der Fürst jetzt fast hastig. „Sie dürfen kein armes Fräulein ehelichen. Die kleine Gertrud lasten Sie mir im Stift, da ist am besten für sie gesorgt, meine Einwilligung zu dieser Heirat kann ich nie geben."
Junker Georg war etwas blaß geworden. Dann, Durchlaucht, müsten wir außer Landes gehen, ich kann arbeiten und habe hier beim Brückenbau meine Kräfte teilweise erprobt." Er blickte dabei auf seine weißen aristokratischen Hände, an welchen die Spuren seiner Thätigkeit noch zu sehen waren.
.Da« sind ja glänzende Aussichten für die kleine Wülknitz 1 Tollen wohl ein Brückenbauer werden, Sie edler Junker »°n Wülknitz?" rief der Fürst.
Als er aber in das unerschütterliche, treue, ehrliche Gesicht b« Junkers schaute, zuckte es doch wie Rührung über seine pitttschen Züge. Mit einem kurzen „Adieu, junger Trotzes!" wendete er sich schnell hinweg und b stieg sein Pferd langsam und in tiefem Sinnen der Stadt zureitend. Wie tite, längst verklungene Weisen, wie süßer Lenzesgruß sang Und klang es an des Fürsten Ohr, als er fo in der linden Frühlingsluft dahinritt.
Aufrichtiges, treue« Lieben, wo e« unS auch e tgegen- ^"t, trägt immer einen herzbezwingenden Zauber in fich, wir uns schwer entziehen können. Auch Fürst Johann Georg hatte heute diese Erfahrung an sich machen müsten Und ex vermochte dem Junker nicht zu zürnen, trotz seiner ^cht sehr respektvollen Reden. Die freimütige, offene Sprache nues so warmen, unverdorbenen Herzens hatte es ihm eben
Reichstag. »
Berlin, den 23. April.
Der Reichstag beschäftigte sich in seiner heutigen (16.) Sitzung zunächst mit dem Anträge der Abgg. Büchtemann- Eberty wegen Vorlegung eines Gesetzes, welches allen im Reichsdienste beschäftigten Zivilpersonen, beziehungsweise deren Hinterbliebenen, ohne Rücksicht auf das Dienstalter eine ausreichende Pension zusichert für den Fall, daß diese Personen durch Unfälle oder Beschädigung im Dienste deS Reiches in ihrer Erwerbsfähigkeit beeinträchtigt werden oder das Leben verlieren. Die Antragsteller begründeten ihren Antrag insbesondere unter Hinweis auf die vom Reich angestrebte Versicherung aller im ZivilverhältniS beschäftigten Personen gegen Un älle, dem gegenüber sich am wenigsten da« Reich seiner Verpflichtung entziehen dürfe, für seine Arbeiter eine gleiche Fürsorge zu treffen. Einen prinzipiellen Widerspruch fand der Gedanke des Antrages auf keiner Seite des Hauses, indes wurde die Form vielfach für bedenklich gehalten. Es wurde schließlich die Verweisung desselben an eine besondere Kommission von 21 Mit gliedern beschlossen. — Der Reichstag beschäftigte sich sodann mit dem Anträge der polnischen Abgeordneten wegen Gleich- bkrechtigung der polnischen Sprache mit der deutschen bet den gerichtlichen Verbandlungen, sowie wegen Zuziehung von Dolmetschern und Führung eines Nebenprotokolls ^ei den Verhandlungen mit Parteien, welche der deutschen Sprache nicht mächtig sind. Der erste Punkt wurde von den Rednern der Rechten und Linken bekämpft, dagegen wurde anerkannt, daß bez. des zweiten Punktes thatsächlich Uebclstände vorhanden sind, die der Abhilfe bedürfen. Auf Antrag des Abg. von Uechtritz beschloß das Haus auch die Verweisung dieses An- kages an eine besondere Kommission von 14 Mitgliedern. —
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Deutsches Reich.
