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Marburg, Dienstag, 25. März 1884.
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Deutsches Reich.
Berlin, 22. März. Von Fürstlichkeiten sind ferner eingetroffen: Prinz und Prinzessin Albrecht von Preußen, der Grotzherzog, der Erbgroßherzog und die Erbgroßherzogin von Mecklenburg-Strelttz, der Großherzog von Oldenburg, die Fürstin von Lippe - Detmold und von Schwarzburg- Rudolstadt, sowie Prinz Moritz von Sachsen - Altenburg. Gestern abends fand bei dem Kaiser Familienthee statt. Fürst Orlvff besuchte nachmittags die hier akkreditierten Botschafter und besucht heute vormittag alle Minister und Gesandten; er wohnt nachmittags dem Diner bet dem Fürsten Bismarck bei. —Die Feier des GeburstageS d e S K a i s e r S wurde morgens mit der von einem Kavallerie- Trompeter korps von der Schloßkuppel geblasenen Reveille eröffnet. Alle StaatSgebäude und viele Privaigebäude stnd beflaggt und teilweise mit Blumen geschmückt. Auf dem PalatS des Kronprinzen weht neben der Standarte des Kronprinzen die englische Flagge; auf den Palais der Botschafter und der Gesandtschaften wehen die betreffenden Nationalflaggen. Der Kaiser, welcher sich des besten Wohlseins erfreut, trat, vom Publikum enthusiastisch begrüßt, kürz vor 8 Uhr an das Fenster seines Arbeitszimmers, um das reich mit Lorbeerbäumen und Kamellten, sowie mit anderen Blumen geschmückte Denkmal Friedrichs des Großen zu betrachten. — Die Ausfahrt des Königs von Sachsen unv dec fremden hier angckommenen Fürstlichkeiten bei Sr. Majestät dem Kaiser, um demselben zum Geburts
tage die Glückwünsche darzubringen, war überaus glänzend und erfolgte in 30 Hofgalakutschen; die Prinzessinnen Wilhelm und Friedrich Karl fuhren in sechsspännigen Galawagen. Vor dem Palais des Kaisers hat sich eine ungeheure Menschenmenge angesammelt. Der König von Sachsen wohnte früh um 8 Uhr der Messe in der Hedwigskirche an. Kurz vor W/a Uhr fuhr Fürst Bismarck, von der Menschenmenge mit lauten Hochrufen begrüßt, nach dem Palais des Kaisers, um an der Spitze des Staatsministeriums und sodann der reichsländischen Fürsten dem Kaiser zu gratulieren. Zu der großen Parole-Ausgabe beim Zeughause erschien die gesamte Generalität und Admiralität mit sämtlichen Offizieren der Garnison (etwa 600) in großer Paradeuniform. Unter dem Salut der an die Offiziere auSgegebenen Parole „Es lebe Se. Majestät der Kaiser und König" feuerten mittags um 12 Uhr 8 Geschütze auf dem Königsplatze den Königssalut von 101 Schöffen. — Die Gratulation im kaiserlichen Palais begann für die Außenwelt ersichtlich um 10 Uhr mit der feierlichen Auffahrt in ihren prachtvollen Galaequipagen der Mitglieder der königlichen Familie, denen sich die zur heutigen Feier von fern und nah hier eingetroffenen Allerhöchsten und Höchsten fremden fürstlichen Gäste angeschloffen hatten. Doch schon kurz zuvor war auch in diesem Jahre wieder die kronprinzliche Familie erschienen, um dem erlauchten kaiserlichen Vater und Großvater zuerst ihre persönlichen Glückwünsche darzubringcn. Nachdem dann die Höchsten Herrschaften das Palais verlaffen, erschienen um 105'2 Uhr die Personen des königlichen Hofes zur Abstattung ihrer Glückwünsche. Hieran schloß sich die Gratulation der Generaltät. An ihre Spitze hatten sich wieder Se. kaiserl. und königl. Hoheit der Kronprinz und die Prinzen des königlichen Hauses und die Fürstlichkeiten gestellt, soweit sie preußische Generale stnd. Der Anzug war in Gala mit Ordensbändern. Der Generalität hatten sich die am hiesigen Hofe akkreditierten Militärbevollmächtigten angeschloffen. Demnächst folgte um 11V< Uhr der Empfang der Kommandeure der Leib - Regimenter und Leib - Kompaniecn. Die nächste Gruppe, welche sodann erschien, war das Staatsministerium mit dem Fürsten Bismarck an seiner Spitze. Um 12 Uhr erfolgte in großer Gala die Anfahrt der landsässigen Fürsten und Fürstinnen und der Angehörigen dieser Häuser. Die Damen erschienen hierbei in großer Besuchstoilette, in Kleidern mit Schleppen und Hüten. Nachmittag« 12Va Uhr hielten die am hiesigen Hofe beglaubigten Botschafter in ihren farbenprächtigen StaatSkarosscn ihre feierliche Auffahrt und begaben sich dann gemeinsam zur Gratulation bei Sr. Majestät dem
