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JTIatßurg, Sonnabend, 19. April 1884.
XU. Jahrgang.
Änietgen nimmt entgegen. bk ÖlPebition d. Blatte-, sowie d Annoncen-Bureaux von Hc-as-nsteiu und Vogler in Frankfurt a M, Hamburg, Magdeburg u. Wien; «udolf Moffe in Frankfurt a SW., Berlin, München und adln- G L. Daube und Eo. in Frankfurt a. M-, Berlin, Hannover u.PanS.
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Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte-, sowie d. Annoncen-Bureaux Jägersche Buchhandlung in Frankfurt!«. M; Hermann» scheBuchhandlung daselbst; Adolf Steiner i. Hamburg; Jnvalidendank in Berlin, Dresden und Leipzig; I. Barck u. Co. in Halle; W. Thienes in Elberfeld.
Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JllustrirteS Sonntagsblatt" durch die Expedition (Ko ch'fche Buchdruckerei) bezogen SV. Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches S Mark 50 Pfg (excl. Bestellgebühr.) — Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg.
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Bauerusüllg in Marburg.
II.
Aus dem „Marburger Tageblatt" erfahren wir, daß der für Sonnabend in Scene gefetzte Versuch deS Bauernfangs im Auftrage Ungenannter von dem Buchdrucker C. L. Pfeil geschäftlich besorgt ist. DaS verbreitete Eisenacher Programm läßt keinen Zweifel, daß eS stch um eine politische Agitation handelt, welche den giftigen Haß der Herren ParistuS, Meyer rc. in den Bauernstand verpflanzen möchte, um für die Wahlen Boden zu gewinnen. Der angekündigte Redner, Herr Wtßner, ist dieselbe bekannle Persönlichkeit, welche unferm Lanvmann Hellwig zu Hadamar in Eisenach daS Sprechen nicht gestattete und ihm nebst andern tüchtigen und wirklichen Bauern die Thüre wieS. Die Bemerkungen des „Mark. Tagebl." find wie gewöhnlich irrig. Dasselbe meint, unsere Bauern bedürften der Leitung anderer fremder Bauern, wie z. B. deS Herrn Wißner — und das ist thatsächlich nicht wahr, wir meinen, daß unsere Bauern ihre eigenen Angelegenheiten recht gut besorgen und keine „Eisenacher" brauchen. Haben dieselben rechtliche Beihülfe nötig, so werden sie trotz Herrn Wißner eines zuverlässigen Advokaten auch ferner nicht entbehren können. Wenn daS „Marb. Tagebl." aber gar meint, die hiesigen Bauern seien durch ehrgeizige Advokaten und Landräte verdummt, so ist daS wieder sehr falsch geurteilt, denn unsere ländliche Bevölkerung ist klug und überlegt und ist bisher Herrn Pfeil und Kons, nicht auf den Leim gegangen — und wird eS auch künftig nicht thun. Eins glauben wir aber dem „Marb. Tagebl." aufs Wort, daß die Druckkosten der Aufrufe „dem Herrn Pfeil von leibhaftigen Bauern bezahlt sind, wir glauben auch, daß dieses Grundrecht für fortschrittliche Parteizwecke zu zah len, den Oberhessischen Bauern von den Eisenachern nicht bestritten wird. Seit die Bettelbriefe derselben Fortschrittepartei an die reichen Frankfurter Juden bekannt geworden, ist eS kein Wunder, wenn sie es auch bei den Bauern versuchen. Man nimmts eben, wo manS kriegt I
Aber eS lohnt wirklich nicht, länger sich bei dem Versuche der Eisenacher aufzuhalten hier die Dummen einzufangen I Warten wir eS ab und sehen unS die Leute an, die sich dazu einfindenl
Deutscher Reich.
Berlin, 17. April. Der Kaiser konferierte gestern nachmittag längere Zeit mit dem Fürsten Bismarck. Heute vormittag nahm der Kaiser die Vorträge deS HofmarschallS Grafen v. Perponcher und deS Generaladjutanten Graf
3 Das Stiftsfräulein.
Historische Novelle von F. Stöckert.
„Warum muffen Sie gehen, Prinzessin, warum muß alles ein Ende haben, all die schönen, unvergeßlichen Stunden?" fuhr Chalezac fort. „Ich verlange ja nichts weiter, nur Sie sehen, nur in Ihrer Nahe zu weilen."