Berlin, 23. April. Ein dem BundeSrate zugegangener Gesetzentwurf ermächtigt den Reichskanzler, die Einrichtung und Unterhaltung einer regelmäßigen Postdampferverbindung zwischen Hamburg, Bremen und Ostasten (Hauptltnie zwischen Hamburg, Bremerhaven und Hongkong und Aokohama über Rotterdam, beziehentlich Antwerpen, Neapel, Portsaid, Suez, Aden, Colombo und Singapore; Zweiglinie zwischen Hongkong und Aokohama über Shanghai, Nagasaki, Koreo) und zwischen Hamburg, Bremen und Australien (Hauptlinie zwischen Hamburg, Bremerhaven und Sydney über Neapel, Portsaid, Suez, Aden, King-Georges-Sund, Adelaide und Melbourne; Zwriglinie von Sydney über Auckland, Tonga, Samoa und Brisbane zurück nach Sydney) auf 15 Jahre an geeignete Privatunternehmungen zu übertragen und in den bezüglichen Verträgen Beihilfen bis zu höchsten« 4 Mill. Mark jährlich aus Reichsmitteln zu gewähren. — Die Eisenbahnkommisston genehmigte die sämtlichen Verträge über den Erwerb neuer Bahnen mit Ausnahme der Bremer Bahn, worüber wegen Abwesenheit deS Referenten die Beratung ausgesetzt werden mußte. — Die ReichStagS-Kom- Mission für den Ges tzentwurf über den Feingehalt der Gold- und Silberwaren begann die General - Diskussion. Referent Karsten berichtete über die eingegangenen Petitionen; ihm persönlich sei die Annahme des Gesetzes unmöglich. Korreferent Perrot sprach dasür, entweder die Stempelberechtigung auf geringere Feingehalte auszudehnen, oder die Stempelpflicht auf schwerere Gold- und Silbergeräte zu
Georg v. Wülknitz hatte sich wieder an seine Arbeit, an die Brücke begeben, wo er nicht nur im Einverständniffe mit den Bauherren die Arbeiter beaufsichtigte und anspornte, sondern auch oft selbst Hand mit anlegte, wenn es galt einen besonders schweren Stein zu hebm. Dann und wann flog ein sehnender Blick den blauen Elbstrom hinunter, sonst aber schien er ziemlich unbekümmert, trotz der Unterredung mit dem Fürsten. In seinem jungen, trotzigen Herzen stand eS einmal unerschütterlich fest, daß Gertrude v. Wülknitz sein Weib würde, kein Hindernis däuchte ihm zu groß und unüberwindlich und wenn er mit Drachen und Ungeheuern um den Besitz der Geliebten kämpfen sollte, er würde vor nichts zurückschrecken.
Die holde Gertrud ahnte natürlich nicht« von all den Versuchungen, denen ihr Geliebter ausgesetzt war. Sie freute sich der goldenen Frühlingstage, freute sich, daß die Zell, trotz der Trennung vom Geliebten, so flüchtig war, verkürzte doch jede Stunde, die in« Meer der Vergangenheit sank, die Trennungszeit von Georg. Der Frühling nun, da« war überhaupt ihr Element. Wenn der Schnee schmolz und die erste Lerche jubelnd in die blaue Luft flog, dann jubelte Gertrud mit heller Stimme mit und vergaß, daß eS Leid und Sorge auf der Welt gab. In das goldene Haar und an die Brust steckte ste die ersten Frühlingsblumen, unbekümmert, daß dieser zarte, duftige Schmuck so gar nicht zu dem ehrbaren SliftSgewand jetzt paßte. Die alten Stiftsdamen blickten auch gar verwundert auf die also Geschmückte, aber ste brachten kein tadelnde« Wort über die Lippen, wenn die blauen Augen Gertrud« ste glückselig anschauteu. Heute, an einem der letzten Apriltage, lag aber in diesen blauen Augen noch ein ganz besonderer Glanz.
