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Marburg, Mittwoch, 16. April 1884.

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Anzeigen nimmt entgegen: die^Expedition d. Blattes, sowie d. Annoncen-Bureaux Jägersche Buchhandlung in Frankfurt!«. M; Hermann- scheBuchhandlung daselbst; Adolf Steiner i.Hamburg; ♦ Jnvalidendank in Berlin, Dresden und Leipzig; I. Barlk u. Co. in Halle; W. ThieneS in Elberfeld.

grscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für daS Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JllustrtrteS IvNNtagSblatt" durch die Expedition (R o ch'fche Buchdruckerei) bezogen 21/* Mark, durch die Postämter deS Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg (excl. Bestellgebühr.) — Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg.

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Deutsches Reich.

Vtrliu, 12. April. Die Besserung in dem Befinden dcs Kaisers schreitet fort, so daß derselbe bereits wieder längere Vorträge entgegennehmen kann. DaS Zimmer darf Se. Majestät noch nicht wieder verlafien. — Der Kron­prinz empfing abends 8 Uhr den Fürsten Bismarck zu einer längeren Konferenz. — Das Gesetz, betreffend die weitere Herstellung von Eisenbahnen untergeordneter Bedeutung für Rechnung des Staates, die Beteiligung deS Staates bei dem Bau einer Eisenbahn von Heide nach der Landesgrenze bei Ribe, sowie die Beschaffung von Mitteln für die Vervoll­ständigung und beffere Ausrüstung des Staatseisenbahnnetzes vom 4. April 1884, wird heute publiziert. — Die Steuer- kommisston des Abgeordnetenhauses hat bekanntlich eine Redaktionskommission von 5 Mitgliedern niedergesetzt, um die Beschlüffe der ersten L-sung zu redigieren. Das Resultat dieser Kommission liegt jetzt vor. Die Kommission hat in das Kapltalrentensteuergeseh folgenden Paragraphen ein» gefügt. § 2a: „Die Zinsen geschäftlicher Forderungen, Konto-Korrent-Guthaben und Wechsel, welche aus die von Landwirten und Gewerbetreibenden im eigenen Geschäfts­betrieb verwendeten Kapitalien entfallen, sind der Kapital- rentensteuer nicht unterworfen, sondern bei Berechnung deS steuerpflichtigen Einkommens auf Grundbesitz, Pachtungen und Gewerbebetrieb zu berücksichtigen." Im 8 3 hat sie dazu die Einschränkung gemacht, daß die gewerbesteuer- pflichtigen, Bank- und ähnlichen, den Geld- und Kredit- Verkehr vermittelnden Institute von dieser Wohlthat anS- geschlvffen bleiben sollen. — Der römische Korrespondent der „Germania" hat durch die Hartnäckigkeit, mit welcher er die Nachricht von einer Unterredung des Herrn v. Keudcll mit DeprctiS und von den dabei ausgesprochenen Beschwerden des letzteren über OestererichS Vorgehen in Triest aufrecht erhielt, den Fürsten Bismarck zu einer amtlichen Berich tigung veranlaßt, die erkennen läßt, welchen Wert Fürst Bismarck daraus legt, daß unser Verhältnis zu Oesterreich selbst nicht durch falsche Zeitungsnachrichten getrübt werde. Das Schreiben deS Reichekanzlers lautet:

„Die Redaktion der „Germania" ersuche ich unter Bezug­nahme auf den § 11 des Reichsgesetzes über die Presse vom 7. Mai 1874 ergebens!, in der auf Empfang dieses Schreibens nächstfolgenden Rümmer Ihrer Zeitung die nachfolgende Berich­tigung aufzunehmen: In der Nr. 77 der „Germania" wird ein von Ihrem römischen Korrespondenten gemeldetes Gerücht erwähnt, daß der kaiserliche Botschafter in Rom mit dem italienischen Minister, Herrn Devretis, eine Unterredung gehabt habe, in deren Verlauf letzterer über das strenge Verfahren Oesterreichs in Triest gellagt, die Wiener Nuntiatur der Agitation gegen Italien be- schuldigt und daran die Bitte geknüpft habe, den Fürsten Bismarck vertraulich davon in Kenntnis zu setzen. In der Nr. 83 der .Germania" wird diese 'Mitteilung als absolut sicher aufrecht er­halten. Die Nr. 84 bringt ein Telegramm aus Rom, inhaltsdessen die behauptete Unterredung am 21. v. M. um 11 Uhr morgens

stattgefunden hat. Alle diese von der „Germania" gebrachten Mitteilungen über eine Unterredung des Herrn v. Keudell mit Herrn Depretis sind unrichtig; der kaiserliche Botschafter hat eine Besprechung derart mit Herrn Depretis niemals gehabt und den itajienischen Minister auch am 21. März weder gesprochen noch gesehen. Der Reichskanzler, v. Bismarck."

