Einzelbild herunterladen
 

XU. Jahrgang

Marburg, Sonnabend, 15. März 1884.

ftr.6»

GttWHe Jcitiinj

tel

leit

44.

:e

Künstler hielt.

(Fortsetzung folgt)

icht

Rarbuti

ldampfen cLtoyd Reise Amerit

em

ltcn

rschov

M.,

eine gegen die Regierungspolitik gerichtete angesehen werden, die er seit Jahren auf Befehl des Kaiser« vertreten und welche der verstorbene Abg. Lasker seit Jahren bekämpft habe. Er glaube freilich nicht, daß ein Tadel gegen seine Politik von irgend einer Sette beabsichtigt werde, aber die politischen Parteigenosien deö Verstorbenen hätten in maß­loser Weise das Verdienst desselben auszunutzen versucht (Rufe links: Pfui!) (Fürst Bismarck, welcher infolge dieser Rufe nach der linken Seite deö HauseS schreitet, ruft: DaS Pfui ist eine Beleidigung gegen mich, für welche ich den Schutz deS Präsidenten anrufen werde. Der anonyme Be- fchimpfer wird sich hoffentlich nennen. Das Pfui hätten Sie denen zurufen sollen, welche am Grabe deS Verstor­benen Politik getrieben haben.) Mir als Reichskanzler konnte man doch nicht zumuten, Sr. Majestät dem Kaiser die Resolution vorzulegen, und ohne dessen Genehmigung kann ich überhaupt nichts thun. Nun sagt der Abg. Richter, ich hätte mich unberufen eingemischt, er stellt micht also, den Kanzler deS Reichs, in die Stellung deS Briefträgers, der nicht das Recht hat, die Postkarte zu lefen; anders kann ich die unbefugte Einmifchung nicht verstehen. Ich möchte den Herrn Abg. Richter bitten, sich den Unterschied zwischen dem Kanzler und einem Briefträger klar zu machen und nicht dazu beitragen, das Ausland gegen uns zu ver­stimmen. Der Reichskanzler weist sodann daraus hin, daß der Abg. LaSker sofort bei seiner Ankunst in Amerika eine Stellung eingenommen, die als entschieden feindselig zur Politik der Reichsregierung bezeichnet werden muffe. Der­selbe habe sich bei seiner Landung in Amerika als den Vor» kämpfer der Freiheit gegen die freiheitSseindlichen Mächte im Reiche bezeichnet, und vom Kaiser und seinem Kanzler behauptet, daß sie der politischen Entwickelung Deutschlands entgegenständen. Das alles hätte ihn doch veranlaffen müssen, auf die qu. Klausel in der Resolution größeres Gewicht zu legen, als er sonst darauf gelegt haben würde. Wäre der hie­sige Vertreter der Vereinigten Staaten mit nuferen Verhält­nissen hinreichend vertraut gewesen, so würde er dessen Vermittelung nachgesucht haben; so aber sei ihm nichts Anderes übrig geblieben, als die ihm zugedachte Brief­trägerrolle abzulehnen. Er habe den deutschen Gesandten in Washington instruiert, in höflicher Weise dort zu er­klären, daß er (der Kanzler) nicht in der Möglichkeit wäre, die Sache zu übernehmen. Dies Schreiben sei aber in der deutschen Oppositionsprcsse ziemlich systematisch totgeschwiegen; es paßte derselben eben nicht, daß er die Sache mit Höf­lichkeit und Wohlwollen für die Vereinigten Staaten be­handelt habe. Der Reichskanzler betont dann, daß er nur mit Rücksicht auf unsere innere Politik die Sache abge­lehnt habe. Der nationalliberalen Fraktion, welcher LaSker

