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Jliatöurg, Freitag, 11. April 1884.
XIX. Jahrgang.
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Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte-, sowie d. Annoncen-Bureaux Jägersche Buchhandlung in Frankfurtsa-M; Hermann» scheBuchhandlung daselbst; Adolf Steiner i. Hamburg; Jnvalidendanl in Berlin, Dresden und Leipzig; I. Barck u. Co. in Halle; W. ThieneS in Elberfeld.
«»»eigen nimmt entgegen: JL gxpedition d. Blattes, d Annoncen-Bureaux nonöaasenstein und Vogler Kankfurt a M, Ham» dura, Magdeburg u. Men; «udolf Moste in Frankfurt Berlin, München und G L. Daube und fin Frankfurt a M Berlin,Hannover u.PanS-____ _______ _________________________________________
' I7scheirit täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „IllUstrtrteS SountagSblatt" durch die Expedition (Kochiche 6 Buchdruckerei) bezogen 2*/t Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg (excl. Bestellgebühr.) - Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zelle 10 Pf».
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0 Exped. der Oberh. Ztg.
Deutscher Reich.
Berlin, 9. April. Der „Reichs-Anzeiger" meldet: Das Allgemeinbefinden deS Kaisers ist in anbetracht des noch nicht ganz gewichenen ErkältungSzustandeS ein Zu- ftiedenstellendeS. Der Kaiser nahm heute die Vorträge des Fürsten Bismarck und deS Geheimrats v. WilmowSkt entgegen. — Der Kaiser konferierte mit dem Fürsten Bismarck von 4 bis kurz vor 5 Uhr. — Ueber das Befinden Sr. Majestät des Kaisers und Königs meldet die heutige „Prov.-Korresp." folgendes: Unser Kaiser war seit Mitte voriger Woche durch eine Erkältung gezwungen, das Zimmer zu hüten und den größeren Teil des TageS im Bette zu bleiben. Seit einigen Tagen hat sich jedoch der Zustand bedeutend gebcsiert, so daß der Kaiser bereits mehrere Stunden des TageS daS Bett wieder verlassen und kurze Vorträge entgegennehmen konnte. Auch während der Nacht von Dienstag auf Mittwoch hat Se. Majestät einen nur wenig unterbrochenen gesunden Schlaf gehabt und befindet sich heute erfreulicher Weise recht wohl, so daß er schon im Lause des Vormittags daS Bett verlaffen konnte. — Die längst angestrebte, aber bisher noch immer gescheiterte Vereinigung aller deutschen Militärvereine zu einem großen Bunde unter dem Protektorate deS Kaisers soll nach Mitteilungen, welche dieser Tage in einem schlesischen Militär- Vereine gemacht worden sind nunmehr in naher Aussicht stehen. Danach werden alle preußischen Militär- und Krieservereine dem Kriegerbunde beitreten, der seinerseits dadurch, daß den einzelnen Vereinen die Beibehaltung ihrer Statuten gestattet wird, den bayerischen und sächsischen Widerstand bricht, den die dortigen Mtlstärvereine der Einigung entgegengesetzt haben. — Ueber daS Befinden deS in letzter Zeit erkrankten Generals der Infanterie Vogel von Falckenstein wird gemeldet, daß der hochbetagte, jetzt im 88. Lebensjahre stehende Herr sich vor 14 Tagen einen heftigen Magenkatarrh zugezogen hat, der aber jetzt als überwunden anzusehen ist. Die durch die Krankheit wesentlich herabgeminderten Kräfte kehren langsam zurück, und der Patient kann bereits mehrere Stunden des TageS außer Bett zubringen. — In militärischen Kreisen verlautet, daß der bisherige Chef deS GencralstabS des Gardekorps, Generalmajor von Schlichting, welcher gegenwärtig dm beurlaubten Kommandeur der 15, Division in Köln, Generalleutnant v. LeßczynSki, vertritt, zum Kommandeur der criien Garve-Jnfanterte-Division auSersehen sei. Da
