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Marburg, Sonntag, 23. März 1884.

XU. Jahrgmg.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d Annonccn-Bureaux von Haasenstein und Vogler in Frankfurt a M, Ham> bürg, Magdeburg u. Wien; Rudolf Mofse in Frankfurt a M., Berlin, Rtünchen und Köln: G L. Daube und Co. in Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u. Paris.

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Anzeigen (nimmt entgegen: dietzExpedition d. Blattes, sowie d. Annoncen-Bureaux Jägersche Buchhandlung in Frankfurtsa. M.; Hermann- scheBuchhandlung daselbst; Adolf Steiner i. Hamburg; Jnvalidendanl in Berlin, Dresden und Leipzig; I. Barck u. Co. in Halle; W. Thienes in Elberfeld.

Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn» und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen BeilageMustrtrteS SonutagSblatt" durch die Expedition (1k o ch'sche Buchdruck-rei) bezogen SV. Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg (excl. Bestellgebühr.) - Jnsertionsgebühr für btt gespaltene Zeile 10 Pf,.

Für in der Expedition zu erteilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet.

Reichstag.

Berlin, den 21. März.

10. Plenarsitzung. Haus und Tribünen sind stark besetzt.

Am BundeSratstische: Staatsminister v. Bötticher, Bundesbevollmächtigter, König!, preußischer Staatsminister v. Puttkamer und Kommisiarien.

Präsident v. L e v e tz o w eröffnet die Sitzung um 12 Va Uhr.

Auf der Tagesordnung steht zunächst die Fortsetzung der ersten Beratung des Gesetzentwurfs, betreffend die Verlänge­rung der Giltigkeitsdauer des Sozialistengesetzes.

Abg. Dr. Hänel (freis.) erklärt, daß seine Freunde dem Anträge Windthorst aus kommissarische Beratung der Vorlage nicht widersprechen werden, da der Entwurf noch der Ergänzung fähig und bedürftig sei und außerdem genau untersucht werden müsse, welche Anwendung und Inter­pretation das Sozialistengesetz bisher gefunden. Demnächst gegen die gestrigen Ausführungen des Reichskanzlers sich wendend, erklärt Redner die Angriffe Bismarcks gegen die Fortschrittspartei mit einer kleinen Indiskretion beantworten zu wollen. Er und seine Freunde hätten nämlich genau vorher gewußt, daß jene Angriffe erfolgen würden (hört, hört! links), und darum hätten sie sich in der Debatte als Redner zurückschreiben müssen, um erst den Reichskanzler zu hören. Den verschiedenen Behauptungen Bismarcks setze er mit gleichem Rechte Behauptungen gegenüber und bleibe bei diesen bis zum Gegenbeweis. Mit Entschiedenheit aber muffe er sich gegen die Behauptung deS Kanzlers wenden, als vereille die Fortschrittspartei die Verwirklichung der in der Allerhöchsten Botschaft niedergelegten Ziele. Die Fort­schrittspartei habe im Gegenteil die Intentionen der Bot­schaft durchaus anerkannt, sie bekämpfe nur die regierungs­seitig in Bewegung gesetzten Mittel und Wege zur Reali sierung jener Ziele. Die Vorlage betreffend, bemerkt Redner, man versuche eS, das Gesetz zu verquicken, die für seine Verlängerung sprechenden Gründe zu kombinieren mit den jüngsten Attentaten, sozialistischen Verbrechen und Dynamit- Explosionen in anderen Ländern. Diesen gegenüber komme das Gesetz jedoch gar nicht in Frage, denn für Verbrechen sei das bürgerliche Gesetz da. Run wolle er zugeben, daß durch die Verherrlichung derartiger Verbrechen gewisse ver­brecherische Prädispositionen in manchen Individuen ge­schaffen werden; dies geschehe jedoch viel häufiger und gefährlicher in der Heimlichkeit, zu der das Ausnahmegesetz nötigt. Die Gründe, welche seiner Zeit zur Einführung des Gesetzes geführt, seien zumeist nicht mehr vorhanden, und man müsse daher sich vorsehen, daß jenes Ausnahme- Gesetz eine dauernde Institution unserer Gesetzgebung werde. Der Staatösozialismus, wie er gegenwärtig auf der Tages­ordnung stehe, nachdem Bismarck durch Laffalle darauf ge­