Anzeigen nimmt entgegen: die^Expedition d. Blattes, sowie d. Annoncen-Bureauk

früher angehört, bleibe er dankbar für ihre Bemühungen, daS Reich auf eine sichere Basis zu stellen. Der gestorbene Herr Lasker habe aber stets dazu beigetragen, jede Unter­stützung, die die Negierung von dieser Fraktion erhalten konnte, nach Möglichkeit abzuschwächen. LaSker habe eS auch durch seinen Einfluß dahin gebracht, daß der rechte Flügel der nationalliberalen Fraktion unter dem Abgeord­neten v. Schauß zum Austritt genötigt wurde, und er sei demnächst bemüht gewesen, die verkleinerte Fraktion in das alte fortschrittliche Fahrwaffer hinüberzuziehen. Nachdem ihm dies nicht gelungen, sei er durch die Sezessionisten zur Schwächung der nationalliberalen Fraktion übergegangen und habe damit die Brücke betreten, auf welcher er das fortschrittliche Ufer erreichte. Sei eS doch auch vornehm­lich das Werk deS Herrn Lasker, wenn im Jahre 1878 die Unterhandlungen mit Herrn v. Bennigsen .wegen Ein­tritt in daS Ministerium sich zerschlugen. Der Reichs­kanzler wiederholt schließlich, daß es wesentlich die aus­wärtigen Beziehungen seien, welche ihn zu den heutigen Auseinandersetzungen veranlaßt. Er sei darauf gefaßt ge­wesen, interpelliert zu werden, und er habe deshalb für notwendig gehalten, sich über die Motive seines Verhaltens auszusprechen, damit nicht in den Beziehungen zwischen den beiden Ländern eine gewisse Verstimmung Platz greife. Er wiederhole, daß er in der Resolution des amerikanischen Repräsentantenhauses nichts als eine wohlwollende Teil­nahme für Deutschland erblickt habe. (Lebhafter Beifall rechts.)

Abg. Dr. Hänel (freis.) will im Wege der Geschäfts­ordnung dem Kanzler antworten.

Präsident von Levetzow: Wollen Sie, was ich ja einsehe, dem Herrn Reichskanzler entgegnen, so wählen Sie dazu den Weg der Interpellation oder des Antrags.

Abg. Dr. Hänel: Wenn der Reichskanzler das Recht hat, jederzeit zu reden, dann muß man dieses Recht im Interesse der Redefreiheit auch der dabei interessierten Seite deS Hauses gestatten.

Präsident von Levetzow: Da kein Widerspruch sich erhebt, erteile ich Ihnen daS Wort, indem ich dabei aber ausdrücklich konstatiere, daß dies gegen die Geschäftsordnung gefchieht.

Abg. vr. Hänel: Der Reichskanzler ist nicht dazu, berufen, über seine sogenannten Feinde ein derartiges Toten­gericht abzuhalten. Der Kanzler hat ohne weiteres den Stab über einen Mann gebrochen, der stets seine An­hänglichkeit an die Person des Fürsten betont habe. Warum beruft sich der Kanzler bezüglich deS Auftretens LaSkerS in Amerika auf das Zeugnis wenig glaubhafter amerikanischer Jnterviwer, statt auf daS Zeugnis deS beut«

mitgebracht. Mit kräftiger Stimme fang er nach einer alten Melodie das bekannte Lied von Simon Dach:

Aennchen von Tharau ist die mir gefüllt, Sie ist mein Leben, mein Gut und mein Geld.

Aennchen von Tharau hat wieder ihr Herz Auf mich gerichtet in Lieb und in Schmerz.

Aennchen von Tharau, mein Reichtum mein Gut, Du meine Seele, mein Fleisch und mein Blut.

Mag alles Wetter gleich auf uns wild schlan. Wir find gesinnt, bei einander zu stahn.

Krankheit, Verfolgung, Betrübnis und Pein, Soll unsrer Liebe Verknotigung sein.

Recht wie ein Palmbaum über sich steigt, Je mehr ihn Hagel und Regen anfeucht

So wird die Lieb in uns mächtig und groß

Durch Krieg, durch Leiden, durch allerlei 3lot.

Würdest Du gleich einmal von mir getrennt,

Lebtest da, wo man die Sonne kaum kennt:

Ich will Dir folgen durch Wälder, durchs Meer, Durchs Eis, durch Eisen, durch feindliches Heer.

Aennchen von Tharau, mein Licht, meine Sonn', Mein Leben schließ ich um Deines herum.

Du bist mein Frieden, die süßeste Ruh': Ein Leib, eine Seele sind ich nur und Du.

Reicher Beifall dankte dem Sänger und Raoul lobte höflich da« sinnige Gedicht und die schöne ansprechende Melodie, wenn ihm ach noch daS richtige Verständnis für die wunderbare Innigkeit und Gemütstiefe des deutschen Liedes abging, daS nach seiner Meinung allzu einfach war und nicht die Feinheit und den glänzenden Geist der französischen Poeten, deS großen Jean B-ptiste Rouffeau oder den erhabenen Odenschwung des vergötterten Marvt erreichte. Auch vermißte er die gefeilte Sprache, die ge­wählten Ausdrücke und vor allem den mythologischen Pomp, ohne die er sich nicht ein vollendete« Gedicht denken konnte.

