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Marburg, Dienstag, 18. März 1884.
XIX. Jahrgang
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Reichstag.
Berlin, den 15. Marz.
6. Plenarsitzung. Haus und Tribünen sind schwach besetzt.
Am BundeSratstische: Reichskanzler Fürst Bismarck, Staatsminister v. Bötticher und mehrere Bundeskommissare.
Präsident v L e v e h o w eröffnet die Sitzung um 11 Uhr 20 Min. mit geschäftlichen Mitteilungen.
Erster Gegenstand der Tagesordnung ist die dritte Beratung der Uebereinkunft mit Luxemburg wegen gegenseitiger Zulassung der in den Grenzgemeinden wohnhaften Medi» zinalpersonen zur Ausübung der Praxis, vom 4. Juni 1883, auf Grund der in der zweiten Beratung unverändert angenommenen Vorlage. Dieselbe wird debattelos genehmigt.
Es folgt die Fortsetzung der ersten Beratung deS Entwurfs eines Gesetzes über die Unfallversicherung der Arbeiter.
Reichskanzler Fürst Bismarck: ES kann nicht meine Absicht sein, auf das Gesamtgebiet der Vorlage einzugehen, ich will mich vielmehr wesentlich gegen einige Bedenken wenden, welche bis jetzt im Laufe der Diskussion gegen oie Vorlage geltend gemacht worden sind. Wenn zunächst der Abg. v. Vollmar eine gewisse Genugthuung darüber ausgesprochen hat, daß diesmal die „hochfliegenden sozialistischen Pläne der Negierung" auS der Vorlage auSgemerzt seien, und daran ein eigentümliches Bild vom „Feuer" anknüpfte, so muß ich bemerken: wir haben die Sache nicht dem Feuer überantwortet, sondern wir sind von diesem, soweit es nötig war, zunächst zurückgewichen. ES ist aber k-ineSwegS unsere Absicht, die übrigen Berufszweige von der Wohlthat auszuschließen, nur ist es nötig, daß Sie auf diesem Gebiete der Gesetzgebung endlich einmal einen Grundstein legen helfen. Wenn die Vorlage sich an daS Haftpflichtgesetz anlehnt, so verbindet sie gerade damit den Zweck, daß bei dieser Gelegenheit die auch von mir durchaus anerkannten Mängel des Haftpflichtgesetzes bemerkt und beseitigt werden. Der Beruf der Regierung ist es, dem Volke zu dienen, im speziellen Falle ihm einen Schuh zu fertigen, der den seitherigen Druck beseitigt, und ich kann den Abg. Bamberger nur auffordern, mein Mit - Schuster auf diesem Gebiete zu werden. (Heiterkeit.) Die Vorlage ist ein Kompliment zum Sozialistengesetz. Wer freilich dauernd sich nicht dazu entschließen kann, die Lage der Arbeiter verbesiern zu helfen, von dem begreife ich eö, daß er einer Verlängerung des Sozialistengesetzes nicht zustimmen kann. Solche Leute brauchen eben unzufriedene Elemente und darum bekämpfen sie jeden regierungsseitigen Versuch, dem Arbeiter zu helfen, um nicht ihren Einfluß auf die irre geleiteten Masten ein- zubüßen. Run lege ich auf die Führer der Sozialdemokratie weniger Gewicht, als auf die Arbeiter selbst; denn letztere sind keineswegs unempfänglich für die der Abhilfe gewidmeten Regierungsbestrebungen und auch deren Schwierig
keiten. Was die Gesetzgebung betrifft, so hat ja daS Parlament das hindernde Veto, welches ich indes, soweit dasselbe auS teiner Opposition erfolgt, für ein Unglück halte. Ich bin zwar in keiner Weise für ein absolutistisches Regiment; ich halte vielmehr die parlamentarische Mitwirkung für ebenso nötig, wie ich das parlamentarische Regiment für schädlich halte. (Bravo rechts.) Sie sollen durch Ihre Mitwirkung an der Regierung dieser helfen, indem namentlich Sie den theoretischen Ausarbeitungen am grünen Tisch Ihre