bracht sei, nähre die Sozialdemokratie. Einer Staatsregie- | rung mit solchen Grundsätzen verweigern wir das Recht, derartige Ausnahmegesetze zu erlassen. Das Sozialisten­gesetz habe wesentlich zur Verschärfung der Parteigegensätze beigetragen, und nur unter seinem Schutze habe der Anti­semitismus sein Haupt derartig erheben können. Ein Parla­ment könne zwar vieles beschließen, aber die gemeingültigen Gesetze der Psychologie könne es nicht abschaffen. Durch daS Ausnahmegesetz werde ein Zustand geschaffen, welcher in weitesten Kreisen daS Gefühl der Rechtlosigkeit Hervorrufe und allmählich zur Revolution treibe. Aus diesen Gründen sei er mit seinen Freunden gegen daS Gesetz. (Bravo 1 links.)

Während dieser Rede ist der Reichskanzler Fürst Bismarck in das Haus getreten.

Abg.v.Ka r do rff(D.Rp.) wird mit seinen Freunden gegen die Kommisstonsberatung und pure für die Ver­längerung des Sozialistengesetzes stimmen. Was die bis­herigen Wirkungen deS Gesetzes betreffe, so wolle er, im Gegensatz zu den pathetischen Ausführungen des Vorredners, auf die Thatsache verweisen, daß die sozialistische Frage sich gerade in Deutschland ruhiger entwickelt habe, als in anderen Ländern, wo sie ventiliert wurde. Die Sprache der sozial­demokratischen Führer ist eine bedeutend gemäßigtere ge­worden, und zwar vor allem deshalb, weil die Arbeiter selbst jene agitatorische Sprache nicht mehr hören wollen, weil sie mittlerweile sich darüber klar geworden sind, daß ihre Ideale besser mit Ruhe erreicht werden können, als durch Blutvergießen. Redner will keineswegs auf die Dauer ein Ausnahmegesetz; dasselbe werde aber von selbst weg­fallen, sobald die soziale Reform die berechtigten Bedürfnisse der Arbeiter befriedigt haben wird. Er kann sich des Ver­dachtes nicht erwehren, daß auch in derDeutsch-freisinnigen Partei" Männer genug vorhanden seien, welche die Rot- wendigkeit jener Gesetzverlängerung durchaus anerkennen, aber unter dem Drucke der Partei dagegen stimmen werden. Dem­gegenüber könne er nicht dringend genug seine Bitte wieder­holen : Nehmen Sie die Vorlage an, wie sie ist. (Bravo! rechts).

Abg. Sonnemann (Volksp.) will sich einer Kom­misstonsberatung nicht widersetzen, nachdem die Vertreter zweier großer Parteien, des Zentrums und der Freistnnisten, sich dafür ausgesprochen. Komme die Kommisstonsberatung zu Stande, so möge man nicht vergessen, auch einen sozial­demokratischen Abgeordneten hinein zu wählen, um auch dieser Partei, trotz der ablehnenden Erklärung, Gelegenheit zu anderweitigen Vorschlägen zu geben. Den prinzipiellen Standpunkt seiner Freunde zu dem Gesetz betreffend, seien sie schon deshalb durchaus dagegen, weil jede Meinung frei geäußert und nicht vom Strafgesetz verfolgt werden dürfe. Die Sozialdemokraten werden die Volkspartei stets auf

ihrer Seite finden, so oft sie für Freiheit und Volksrechte eintreten. Wir werden für die Wiederherstellung des gleichen Rechtes für alle stimmen. (Beifall links.)

Staatsminister v. Puttkamer verweist auf die Dyna- mitexploston im Polizeipräsidium zu Frankfurt a. M., welche in der sozialdemokratischen Presse verherrlicht sei, und er­klärt sich bereit, der Kommission aktenmäßigeS Material über die Elberfelder Vorgänge zur Verfügung zu stellen.

