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Marburg, Donnerstag, 17. April 1884

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Hinterblirbenrn in allen Fällen, nur den der Absichtlichkeit auf feiten des verletzten Arbeiters auSgefchlosien, eine aus­kömmliche Zuwendung gesetzlich gesichert werde. Eine end­gültige Regelung der Unfallverstcherungömaterie ist nicht allein im Jnteresie der Beteiligten erwünscht, sondern im Jnterefle der Gesamtheit dringend geboten. Indem der Verein daher die unbedingte Notwendigkeit deS baldigen Zustandekommens eines UnfallverstcherungSgesetzeS wiederholt aufs lebhafteste betont, glaubt er sowohl die ReichSregterung als die Volksvertretung ausfordern zu dürfen, bet den be­vorstehenden Beratungen von vorhandenen Meinungsver­schiedenheiten über nebensächliche Punkte Abstand zu nehmen und die Erreichung eines EtnverständniffeS in den wtch- tigern und insbesondere grundsätzlichen Punkten unter Be- thätigung eines möglichst weitgehenden gegenseitigen Ent­gegenkommens herbeizuführen.* Die neueste, dermalen in Beratung der vaterländischen Volksvertretung befindliche Un­fallgesetzesvorlage der Regierung erscheint geeignet, die Grund­lage eines entsprechenden und zweckmäßigen Unsallverstche- rungSgesetzeS darzustellen. Jedenfalls wird die Kommission alle unnötigen Verzögerungen ihrer Beratungen vermeiden und werden alle Fraktionen des Reichstags hoffentlich für ununterbrochene Beschlußfähigkeit einstehen. — Die Feiertags­stille ist hier durch kein politisches Ereignis unterbrochen worden. In der Stadt tauchten gestern und vorgestern mehrfach sehr übertriebene Gerüchte über ernstliche Erkran­kung des Kaisers auf, die aber dadurch die beste Wider­legung fanden, baß der Kaiser wiederholt beim Vorbeimarsch der Wache sich in bekannter Weise am Fenster zeigte. Richtig dagegen ist, daß die Kaiserin erkrankt ist; sie leidet an einem mit Fiebererscheinungen verbundenen Lungenkatarrh.

Breslau, 15 April. Die Schlesische Volkszeitung will wiffen, Graf LedochowSkt habe auf das Erzbistum Posen-Gnesen verzichtet und der Papst den Verzicht an­genommen.

Osnabrück, 14. April. Der Kultusminister v. Goßler hat beschloffen, wie er im Abgeordnetenhause schon arckün- digte, dem Beispiele Sachsenö folgend in einem Lehrer- Seminar versuchsweise den Handfertigkeitsunterricht als Lehrgegenstand für Knaben einzuführen. Demgemäß kommen denn auch in seinem Auftrage heute die Geheimräte Schnei­der und Lüders hierher, um den Verhandlungen des deut­schen HandfertigkeitS-KongreffeS betzuwohnen. Sie werden da nicht bloS den leitenden Pädagogen Schwedens in diesem dort sich so mächtig und siegreich bahnbrechenden neuen Unterrichtsfache, Otto Salamon aus Nääs, sprechen hören über die Handfertigkeit als formales Bildungsmittel, son­dern auch die ersten ernsthaften Versuche zur Herstellung eines originalen deutschen Lehrgangs sehen und erläutern hören. Zum Teil schließen diese Methodenexperimente sich an das Verfahren der hiesigen Schülerwerkstätten an, die

vaucrufaug tu Marburg.

