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XU. Jahrgang.

Marvurg, Mittwoch, 23. April 1884.

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fliuetaen nimmt entgegen: 5, örpebition d. Blatte-, .»wie d Annoncen-Bureaux vonHaasensteiu und Vogler in Frankfurt a M Ham- Lra, Magdeburg u. Men; Rudolf Moss- in Frankfurt u W., Berlin, Biünchen und adln: ® L. Daube und 60. in Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u. Paris.

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Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen BeilageJlluftrtrteS SonntagSblatt" durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 2*A Mark, durch die Postämter deS Deutschen Reiche- 2 Mark 50 Pfg (excl. Bestellgebühr.) Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg.

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tt Aussichten des LoztalisteugesetzeS.

Die Entschiedenheit, mit welcher verbündete Fortschrittler und Sezesstonisten sich gegen eine Verlängerung der Gel­tungsdauer deS Sozialistengesetzes ausgesprochen hatten, ist in sichtlichem Schwinden begriffen. Der Abg. E. Richter und andereEntschiedene* beharren auf der einmal aus­gegebenen Losung, die sezessionistischen Redner und Zeitungen aber lasten sich durch die Rücksicht auf die neu gewonnenen Freunde uns Bundesgenosten nicht abhalten, im entgegen­gesetzten Sinne zu urteilen und die Beibehaltung dieses Gesetze« alsdas kleinere unter den vorhandenen Nebeln* zu bezeichnen. Der wahre Grund, aus welchem diese neu­erworbene Einsicht in die Unentbehrlichkeit de« gegen die Ausschreitungen der Sozialdemokratie gerichteten Gesetzes herrührt, wird von den Herren natürlich verschwiegen und hinter allerlei tiefsinnig auSsehenden Erwägungen versteckt. Und doch ist der eigentliche Zusammenhang der Sache so naheliegend und einfach, daß man ihn mit Händen greifen kann. In seiner ungeheuren Mehrheit ist das deutsche Volk ein monarchisches Volk, dem die Sicherheit seines Kaisers und die Respektie­rung deS kaiserlichen Willen« über jede andere Rücksicht geht. Seit der am 22. März d. I. bekannt gewordenen Aeutzerung reS Kaisers darüber, daß die Auf­rechterhaltung des Gesetzes,für welches er geblutet habe", für die Sicherheit de« Staates unentbehrlich fei, steht die Meinung der meisten Deutschen über diesen Punkt unzweifelhaft fest und ist eS um die Durchführung de« von denFreisinnigen" auSgegebenm Stichwortes so gut wie geschehen. Noch giebt eS in Deutschland eine Autorität, die über jede andere geht; noch eine Popularität, mit welcher

sich keine zweite auch entfernt messen könnte! Versuche, die Aufhebung deS Sozialistengesetzes gegen den Wunsch deS Kaisers durchzusetzen, würdm an der öffentlichen Meinung wie Pfeile an einer Felsenmauer abprallen und auf ihre Urheber zurückfallen. BIS tief in die Kreise hinein, die sonst nicht abgeneigt sind, bei Gelegenheit mit den Oppo­sitionsparteien gemeinsame Sache zu machen, lebt ein starkes Gefühl von dem, was der Deutsche an seinem Kaiser hat und was er diesem Kaiser schuldig ist. Kommt diePer- son de« Kaisers inFrage, so ist mit den wohl­klingendsten und populärsten Redensarten der sog. VolkSminner nichts mehr auszurichten, weil hier ein Gebiet beginnt, auf welchem un­zählige, sonst bestimmbare Deutsche nicht mehr mit sich handeln lassen.