Die „Germania" macht dazu folgende Bemerkung: „Wir erkennen es dankbar an, daß man jetzt den Weg einer offiziellen Erklärung dem der offiziösen Polemik vorgezogen hat. Man darf daraus wohl schließen, daß der Herr Reichskanzler den größten Wert darauf legt, jede Beein­trächtigung unserer Freundschaft mit Oesterreich durch Ein­flüsse von Seiten einer dritten „befreundeten" Macht nicht allein zu verhüten, sondern auch nicht einmal als möglich erscheinen zu laffen. Eben derselben Tendenz wollten wir dienen, als wir die ufit größter Bestimmtheit gegebenen Mitteilungen unseres Korrespondenten über einen sehr be­denklichen Eingriffsversuch des italienischen „Hausfreundes" in den österreichisch - deutschen Hausfrieden der öffentlichen Kritik unterstellten und dieses Ziel werden wir auch bei den weiteren Erörterungen zur Feststellung der Wahrheit in dieser Angelegenheit im Auge halten. Von unserem römischen Korrespondenten geht uns heute eine briefliche Bestätigung und Ergänzung deS in Nr. 84 mitgeteilten Telegramms zu. Wir werden mit der Veröffentlichung warten, bis unser Gewährsmann auch die obige amtliche Erklärung in Betracht ziehen kann." — Die vom Bundes­rat am 2. Juni 1883 erlassene, mit dem 1. Nov. 1883 in Kraft getretene MedizinalprüfungS- O rdnung für das Deutsche Reich stellt in 8 4, Ziffer 2 fest, daß bei der Meldung zur Prüfung ein medizinisches Studium von min­destens 9 Semestern auf Universitäten des Deutschen Reiches nachzuweisen ist, und daß nur ausnahmsweise das medi­zinische Studium auf einer Universität außerhalb des Deut­schen Reiches teilweise oder ganz in Anrechnung gebracht werden darf. Bisher galten die medizinischen Studien an außerhalb des Deutschen Reiches liegenden (schweizerischen und österreichischen) Universitäten deutscher Zunge als gleichwertig mit denjenigen in Deutschland. In der ange­führten neuen Bestimmung nun erblicken die drei schweize­rischen Universitäten deutscher Zunge: Basel, Bern und Zürich, eine bedeutende Schädigung ihrer Jntereffen, und sind deshalb die medizinischen Fakultäten derselben bei dem eidgenössischen Bundesrate mit einer Eingabe dahin vor­stellig geworden, derselbe möchte bei der deutschen ReichS- regierung die geeigneten Schritte zur Abhülse unternehmen. WaS das Ziel der von den Petenten erbetenen Schritte be­trifft, so wird von ihnen die Herstellung deS früheren Zu­standes als das Wünschenswerteste erstrebt. Sollte diese nicht zu erreichen fein, so würden sie sich auch damit zu­frieden geben, daß von den 9 obligatorischen Studien- f erneuern nur etwa sechs auf Universitäten des Deutschen

Reiches zuzubringen wären, der Rest aber auf jeder Univer­sität deutscher Zunge absolviert werden könnte. In den letzten 10 Jahren betrug der mittlere Prozentsatz deutscher Studierender an ter medizinischen Fakultät in Basel 3,88, in Bern 2,5, in Zürich 1,22 Prozent.