beschränken. Regierungskommiffar Bödiker suchte mehrere Angaben in den Petitionen der Gegner der Vorlage zu widerlegen. — Für morgen abend ist im ReichSamt M Innern eine Sitzung der Parlamentsbau - Kommission anberaumt, in welcher die Lage des Baues und die Vor- bereikungcn für die Grundsteinlegung itäher besprochm werden sollen. — Die „Prov.-Korr." polemisiert heute an erster Stelle in einem längeren Artikel gegen da« Schreibm, welches Professor Mommsen in bezug auf die Verlängerung des Sozialistengesetzes an seine Wähler gerichtet hat. — Wie dem „Berl. Börs.-Cour." von durchaus zuverlässiger Seite mitgeteilt wird, ist eine Vorlage an den Landtag wegen Neubildung de« StaatSrateS noch im Laufe der gegenwärtigen Session zu erwarten. Fürst Bismarck soll, nachdem er sich der Zustimmung de« Kaiser« und ebenso de« Kronprinzen verstchert hat, die Angelegenheit mit großem Eifer verfolgen und wünscht deshalb nicht, daß die Session zu Ende gehe, ohne daß jene« Projekt seinem definitiven Abschlüsse entgegengeführt sei. Wa« im übrigen über dir Zusammensetzung de« StaatSrateS verlautet, beruht lediglich auf Kombinationen; eS ist fogar zweifelhaft, ob hierüber bereit« definitive Entschließungen gefaßt worden sind. E« wird un« auf da« bestimmteste versichert, daß der Reichskanzler in der StaatSratSfrage nicht« ohne die vorherige Zustimmung de« Kronprinzen unternimmt und über den Fortgang dieser Angelegenheit den Thronerben unausgesetzt auf dem Laufenden erhält. ES darf deshalb al« scststekend angenommen werden, daß der Kronprinz sich zur Annahme deS Vorsitze« im Staatsrate bereit erklärt hat, und daß e« sich dabei keineswegs um ein Ehrenpräsidium handelt, wenn auch allerdings die Erledigung der laufenden Geschäfte durch den Stellvertreter des Vorsitzenden erfolgen dürfte. Uebrigen« neigt man in parlamentarischen Kreisen der Ansicht zu, daß die Funktionen de« reaktivierten StaatSrateS sich nicht auf die Vorbereitung der Gesetzesvorlagen für den Preußischen Landtag beschränken werden, sondern daß auch die ReichSgrsetzgebung in ihren Vorstädten der Begutachtung dieser Körperschaft unterliegen solle. ES dürfte daher nicht bloS die Zahl der Mitglieder deS StaatSrateS eine weit größere sein, als die de« früheren Preußischen StaatSrateS, sondern diese Mitglieder auch aus hervorragenden Persönlichkeiten de« gesamten Reichsgebiete« entnommen werden. — Weiter schreibt das Blatt: „Es wird jetzt allgemein zugegeben, wa« wir gleich anfang« gemeldet haben, daß da« ganze Staatsprojekt darauf hinauSläuft, die Zukunft politisch zu engagieren. Ob eS gelingen wird, späteren Entscheidungen nachhaltig vorzugreifen, darüber gehen die Ansichten sehr auseinander. Unterrichtete und kundige Männer behaupten, daß alle noch so künstlichen und klugberechneten Einrichtungen an der Entschiedenheit deS Willens scheitern werden, um besten Kaptivierung eS sich handelt."
ES war ein Bote aus Dessau gekommen, mit Briefen an die Aebtisstn; derselbe hatte auch Gertrud ein« von Georg- gewichtigen Schreiben etngehändigt und in demselben stand geschrieben, daß die Gierbrücke nun fertig und daß Junker Georg selbst fleißig an dem Bau mitgearbeitet und daß derselbe Bote, der ihr da« Schreiben brächte, der P inzesstn Aebtisstn ein Einladungsschreiben vom Fürsten zur Einweihung der Gierbrücke brächte.
Da« kleine Stifsfräulein war schier außer sich vor Freu e über diese Nachrichten. Lustige Volksweisen trällernd, lief sie durch die Gänge und Korridore de« Stift« nach dem Garten hinaus und trotzdem, daß ein feuchter Regen niederrieselte, kniete sie auf dem nasten Rasen und pflückte Veilchen und Anemonen, um sich damit zu schmücken, al« gelte e« ein Fest zu feiern. Ja, sie vergaß sich sogar so weit, daß, als die Aebtisstn ste zu sich rufen ließ, ihr die Einladung des Fürsten zu verkünden, ste der hohm Dame ungestüm um den Hal« fiel.
„Ach, Prinzesstn, ich bin zu glücklich", rief sie einmal über da« andere. „Da« Wiedersehen, da« köstliche Wiedersehen I"
„WaS für ein köstliches Wiedersehen?" fragte Prinzeß Elisabeth.
Gertrud errötete ein wenig und dann glitt sie plötzlich zur Erde nieder und verbarg da« glühende Antlitz in ben Falten de« dunklen schleppenden Gewändes der Aebtisstn. „Ach, Prinzesstn, ich liebe ihn ja so sehr", stammelte sie, „und Hoheit könnten wohl ein gute« Wort für un« einlegen bei dem Fürstm, denn noch einmal trenne ich mich nicht auf so lange Zeit von meinem Vetter Georg, ich
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