Das scheint man nachgerade auch in bett Reihen der freisinnigen Führer zu verstehen. Auf einen Zusammenstoß mit der monarchischen und patriotischen Gesinnung deS Volkes dürfen es Leute, die irgend ihren Vorteil verstehen, nicht ankommen lasten, well sie im voraus misten, daß eine Niederlage unabwendbar (ein würde. Vielfach walten Partel- verbistenheit und Eigensinn allerdings so erheblich vor, daß man für ruhige Erwägungen unzugänglich ist und min­destens von einem großen Teil der Freisinnigen läßt sich annehmen, daß sie auf ihrem Widerspruch gegen das Sozia­listengesetz verharren werden. Mögen diese Politiker thun, waS sie nicht lasten können, darüber, daß die Folgen einer Ablehnung des Sozialistengesetzes lediglich auf sie selbst zurückfallen würden, kann, unserer Meinung nach ebenso wenig gestritten werden, wie über die Parteinahme aller guten Deutschen für den Willen und die Meinung ihre« Kaiser».

Deutsches Reich.

Berlin, 21. April. DerRetchSanzelger" meldet: Der Kaiser empfing heute nachmittags den Vortrag des Fürsten Bismarck. In dem Befinden der Kaiserin sind langsame Fortschritte wahrnehmbar, der weitere Verlauf der Krank­heit ist befriedigend. Der dritte Kongreß für Innere Medizin ist heute unter dem Vorsitze deS Geheimrats Frerichs zusammengetreten. Etwa 300 Teilnehmer aus allen Teilen Deutschlands und Oesterreichs sind erschienen. In Ver­tretung der Regierung sind Staatsminister v. Bötticher, Unterstaatssekretär Lucanu» und Geheimrat Althoff zu­gegen. DieNordd. Allg. Ztg." sagt: Ueber die in der Presse vielfach erwähnte Entsendung des kaiserlichen General­konsuls Dr. Nachtigal nach der Westküste von Afrika er­fahren wir folgendes: Der erfreuliche Aufschwung deS deutschen Handel» mit der westafrikanischen Küste und da» vielfach hervorgetretene Bedürfnis, die Interessen desselben wirksamer zu wahren, als dies durch kaufmännische Konsuln möglich ist, hat das Auswärtige Amt veranlaßt, vorläufig

einen hierzu durch seine Vergangenheit besonder» qualifi­zierten Beamten kommlstarlsch dorthin zu entsenden. Der- selbe hat die Aufgabe, durch Vervollständigung der vor­handenen Jnformattonen die Grundlage für die Beschluß- fasiung über die Organisatton einer zweckentsprechenden konsularischen Vertretung zu gewinnen und inzwischen die vorhandenen Interessen der Angehörigen deS Reichs zu ver­treten und zu fördern. Mit tiefem Kommissorium ist der Generalkonsul vr. Nachtigal betraut, und ist ihm zu feiner Unterstützung auf feinen Wunsch der Afrikareisende Dr. Buchner beigegeben worden. Die dritte der in den Blättern genannten Persönlichkeiten ist der bisher bei dem General­konsulat in London beschäfttgte Kanzleisekretär Moebiu». Zugleich ist auf Antrag deS Auswärtigen Amts die dauernde Stationierung von Kriegsschiffen in den westafrikanischen Gewäffern in Aussicht genommen und einstweilen S. M. Kbt.Möwe" zur Unterstützung der Ausgaben des kom- missarischen kaiserlichen Generalkonsuls in Dienst gestellt. DieMöwe" hat am 15. d. Mts. Kiel verlaffen und wird gegen Ende d. MtS. in Liffabon anlegen, um dort den kaiserlichen Kommissar und seine Begleitung an Bord zu nehmen. Wie unterm gestrigen auS Alexandrien ge­meldet wird, sind Dr. Koch und die übrigen Mitglieder der deutschen Cholerakommisston gestern von Kairo dort eingetroffen, um sich mit dem nächsten Postdampfer nach Brindisi einzuschiffen. Dieselben sollen bis, Ansicht aus­gesprochen haben, baß, ba sich bei bem Eintreten bet in­tensiv heißen Jahreszeit in Egypten keine Choleraanzeichen ergeben hätten, bas Land in diesem Jahre voraussichtlich von der Cholera befreit bleiben werbe. Wie In früheren Jahren hat bet Büreaudircktor beS Abgeordnetenhauses, Geheime Rat Kleinschmidt, nach Ablauf der Osterferien eine Zusammenstellung der unerledigten Vorlagen im Ab- geordnetenhause erscheinen lassen. Danach sind unerledigt in den verschiedenen Beratungen 16 Vorlagen, darunter zwei betreffend die weitere Eisenbahnverstaatlichung und der Nachtrag zum Staatshaushaltsetat für 1884/85 in allen drei Beratungen; die Jagdordnung und einige kleinere Vor­lagen in dritter Beratung; die Steuergefetze, da« Kvm- munalsteuergesetz, die Ergänzung des Gesetze» über die Unterbringung verwahrloster Kinder u. s. w. In zweiter und dritter Beratung. Außerdem restieren vier Anträge und 18 KommisstonSberichte. Trotz alledem würden sich abgesehen von den Steuergesetzen, die freilich noch längere Zeit beanspruchen, alle diese Arbeiten in 34 Wochen er­ledigen lassen. In unseren parlamentarischen Kreisen wird der plötzliche Tod de» Reichstag»« und Landtags- Abgeordneten v. Schorlemer - Vehr allgemein bedauert. Freiherr Wilhelm v. Schorlemer - Vehr hat nur das Alter von 59 Jahren erreicht. Er war ein Zwillingsbruder de» ZentrumSführerS v. Schorlemer-Alst und am 21. Okt. 1825 geboren. Der Verstorbene war früher Landrat in Vehr

