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JTIaröurg, Mittwoch, 9. April 1884.

XU. JahlMg.

Sn,eigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte-, sowie d Annoncen-Bureaux von Saasenstein und Vogler in Frankfurt a M, Ham­burg, Magdeburg u. Men; Rudolf Moste in Frankfurt o M., Berlin, München und s»ln: G L. Daube und Co. in Frankfurt a. M-, Berlin, Hannover u. Pari-.

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Anzeigen nimmt entgegen - die Expedition d. Blatte-, sowie d. Annoncen-Bureaux Jägersche Buchhandlung in Frankfurtsa. M.; Hermana- scheBuchhandlung daselbst; Adolf Steiner i. Hamburg; Jnvalidendank in Berlin, Dresden und Leipzig; I. Barck u. Co. in Halle; W. ThienrS in Elberfeld.

Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JllUstrtrteS IonntagSblatt" durch die Expedition (Ko ch'fche Buchdruckerei) bezogen 2'/. Mark, durch die Postämter deS Deutschen Reiche- 2 Mark 50 Psg (excl. Bestellgebühr.) - Jnserttonsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pf-.

Für in der Expedition zu erteilende Auskunft und Annahme von Adreffen werden 25 Psg. berechnet

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Unsere Leser ersuchen wir fteundlichst um Erneuerung des Postabonnements aus das mit dem 1. April begonnene zweite Quartal.

Exped. der Oberh. Ztg.

Die Ätärnng der Lage.

Die Gegensätze, welche daS politische Leben der Gegen­wart erfüllen und um welche sich seit geraumer Zett der Kampf der Geister dreht, haben durch Vorgänge der letzten Tage eine erfreuliche Klärung erhalten. Konnte man bis jetzt noch im Unklaren sein über daS, waS sich hinter ge­wissen Parteibestrebungen verbirgt, so wird fortan allen zu klarem Bewußtsein kommen, welche grundlegenden Ideen in den Kämpfen der Gegenwart und Zukunft die bewegenden Kräfte sind und an welchem Punkte eine Scheidung der Geister eintritt.

In der Rede, welche Fürst Bismarck am 15. März bei Gelegenheit der Beratung des UnfallverstcherungSgesetzeS hielt, sprach er sich über die Stellung des Parlaments im Staatsleben in einer, so zu sagen, programmartigen Weise aus. Er erkannte die Nützlichkeit und Notwendigkeit des Parlaments an, erklärte stch indessen mit voller Entschieden­heit dagegen, daß das Parlament herrschen und regieren könne. Ebensowenig dürfe eS seine Aufgabe dahin auffaflen, daß eS der Regierung fortwährend seine Mithilfe versagt und nur immer negative Kritik übt. Durch die Leiden- schasllichkeit der Parteikämpfe, durch die Zerrissenheit der Parteien, welchen daS Interesse der Partei oder daS Parla­ment immer höher stehen als das gemeinsame Ganze, ist das Parlament auf dem besten Wege, nicht nur stch selbst in hohem Maße abzunutzen, sondern auch daS allgemeine Vertrauen in die imponierende Stellung, die Deutschland jetzt in Europa hat, zu erschüttern. Als Aufgabe der Zu­kunft bezeichnet es Fürst Bismarck, daß Parteifragen und die Gruppierung nach hoher Politik und politischen Pro­grammen, die schließlich nur auf daS Streben nach einer HerrschastSstellung für eine Partei oder für vaS Parlament hinauslaufen, mehr in den Hintergrund treten gegenüber den wirtschaftlichen und sozialen Jntereflen und daß daS Parlament und die Parteien stch mehr der Pflege dieser Interessen annehmen.