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Äalfet. Die letzte Gruppe der diesjährigen Gratulanten waren der Bundesrat und zugleich die Präsidenten des Reichstages und der beiden Häuser deS Landtages. Später unternahm dann Se. Majestät der Kaiser eine Spazter- fahrt und um 4 Uhr findet zur Feier des Tages im kron- prinzlichen Palais große Familientafel und für das Gefolge der hohen Herrschaften und der fürstlichen Gäste um dieselbe Zett im hiesigen königlichen Schlosse die Marschall, täfel statt. — Zu der Soiree, welche abends 9 Uhr im hiesigen Königl. Schlöffe im Weißen Saal stattfindet, sind etwa 850 Einladungen ergangen. Unter den Galadenen befinden sich die Königlichen Prinzen und Prinzessinnen und, die zur Geburtstagsfeier hier eingetroffenen fremden Fürstlichkeiten, die landsässigen Fürsten und Fürstinnen, die am hiesigen Hofe beglaubigten Botschafter und die EhefS der Missionen mit ihren Damen, die Staatsminister nebst Gemahlinnen, die General-Feldmarschälle, die Generalt-
«L, fner°k und Regimentskommandeure der Garde, die Militärbevollmächtigten, ferner die hier anwesenden Mitgireder des Bundesrats und verschiedene Mitglieder des Reichstags, sowie Wirkliche Geheime Räte und Räte erster und zweiter Klaffe, sowie Vertreter des Magistrats und der Stadtverordneten-Versammlung und der Kauf- Mannschaft, Notabilitäten der Künste und Wissenschaften und viele andere Personen von Rang und Bedeutung.
Berlin, 22. März. Der Kaiser verlieh den Staatsministern v. Goßler, v. Scholz und Bronsart v. Schellen- dorff den Roten Adlerorden erster Klaffe mit Eichenlaub, dem Chef der Admiralität General v. Caprivi den Kronenorden erster Klaffe mit Schwertern am Ringe. — Der Kaiser ernannte den Korvettenkapitän v. Seckendorff zu seinem Flügeladjutanten (es ist dies der erste Fall in der Marine) und den Fürsten Hatzfeldt-Trachenberg zum Oberst- Schenk. — Prinz Heinrich ist zum Kapitänleutnant, Generalleutnant Biehler zum Chef des Jngenieurkorpö und zum General der Infanterie ernannt worden. — In der Festsitzung der Akademie der Künste zur Feier von Kaisers Geburtstag hielt Professor Raschdorff, in der Festsitzung der Universität Professor CurtiuS die Festrede; feierlicher Gesang leitete die beiden von distinguiertem Publikum besuchten Feierlichkeiten ein und schloß dieselben. In vielen Mrchen fanden zahlreich besuchte Festgottesdienste statt. Mitglieder des Reichstags und des Landtags, der Gerichte und Stadtbehörden, sowie das Offizierkorps und eine große Anzahl anderer Körperschaften und Privatgesellschaften ver- einigten sich zu besonderen Festmahlen. In allen Wohl- thätigkeltsanstalten fanden festliche Speisungen statt. Die größeren Geschäfte waren von Mittag an geschloffen.
31 Die Schützlinge des Großen Kurfürsten.
Historische Erzählung von Max Ring.
So ging es den ganzen Tag und wenn Hans oder Agnes ihm wiedersprachen und ihre Freunde zu verteidigen wagten, dann brauste er heftig auf und vermaß sich hoch und teuer, daß er die Zucht in seinem Hause nicht länger dulde und daß kein Franzose mehr über seine Schwelle kommen solle.
Seine Wut überstieg aber alle Grenzen, als HanS eines Tages die Geduld verlor und ihm erklärte, daß er die Schmähungen nicht länger anhören könne, da er ernstlich gesonnen sei, die Tochter des französischen Goldschmieds zu heiraten, nachdem er mit Agnes übereingekommen, ihr bisheriges Verhältnis aufzulösen und sich gegenseitig ihr Wort zurückzugeben.
Sprachlos, als ob ihn der Schlag gerührt hätte, stand der Zunftmeister da, mit purpurrotem Gesicht, hervorquellenden Augen und geballten Fäusten. Es verging eine geraume Zeit, bis er sich von seinem Entsetzen erholt hatte und wie ein aller Beschreibung spottender Orkan loöbrach.