g Da» Stiftsfräulein.

Historische Novelle von F. Stvckert.

In Gertruds Antlitz leuchtete e« freudig auf bei diesen huldvollen Worten, sie sah sich schon im Geist an Georgen« Hand auf der neuen Brücke herumtanzen.

Dank, Durchlauchti tausend Dank!" rief sie freudig erregt und beugte sich nieder, die Hand de« hohen Herrn zu küssen. Als dann die Thür sich hinter dem Fürsten und seinem Gefolge schloß, legte sie eilend» ba» rosa Kleid wieder ab und packte e» sorgfältig in ihren Koffer, mit Entzücken de» Tage» gedenkend, wo sie e» wieder zu der Reise nach Dessau hervorholen würde. Dann schickte sie sich an, den Bries Georg» zu beantworten, wa» für ihre, de» Schreiben» nicht allzu kundigen Hände einige Schwierig­keiten hatte.

Als es dunkelte, da huschte da» leichtlebige Stift», sriuleln verstohlen durch die Gänge und Korridore de» Stift», bis ihre suchenden Augen in einer tiefen Fenster­nische einen schlanken Junker erblickten, der dort ihrer zu harren schien. Da» war Bernharb von Wallwitz, der Freund Georg», der ihr dessen Brief überbracht; dem händigte sie ihr Antwortfchreiben ein und außerdem noch ein sorgfältig verpackte» und verschnürte» Geschenk für Georg, einen kunstvollen, mit Gold- und Silbersädert ge­stickten Tabaksbeutel. Bernhard v. Wallwitz versprach alle» getreulich dem Freund zu übergeben, mit all den tausend Grüßen und Küssen Gertrud«.

In derselben Abendstunde, in welcher Gertrud die Zusammenkunft mit Bernhard v. Wallwitz hatte, ruhte die junge Aebtisst» in dem nur matt beleuchteten Speisesaale in einem der hohen steiflehnigen Stühle und vor ihr stand der Baron v. Chalezac^ um sich von ihr zu verabschieden,

da der Fürst Johann Georg mit seinem Gefolge schon am nächsten Morgen wieder nach Dessau aufbrechen wollte. Der Baron war ein sehr finsterer Zuschauer der Zeremonien de« Morgen« gewesen, sie hatten ihm abgeschmackt und lächerlich gedünkt, In der Vereinigung mit dem jungen Fürstenkinde, ba« ihm nicht für eine derartige ernste, feier­liche Handlung geschaffen schien.