Ein großer grüner Zettel ladet die Bauern von Ober- besten zu einer großen Bauernversammlung nach Marburg ,um Anschluß an das „Eisenacher Bauernprogramm * ein. Die Bauern*, welche in Eisenach das Ding zurecht gemacht, waren die fortschrittlichen Abgeordneten, der HandlungS- jchreiber Parisius, der jüdische Zeitungsschreiber Meier u. a. und der Zweck war, die Bauern etnzufangen für die libe­ralen RcichStagswahlen — für die Partei, welche allen Be­strebungen, die Landwirtschaft durch Getreide- und Fleisch- zölle gegen das Ausland zu schützen, die Kommunallasten und die direkten Steuern zu vermindern, entgegengetreten ist. Da sich aber nur die „Dummen* auf solche Dinge einzulaffen pflegen, so wurden alle wirklichen Bauern die in Eisenach erschienen und unter ihnen der bekannte hessische Abgeordnete am Kommunallandtag Bürgermeister Hellwig in Hadamar einfach zur Thüre hinauSgeworfen. Dieses praktische Manöver, sich unsere einsichtigen Landleute vom Halse zu schaffen, werden die Herren deS grünen Zettels hier ebenfalls anwenden, denn sie laden nur ihre Gesin­nungsgenossen und die eS werden wollen zur Versammlung ein. Ein Mann, der den Mut gehabt, die Einladung mit seinem Namen zu unterzeichnen, hat sich nicht gefunden, und man fragt vergebens, wer das Oberhesstsche Bauern­komitee ist? Der Macher dieser Sache ist, wie man be­stimmt vermutet, derselbe „Bauer*, dem seine gewöhnliche Beschäftigung, einen reichlichen Lebensunterhalt zu verdienen, so viel Zeit übrig läßt, daß er in emsiger Weise sich um alle öffentlichen Angelegenheiten in aufdringlichster Form zu bekümmern Veranlaffung findet, und der mit seinen politischen Helfershelfern seine Kundschaft auch aus diesem nicht mehr ungewöhnlichen Wege auSbreitet. — Der Auf­ruf will die Vormundschaft lösen, in welcher die Bauern sich „vornehmen Herren* gegenüber befinden sollen, vergebens suchen wir in Oberheffen nach solchen, aber die „Eisenacher* wollen die Vormundschaft ihrer feindseligen Politik auf den Nacken der oberhessischen Bauern legen — und damit werden sie die Rechnung ohne den Wirt machen — die „Dummen* sind hier nicht so häufig l Die Herren sind überall mit ihrer Bauernfängerei gründlich ab- gejahren — hier sind ihre Aussichten die denkbar schlechtesten.

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DaS StiftSfräuleiu.

Historische Novelle von F. Stöckert.

mit Verhandlungen, welche über den Eintritt deS Herrn Miquel in das preußische Ministerium stattgefunden haben sollen. Die betreffenden Artikel beruhen ohne Ausnahme auf Erfindung, ebenso wie dir sonstigen Lückenbüßer über Ministerkrisen. ES ist weder eine Vakanz noch eine neu zu schaffende Stellung in Aussicht, die zu dergleichen Mut­maßungen Anlaß geben könnte. Der Ursprung aller dieser Erfindungen beruht möglicherweise auf subalterner Aus­beutung der Thatsache, daß der Reichskanzler den Wunsch gehabt hat, Herrn Miquel bei seiner letzten Anwesenheit in Berlin zu sehen, ohne denselben aber verwirklichen zu können, weil Herr Miquel vor Empfang der erfolgten Einladung Berlin verlaffen hatte. Ein solcher Wunsch hat bei den von jeher guten Beziehungen zwischen dem Reichskanzler und Herrn Miquel an sich nichts Auffälliges, und können ehrlicher Weife daraus doch von niemand Rückschlüffe auf Ministerkrisen und Mtnisterzukunft gezogen werden. Fürst BiSmarck kann sowohl um der Persönlichkeit deS Herrn Miquel willen, als auch wegen seiner hervorragenden Stellung in einer angesehenen Fraktion und wegen seiner Eigenschaft als consul dirigens einer so bedeutenden Stadt, wie Frankfurt a. M. ist, sehr wohl das Bedürfnis nach ge­selligem und persönlichem Verkehr mit demselben haben, ohne daß daraus auf eine MinisterkristS und Verhandlungen über Neubesetzung noch nicht vakanter Stellen geschloffen werden dürfte. — Ueber die neue russische Eisenbahnanleihe sagt dasselbe Blatt: Nichts charakterisiere die gründliche Veränderung der gesamten Tendenz der russischen Politik so deutlich, als daß die Kunde von einer großen russischen Finanzoperation, welche vor wenig Jahren eine tiefgehende Beunruhigung verursacht hätte, heute al» ein weiterer Schritt zur Konsolidierung der inneren Verhältniffe des Zarenreichs mit vertrauensvoller Zuversicht ausgenommen werde. Die wesentlichste Verstärkung erhalte dieser Eindruck dadurch, daß unter den Kontrahenten der Anleihe die SeehandlungS- Sozietät in Berlin mit in der ersten Reihe stehe. — So­bald der Reichstag in der nächsten Woche wieder zusammen­getreten sein wird, gedenkt die Kommission für die Unfall­versicherung ihre am Freitag vor Palmarum bei § 10 abgebrochenen Vorberatungen wieder aufzunehmen, und man giebt sich der Hoffnung hin, daß diesmal eine Verständigung mit dem Kanzler und dem Bundesrate erreicht werden und nach der Verlängerung des Sozialistengesetzes sehr bald und jedenfalls noch in dieser Session der gegenwärtige dritte Unfallgesetzentwurf zu stände kommen wird. Der Verein zur Förderung des Wohles der Arbeiter, „Concordia*, hat vor einigen Tagen in seiner ordentlichen Generalversamm­lung einstimmig eine vom Vorstande vorgeschlagene Erklä­rung angenommen, welche eS als die innigste Ueberzeugung des Vereins auS pricht, „daß dem bei der gewerbs- oder berufsmäßigen Arbeit verunglückten Arbeiter bezw. seinen