Um so besser verstand und würdigte Gabrielle das Lied,

Reichstag.

Berlin, den 13. März.

4. Plenarsitzung deS Reichstags. Noch vor Beginn der Sitzung erschien der Reichskanzler Fürst v. Bismarck im Hause, Den Präsidenten v. Levetzow, sowie die Mitglieder deS Bundesrats freundlich begrüßend.

Nach Erledigung einiger geschäftlichen Angelegenheiten nahm dann sofort vor Eintritt in die Tagesordnung das Wort

Reichskanzler Fürst v. Bismarck, um, anknüpfend ob die Vorfälle in der zweiten Sitzung des Reichstags, die Gründe darzulegen, welche ihn veranlaßt, die bekannte Reso­lution des amerikanischen Repräsentantenhauses dem Reichs­tage nicht zu übermitteln. Der Abg. Richter habe von einerunbefugten Einmischung* deö Reichskanzlers ge­sprochen. Das sehe so auS, als wenn er mutwillig eine Amtshandlung vorgenommen hätte, die ihm gar nicht zu- stehe. Es könnte das, wenn dem wirklich so wäre, und er sich unbefugt in die Sache gemischt hätte, in Amerika den Eindruck Hervorrufen, als wenn ihm die guten Beziehungen »wischen den beiden Reichen weniger am Herzen lägen, als dies thatsächlich der Fall sei. Dies lege ihm die Pflicht auf, daS Wort zu ergreifen, denn das Verhalten unserer oppositionellen Pceffe, die Aeußerungen des Abg. Richter könnten leicht eine Verstimmung in Amerika Hervorrufen. Die guten Beziehungen zwischen Preußen und den Ver­einigten Staaten seien so alt, wie letztere selbst; uns dieses preußische Erbteil sei auch in das Reich mit hineingebracht worden. So lange er an der Spitze des Auswärtigen Amtes stehe, sei er auch bemüht gewesen, diese guten Be­ziehungen zu pflegen und zu erhalten. Die Thatsache, daß wir urs jeder Einmischung in die inneren amerikanischen Verhältnisse enthatteu, habe diese guten Beziehungen nur noch mehr befestigt; in den Kriegen von 1866 und 1870 seien uns vielfache Beweise von Sympathien von Amerika zugegangen. Auch persönlich habe er vielfache schmeichel­hafte Beweise deS Wohlwollen« von dort erhalten. Er könne also wohl sagen, daß von Anfang an bi« auf den heutigen Tag nichts geschehen sei, um die gegenseitigen Be­ziehungen zu trüben. Auch in der Annahme der sogen. Lasker-Resolution habe er seinerseits nichts Anderes erblickt, als den Ausdruck des Wohlwollens deS amerikanischen Re­präsentantenhauses für Deutschland und er würde daher diesen Ausdruck des von ihm gepflegten und geförderten Wohlwollens dem Reichstage übermittelt haben, wenn nur nicht die politische Thätigkett deS Verstorbenen in der Reso­lution als eine anerkennenswerte und für Deutschland außer­ordentlich verdiente bezeichnet worden wäre. Diese Klausel könnte für den, der die Verhältniffe nicht kennt, leicht als

23 Die Schützlinge des Grosze« Kurfürsten.

Historische Erzählung von Max Ring.

Auf Raouls Vorschlag wurde mit den naiv anmutigen Fabelt, des liebenswürdigen Lafontaine der Anfang gemacht, deren reizende Schalkhaftigkeit und gesunde Moral besonders dem wackeren Hans gefiel, wogegen die sinnige Agne« von den ergreifenden Tragödien des großen Corneille begeistert war, als Raoul eines Tages mit wohltönender Stimme denCid* des Dichters vorttug.

Der Eindruck war um so mächtiger, al« sie bisher nur die armseligen Schauspiele der Berliner Schüler, die geist- lichen Aufführungen und Spektakelstücke auf dem Rathause gesehen hatte, deren Roheit und Geschmacklosigkeit sie anwiderte.

Mit geröteten Wangen und glänzende« Augm lauschte sie den Kämpfen und Leiden de« edlen Ci- und seiner Ge­liebten, an denen st- einen so innigen Anteil nahm, als ob es sich dabei um ihr eigenes Schicksal handelte, so daß sie sich der Thränen nicht erwehren konnte.