praktischen LebenSkenntniste entgegenbringen; aber regieren, daS können Sie nicht! Bel der gegenwärtigen Zerrissenheit der Parteien, bei dem leidenschaftlichen Parteikampfe aber läuft daS deutsche Reich, daS durch seine Fürsten, daS Heer und die preußische Dynastie wieder aufgerichtet ist, ernstlich Gefahr, sich wieder zu lockern. Ich hoffe zwar, daß ich die Verwirklichung dieser Befürchtungen nicht erleben werde, aber ich halte eö für meine dringende Pflicht, hiergegen meine warnende Stimme zu erheben. Negieren und kritisieren Sie darum nicht fortwährend, sondern helfen Sie an dem Zustandekommen der unserem inneren Ausbau dienenden sozialen Gesetzgebung. Sobald die gegenwärtige Vorlage in einer haltbaren Form zur Annahme gelangt fein wird, dann soll auch die vielfach gewünschte und notwendige Ausdehnung des Gesetzes auf das Bau- und das landwirtschaftliche Gewerbe erfolgen. Wenn der Abg. von Vollmar das Sozialistengesetz ein gehässiges genannt hat, so erinnere ich Ihn daran, das dasselbe nur vorübergehend ist und aufhören wird, sobald wir auf dem Wege der Vorlage die Beruhigung deS Arbeiterstandes herbeigeführt haben werden. Mit dem vom Abgeordneten Freiherrn von Maltzahn dargelegten Standpunkte bin ich im wesentlichen einverstanden. Unglücke und Unfälle der Arbeiter sollen nicht zum Gegenstände von Gewinnen und hohen Dividenden für die VerstchernngS - Gesellschaften dienen! (Bravo! rechts.) Es giebt Zwecke, die nur der Staat erfüllen kann, und zu diesen gehört vor allem die Fürsorge für die hilflosen Arbeiter: es ist daS, wie ich schon früher einmal sagte, eine Forderung des praktischen Christentums. Wenn der Abgeordnete Bamberger demgegenüber auf dem französischen Standpunkte steht: im Staate könne jeder verhungern und der Staat brauche sich barunt nicht zu bekümmern, so rate ich ihm, sich doch ctwas mehr mit StaatS- sozialismuS zu beschäftigen. Ich wenigstens werde, so lange ich hier zu Ihnen zu reden vermag, an den für Recht erkannten staatsfozialisttschen Grundsätzen festhalten, wenn auch der Erfolg nicht in meiner Hand liegt. Nur möchte ich die Annahme auf Seiten der Gegner zurückweifen, als ob daS Nichtzustandekommen eines Gesetzes eine „Niederlage der Regierung", eine „Niederlage Bismarcks" sei: war daS gefallene Gesetz schlecht, so kann fein Fall nur recht fein, war es aber gut, und mau hat eS trotzdem zu Falle gebracht, so wird daS Zeugnis der Geschichte stets
auf feiten der Unterlegenen zu finden sein. (Sehr wahr! rechts.) Wenn der Abg. Bamberger der Vorlage „Künstlichkeit" vorwirft, so sage ich ,ihm einfach: „Machen Sie eS besser." Und gegenüber seinem Einwande, durch die Vorlage werde das sozialistische Element in die Gesetzgebung hineingeworsen, will ich ihn nur darauf Hinweisen, daß auch er und feine Freunde früher oder später von ihren Wählern gezwungen werden, zu den sozialen, wirtschaftlichen Fragen Stellung zu nehmen. Ja, ich hoffe, daß die Wähler auch auf wirtschaftlichem Gebiete sich zu- sammenschließen und zur Vertretung ihrer Jntereffen praktische Männer, keine Schönredner, in das Parlament entsenden werden. Der Hauptgrund des Erfolgs der Sozialdemokratie liegt, meines Erachtens, gerade darin, daß der Staat nicht StaatssoztalismuS genug treibt. Nu» hat der Abg. Bamberger gesagt, daß der Abg. v. Vollmar sich auf einen vernünftigeren Standpunkt stelle als die Regierung. Wir müssen nun einmal so verbraucht werden, wie wir sind, und ich