nach würde also der jetzige Kommandeur dieser Division, Generalleutnant v. Kleist, demnächst mit der Führung eines Armeekorps beauftragt werden. — Vom Bundesrate meldet die „Kreuz-Ztg.": Der BundeSrat hält wahrscheinlich im Laufe dieser Woche keine Sitzung mehr ab; die nicht ständigen Bevollmächtigten und Vertreter sind zum größten Teil schon abgereist. Die Festsetzung deS Protokolls der letzten bedeutsamen Sitzung, in welcher Fürst BiSmarck die vom „RetchSanz." veröffentlichte Erklärung Preußens verlas, findet daher voraussichtlich erst nach den Osterfeiertagen statt. — Die Antwort des bayerischen Ministers deS Innern auf die Interpellation wegen Erhöhung der Getretdezölle in der Münchener Abgeordnetenkammer lautet wie folgt: Wie bekannt, wurden durch das Zolltartfgesetz vom 15. Juli 1879 für das deutsche Zollgebiet Getreidezölle neu eingeführt. Dieselben betragen je 1 Mk. für den Doppelzentner Weizen, Roggen und Hafer, und 50 Pfg. für den Doppelzentner Gerste, Mais und Buchweizen. In Prozenten ousgedrückt, berechnet sich der Zoll bei Weizen auf etwa 5 Proz., bei Roggen auf etwa 6 Proz., bei Hafer auf etwa 6 Proz., bei Gerste auf etwa 6 Proz. deS gegenwärtigen durchschnittlichen Preises. AuS den Reichstagsverhandlungen ist zu entnehmen, mit welchen Schwierigkeiten jene Beschlußfassung verbunden war, wodurch die Festsetzung der gegenwärtig bestehenden Getieidezölle ermöglicht wurde; auch dürste daran erinnert werden, daß inzwischen eine dem Reichstage im Jahre 1883 unterbreitete Vorlage wegen Erhöhung der Holzzölle abgelehnt worden ist. Der in landwirtschaftlichen Kreisen neuerlich erörterten Frage einer Erhöhung der Getreidezölle hat die Staatsregierung ihr sorgfältiges Augenmerk zuzewendet. W->S insbesondere den Majoritätsbeschluß deS Generalkomitees des landwirtschaftlichen Vereins vom 2. April 1883 betrifft, welcher auf eine Verdoppelung der Getreidezölle gerichtet ist, so hat die Staatsregierung denselben keineswegs, wie der Herr Interpellant zu vermuten scheint, unbeachtet gelassen, sondern ebenfalls einer genauen Prüfung unterstellt. Fast zu gleicher Zeit sind dem Bundesrate und neuestens auch dem Reichstage verschiedene Petitionen zugegangen, welche gleichfalls auf eine Erhöhung der Getreidezölle abzielen. Da die Frage der Erhöhung der Getreidezölle hiernach den zuständigen Gesetzgebungsfakloren deS Reiches bereits vorliegt, so ist eine Antragsstellung der bayerischen Staatsregierung zur Zeit weder veranlaßt noch, opportun. Was übrigens die Sache selbst anlangt, so steht die StaatSregierung nicht an, zu erklären, daß sie zu einer mäßigen Erhöhung der Getreidezölle im Interesse der Landwirtschaft mitzuwirken gern bereit ist. —'Die Verfügung deS Regierungspräsidenten von Kamptz in Erfurt, durch welche der dortige Schuhmacher-Fachverein auf Grund des Sozialistengesetzes verboten wurde, weil er Bestrebungen zur Erlangung günstiger Lohnverhältnisse und eines Normalarbetts- tageS für VereinSangelegenheitcn erklären wollte, ist nach
einer heute im „Staatsanzeiger" veröffentlichten Bekanntmachung vom Regierungspräsidenten zurückgenommen worden, wie angegeben wird, auf Grund neuerer Ermittelungen.