„Das wird ja immer schöner", keuchte und sprudelte der empörte Zunftmeister. „Hinter meinem Rücken ein Versprechen auflösen, eine hergelaufene Französin heiraten! Lieber eine Dirne, die an der Unehre sitzt. Und Du denkst, daß ich dazu meine Einwilligung geben werde? Eher fällt der Himmel einl Das werd' ich nicht dulden, daß Du einen solchen Schandfleck in unsere Familie bringst, so wahr mir Gott helfe!"
v"§ißt nur", entgegnete Hans, sich bezwingend, rL ?^?5lg.Md He r meines ererbten Vermögens
mi$ verwaltest. Niemand kann mich hindern, das Mädchen zu heiraten."
.whib st"ben. Wie Du weißt, hat Dein imger Vater in feinem Testament bestimmt, daß Du Deine
Base heiraten und, wenn Du Dich weigerst, die Hälfte Deines Vermögens verlieren sollst."
„Ich habe Dir bereits gesagt, daß Agnes damit einverstanden ist und mir mein Wort freiwillig zurückgegeben hat."
„Das lügst Du, meineidiger Bubet"
„Frage sie selbst und sie wird Dir bestätigen, daß ich nur die Wahrheit sage."
Durch den lauten Streit und den Zuruf des Vaters herbeigeführt, trat Agnes in das Zimmer. Bleich und stumm, die Augen zu Boden gesenkt, vernahm sie die wütenden Anklagen und Beschuldigungen des erbitterten Zunftmeisters.
„Sei mir nicht böse, lieber Vater", sagte sie sanft, aber fest. „ES ist wahr, ich habe HanS von seinem Wort entbunden und ihm die Freiheit gegeben."
„Unerhört!" grollte der entlüftete Zunftmeister. „Wie konntest Du das thun, ohne mich zu fragen? Bist Du mir nicht Gehorsam und Ehrfurcht schuldig? Stehst Du nicht unter meiner väterlichen Obhut und Zucht?"
„Aber Du kannst nicht verlangen", entgegnete sie ruhig, „daß ich einen Mann heirate, der mich nicht liebt und den ich nicht liebe. DaS wäre eine schwere Sünde, zu der selbst ein Vater seine Tochter nicht zwingen kann."
„Ich werde Dir zeigen, daß ich Dich zwingen kann. Noch stehst Du unter meiner Gewalt und hast kein Recht, über Dich selbst zu bestimmen. All' Eure Abmachungen stnd null und nichtig, so lange ich meine Zustimmung nicht gebe. Wenn Hans Dich nicht heiratet, verliert er die Hälfte seines Vermögens, un' wenn Du ihn nicht nimmst, so verstoße und enterbe ich Dich. Das ist mein letztes Wort, daran ich nichts ändere, ob auch die Welt darüber untergeht."
Gleichzeitig brach dec Zunftmeister allen Umgang mit ben verhaßten Franzosen ab und verbot seinen Angehörigen auf das Strengste, mit der Familie Roussel zu verkehren,
was jedoch den treuen Hans nicht kümmerte, da er fest entschlossen war, den Drohungen seines Oheims zu trotzen und lieber die Hälfte seines Vermögens zu verlieren, als von feiner Liebe zu lassen.
Als er aber die arme Agnes aufforderte, seinem Beispiel zu folgen und den nach jihr verlangenden Raoul heimlich zu sehen, wies sie ein solches Ansinnen mit der ihr eigenen Entschiedenheit zurück, ebenso, wie sie den Bitten und Beschwörungen deS Geliebten widerstand, indem sie ihm fest erklärte, keinem andern Mann anzugehören, aber auch nie ohne die Einwilligung und den Segen ihres Vaters die Seine zu werden.
Dies alles schrieb sie ihm mit rührenden schlichten Worten und gelobte ihm, treu auSzuharren bis in den Tod und dem Himmel zu vertrauen, womit jedoch der feurige leidenschaftliche Franzose sich nicht begnügen wollte. Als er aber immer von neuem in sie drang und über ihre Kälte und Gleichgiltigkeit klagte, schickte sie ihm durch HanS zum Trost die folgenden Verse ihres LieblingSdichterS Paul Flemming:
»Ein getreues Herze wissen
Hat des höchsten Schatzes Preis.
Der ist selig zu begrüßen, Der ein treues Herze weiß. Mir ist wohl im höchsten Schmerze, Tenn ich weiß ein treues Herze. Läuft das Glücke auch zu zeiten Anders, als man will und meint, Sin getreues Herz hilft streiten Wider alles, was ist feind.
Mir ist wohl im höchsten Schmerze, Denn ich weiß ein treues Herze.
Nichts ist süßres, als zwei Treue, Wenn sie eins geworden sein. Dies ist, daß ich mich erfreue ; Du bist mein und ich bin Dein. Mir ist wohl im höchsten Schmerze, Denn ich weiß ein treues Herze.'
(Fortsetzung folgt )