kann Sie daher nur bitten: lassen Sie diesen Mangel an Begabung auf feiten der Regierung doch die Sache nicht entgelten! (Heiterkeit.) Herr Bamberger hat ferner der Vorlage einen zu großen „Mangel an Freiheit" vorgeworfen, und behauptet, dieselbe folge dem Grundsätze: „Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt!" Sie folgt im Gegenteil dem Prinzip: „Freiheit in der Organisation, aber obligatorische Leistungen." Es giebt kein Wort, mit welchem mehr Mißbrauch getrieben wird, als gerade mit dem Worte „Freiheit". Ein jeder versteht darunter die Freiheit für sich selbst, und daraus resultiert Unduldsamkeit gegen andere, die schließlich zur Herrschsucht führt. Die Herrschsucht wird bann, unter dem Vorwande der „Freiheit", der Allgemeinheit aufoktroyiert. So verhält eö sich auch mit dem Worte „freisinnig", dem ich auch nicht traue. (Heiterkeit.) Ich glaube überhaupt nicht, daß eine Fraktion das Recht hat, sich ausschließlich die Bezeichnung „freisinnig" beizulegen, worin doch offenbar die Behauptung liegt: andere Parteien sind es nicht. (Zuruf: „konservativ". Antwort des Kanzlers: „Nennen Sie sie monarchisch.") Dem Abg. Bamberger, welcher die Vorlage eine „sozialistische Schrulle", eine „Chimäre" der Regierung genannt hat, muß ich doch entschieden entgegenhalten, daß die Vorlage durchaus natürlich und der Ausdruck eines vorhandenen Bedürfnisses ist. Es ist wahrlich schwierig, dem vorerwähnten Schuft erdienst sich zu widmen einem Kunden gegenüber wie der Abg. Bamberger. (Heiterkeit.) Die Vorlage will den so nötigen Frieden zwischen dem Arbeitgeber und Arbeitnehmer Herstellen. DaS ist zwar eine schw re Aufgabe, allein ich hoffe, daß das HauS den verbündeten Regierungen zur Lösung dieser Frage entgegenkommen und ihnen mit seiner Einsicht und Erfahrung als Pfadfinder dienen wird in einem noch unbekannten I Lande, daS sic betreten. Zweifeln Sie, ich bitte, nicht
25 Die Schützlinge des Großen Kurfürsten.
Historische Erzählung von Max Ring.
Damit war auch der stolze Zunftmeister einverstanden, worauf sich Hans eilig zu dem Goldschmied begab. Doppelt erfreut, diesem einen guten Dienst zu leisten und zugleich, einen erwünschten Vorwand zu haben, um Gabrielle wieder einmal zu sehen und mit ihr zu sprechen.
Nicht minder war dem unbeschäftigten Franzosen der ebenso ehrenvolle als einträgliche Auftrag angenehm, nachdem ihm Hans den Wunsch seines Oheim« mitgeteilt und eine ansehnliche Summe, die alle Erwartungen des Goldschmieds überstieg, für die Mühe versprochen hatte.
Dieser machte sich sogleich mit solcher Lust und Liebe an die Arbeit, daß er nach den ihm gemachten Angaben schon in wenigen Tagen die Zeichnungen lieferte, welche Hans aufrichtig bewunderte und die auch den Beifall des weniger enthusiastifchen Zunftmeisters fanden, obgleich er sich eines leichten Neides beim Anblick derselben nicht ganz erwehren konnte.
„Der Mann", sagte er, „tarnt ganz gut zeichnen, aber die Hauptsache ist doch die Ausführung, die nicht Jedermann versteht und die nur ein gelernter zünftiger Meister ordentlich prästiert."
Noch an demselben Tag legte der Zunftmeister die neuen Zeichnungen dem Kurprinzen und der hohen Frau vor, die damit höchst zufiieden waren und in schmeichelhafter Weise darüber ihre Anerkennung äußerten, indem sie besonder« den f inen Geschmack und den Reichtum der Erfindung, die Zierlichkeit der Arabesken und die sinnige Anmut deS figürlichen Schmuckes lobten.
