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Marburg, Sonntag, 6. April 1884.
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«««eigen nimmt entgegen: bie Expedition d. Blatte-, sowie d Annoncen-Bureanx oon Haasenstei» und Vogler !» Frankfurt a M , Hamburg, Magdeburg ».Wien; Rudolf Moffe in Frankfurt . M., Berlin, München und Mn; G L. Daube und $o. in Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u. Paris.
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Exped. der Oberh. Ztg.
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Dir Lage der Landwirtschaft.
Der Sozi ftpolitiker Freiherr von Fechenbach weist in seiner neuesten Schrift auf die dringende Notwendigkeit hin, daß alle sozialen Reformen in der Absicht als ihrem wichtigsten Zielpunkt gipfeln tnfiffen, die unteren und mittleren Volksklassen vor dem Versinken ins Proletariat zu schützen und sie wirtschaftlich und sozial wieder zu stärken. Er hat dieses intereflantr Buch betitelt: „Der fünfte Stand und die Regierungen*. Mit dem in der Bildung begriffenen fünften Stande meint er das Vagabundentum, welcher sich als kranker Aussatz an unserm sozialen Volks- körper steigend vermehrt und eben in seiner Vermehrung den handgreiflichsten Beweis für die Krankheit des sozialen VolkskörprrS bildet. Er weist deshalb auf diese« Krankheitssymptom mit allem Nachdruck hin und fordert die Regierungen auf, nicht länger zu zögern, ernstliche und wirksame soziale Heilmittel in Anwendung zu bringen; denn bei der raschen Entwickelung, welche in unserer schnelllebigen Zeit alle Erscheinungen nehmen, ist ein zögerndes und un- thätiges Verhalten solchen ernsten Erscheinungen gegenüber doppelt gefährlich, zumal die soziale Revolution mit finsterem Ernst an die Thüren pocht. Der Verfaffer weist in ausführlicher Beweisführung an der Hand der Thatfachen nach, daß als die Hauplursachen dieser sozialen Krankheit die Aufsaugung und Aussaugung der kleineren Gewerbe, ihrer Selbständigkeit und der produktiven Arbeit überhaupt durch den handel-mäßigen industriellen Großbetrieb und durch das sich immer mehr in einzelnen Händen ansammelnde Kapital und die seinen Jntereffen so besonders freundlich entgegenkommende liberale Wirtschaftsgesetzgebung anzusehen find. Ec zeigt, wie die Auslösung der gewerblichen Selbständigkeit der mittleren und unteren Stände, d. h. die Proletaristerung derselben im wirtschaftlichen Jntereffe diese- kapitalistischen Großbetriebs liegt, der dadurch immer größere unv mithin immer billigere, weil immer mehr von ihm abhängige Arbeitskräfte bekommt, und der deshalb mit natürlicher Logik das Gewicht seiner Geldmacht immer mehr In dieser Richtung geltend macht. Er zeigt aber auch, daß gerade diese auflösende Wirkung die größte Gefahr für den Staat, die Gesellschaft und die Kultur bildet und daß eS deshalb die größte und dringendste Aufgabe des Staates ist, dieser gefährlichen Entwickelung mit den Mitteln gesetzlicher Reformen entgegenzutreten. Denn die Geschichte hat noch immer gezeigt, daß da, wo die notwendigen Reformen
unterlaffm werden, die Revolution an ihre Stelle tritt, man darf sich aber nicht einbilden, daß das Volk in unserer Zett sich auf die Dauer in einer Entwickelung festhalten läßt, welche es in dem Zustande des Proletariats, der hllf- lofen Armut zum Sklaven einer kleinen Kapitalistenklafle macht, wie es in den alten heidnischen Staaten der Fall war. Die christliche Weltanschauung muß gegen eine solche, den Menschen zur Arbeitsmaschine entwürdigende Entwickelung reagieren, und gerade die Vertreter der christlichen Weltanschauung haben deshalb vor allem die Pflicht und da- Recht, gegen diese unter dem Hochdruck naturalistischer Anschauungen und Grundsätze arbeitende Entwickelung zu protestieren und Reformen zu verlangen, welche dazu an- gethan sind, die Menschen an dem Versinken in daS sie persönlich, wirtschaftlich und sittlich ruinierende Proletariat