Ueber das Antlitz der Prinzessin flog ein verräterisches Rot. Die Sprache der Leidenschaft hat für Frauenohren stets einen berückenden Klang, besonders, wenn sie, wie hier, von den Lippen eines schönen und intereffanten Mannes ertönt. Auch das junge Fürstenkind verfiel diesem Zauber und vergaß momentan seine hohe Stellung. Ein weicher, träumerischer Ausdruck verschönte daS liebliche Antlitz ungemdn. Der schnell und energisch wurde sie dieser weichen Regung Herr.
„Welche Sprache, Baron, einer Prinzessin gegenüber", sagte sie hoheitsvoll. „Es ist mein Wunsch, Wille und R<iguua, Achlisstn zu werden."
Der Baron sah sie durchdringend an. „DaS glaube ich Ihnen nicht, Prinzesstn! Nein, ich durchschaue Sie. ES ist allein das Resultat deS Kampfes zwischen Stolz und Liebel Der Stolz blieb natürlich Sieger."
„Sie wagen viel, Baron!" rief Elisabeth erregt, dann wandte sie sich mit einer reizenden hoheitsvollen Bewegung von ihm. Chalezac blickte ihr sinnend nach.
„Die Hoheit einer Fürstin, gepaart mit der kindlichen Anmut der sechzehn Jahres murmelte er. „Und doch war "8 ein schöner Traum, zu schön, zu glühend für diesen kalten Norden, wo man an« dem anmutigen Fürstenkinde eine Aebtisstn macht."
Einige Wochen nach dem Geburtsfeste deS Erbprinzen rollten zwei wohlbepackte Reifewagen zu den Thoren Dessaus heraus, um Prinzeß Elisabeth und Gertrude von Wülknitz ihrer neuen Heimat in Herford zuzuführen. Stolz und «rzengerade saß erstere in der gelb auSgeschlagenen Hof-
v. d. Goltz entgegen und arbeitete dann mit dem KrlegS- minister und dem Chef des Militärkabinetts. — Dem Vernehmen nach tritt auf Anregung der Kaiserin, deren unermüdliches Jnteresie für alle Zweige praktischer Krankenpflege und Militär-SanitätSwesenS sich damit aufs neue bethättgt, am 21. d. M. Hierselbst im Kriegsministerium eine Konferenz von hervorragenden Notabilitäteu der Wissenschaft zusammen, um über die Verwertung der neuesten auf dem Gebiete der Hygieine gesammelten Erfahrungen und erzielten Fortschritte eingehende Beratungen abzuhalten. — Der Vizepräsident deS Staatsministeriums, Minister deS Innern v. Pnttkamer, wird, wie die „Post" hört, anfangs der kommenden Woche von seiner Reise nach dem Süden wieder in Berlin eintreffen. — Der Staatsminister und Minister der öffentlichen Arbeiten, Maybach, ist nach dem Maine abgereist. — Der Staatsminister und Minister der geistlichen, Unterrichts- und Medizinalangelegenheiten, Dr. von Goßler, hat sich nach der Provinz Ostpreußen begeben. — Der Reichskanzler hatte aus Anlaß eines Spezialfalles sämtlichen deutschen Staatsregierungen die Mitteilung gemacht, daß denjenigen Privatlehranstalten, deren Abgangszeugnisse 6en Nachweis der wissenschaftlichen Befähigung zum einjährig - freiwilligen Militärdienste zu führen für geeignet erklärt sind, nach feiner Auffassung die Befugnis nicht zugestanden werden könne, besonders ausgezeichnete Schüler nach einem vorzüglichen Ausfälle des schriftlichen Examens von der mündlichen Prüfung zu dispensieren. Der Unterrichtsminister hat hiervon den sämtlichen Provinzialschulkollegien der Monarchie Kenntnis gegeben. Es wird von dem Minister vorausgesetzt, daß die letzteren bei der ihnen obliegenden Leitung der Abgangsprüfungen an den militärberechtigten Privatanstalten ihres Amtsbereichs die von dem Reichskanzler im Obigen bezeichnete Bestimmung bisher bereits eingehalten und daß sonach die von den Pro- vinztal-Schulkollegien bestellten Königlichen Kommissare eine Dispensation von der mündlichen Prüfung nach Analogie des bei öffentlichen, bereits anerkannten Anstalten zulässigen Verfahrens nicht zugestanden haben. Sollte jedoch in einzelnen Fällen eine solche Dispensation bewilligt fein, so schreibt der Minister vor, daß jedenfalls fortan davon Abstand genommen werde. — Die fortschrittliche Presse kolportiert Auszüge aus einem Schreiben des Herrn Mommsen an seine Wähler in Sachen des Sozialistengesetzes, welches in der in Koburg erscheinenden „Fränkischen Leuchte", einem Ableger deS „ReichöblatteS", veröffentlicht wurde. Der Inhalt dieses Schreibens gefällt der fortschrittlichen Presse anscheinend ganz ausnehmend wohl, denn Herr Mommsen urteilt Über daS Sozialistengesetz, eS nütze nicht bloß recht
............. - ('N- ! li aas-—— kutsche und nahm huldvoll die Abschiedsgrüße der Bewohner der Residenz entgegen. Eine leichte Erregung flog aber doch über ihr Antlitz, als draußen vor dem Thore ein Reiter angefprengt kam und ihr keck einen vollen Rosenstrauß in den Schoß warf, ein Streifen Papier fiel aus demselben heraus; er enthielt zierliche und für die damalige Zeit ziemlich gewandte Verse. Ein Abschiedsgruß deS BaronS Chalezac.