Den direkten Gegensatz hierzu-childet daS politische Pro­gramm der vereinigten Linken, welAs seine Aufgabe tu der Pflege der Parteipolitik und in dem Streben nach einer Herrlchaftsstellung sucht. Während Fürst BiSmarck eS für schädlich und unmöglich hält, daß das Parlament herrscht und regiert, bekennt stch die neue Ber­einigung nach den Worten eines ihrer Führer zu dem

Grundsatz, daß „die Regierung der Ausdruck der Mehrheit der Volksvertretung sein soll", und daß „die Regierung denWeg gehen müsse, den die Reichstagsmehr­heit ihr vorschreibt", mit anderen Worten, daß daS Parlament regieren und herrschen soll. Die Pflege der wirtschaftlichen und sozialen Jntereflen ist der radikalen Opposttton ein durchaus untergeordneter Punkt, wenn sie nicht sogar in gewissem Sinne für vollständig überflüssig erklärt wird. Jedes verneinende Votum des Parlaments wird von ihr als eine „Niederlage" der Re­gierung aufgefaßt, welche von selbst die Uebernahme der Regierung durch die „siegende" Majorität bedingt, während doch oft die Geschichte ihr Urteil dahin abgtebt, daß that- sächlich diejenigen eine Niederlage erlitten haben, die durch ihre Majorität weise Maßregeln verhindert haben.

Man kann sagen, daß stch hier zwei entgegengesetzte politische Systeme gegenüberstehen. DaS erstere wird von der extremen Opposition als „Reaktion" zu brandmarken versucht, während e» in der That doch nur die Festhal­tung an den bestehenden Einrichtungen und ein Mittel zur Erhaltung und inneren Kräftigung bedeutet. DaS System der Opposition hingegen ist im letzten Ende auf eine Aenderung der VerfaflungSgrundlagen unferer politischen Einrichtungen und auf eine Verschiebung der Stellung deS Parlaments gerichtet.

Die große Frage dieser Zeit ist die, ob daS Volk that- sächlich, wie die extreme Opposition behauptet, ein so großes Interesse hat an der Herstellung eines parlamentarischen UebergewichtS und an der Etablierung einer Herrschaft durch daS Parlament,- oder ob eS den berechtigten Einfluß einer Mitwirkung des Parlaments als genügend und eS als Aufgabe desselben anerkennt, auch wirklich — ohne Eifersucht und Herrschaftsgelüste — an der Besserung der wirtschaftlichen und sozialen Zustände im Einvernehmen mit der Regierung praktisch mitzuwirken.

Wir zweifeln keinen Augenblick daran, daß daS Volk lieber von einer weisen, seine realen Jntereflen fördernden, monarchischen Regierung, welcher daS Parlament ein über die Bedürfnisse deS Volks gut unterrichteter Ratgeber sein soll, nicht aber von dem Parlament oder von einer par­lamentarischen Majorität regiert sein will. DaS — wie wir eS hiernach nennen wollen — parlamentarische System ist jetzt von einer großen geschloflenen Partei als Ziel proklamiert worden; diejenigen, die stch im Geiste als Gegner desselben verbunden fühlen, mögen eS nicht an der energischen Vertretung ihrer gemeinsamen Interessen fehlen lassen: der Erfolg wird ihnen sicher fein, auch wenn sie an verschiedenen Parteiformen, die doch nur immer eine Aeußerlichkeit und Nebenzweck sind, aber auch als solche betrachtet werden müssen, festhalten. Eine offene Ant­wort auf die falschen Bestrebungen dieser neuen FortschrittS- Partet hat denn nun auch der Bundesrat in seinen jüngsten

veschlüflen (s. gestr. Artikel Berlin) gegeben, möge sie bei allen staatserhaltenden Parteien unseres Volkes das that- krästtge Verständnis finden.

Deutscher Reich.