zu verhindern und es ihnen ermöglichen, durch Fleiß, Sparsamkeit und Sittlichkeit sich wieder eigenes Vermögen zu erwerben und sich so eine Grundlage für eine größere Selbständigkeit zu verschaffen. Es liegt auf der Hand, daß auch ein geordnetes, friedliches Staatsleben, wie eine solide Kultur nur möglich ist, wenn die Grundlage deö Staates die große Masie eines wohlstehenden, nicht bloß von der Hand in den Mund, von dem Tagelohn lebenden Mittelstandes bildet. Die Scheidung des Volks in eine Klaffe üppigen, wollüstigen Reichtums und eine große Masse hungrigen, mit Gott und der Welt zerfallenen Proletariats wirft den Staat in den Abgrund stetiger revolutionärer Zuckungen hinein, bis die Volkskraft darin erschöpft ist und er zusammenbricht. Darum allein ist die christliche Weltanschauung die gesunde Grundlage der Staats-, Volks- und Kulturentwickelung. Auf dieser Grundlage steht und in diesem Gedankengange bewegt sich daö Fechenbachsche Buch. Wie west die kapitalistische Zersetzung in gewerblichen Kreisen vorgeschritten ist, geigt der Verfaffer an der bekannten Nottage des Handwerks, der schutzlosen Abhängigkeit der großen Arbeiter« maffen. In diesen Kreisen liegt die Wirkung offener zu Tage; bei der Landwirtschaft ist sie noch mehr verdeckt. Der Verfaffer lüftet aber an verschiedenen Puntten auch diese Decke und waS man da über die Verschuldung der Grundbesitzer erfährt, ist schrecklich und man begreift, warum der kapitalistische Liberalismus nie an eine statistische Aufnahme der Verschuldung der Landwirtschaft heran wollte; denn sobald diese Lage klar erkannt wird, ist es aus mit der Herrschaft des kapitalistischen Liberalismus; denn das ist doch auch dem blödesten Verstand begreiflich und kann durch die schlaueste liberale Vorsplegelungökunst nicht verdunkelt werden — daß, wenn erst auch der Bauernstand unter der Last der Schulden zusammenkracht und zum Lohnknecht des Wucherers und Schacherers wird — dann sind wir am Ende dieser Entwicklung angelangt und überall muß das energische: „Bis hierher und nicht weiter* ertönen. Hören wir denn aus dem intereffanten Buche einige Zeugnisse über die koloffale Zunahme der Verschuldung
der Landwirtschaft seit der Herrschaft der modernen liberal- kapitalistischen Wirtschaftspolitik. In dem Buche von Roscher über das deutsche Grundbuch- und Hypothekenwesen wird der Wert der ländlichen Grundstücke in den von Preußen vor 1866 besessenen Provinzen auf 4*/i Milliarden Thaler, die Höhe der Schuldenbelastung derselben auf 2x/i bis 2V2 Milliarden — also auf 50 bis 55,5 Prozent — geschätzt ; die mecklenburgischen Rittergüter sollten damals mit 45 Prozent ihres Wertes, der Grundbesitz im Königreich Sachsen um 40 Prozent verschuldet sein. Diese Verhältnisse haben sich aber inzwischen viel ungünstiger gestaltet und nach Professor Schmoller nimmt man jetzt in Preußen eine Verschuldung des Grundbesitzes von 80 bis 90 Prozent feines Wertes an. — Man vergleiche weiter folgende Mitteilungen:
ES sind in den Jahren 1877 bis 1879 in Sachsen durchschnittlich 222,09 Prozent ländliche Grundstücke zwangsweise mehr versteigert worden, als durchschnittlich in jedem der sechs Jahre 1858 bis 1863. Bei den Bauerngütern ist in dieser Zeit die Zahl der zwangsweise versteigerten um 54,06 Prozent, bei den kleineren ländlichen Grundstücken um 437,19 Prozent gewachten. Welche enorme Summen bei dem bisherigen, im größten Teile von Deutschland übereinstimmenden Verfahren bei Zwangsverläufen an Hypothekenkapitalien verloren worden sind, das läßt sich daraus erkennen, daß allein im Königreich Sachsen bei den in den drei Jahren vom 1. Oktober 1879 bis; Ende 1882 zur Zwangsversteigerung gekommenen Grundstücken (es fanden 4463 Subhastationen statt) nach den vom sächsischen Justizministerium angestellten Erhebungen gegen 30 Millionen Mark, mit welchen die versteigerten Grundstücke belastet waren, wirklich ungedeckt geblieben sind.