— In einem Artikel: „Die Sozialdemokratie und daS Sozialistengesetz" schreibt die „Provinzial- Korrespondenz": Daß die Verlängerung der Geltungsdauer des Sozialistengesetzes unter den Gegnern der Regierungspolitik nicht weniger Anhänger zählt, wie unter den Freunden derselben, wird innerhalb des einsichtigeren Teiles der OpposttionSpresse ziemlich unumwunden anerkannt. Nach der Verantwortung für die Folgen einer Ablehnung dieses Gesetzes gelüstet vielfach auch denjenigen nicht, welche sich zur Verwerfung desselben verbindlich gemacht haben; einer ganzen Anzahl von Parteipolitikern wäre eS offenbar das liebste, wenn sich für die Verlängerung des Sozialistengesetzes innerhalb des Reichstages eine Mehrheit fände, an der sie nicht selbst teil zu nehmen brauchten. Für die einen ist dabei der Wunsch maßgebend, das Licht ihrer oppositionellen Entschiedenheit möglichst hell leuchten zu lassen, andere denken an den Gewinn, den eS bringen könnte, bet etwaigen Stichwahlen von der Sozialdemokratie unterstützt zu werden — alle aber wissen, daß es ein gewagtes Spiel wäre, das deutsche Volk mit der Wiederherstellung des Zustandes zu überraschen, der von 1873 bis 1878 bestanden hatte. Ueber die Fortschritte, welche die revolutionäre Sozialdemokratie während der letzten Jahre in den Nachbarländern gemacht hat, ist ein großer Teil der Deutschen ziemlich unvollständig unterrichtet, — von den neueren Vorkommnissen im Schoße der deutschen Sozialdemokratie hat mau nur hier und da eingehendere Kenntnis genommen: nichtsdestoweniger aber sagt dem Volke sein gesunder Sinn, daß eine Aufhebung des Notgesetzes von 1878 unter den heutigen Verhältnissen doppelt bedenklich sein würde und daß man sich in solchem Falle auf Erschütterungen der Ruhe im gesamten Weltteile gefaßt machen müßte. Für die Richtigkeit dieser Voraussetzung liegt neuerdings ein bemerkenswerter Beleg vor. Im Verlage der Besserschen Buchhandlung (W. Hertz In Berlin) ist diesertaqe ein „die rote Internationale" überschriebenes Buch von Dr. Zacher erschienen, welches eine zusammenfassende Darstellung der auf die sozialdemokratische Bewegung bezüglichen neueren Vorgänge in sämtlichen europäischen Kulturländern und in Nordamerika enthält und unwidersprechlich beweist, daß repressive Maßregeln gegen die sozialistische Umstnrzpartet heute weniger denn je entbehrt werden können. Von allen weitergehenden RaisonnementS steht der Verfasser ab; an der Hand eines umfassenden, sorgfältig gesichteten Materials berichtet er Tatsachen, diese Thatsachen aber führen eine so beredte Sprache, daß die zu ziehenden Schlußfolgerungen sich von selbst ergeben. Wenn über die deutsche Sozialdemokratie z. B. berichtet wird, daß die Delegierten derselben im August 1880 zu Wyden (bei Offingen in der Schweiz) ihr frühere-
<5 Die Schützlinge des Große« Kurfürsten.
Historische Erzählung von Max Ring.
Der Eintritt des Zunftmeisters mit den beiden anderen zu Rate gezogenen Aerztcn, dem Kurfürstlichen Leib-MedlkuS Christophorus Majus und dem Dokior MartinuS Wttße unterbrach die vertrauliche Unterhaltung der beiden Liebenden.
Nachdem die gelehrten Herren mit würdevollen, wichtigen Mienen den Puls der Kranken gefühlt und ihre Zunge aufmerksam betrachtet hatten, zogen sie sich in das anstoßende Gemach zurück und eröffneten daS feierliche Konsilium, an dem sich auch Raoul beteiligte.
Bald gerieten die beiden Hofärzte, welche eifrige Anhänger der damals herrschenden, einander entgegengesetzten Systeme, der chemiatrischen und iakochemischen Schule waren, in eine heftige Disputation Über die Natur der Krankheit, wobei sie so hart an einander kamen, daß sie sich fast in die Perrücken fuhren und nur mit Mühe von handgreiflichen Thällichkeiten durch ihren jüngeren Kollegen zurückgehalten werden konnten.