„Bei Gott!" sagte die geistvolle Sophie Charlotte.
„Ich habe einem deutschen Goldschmied gar nicht einen solchen Geschmack, eine solche Grazie zugetraut. Selbst ein Franzose hätte es nicht bester machen können."
„Diesmal", versetze der Kurprinz freundlich, „hat sich Meister Lieberkühn tüchtig zufammengenommen und gezeigt, waS die Berliner Kunst vermag und daß wir nicht mehr nötig haben, in Augsburg oder Paris unsere Bestellungen zu machen, worüber ich sehr erfreut und contentiert bin."
„Eure kurprinzltche Gnaden", stammelte dieser, verlegen über da« Lob, „sind zu gütig. Es kommt doch alles erst auf die Ausführung an."
„Ich zweifle nicht, daß Ihr auch darin das Beste leisten und ein wirklich admirables Werk zur bestimmten Stunde uns abliefern werdet."
Trotz dieses überaus gnädigen Empfanges war der Zunftmeister von der ihm zu teil gewordenen Anerkennung mehr beschämt als erfreut, da ihm fein Gewissen wegen der absichtlichen Verschweigung der Wahrheit fortwährend Vorwürfe machte. Aber die Furcht, sich vor den hohen Herrschaften herabzusetzen, hielt ihn zurück, ein offenes Geständnis abzulegen. Auch redete er sich selbst ein, daß nicht die Zeichnung, sondern die praktische Ausführung, nicht die Idee, sondern die technische Arbeit an einem Kunstwerk die Hauptsache sei und beschwichtigte damit alle seine Skrupeln, wie dies in solchem Fall nur zu häufig geschieht.
Bald jedoch mußte sich der Zunftmeister überzeugen, daß er auch in dieser Beziehung seine Fähigkeiten überschätzt habe und daß seine handwerksmäßige Geschicklichkeit nicht für die Anfertigung einer so bedeutenden Arbeit auS- reichte. Zwar gelang cs ihm mit Hilfe des tüchtigen Hans, die vergoldeten Schüsseln und Teller nach den gegebenen Zeichnungen getreulich herzustellen und auch die zierlichen
Arabesken und getriebenen Blumen mit großer Mühe nach' zubildkn.
Dagegen bot die Ausführung der kunstvollen Salz- fäffer und der mit allegorischen Figuren reich geschmückten Armleuchter so unüberwindliche Schwierigkeiten, daß er an der Vollendung des ganzen verzweifelte, um so mehr, als der für die Ablieferung bestimmte Termin immer näher rückte und die Zeit drängte.
Unter so peinlichen Verhältnissen sah sich der Zunftmeister gezwungen, von neuem die Hilfe des französischen Goldschmieds in Anspruch zu nehmen und ihm die Ausführung der benannten Stücke zu übertragen, so schwer dies ihm aut> fiel und so sehr sich fein Stolz und sein Gewlsten dagegen sträubte. Um aber wenigstens den äußeren Schein zu wahren und das Werk zu beschleunigen, sollte HanS die minder schwierigen und mehr mechanischen Arbeiten deS Gießens und Hämmerns, die Herstellung der bloßen äußeren Form übernehmen, während der Goldschmied die kunstvollen Zierraten und den figürlichen Schmuck anfertigte.
Mit diesem Abkommen verband zugleich der Zunftmeister die geheime Absicht, vor der Ablieferung daS vollendete Tafelgefchier in der zu diesem Zweck versammelten Innung als Probestück auszustellen und nach voraussichtlich günstiger Beurteilung HanS als Meister in die Zunft aufnehmen zukffen, worauf dessen feierliche Verlobung mit Agnes erfolgen sollte.
Unbekümmert und ohne Ahnung von diesen verborgenen Plänen, suchte Hans unterdeffen daS Nützliche mit dem Angenehmen, die Arbeit mit dem Vergnügen zu verbinden ut b eben so große Fortschritte in seiner Kunst, wie in der Liede zu machen. (Fortsetzung folgt)