Im Herzogtum Braunschweig nahmen die ländlichen Hypotheken in den 25 Jahren um rund 34 Millionen Mark zu.
Im Königreich Preußen fielen 1855 der gerichtlichen Sub- hastaiion anheim 678 Grundbesitzer, anno 1875 schon über 10 000, und im Jahre 1881 bereits 16044. Allein vom Vermögen der Sparkassen waren in städtischen und ländlichen Hypotheken angelegt: 1869 = 259 Millionen Mark.
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1875 — 599 , ,
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1877 = 741 „ „
1878 = 800 , „
Sehr interessant ist auch eine, dem Bericht über den Regierungsbezirk Arnsberg beigegebene Darstellung der Steuerver- hältniffe.*) Ein Besitzer zu Langendreer (Kreis Bochum), der zu 60 Mark Klaffensteuer veranlagt ist, zahlt 164 Mark Grundsteuer, 26 Mark Gebäudesteuer, 580 Mark Kommunal-, Kirchen- und Schulabgaben, im ganzen, einschließlich der Klaffensteuer, 830 Mk., also mehr als die Hälfte des Grundsteuer-Reinertrages, der auf 1482 Mark fixiert ist. Dabei hat der Mann 2250 Mark Zinsen aufzubringen. — In Velmede (Kreis Meschede) im Sauerlande bezahlt ein Landwirt 246 Mark Grundsteuer, 30 Mark Gebäudesteuer, 741 Mark Kommunalsteuer; er ist eingeschätzt zu 108 Mark Einkommensteuer und zahlt nahezu die Hälfte seines Grundsteuer- Reinertrages an Gesamtsteuern. Ein Beispiel aus dem Amt Eslohe (Kreis Meschede) ergiebt; Grundsteuer 67 Mk., Gebäudesteuer 10 Mk., Kommunalsteuer 314 Mk., Klassensteuer 36 Mk., das macht zwei drittel des Grundsteuer - Reinertrages und 1089
*) Kreuz-Zeitung, 1. Beilage zu 285, 1883.
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41 Dir Schützlinge des Grotze« Kurfürsten.
Historische Erzählung von Max Ring.
„Irre ich nicht", sagte der Kurfürst mit schwacher Stimme, „so seid Ihr jener junge Arzt, den ich vor längerer Zeit In dem Garten des Goldschmieds Rouffel gesprochen habe. WaS führt Euch zu so später Stunde zu mir her?"
„Euer Hoheit werden verzeihen, daß ich e« gewagt habe, aber der Herr Marschall von Schömberg hat mir befohlen, noch heute diesen Brief und daS beifolgende Dokument unterthinigst zu überreichen, da seine Excellenz durch einen heftigen Fieberanfall verhindert wird, persönlich zu erscheinen."
Auf einen Wink deS Kurfürsten zündete der noch im Schlafzimmer wellende Kammerdiener einige Wachskerzen an und erhellte das nur matt erleuchtete Gemach, worauf er sich geräuschlos entfernte und in daS anstoßende Vorzimmer
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Unterdessen las der Kurfürst mit gespannter Aufmerksamkeit die ihm übergebenen Schriften, ohne durch ein Wort oder eine Miene seine tiefe Erregung zu verraten. Erst nachdem er geendet hatte, sah er Raoul mit forschenden, durchdringenden Blicken an, als ob er auf dem Grund seiner Seele lesen wollte. Dabei bemerkte er auch daS bleiche Aussehen und auf der Stirn de« jungen ArzteS die Wunde, welche ihm bei der früheren schwachen Beleuchtung entgangen zu sein schien.