Diese alten großen Leute folgten bald darauf dem Rufe der Heerpauken und Trompeten, die mit lautem Getön das Signal zum Festmahl gaben, welches in einem dazu errichteten Zelte eingenommen wurde. Die jüngsten Damen und Herren mußten nach damaliger Sitte die hohen Herrschaften beim Mahle bedienen; auch heute hatte der regierende Fürst Johann Georg, trotzdem eS ein ländliches Fest war, dieses Arrangement befohlen und einem zierlichen blonden Kinde, Gertrude von Wülknitz, wurde die Ehre zu Teil, ihm beim Mahle aufzuwarten. Das Fräulein war ein besonderer Liebling des Fürsten, und die Ehre, hinter seinem Stuhl zu stehen, war ihr schon öfters wider­fahren. Der Fürst hatte stets einige freundliche Scherz­worte für feine kleine Hebe in Bereitschaft. Heute jedoch riefen alle seine launigen Reden nur ein mühsam erzwun­genes Lächeln auf ihrem Antlitz hervor. Trübe Schatten lagen darauf und ihre blauen Augen blickten, wenn sie sich unbeobachtet glaubten, kummervoll nach ihrem Gegenüber, einem Junker im grünen Jagdkostüm, der in steifer Haltung eine ältere Dame von hohem Adel bediente. Endlich war dasselbe zu Ende und Gertrude atmete erleichtert auf; der Fürst hatte sie huldvoll entlasten und sie hatte einen be­deutungsvollen Blick mit ihrem Gegenüber ausgetauscht, welchen derselbe verständnisvoll erwiderte. Bald darauf standen sie sich, auf einem der einsamen Waldpfade, gegenüber.

Georg von Wülknitz, so hieß der Junker im Jagd­kostüm, war ein Vetter Gertruds und liebte sein holde« Väschen sehr. Besorgt schaute er jetzt in ihr ernstes, trauriges Gesichtchen.

„Was hast Du nur, Gertrud?' fragte er, „Du bist ja wie verwandelt hmte. Was ist nur in aller Welt geschehen? Du stehst au», als hättest Du geweint!*

Um Gertruds Lippen zuckte eS sehr verräterisch bei diesen Worten ihres Vetter«.

„ES ist nun beschlostene Sache, wir gehen nach Herford inS Stift*, sagte sie weinerlich. „Die Prinzessin will ja Aebtissin werden, und ich arme Unglückliche, ich muß mit! O, es ist himmelschreiend, so weit, so entsetzlich weit von Dir sein zu müstenl Man wird mich in die alten grauen Stiftsgewänder stecken, und ich putze mich doch so gern. Wenn Du mich dann einmal wieder siehst, was aber wohl kaum zu hoffen ist, denn eS ist ja so furchtbar weit, dann wirst Du mich auch gar nicht mehr hübsch finden!* Bittere Thränen rollten bei diesem niederschlagenden Gedanken auS Gertruds kindlichen, blauen Augen.