Der Prinzessin gegenüber saß Gertrude von Wülknitz, in Thränen aufgelöst. Auch sie hielt einen Streifen Papier in den Händen, auf welchem in riesengroßen Buchstaben zornige Worte standen. Ein jugendlicher Page hatte ihr denselben, ehe sie in den Wagen stieg, verstohlen in die Hand gedrückt. Gertrud kannte diese großen steifen Buchstaben sehr genau, unter ihren heiligsten Schätzen befanden sich schon mehrere solcher Zettel, die mit unsäglicher Mühe von Georg von Wülknitz beschrieben waren. Der heutige enthielt einen ZorneSauSbruch gegen Georgs Vater, den Kammerrat von Wülknitz, d r den Junker heute in aller Frühe zu einem JagdauSfluge gezwungen hatte. Georg erging sich in heftigen Worten gegen diese väterliche Grausamkeit, die ihn um daS letzte Lebewohl von Gertrude gebracht. „Ich bleibe Dir treu und meine ganze Hoffnung ist die neue Elbbrücke!" Mit diesen Worten hatte der ungeübte Schreiber geschlossen und seinen Namen, mit wundersamen Schnörkeln verziert, darunter gemalt. Heimlich drückte Gertrud ihre rosigen Lippen auf diesen Namenszug, während sie ihr schönes geliebtes Anhalt verließ, mit seinen Wäldern, seinem Wiesengrün und dem treuen, ehrlichen Junker Georg.
Als die Thürme von Dessau gänzlich ihren Blicken entschwunden, meinte-sie, das Herz müsse ihr brechen, und drückte schluchzend das Köpfchen in die Kissen des Wagens. Auch die Pri zesstn lehnte daS blasse Gesicht ernst .und bewegt zurück und ließ ihre Augen traurig über die Verse ChalezacS irren. DaS Bild des schönen Kavaliers trat vor
wenig, sondern sei positiv schädlich und fördere die Krankheit, Die es bekämpfen wolle. Wenn nun Herr Mommsen, entgegen diesem seinem Urteile, mit offenbar leichter zu begreifender Politik als Logik, dennoch zu dem — bereits in Charlottenbnrg ausgesprochenen — Entschlüsse kommt, unter allen Umständen für die Verlängerung des nach feiner Meinung verderblichsten aller Gesetze stimmen zu sollens da dieses gegenüber der sofortigen Aufhebung das kleinere Uebel und eine Modifikation einmal nicht zu haben sei, so spielt in diesem Entschlüsse offenbar die Rücksicht auf die verehrten Wähler in Koburg keine geringe Rolle. Diese sind offenbar ebensowenig wie die benachbarten in Meiningen II. (Sonneberg) für eine Aufhebung des Sozialistengesetzes zu begeistern gewesen; Herr Professor Mommsen fügt sich also, wie Herr Dr. Witte, der besseren Erkenntnis seiner Wähler und stimmt für die Verlängerung und zwar, wie Herr Mommsen ausdrücklich schreibt, ohne daß er den Ausweg ergreifen werde, „gegen die Verlängerung dann zu stimmen, wenn ich sicher bin, in der Minorität zu bleiben". Dieses offene Bekenntnis, daß einem „freisinnigen" Abgeordneten unter Umständen solch ein Ausweg stch öffne, dürfte vielleicht das Wertvollste in dem ganzen Mommsenschen Briefe sein, denn offenbar will Herr Mommsen doch andeuten, daß andere weniger skrupulös in diesem Punkte denken könnten, als er. Durch diese Offenheit hat Herr Mommsen stch gewiß ein Verdienst erworben, wenn auch sein politischer Kredit bei der fortschrittlichen Presse durch diesen seinen Brief gelitten haben sollte. Uns hat