— Zur Erklärung im Bundesrate schreibt die „C. C.": Die von den verbündeten Regierungen am 5. d. M. im Bundesrate abgegebene gemeinsame Erklärung gegen die Errichtung von verantwortlichen Reichsministerien geht In ihrer Bedeutung über ihre unmittelbare Veranlassung weit hinaus; doch ist diese aber keineswegs gering zu schätzen. Mag man immerhin überzeugt sein, daß es trotz dem Programm der Neufortschrittler zu einem parlamen­tarischen Regiment bei uns so bald nicht kommen würde — an der Pflicht, hier vorzubauen, kann daS nichts ändern; denn nicht in dem sachlichen Moment liegt der Zauber, den die parlamentarische Doktrin aller Enttäuschungen der Praxis ungeachtet fort und fort auf die Menschen auSübt, fonbern im persönlichen wurzelt er und hat er seine Stärke. Die Vorstellung, daß aus jedem, dem ein Abgeord­netenmandat zugefallen ist, ein Minister, ja der leitende Staatsmann eines großen Landes werden kann, wirkt be­rauschend und stachelt den Ehrgeiz in einem Maße an, daß die patriotische Rücksicht auf das Wohl der Gesamtheit da­gegen auf die Dauer nirgends aufzukommen vermag. Auch bei uns würde sich daS so gestalten; wir aber in unserer ungünstigen geographischen Lage können uns den Zufällig­keiten einer unberechenbaren Mehrheitswirtschaft viel weniger auSsetzen als unsere Nachbarn in West und Süd, die nichts zu besorgen haben, wenn sie die Welt nur selbst in Ruhe laffen wollen. Schon an sich also wäre das Grund genug, um gegen die Fortschrittler Front zu machen. Noch wich­tiger aber, wir wiederholen daS, erscheint die Kundgebung deS Bundesrates von einem andern Gesichtspunkte au». Sie stellt sich nämlich, wenn auch nicht der Form, so doch der Sache nach als eine Bestätigung der Versailler Ver­träge, als ein freiwillig erneutes Bekenntnis zu den Grund­sätzen dar, welche für die Wiederaufrichtung des Reiches entscheidend gewesen sind und von denen eS sich in drei­zehnjähriger Probezeit hat leiten laffen. Einen schlagen­deren Beweis, daß die Reichsverfaffung die rechte Mitte zwischen zu viel Zentralismus und zu lockerer Verbindung getroffen hat, kann es nicht geben. DaS aber kann nicht hoch genug angeschlagen werden, weil eS nicht nur uns selbst die Zukunft verbürgt, sondern auch der übrigen Welt die Ruhe und Sicherheit gewährleistet, wie sie schon jetzt als die Folge deS wieder hergestellten mitteleuro­päischen Gleichgewichts erscheinen. In diesem Sinne wird der 5. April 1884 ein weltgeschichtliches Datum bleiben. Wenn der Liberalismus echt patriotischer Empfindung fähig wäre, müßte auch er das sehen und voranstellen. Statt

« Die Schützlinge des Großen Kurfürsten.

Historische Erzählung von Max Ring.

Bei diesen Worlen fuhr der Zunftmeister, wie vom Blitz getroffen, jäh empor und starrte Raoul mit entsetzten Blicken an, a'.s ob er seinen Ohren nicht traute. Eine kupfer­farbene Röte überzog das volle Gesicht und die Zornader auf der gerunzelten Stirn loderte wie eine blaue Flamme, Unheil verkündend.

„Nimmermehr!" schrie er laut und schlug mit der ge­ballten Faust auf den Tisch, daß die Fensterscheiben klirrten Unt Agnes in der anstoßenden Stube einen leisen Schrei ausstieß. „Ehe ich das zugebe, muß der Himmel einstürzen."

„DaS hab' ich nicht verdient", versetzte Raoul, fich mühsam beherrschend. „Wenigsten» seid Ihr schuldig, mir zu sagen, waS Ihr gegen mich einzuwenden habt. Wie Ihr wißt, bin ich ein unbescholtener Mann, kurfürstlicher Leib­arzt, Geheimrat, besitze eine einträgliche Kundschaft und eine ehrenvolle Stellung, so daß kein Vater Anstand nehmen kann, mir seine Tochter zu geben."

„Dagegen läßt fich nichts sagen. Ich ästimiere und schätze Eure Meriten, aber meine Tochter wird niemals mit «einer Bewilligung einen Franzosen heiraten!"

„Auch nicht, wenn Ihr einem Franzosen Euer Wort gegeben hat?"