„Wie kommt Ihr zu der frischen Wunde?" fragte der Kurfürst finster. „Habt Ihr gegen mein ausdrückliche« Mandat Euch duelliert? DaS dürste Euch teuer zu stehen kommen. Ihr wißt, daß der Tod auf ein solch sündhaftes t! Verbrechen in' meinen Staaten steht."
„Verz.ihen Euer Hoheit", erwiederte Raoul errötend, „die Wunde habe ich nicht im Duell erhalten, da ich dasselbe als unchristlich verabscheue und auch nicht wagen würde, die strengen Befehle meines Herrn zu übertreten."
„DaS gefällt mir", versetzte der Kurfürst freundlicher. „Wollt Ihr mir nicht sagen, wie Ihr zu der Blessur ge- kommen seid? Ich will die Wahrheit wiffen."
„Auf dem Wege nach Potsdam", entgegnete Raoul zögernd, „wurde ich mit meinem Begleiter von zwei Räubern angefallen."
„Räuber I" rief der Kurfürst auffahrend. „In der Nähe unserer Residenz. Das ist unerhört, unglaublich. Ich werde eine strenge Untersuchung einleiten lassen. ES ist nicht möglich; Ihr müßt Euch irren."
„Euer Hoheit können sich leicht überzeugen, da mein Freund den Einen dieser Strolche erschossen hat. Die Leiche liegt noch an der Kohlhasenbrücke. UebrigenS scheinen e« keine gewöhnlichen Räuber gewesen zu sein, sondern abgeschickte Banditen, die beauftragt waren, sich der für Euer Hoheit bestimmten Schriften zu bemächtigen, wie dieser bei dem Toten von mir gefundene Zettel bekundet."
„Ein politischer Mord l" murmelte der Kurfürst. „Doch dürfte der Beweis schwer zu führen sein, da der Zettel von einem untergeordneten unbekannten Agenten herrührt, der eine Räuber tot und der andere leider entflohen und längst in Sicherheit ist, so daß wir dem eigenllichen Anstifter nichts anhaben können. Wie dem auch sei, ich bin in Eurer Schuld Ihr habt Euer Blut für mich vergossen und mir einen größeren Dienst geleistet, al« Ihr ahnt."
„Das Bewußtsein ist mein höchster Lohn. Mein Blut
und mein Leben gehören dem großen Fürsten, der ein wahrer Held für unfern Glauben, für die Freiheit ver Welt —"
„Wie mir der Marschall schreibt", unterbrach der Kurfürst den enthusiastischen Raoul, „seid Ihr von ihm in unsere Pläne eingeweiht und habt die Denkschrift übersetzt und bearbeitet. Ich bin damit zufrieden und beabsichtige, auch ferner Eure Dienste in dieser Angelegenheit zu gebrauchen, so bald Ihr Euch erholt und gestärkt habt. Mein Kammerdiener soll Euch eine Wohnung im Schlosse anweisen und morgen werde ich Euch rufen lassen, um Euch meinen Bescheid mitzuteilen, da ich heute eben so sehr wie Ihr selbst der Ruhe bedürftig bin."
Gekräftigt durch einen tiefen gesunden Schlaf, folgte Raoul am nächsten Tage dem Kammerdiener, der ihn zu dem ihn bereits erwaftenden Kurfürsten begleitete. Dieser empfing ihn mit sichtlichem Wohlwollen und erkundigte sich teilnehmend nach seinem Befinden und nach dem Zustand seiner Wunde.
„Die hat nichts zu bedeuten", versicherte Raoul. „In zwei Tagen ist die leichte Schramme wieder vernarbt."
„Glückliche Jugend!" veiffetzte der Kurfürst mit einem leichten Seufzer. „Eine Nacht reicht hin, ihre Leiden und Wunden zu Hellen."
Bel dem Anblick de- leidenden Kurfürsten konnte sich der junge Arzt nicht einer bangen Furcht erwehren, waS dem scharfen Auge des hohen Herrn nicht zu entgehen schien.
„Ich weiß", fuhr dieser nach einiger Zeit fort, „daß meine Tage gezähft sind und daß ich mich darum beeilen muß, mein Werk zu vollenden. Ihr seid auch ein Arzt und an Euren Mienen sehe ich, daß mein letztes Stündlein nahe." (Fortsetzmg folgt.)