man es nicht glauben wollen, wenn wir über Herrn Mommsen dasselbe sagten, was heute die „Berliner Ztg." über den Herrn mitteilt, daß nämlich „ganz anders wie in anderen Köpfen stch die Welt im Kopfe des Herrn Mommsen malt, der wohl ein ausgezeichneter Gelehrter, aber sehr schwacher Politiker ist!" — Heute nachmittag hat, wie die „Post" meldet, eine Sitzung des Staatsministeriums stattgefunden. Da zur Zeit die Herren v. Putlkamer, v. Goßler, v. Scholz und Maybach auf Reisen sind, kann es stch um Gegenstände von besonderer Wichtigkeit kaum gehandelt haben. ES wird natürlich wieder behauptet, daß der Staatsrat Gegenstand der Beratung gewesen sei. Ueber dieses Thema liegt heute folgende Mitteilung einer gewöhnlich zuverlässigen Korrespondenz vor: „In der zweistündigen Unterredung, welche der Reichskanzler am Sonnabend vor Ostern mit dem Kronprinzen hatte, ist dem Vernehmen nach eine Verständigung dahin erzielt worden, daß der Kronprinz stch bereit erklärt hat, den Vorsitz in dem neu zu organisierenden Staatsrate zu übernehmen. Die eine Zeit lang erwogene Absicht, dem Kronprinzen den Vorsitz im Staatsministerium zu gewähren,
ihre Seele und sie hüll es mit ihrer künftigen Würde nicht unvereinbar, an ihn zu denken in Leid und Liebe.
Das Herz der traurigen Gertrude aber war nicht gebrochen auf Der langen Fahrt. Sie hatte Ihre Thränen bald getrocknet und lebhaft all die neuen Eindrücke, die die Reise bot, in sich aufgenommen. Mit jugendlicher Elasti« cität hatte sie sich denn auch bald in die neuen Verhältnisse in Herford geschickt und gefunden. Wie ein Sonnenstrahl schwebte ihre Uchte Erscheinung durch die düsteren Räume des Stifts und bald, nachdem das erste Abschiedsweh überwunden, erschallte auch ihr helles Lachen wieder und das dünkte den alten StlftSdamen so lieblich, wie Vogelgesang Im Lenze.
Gertrude war bald der Liebling Aller im Stift, und vieles, was andern StlftfräulelnS eilten Verweis zugezogen hätte, wurde ihr gütig nachgesehen. So schmückte sie ihr Stübchen ganz gegen alles Gesetz und Herkommen aufs phantastischste mit Blumen, kleinen bunten Bildern und sonstigen Schätzen, woran stch süße Erinnerungen knüpften. Und als es Winter wurde und keine Blumen mehr blühten, da suchte sie stch Tannenzweige und rote Vogelbeeren zum Ausputz ihres Zimmers. Und gar süß träumte eö stch hier in dem traullchm Gemach, wenn Die scheidende Abendsonne draußen auf den schneebedeckten Dächern verglühte und durch die gemalten Fensterscheiben sich bunte Lichtstrahlen brachen, die das Gemach zauberisch beleuchteten. Da ruhten die kleinen geschickten Finger Gertruds, die die kunstvollen Sttckereien mit Goldfäden, die im Stift gelehrt wurden, so schnell begriffen hatten und ihre Gedanken flogen weit hinaus über die stille Winterlandschaft, der Heimat zu, wo gewiß jetzt Georg von Wülknitz dem Jagdwerk oblag und Rehe, Hirsche, wilde Schweine und Hasen erlegte und sie bangte stch sehr, daß nicht etwa ein Bär dem jungen Nimrod in« Gehege kam. Er war zwar stark und kräftig, aber mit Bären zu ringen, dünkte ihr doch zu gefährlich für den Geliebten. (Fortsetzung folgt.)