Berlin, 7. April. Der Kaiser war gestern einige Stunden länger außer dem Bett. Die Ruhe in ver­gangener Nacht wurde durch Hustenreiz öfter unterbrochen. Der Kaiser stand heute um 12 Uhr auf und empfing den Chef des Ztvilkabinetts zu kurzem Vortrage. — Auf die Glückwunsch-Adresse des Aeltesten-KollegiumS der Berliner Kaufmannschaft zum Geburtstage erwtederte der Kaiser: Ich ersehe zu Meiner Freude, daß Meine Bemühungen um die Sicherung des Weltfriedens und die Erhaltung und Förderung fruchtbarer internationaler Beziehungen auch im Handelsstande lebhaft und dankbar empfunden werden. Ich hoffe mit Ihnen, daß diese Friedenspolitik in ihren Folgen auf die Entwickelung und Hebung von Handel und In­dustrie ihren segensreichen Einfluß ausüben werde. — Die „Nordd. Allg. Ztg." schreibt: Die Blätter der ver­schiedensten Farben in- und ausländische, knüpfen an die Absicht deS Reichskanzlers, stch aus den rein preußischen Geschäften zurückzuziehen, die wunderlichsten Kombinationen und Erfindungen von Ministerkrisen und politischen Be­rechnungen; nur aus daS Einfachste, auf die Wahrheit und die Wirklichkeit, verfallen sie nicht. Die Leser sowohl wie die Redaktionen verlangen sensationelle Motive und politische Begründungen für alles, was in der Welt ge­schieht ; die einfachen Fragen von Leben und Sterben, Krank­heit und Gesundheit würden, wenn man ste alö Ursache von Vorgängen zuließe, das Jnterefle an diesen letzteren abschwächen. Man muß den Ereigniflen, wenn ste den Leser interessteren sollen, zur Hülfe kommen und seine Er­findungsgabe aus dem Gebiete der politischen Konjekturen in Thätigkeit setzen. Wenn der Reichskanzler plötzlich mit Tode abginge, so würden unsere Blätter ihren Lesern un­fehlbar die politischen Motive und die listigen Berech­nungen darlegen, welche ihn bestimmt hätten, gerade jcht zu sterben. ES kann für niemand zweifelhaft sein, daß eine mehr als 20jährige Thätigkeit als Minister in be­wegten und mit Kämpfen jeder Art erfüllten Zeiten die festeste Gesundheit und die stärkste Arbeitsfähigkeit schließ­lich angreifen und abnutzen mußten. Den Reichskanzler hat daS Gefühl, der Ruhe zu bedürfen, schon vor sieben Jahren dazu gebracht, seinen gänzlichen Abschied nachzu­suchen. ES ist bekannt, daß und warum er ihn nicht er­hielt, und er hat sich wiederholt öffentlich über die Auf- faflungen ausgesprochen, die ihm nicht erlaubten, gegen deS Kaisers Willen aus dem Dienste zu scheiden. In den letzten drei Jahren ist Fürst BiSmarck von verschiedenen Krankheitsformen, deren Entstehung stch übereinstimmend auf Verbrauch der Kräfte zurückführen läßt, derart hrim-

<3 Die Schützlinge des Ärotzeu Kurfürsten.

Historische Er,ählung von Max Ring.

Noch immer war sein Aussehen würdig und majestätisch, wenn auch die Verwüstungen der Krankheit stch in den blaffen Wangen und den eingefallen u Zügen bemerkbar machten. Aber seine Augen glänzten noch wie in den Tagen seiner Jugend und auf der hohen Stirn ruhte die Glorie deS Genius.

Ein ehrfurchtsvolle» Schweigen herrschte in dem weiten Saal und alle Blicke waren ans den hohen Herrn gerichtet, der, so entkräftet manch war, mit lauter Stimme seine Anrede an den ebcnMs herbeigeeilten Kurprinzen richtete.

„Ich bin überzeugt^ sagte er stchtlich bewegt, „eS ist das letzte Mal, daß ich diesem Rate beiwohne, denn die Schwachheit meines Körpers hat zu sehr überhand ge­nommen und die Sanduhr meines Lebens wird bald ab­gelaufen fein. Durch Gottes «»'nabe habe ich eine lange und glückliche, aber auch sehr mühsame, von Unruhen und Kriegen begleitete Regierung geführt. Welche Befchwerden, welche Sorgen die- mir, welche Trübsal dadurch meinem Lande verursacht, ist bekannt. Durch Kriege verwüstet, im armseligen Zustande fand ich die Länder nach meines Vater- Tode; durch Gotte- Hülfe hinterlafle ich da- Land in einem weit blühenderen Wohlstände, im Frieden, von meinen Ftinden gefürchtet, von meinen Freunden geliebt und geehrt. Ich zweifle nicht, daß auch Du, mein Sohn, mein Nachfolger, in denselben Moximen fortfahren wirst, e- zu beherrschen, vor allen Dingen Gott vor Augen zu haben! Vergiß nie, die bei einer solchen Verwaltung nötige Vorsicht <mS den Augm zu lasten; mit den Waffen In der Hand sei jeder Zeit bereit, aber nur um de- Lande- Sicherhett und da»