Während Doktor MartinuS alle Leiden der Patientin von einer Verirrung deS unsichtbaren ArchäuS oder LebenS- geistes Verleitete und zur Bekämpfung desselben eine Mischung von Quecksilber und Lnlimon verordnete, behauptete der Leib - MevlkuS Christophorus, daß allein die Schärfe de« Blutes das Nebel verschulde und deshalb nur ein starker Aderlaß ihr da» Leben retten könne.
t Selbe Gegner aber vereinigten sich wider die Meinung Rwu!s, als dieser ihnen erklärte, daß er den ganzen Zustand für ein rein physisches Gemüt-leiden halte, da» ohne alle Mittel, legiglich durch geistige Behandlung und
Beseitigung der zu Grunde liegenden Ursache geheilt werden müsse.
Gegen eine solche unwissenschaftliche Ansicht sträubten sich die beiden gelehrten Herren, indem sie sich auf die Autoritäten eine« Galen, Paracelsus und van Helmont beriefen und laut gegen eine folche Ketzerei in der Medizin protestierten.
Da aber Raoul bei seiner Meinung verharrte und sich zugleich bereit erklärte, die ganze Verantwortung für den Erfolg auf sich zu nehmen, so Überließen ihm die beiden Aerzte die Behandlung der Kranken, fest überzeugt, daß Agnes ohnehin verloren sei, und froh, die Schuld ihre» vorausstchtlichen Todes auf ihren französischen Kollegen schieben zu können.
Wiser ihr Erwarten erholte sich AgneS schon in kurzer Zeit. Mit jedem Tage wurde ihr Aussehen besser und die bleichen Lilien ihrer Wangen färbten sich allmälig rosiger. Wohlthuender als alle Mittel der gelehrten Doktoren wirkte die bloße Nähe de« Geliebten und ein Wort, ein Blick von ihm gab ihr die verlorene Kraft zurück und heilte ihre Leiden.
Alle Welt rühmte und bewunderte die Kunst und Geschicklichkeit deS französischen HofarzteS, der nach ihrer Meinung die von den berühmtesten und ersten Doktoren der Residenz aufgegebene Patientin vom sicheren Tode gerettet hatte. Niemand aber war so- erfreut, alS der verzweifelte Zunftmeister, der seine Tochter über alles liebte und so lange ste in Gefahr schwebte, zu jedem Opfer bereit war.
„Wenn Ihr", sagte er zu Raoul, „mein Kind herstellt, könnt Ihr von mir fordern, was Ihr wollt, mein ganzes Vermögen, alles, was mir lieb und teuer ist."
„Nehmt Euch in Acht", entgegnete Raoul scherzend, „daß ich Euch nicht beim Wort nehmet"
„Was ich verspreche, da- halte ich auch. Ein Wort ist ein Wort. Meine Frau und Hans sind dcß Zeugen; fie haben eS gehört."
„Und wir werden Dich daran zur rechten Zeit erinnern", sagte Hans, heimlich lächelnd.
Unter so günstigen Umständen machte die Genesung der Kranken solche Fortschritte, daß ste schon nach einigen Wochen ihr Lager verlassen konnte und wieder wie eine frische RosenknoSpe aufblühte. An der Seite der ihm wiedergeschenkten Geliebten, die er selbstverständlich täglich besuchte und ungestört sprechen durfte, verlebte Raoul die glücklichsten Stunden.
Je öfter und länger er aber bei ihr wellte; desto mehr erkannte und bewunderte er die Innigkeit ihrer Liebe, die Tiefe ihres Gemüts und die Reinheit ihres Herzens, welche ihm weit herrlicher erschien als der sinnliche Reiz, als die kokette Anmut und der geistreiche Witz seiner Landsmänninnen.
„Jetzt weiß ich erst", sagte er entzückt, „was ein treue» Herz, was wahre Liebe ist."
„Sie ist stark wie der Tod", erwiderte Agnes mll strahlenden Blicken, „und ihr Eifer ist fest wie die Hille. Mir ist wohl im höchsten Schmerze, denn ich weiß ein treues Herze."
„Mir ist wohl im höchsten Schmerze", widerholte er tief bewegt, „denn ich weiß ein treues Herze."
Nur eine einzige dunkle Wolke trübte noch den hellen Freudenhimmel der Liebenden, der Gedanke an den Groll des Zunftmeisters gegen den Goldschmied und an seine Vorurteile gegen die französischen Flüchtlinge und besonder- gegen die Familie Roussel. (Fortsetzung folgt )