Unverwandt hatte Chalezac» Auge während der feier­lichen Handlung auf ihr geruht. Sie war ihm schöner und anbetungswürdiger erschienen, wie die Heiligenbilder am Altar. Er hätte mögen vor ihr niederknieen, wie vor einer Gottheit, in stummer Andacht emporschauen zu dem zarten, wie verklärten Antlitz. Jetzt erst, als sie so abgespannt in dem Stuhle lehnte, diuchte sie ihm wieder ein Menschen­kind von Fleisch und Blut zu fein.Mögen Ihre künftigen Lebenstage reich an Glück und Segen fein, Hoheit", sagte er mit einem entsagungsvollen Blick.

Ich banke Ihnen, Herr Baron", erwiderte die Aebtisstn und dabei flog es roiebe*. so weich unb träumerisch wie schon einmal über ihre Züge. Unb, war sie zu abgespannt, ober wollte sie dem Baron einen wärmeren Abschied gönnen, sie bemühte sich heute durchaus nicht, ihrer weichen Regung Herr zu werden. Alle Würde und Hoheit , schien plötzlich von ihr zu weichen, fast schüchtern blickte sie zu dem schönen Mann vor ihr auf und in ihren Zügen lag ein Ausdruck, der diesen mit wonnigem Entzücken erfüllte.

Ich wollte, ich wäre nicht als Prinzessin geboren", sagte fie leise,wir wären wohl Beide glücklicher."

In des Barons dunkeln Augen leuchtete e» auf.Dank, taufend Dank, Prinzessin, für diese« Wort!" rief er leiden­schaftlich.Sie lassen wenigstens den müden Wanderer nicht ganz verschmachten auf seinen freudlosen Pfaden,"

Wir sind eben nicht Herren unseres Schicksal«", fuhr die Prinzessin mit leiser, trauriger Stimme fort. ,E« ist Gottes Wille, daß ich des höchsten Glück» de» Weibe» nicht teilhaftig werden soll, al» Ersatz dafür hat er mich zu einem schönen Amte auSersehen. Gehen Sie mit Gott, Herr Baron, und grüßen Sie mir mein schönes Anhalt."

Die kleine Hand, die sie ihm jetzt reichte, zitterte merk­lich ; Baron Chalezac drückte einen Kuß darauf, bann ging er. Die Prinzessin schaute ihm nach, bi» bk schweren eichenen Thüren be» Speisesaals hinter ihm zufielen und al» sie nun allein war, ba drängten sich heiße Thränen auS ihren Augen. Sie galten dem verlorenen Jugendglück, dem sie, die Prinzessin und Aebtissin, auf ewig mußte ent­sagen. Ihr war es nicht vergönnt, wie andere junge Mädchen ihre» Alter» süßen Träumen nachzuhängen, wie Gertrude v. Wülknitz, deren lockiges Haupt zu dieser Stunde längst auf weichen Kissen ruhte und deren Lager die süßesten Träume umgautelten: Von einer Brücke, die sich über bem blauen Eldstrorn wölbte, von Musik und fröhlichem Tanz, von Georg von Wülknitz» treuen braunen Augen, bk voll glühender Bewunderung auf ihr und dem rosa Kleide ruhten.

Georg von Wülknitz» Freude über den gestickten Tabaks­beutel von der geliebten Hand war schier unermeßlich. In seinen Augen gab eS nichts Schönere» auf der Welt, wie diesen Tabaksbeutel, er wurde ihm zum Talisman gegen alle Anfechtungen, die ihm von feinem Vater und Frau von Börstel, Gertrud» Tante, bereitet wurden und die darauf auOgingen, ihn andern Sinns zu 'wachen, Gertrude vergessen zu lassen und feine Augen auf vermögendere Töchter be» Lande» zu richten. (Fortsetzung felgt )