erlangte Ansehen Deine« HauseS zu bewahren. Indem Du Dich der Hülse getreuer Räte bedienst, nicht auf diejenigen hörst, welche ungerechte Ratschläge geben, wirst Du Deinen Unterthanen beweisen, daß Du ste liebst. Mit allem Fleiße sei darauf besacht, dm Ruhm, welchen ich Dir als Dein Erbteil hinterlasse, zu bewahren und zu vermehren. Einige Regeln, wie Du Deine Staaten regieren sollst, habe ich schriftlich abgefaßt und übergebe ste Dir hiermit; ich hoffe, durch ste wirst Du auf eine nützliche und gute Art unterrichtet werden —"

Erschöpft von der langen Rede, hielt der Kurfürst einen Augenblick inne; al- aber der Geheime Rat Meinder« die Pause benutzte, um ihm eine Lobrede zu halten, gebot er ihm Stillschweigen, worauf er stch an die übrigen Räte wendete. Mit herzlichen Worten dankte er Allen für ihre treuen Dienste und teil unermüdlichen Beistand, den ste ihm geleistet.

Er zweifle auch nicht, fügte er hinzu, daß ste fort­fahren würden, diese auch seinem Sohne und Nachfolger zu erweisen. Wie sehr er gewünscht, seine Unterthanen noch vor seinem Tode von den ste drückenden Lasten zu befreien, bedürfe wohl keiner Versicherung; allein bei so gefahrvollen Zeiten und so bewandten Umständen könne die- leider nicht au-geführi werden.

Hierauf ergriff der Kurprinz mit von Rührung und Thräneu erstickter Stimme das Wort und sprach seine Un­fähigkeit au-, die Liebe und Verehrung, welche er für einen so guten und berühmten Vater hege, auszudrücken und für die ihm und dem ganzen Lande erwiesenen Wohlthatm zu danken.

Auch der ebenfalls anwesende Marschall Schömberg sagte tief erschüttert: ES schmerze ihn auf daS Höchste, daß

er, erst kürzlich in diesen Rat ausgenommen, auf eine sie Alle so betrübende Anrede antworten solle. So lange ihm Gott daS Leben schenke, würde er die Treue, die er bisher dem Kurfürsten bewiesen, auch dem Prinzen, seinem Nachfolger und dem ganzen kurfürstlichen Hause mit allen ihm verliehenen Kristen zuwenden.

Alle übrigen Rite gelobten feierlich, daß sie jeder Zett dem Kurfürsten und seiner erlauchten Famllie anhänglich und ergeben sein wollten bis zu ihrem Tode. Diese gegen­seitigen Versicherungen der ungeheucheltsten Zuneigung und BetiübnlS hatten den Kranken so bewegt, daß er nur mit schwacher Stimme ihnen sagen konnte, wie angenehm und tröstend ihm ihre Worte gewesen wären.

Erst nachdem er stch wieder einigermaßen erholt hatte, wurden auf seinen Wunsch, wie gewöhnlich die laufenden Geschäfte erledigt und einige dringliche Sachen vorgetragen, welche er mit einer Ruhe und einem Jnterefle behandelte, als ob er stch der besten Gesundheit erfreute.

Sobald die Sitzung geschlossen war, ließ er stch in fein Schlafzimmer tragen, wohin ihm nur der Kurprinz folgte. Hier ermahnte er diesen noch einmal mit ergreifenden nach­drücklichen Worten, genau da- zu beachten, wa- er ihm so eben in väterlicher wohlmeinender Absicht vorgestellt und ihm schriftlich hinterlaflen, da er nur auf diesem Wege allein Gottes und seines Segen- teilhaftig werden könne.

Als daraus der Kurprinz vor ihm niederkniete und ihm nochmal- gelobte, in allen Dingen feinen Anweisungen zu olgen, erteilte ihm der kranke Vater mit heiterer Miene, n ernsten rührenden Ausdrücken seinen Segen und schenkte hm eine kostbare goldene Medaille mit seinem Bilde, damit er stch stets an diese feierliche Stunde und feine Ermahnungen erinnern sollte.