„Mein Wort!" tief der Zunftmeister verwundert. „Was fällt Euch ein, Herr LeibmedicnS? DaS kann doch nur Euer Scherz fein."

„Wenn Ihr mir nicht glauben wollt, so könnt Ihr die Frau Zunftmeister und Hans fragen; die werden eS mir bezeugen."

„DaS wollen wir doch gleich sehen."

Im nächsten Augenblick rief der Zunftmeister feine An­gehörigen mit so heftiger Stimme, daß sie erschrocken her­beieilten.

„WaS giebt eS denn?" fragte die besorgte Mutter. „Du schreist ja, als ob eS brennt."

„Ihr sollt mir sagen", versetzte der Zunftmeister erregt, „ob ich dem Herrn Rat hier die Hand meiner Tochter ver­sprochen habe?"

„Ich kann nur bezeugen", erwiderte sie, „daß Du ihm gelobt, alles zu geben, waS Dir lieb und teuer ist."

„Und das Liebste und Theuerste", fügte HanS hinzu, „ist und bleibt Euch Agnes."

„Hoho!" rief der Zunftmeister. „So haben wir nicht gewettet; daran hat meine Seele nicht gedacht."

„Ein Wort, ein Mann l" sagte Hans. „WaS ein Deutscher verspricht, daS hält er auch, ohne zu beuteln und zu witzeln."

„Mit Dir hab' ich nichts zu schaffen. Agne« soll mir sagen, ob sie wegen be» Franzosen ihren Vater verlafien will."

„Gott ist mein Zeuge", entgegnete biefe errötend, „daß ich Raoul mehr liebe al» mein Leben, aber nur mit Deinem Segen will und kann ich ihm angehören, wenn auch mein Herz darüber brechen sollte."

Während Agne« mild und ergeben wie eine Heilige sprach, kämpfte und rang der Zunftmeister mit seinem Vorurteil und seinem Widerwillen gegen die verhaßten Franzosen. Da» war eine harte Arbeit, denn ein solch märkischer Eichenklotz fällt nicht auf den ersten Streich und läßt sich nicht so leicht rühren.

Nach und nach jedoch hellten fich seine finstern Züge auf und die Zornader schwand auf der gefurchten Stirn; seine Blicke wurden freundlicher und ein versöhnliches Lächeln

schwebte um den trotzigen Mund. In seinem Herzen stegte die Liebe zu seiner Tochter über den alten Groll gegen die Familie Rousiel und fein ehrenwerter Sinn überwand alle seine bisherigen Bedenken. Vor allem aber wollte et dem Franzosen zeigen, daß bett Deutschen auch ein unüberlegt gegebenes Versprechen heilig sei, worauf er nicht wenig stolz war.

„Ein Wort, ein Mann!" sagte er endlich, sich hoch aufrichtend. „WaS ich versprochen, will ich auch halten, wie eS einem Deutschen geziemt. Nehmt meinen Segen und seid glücklich, meine Kinder!"

DaS war eine Freude und ein Jubel, der sich nicht beschreiben läßt. Noch an demselben Tage wurde die Ver­lobung deS glücklichen PaareS in der Wohnung des Zunft­meisters und zugleich die Versöhnung mit bet Familie Roufiel gefeiert. Hand in Hand saßen bie alten Gegner und freuten sich an bem Glück ihrer Kinder, ben alten Zwist und alle ihre Vorurteile in goldenem Wein ertränkend.

Einige Wochen nach diesem freudigen Ereignis fand in der Domkirche eine Doppeltraming unter bem Gedränge des Volkes statt. Zu derselben Stunde wurden der kur­fürstliche Rat und Leibarzt Raoul mit bet holden AgneS und der wackere Meister HanS Lieberkühn mit der reizen­den Gabrielle in Gegenwart zahlreicher und hochangesehener Zeugen von der Hand deS Geistlichen vor bem Altar Gottes verbunden.

Zur Erhöhung der Feiet trug nicht wenig bie eben nach Berlin durch einen Kurier gebrachte Nachricht bei, daß der Protestantismus, wie der große Kurfürst in seiner Sterbe­stunde gewünscht und gehofft, in England mit Hilfe des brandenburgischen HilfSheereS über seine Feinde gesiegt habe und Wilhelm von Oranten, der edle Freiheitsheld, in London eingezogen sei.