Unwillkürlich übertrug sie die Bewunderung für den Dichter auf den Vorleser, der ihr in diesem Augenblick wie em höheres Wesen, wie ein bevorzugter Geist erschien, mit welchem sich kein anderer Mann und selbst nicht der ehrliche Hans vergleichen ließ, den sie sonst wohl Itiben mochte unb mit bem sie so gut wie versprochen war, da sie ihn auf Wunsch ihre« Vater« heiraten sollte, sobald er erst Meister geworden.

Aber auch HanS war bei dem Anhören de« französischen Trauerspiels gegen seine Gewohnheit ernst geworden und saß still und in Gedanken versunken, bis ihn die stet« heitere Gabrielle an sein Versprechen erinnerte, ein deutsche« Lies zu singen.

Obgleich er sich nicht recht gestimmt fühlte, vermochte er nicht ihrer Aufforderung zu widerstehen, al« sie ihm mit anmutigem Lächeln die Mandoline reichte, die ste au« NimeS

lr.

4.

bbarlOll 102} 101t 102}

k 1001 102

681 77 98

10311 SS 611 771 751 296! i oofe 96' 224 119$1 68

@eOJ 101) 101!

was wohl dem Umstande zuzuschreiben war, baß der Sänger seine ganze Seele in daffelbe gelegt zu haben schien und sie dabei mit seinen treuen, ehrlichen Augen so innig und zärtlich anblickie, daß ihr der Sinn der Dichtung nicht ent­gehen konnte, auch wenn ste kein deutsches Wort gekannt hätte.

So schön sie aber auch das Li d gefunden hatte, so ver­mochte sie ihm doch nicht ein freundliches Wort darüber zu sagen, so daß der gute Hans wirklich glaubte, es habe ihr mißfallen.

In der stillen Nacht aber sang sie, bevor sie ihr jungfräuliches Bett aufsuchte, mit leiser Stimme:

Du bist mein Frieden, die süßeste Ruh';

Ein Leib, eine Seele sind ich nur und Du."

V.

Unter solchen Verhältnissen befreundeten sich die französischen Flüchtlinge nach und nach mit ihrer neuen Heimst, wenn sie auch noch immer ihr Vaterland schmerzlich vermißten und sich nur schwer in die veränderte Lage zu finden vermochten. .

Durch die Verfolgungen und die heimliche Auswanderung hatte die Familie den größten Teil ihre« Vermögens verloren und nur wenig von ihrem früheren Reichtum gerettet, so daß es ihnen nicht an Sorgen fehlte. Außerdem mußten sie trotz des großmütigen Erlasses des Kurfürsten mit all den Hindernissen kämpfen, unter denen jeder Unbemittelte mehr oder minder in einer fremden Stadt zu leiden hat.

Ungeachtet seiner großen Geschicklichkeit konnte der Gold­schmied keine Arbeit finden, woran zum Teil seine Unkenntnis des herrschenden Geschmacks und die Sparsamkeit der Be­wohner, zum Teil sein Sprachmangel und seine Stellung zur Innung, welche ihm wegen seiner Absonderung den sonst üblichen Schutz und Beistand der Zunstgenoffen ver­sagte, die Schuld trug; dies mußte ihn um so mehr kränken und schmerzen, da er sich mit Recht für einen bedeutenden

««eigen nimmtlentgegen: U Ml-edition d. Blatte-, ,owie d Annoncen-Bureanr »on Haasenstein und Vogler « F-°"tturt ° M, Ham- L,a Magdeburg u. Wien; Rudolf Mosse in Frankfurt u M., Berlin, München und ««In G L. Daube und 60. in Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u. Paris.

yAUiiijuiqu. -uv-, «ycimuuu- scheBuchhandlung daselbst; Adolf Steiner i.Hamburg; Jnvalidendank in Berlin, Dresden und Leipzig; I. Barck u. Co. in Halle; W. Thienes in Elberfeld.

Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlich^ Beilage ,,ZllustrirteS«onutagtzblatt durch d,e Expedition( ch sch Buchdruckerei) bezogen 81/* Mark, durch die Postämter des Deutschen Reichesl Mark 50 Pfg (excl. Bestellgebühr.) Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 PfS-

Für in der Expedition zu erteilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 2» Pfg. berechnet.

bnrg. sinsberg. Hadenbac nberg len.

lfen

-prungrah!

te Somit neu [1

, Hinterh