Abg. Freiher v. Maltzahn-Gültz (deutsch-konserv.): Wie vor drei Jahren, so halten auch heute meine Freunde und ich eine Verlängerung der Giltigkeitsdauer des Sozia­listengesetzes für nötig, und wir werden dafür und gegen die Kommissionsberatung stimmen. Wir sind unS zwar be­wußt, daß der Erlaß dieses Gesetzes eine Partei im Lande in eine Sonderbehandlung nimmt. Dieselbe hat sich dies freilich selbst zuzuschreiben. Zwar giebt eS auch andere Parteien, von denen uns solche Gegensätze trennen, daß wir die Verbreitung ihrer Lehren geradezu für eine zweck­mäßige Vorbereitung der Sozial-Demokratie halten. Allein diese Parteien stellen sich wenigstens auf den Boden der bestehenden Gesellschaftsordnung, der jedoch von den Sozial­demokraten verlaffen wird. Den hier im Hause vorge­brachten feierlichen Versicherungen der sozialdemokratischen Abgeordneten traue ich nicht, da Herr Hasenclever zwar gegen neuerdings vorgekommene Explosionen um deswillen sich erklärt hat, weil dadurch eine Reihe unschuldiger Ar­beiter zu Grunde gegangen, den Mord selbsi aber unver- urtetlt ließ. Wenn die Sozialdemokraten selbst sich als Revolutionäre bezeichnet und hier im Hause betont haben, daß sie heute seien und künftig bleiben werden, was sie gewesen, wenn ferner solche revolutionäre Anschauungen öffentlich verkündigt werden, so muß ich sagen: eS ist eine Pflicht der staatlichen Selbstverwaltung, sich mit allen Mitteln gegen solche Angriffe zu schützen. Eine volle Wirkung kann freilich das Gesetz allein nicht haben, die Heilung muß vielmehr auf anderem Gebiete, auf dem der sozialen Reform erfolgen. Leider unterstützt das Ausland Deutschland nicht genügend in seinem Vorgehen gegen jene Umsturzbestrebungen, namentlich sind England und die Schweiz die reinen Schutzherde für die Revolutionäre. In England kommt man freilich jetzt dahinter und beschwert sich gegen Amerika, welches das Dynamit fabriziere und exportiere, das in England zur Explosion gebracht wird. Dem Abgeordneten Windthorst stimme ich insofern zu, als zur positiven Hilfe gegen die sozialen Schäden vor allem die Mitwirkung der Kirche nötig ist. Wenn der geehrte Herr aber behauptet, daß in Frankreich die autokratische Herrschaft Ludwigs XIV. die Zerrüttung der Verhältnisse und demgemäß die Revolution herbeigeführt habe, so stimme

so Die Schützlinge des Große« Kurfürsten.

Historische Erzählung von Max Ring.

VI.

Der Besuch des Kurfürsten, die dem französischen Gold­schmied erwiesene Gnade und die einträglichen Bestellungen, welche der Hof bei diesem machte und welche der Ruf noch übertrieb, steigerten nur noch den Unmut und den Groll des stolzen Zunftmeisters gegen die bisher mit ihm be- steundete Familie.

Laut beklagte er sich über die Falschheit und Undank­barkeit der Fremden, die nach seiner Meinung seine Wohl- thaten so schlecht vergalten und ihm seine besien Kunden cntsührten. Der Zorn und Neid machte den sonst gut­mütigen und trotz seiner kleinen Schwächen ehrenwerten Mann ungerecht und verhärteten sein Herz immer mehr.

In seiner Verblendung gab er ihnen Schuld, daß seine Pläne mißlungen und alle seine Erwartungen vereitelt worden waren, obgleich er sich selbst nur all diese Unan­nehmlichkeiten zuschreiben mußte. Das Bewußtsein des von ihm begangenen Fehlers, zu den ihn seine Eitelkeit verführt hatte, verschärfte noch seinen Aerger und nährte seinen Schmerz, wie eine innere Krankheit eine äußere Wunde vergiftet und öfters unheilbar macht.

Dazu kamen noch die Vorurteile gegen die ausländischen Sitten, Gewohnheiten und Anschauungen, welche nicht nur dem Zunftmeister, sondern vielen alten Berlinern teils lächerlich, teils anstößig und selbst gefährlich erschienen. So wohlthätig auch der Einfluß der eingewanderten Franzosen auf die Bildung, den Handel und die Industrie des Landes war, so fehlte eS auch hier nicht an den un­ausbleiblichen Schattenseiten.

Mit eer höheren Bildung war nm zu häufig eine gewisse Oberflächlichkeit und Gemütsleere verbunden; die französische Feinheit und Höflichkeit artete nur zu leicht in

Raffinement und äußeres Formenwesen aus, welche die frühere Offenheit und Biederkeit verdrängte. Die fort­schreitende Kultur ging Hand in Hand mit dem zu­nehmenden LuxuS und einer wachsenden Genußsucht. Neue Bedürfnisse machten sich bemerkbar; die frühere Einfachheit und Anspruchslosigkeit schwand immer mehr und machte einer verschwenderischen Wirtschaft in Küche und Keller Platz.