„Ich werde Dich immer hübsch finden, Gertrud, auch wenn Du ein graues Kleid anhast und keinen Schmuck trägst!* sagte Georg tröstend. „Aber*, und er stampfte zornig mit dem Fuße auf, „eS ist empörend, daß sie Dich in ein Kloster stecken wollen. Sollte eS denn da keinen Ausweg geben? Kannst Du nicht den Fürsten bitten?*

„Nein, Du weißt eS ja; was einmal beschioffene Sache ist, daran läßt der Fürst nicht rühren. Ach, ich glaube, Dein Vater, der Kammerrat, steckt hinter der ganzen Ge­schichte. Ich soll fort in die Verbannung, Du sollst mich vergeffen, mich, daS arme verwaiste Fräulein. Er hat ganz sicher den Plan mit der Tante zusammengeschmiedet, denn die ist auch froh, wenn sie mich los ist. Ich werde irgend eine Stelle im Stift bekommen, und dann ist für mich ge­sorgt; daß ich ein Herz habe, ein junge« lebensfrohes Herz voll Liebe zu Dir, da» kommt nicht in Betracht. Es ist wirklich, al» wollte man mich lebendig begraben, und ich werde auch sterben, ganz gewiß, vor Sehnsucht nach Dir, nach unserm grünen Wald, nach der blaum Elbe.*

(Fortsetzung folgt )

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Deutscher Reich.

Berlin, 15. April. Der Kaiser nahm heute vor­mittags Vorträge und eine große Reihe militärischer Mel­dungen entgegen und empfing den Erbprinzen von Mei­ningen, welcher sich vor dem Antritte seines dreimonatlichen Urlaubs von dem Kaiser verabschiedete. Nachmittags ton« filterte der Kaiser mit dem Chef der Admiralität v. Caprivi und arbeitete mit dem General v. Albedyll.—Die „Nordd. Allg. Ztg.* schreibt: Verschiedene Blätter beschäftigen stch

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«meiden nimmt entgegen - Mpebition d. Blattes, fomie d Annoncen-Bureaux Ln Haasenstem und Vogler in Frankfurt a M . Ham­burg, Magdeburg u. Ären; «udölf Messe tn Frankfurt „ M Berlin, München und gjjin . G L. Daube und £ in Frankfurt a. M., KtM, Hannover u. PanS.

Anzeigen 'nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d. Annoncen-Bureaux Jägersche Buchhandlung in Frankfuttsa. M.; Hermann» scheBuchhandlung daselbst; Adolf Steiner i. Hamburg; Jnvalidendanl in Berlin, Dresden und Leipzig; I. Barck u. Co. in Halle; W. Thienes in Elberfeld.

Krl-beint täglich außer an den Werktagen nach Sonn» und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JllUftrirteS SanntagShlatt" durch die Expedition (K o ch'fche ö Buchdruckerei) bezogen SV. Mark, durch die Postämter deS Deutschen Reiches S Mark 50 Pfg (excl. Bestellgebühr.) - Jnferttonsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pf».

Für in der Expedition zu erteilende Auskunft und Annahme von Adreffen werden 25 Pfg. berechnet

Ein ungewöhnliches Leben und Treiben herrschte am 3. Juli deS Jahres 1631 an den Elbufern bet Deffau. Verwundert blickten die alten Eichen, die hier in seltener Pracht anzufinten sind und jetzt noch manchem Landschafter als Studien dienen, auf das bunte Menschenvolk, das stch In ihrem Schatten tummelte. Sie boten ein gar farben­prächtiges Bild, diese Herren und Damen, in der bunten, st-ifen Tracht jener Zett. Leichte, luftige Stoffe, wie man sie heutzutage bei ländlichen Festen liebt, kannte man damals noch nicht. Die Damen erschienen in schwer n Brocatroben mit Gold- und Silberstickereien verziert, und nur die jüngeren hatten den leichtern AuSputz von Spitzen gewählt. Ebenso war die Tracht der Herren bunt und reich gestickt und die hohen Allongeperrücken gaben ihnen ein fast feierliches Ansehen.

Es war der fürstliche Hof von Deffau, der stch heute hier draußen versammelt, um den Geburtstag des Erb­prinzen Leopold im WaldeSgrün festlich zu begehen. Der junge Prinz, ein kecker, übermütiger Knabe, war sich feiner Würde als Prinz und Geburtstagskind sehr wohl bewußt. Huldvoll nahm er jetzt die Glückwünsche der Hofdamen und H rren entgegen, nur als seine Spielgefährtin, Anna Louise dvn Fösen, mit einem großen Rosenbouquet zu ihm heran­getrippelt kam, verließ ihn seine Würde. Er drückte einen ichallenden Kuß auf die rosigen Lippen der Kleinen, und dann lief er mit ihr. davon.

„Nun wollen wir spielen, Anna Liese*, rief er, „ich wag nichts mehr wiffen von dm alten großm Leuten, die wuüer dasselbe sage«.*

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