Nicht nur in den vornehmen und reichen Familien, sondern auch in den minder wohlhabenden, bürgerlichen Haushaltungen fanden bisher unbekannte, damals noch teure Genußmittel, Kaffee, Thee, Chocolade, Tabak, sowie Liqnere und Weine allgemeine Verbreitung und vermehrten die Ausgaben. Französische Moden, kostbare Seidenstoffe, Spitzen und Goldtressen wurden von den Einwanderern eingeführt und mit ihnen nicht selten auch französische Ge­fallsucht, Koketterie und Frivolität angenommen.

Wenn man auch die trefflichen Eigenschaften der Refugie'S, ihr gesittetes Benehmen, ihre Frömmigkeit, Mäßigkeit und Sparsamkeit, ihren Fleiß und die Ausdauer anerkennen mußte, mit welcher sie die größten Hindernisse überwanden, so konnte man andererseits nicht leugnen, daß sie mehr dem Schein als dem Wesen huldigten, mehr auf die glänzende Schale als auf den guten Kern achteten, mehr gesittet als wirklich sitttich waren, daß ihrer Mäßigkeit eine gewisse Nüchternheit anhaftete, ihre anerkannte Redlichkeit kluger Berechnung entsprang, daß ihre Frömmigkeit sich nicht zur wahren religiösen Begeisterung erhob und in all ihrem Denken und Thun der einseitige Verstand vorherrschte.

Das alles wurde von den deutschen Zeitgenossen weniger klar eingesehen und erkannt, als instinktmäßig geahnt und gefühlt. Außerdem erregten die Begünstigungen, welche den französischen Reformierten zu Teil wurden, den Neid und die Eifersucht der Landeskinder, so daß der Zunftmeister mit feiner Meinung keineswegs vereinzelt stand.

Selbst in der nächsten Umgebung des Kurfürsten hatten

die Refugie'S ihre offenen und heimlichen Gegner. Beson­ders schlecht war der alte Derfflinger, der Sieger von Fehr­bellin, auf sie zu sprechen, seitdem der Kurfürst den be­rühmten Marschall von Schömberg, der ebenfalls wegen seiner Religion Frankreich verlassen mußte, nach Berlin be­rufen, ihn zum Geheimen Rat und Generalissimus des Heeres ernannt, ihm einen großen Palast, dem Zeughaus gegenüber geschenkt und ihn mit den höchsten Würden und Auszeichnungen überhäuft hatte.

DaS wurmte den alten Haudegen und er machte kein Hehl au« seiner Unzufriedenheit, sondern schimpfte um die Wette mit dem Zunftmeister auf dir französischen Hunger­leider und Windbeutel, die der Kurfürst in so auffallender Weise begünstigte und die beide auö diesem Grunde nicht leiden mochten.

Die Paddenfresser (Froschesser), die grünen Erbsen- schlucker", grollte der erbttterte Zunftmeister,nehmen nnS das Brod vom Munde fort und schlucken die besten Bissen unS vor der Nase weg. Ich begreife nicht, was der Kur­fürst für einen Narren an diesen verwünschten Wälschen gefressen hat. Das scharwenzelt, haseliert und macht krum­men Buckel, aber es steckt nichts dahinter. Wie die Katzen lecken sie von vorn und kratzen von hinten, stehlen uns die Butter vom Brod und die Milch auS dem Topf, bereichern sich auf Kosten der Landeskinder und lachen hinterdrein über die deutsche Dummheit. Dünken sich etwas Besseres, wie wir zu sein und bllden sich auf ihre Feinheit ein, die nichts weiter ist als pure Gleißnerei und eitler Wind. Sind eine wahre Landplage und eine Pest für unsere gute Stadt, ver­führen unsere Kinder mit ihren Komplimenten, verleiten unsere Frauen zu Putz und Staat, verderben unfern Magen mit ihren Süßigkeiten, mit ihrem höllischen Kaffee und weichlichem Thee. Wollte, daß daS Volk geblieben wäre, wo es war, oder hinfahre, wo der Pfeffer wächst!"

(Fortsetzung folgt.)