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XU. Jahrgang

Marburg, Sonnabmd, 8. März 1884.

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anderwciten Ausgestaltung der in Aussicht genommenen be- rulSgenossenschaftltchen Organisation der gewerblichen Unter­nehmer auf der Grundlage ausgedehnter Selbstverwaltung, sowie einer erweiterten Beteiligung der Arbeiter behufs Wahrung ihrer Jnteresien geführt. Die auf diese Grund­lagen gestellte neue Vorlage wird Ihnen unverzüglich zu­gehen. Für die Erledigung derselben hat der Reichstag durch die frühzeitige Beratung des Reichshaushalts - Etats für 1884/85 die erwünschte geschäftliche Freiheit gewonnen.

Nach dem Zustandekommen deS UnfallverstchcrungS- gefetzeS wird es unsere Aufgabe sein, auf entsprechender or, anisatorischer G undlage eine befriedigende Ordnung der Fürsorge für die durch Alter oder Invalidität erwerbs­unfähig werdenden Arbeiter anzustrcben.

Die Erfüllung dieser Pflicht gegen die arbeitende Be­völkerung soll in dieser die Segnungen der friedlichen Ent­wickelung deS geeinten Vaterlandes zum vollen Bewußtsein bringen, damit den auf den Umsturz göttlicher und mensch­licher Ordnung gerichteten Bestrebungen revolutionärer Elemente der Boden entzogen und die Beseitigung der er« lassenen Ausnahmemaßregeln angcbahnt werde. Die ver­bündeten Regierungen werden ihrerseits bemüht sein, auf diesem Wege den Erwartungen und Zusagen zu entsprechen, welche die Vorbereitung und den Erlaß des Gesetze« vom 21. Oktober 1878 begleiteten. In der Hoffnung auf Ihre erfolgreiche Mitwirkung an diesem Werke werden die ver­bündeten Regierungen Ihre Zustimmung zu einer Ver­längerung jenes Gesetzes, besten Geltung mit dem 30. Sep­tember d. I. abläust, nachsuchen.

Durch das Krankenderstcherungsgesetz werden einige Ab­änderungen deS Hülfskastcngesetzes vom 7. April 1876 bedingt. ES wird Ihnen daher der Entwurf einer ent­sprechenden Novelle zu diesem Gesetze vorgelegt werden.

Die bet der Gründung und Verwaltung von Aktien­gesellschaften hervorgetrctenen Ausschreitungen und die da­durch herbeigeführten Schädigungen deS Volkswohlstandes haben das Vertrauen in die bestehende Aktiengesetzgebung erschüttert. Nach der in der Sitzung deS Reichstags vom 27. März 1873 gegebenen Anregung ist die Erkenntnis von der Notwendigkeit einer Abänderung des Gesetzes vom 11. Juni 1870 in weiten Kreisen zur Anerkennung ge­langt. Der infolge besten aufgestellte Gesetzentwurf, welcher Ihrer verfassungsmäßigen Beschlußfassung unterbreitet wer­den wird, bezweckt die Abstellung der hervorgetretenen Miß­stände und nimmt zu diesem Ende insbesondere die Ver­schärfung der Verantwortlichkeit aller bei der Gründung, Leitung und Beaufsichtigung von Aktienunternehmungen be­teiligten Personen, sowie die Herbeiführung einer wirksamen Kontrolle über die Verwaltung der Aktien - Gesellschaften in Aussicht.

Die im Jahre 1882 dem Reichstage vorgelegten Gesetz­entwürfe, welche die Zuwendung der durch das Gesetz vom

20. April 1881 den Witwen und Waisen der RetchS- beamten gewährten Fürsorge auch an die Hinterbliebenen von Angehörigen deS RcichSheereS und der Marine, sowie im Anschlüsse an das in Preußen geltende Pensionsrecht eine Verbesserung deS PenstonSwesens für Reichsbeamte und Offiziere in Aussicht nahmen, find damals zur Ver­abschiedung nicht gelangt. Die Verhältnisse, welche zu diesen Entwürfen geführt haben, bestehen unverändert fort und wird der Inhalt derselben Ihren Beschlüsten von neuem unterbreitet werden.

Unter dem fortgesetzten Bemühen, den Erzeugnisten unserer Litteratur und des heimischen KunstfleißeS auch außerhalb der Grenzen des Reichs in immer weiterem Um­fange eine durch Rechtsschutz gesicherte Verbreitung zu ge­währleisten, sind mit Belgien zwei Verträge über den gegen­seitigen Schutz der Rechte an Werken der Litteratur und Kunst, sowie über den gegenseitigen Schutz der gewerb­lichen Muster und Modelle vereinbart worden. Dieselben werden Ihnen zur verfastungsmäßigen Genehmigung zu­gestellt werden.

Die Beziehungen deS Reichs zum Auslande bilden für Se. Majestät den Kaiser einen Anlaß hoher Befriedigung, besonders im Rückblick auf alle Befürchtungen und Vorher­sagungen, welche nach der Neubildung des Deutschen Reiches den friedliebenden Charakter seiner Politik in Zweifel ge­stellt haben. Die Gleichheit der friedliebenden Gesinnung, welche die unö benachbarten und befreundeten Mächte be­seelt, begründet zwischen ihnen und unS eine Solidarität, welche die Erhaltung des Friedens nicht nur für Deutsch­land nach menschlicher Voraussicht als gesichert erscheinen läßt. Die Befestigung der ererbten Freundschaft, welche Deutschland und seine Fürsten mit den benachbarten Kaiser- Höfen verbindet, und die Aufnahme, welche Se. kaiserl. und königl. Hoheit der Kronprinz in Vertretung Sr. Majestät des Kaisers in Italien und Spanten gefunden hat, be­weisen, daß dem Ansehen der deutschen Nation im Auslande das Vertrauen der Fürsten und der Völker auf unsere Politik zur Seite steht. Se. Majestät der Kaiser rechnet darauf, Sich dieses Vertrauen und Deutschland den Frieden mit Gottes Hülfe zu erhalten.

Auf Befehl Sr. Majestät des Kaisers erklärte darauf im Namen der verbündeten Regierungen der Staatssekretär des Innern, Staatsminister v. Bötticher, die Session des Reichstags für eröffnet.

Die Versammlung hatte die Eröffnungsrede schweigmd entgegengenommen. Sobald die Session für eröffnet erklärt war, trat der Präsident des Reichstags, v. Levetzow, etwas vor und brachte ein dreimaliges Hoch auf Se. Majestät den Kaiser aus, in das die Anwesenden begeistert einstimmten.

Eine zahlreiche Zuhörerschaft hatte auf den Tribünen dem Eröffnungsakte beigewohnt.

17 Die Schützlinge des Große« Knrfürste«.

Historische Erzählung von Max Ring.

Von Dankbarkeit und Teilnahme erfüllt, überwand der D'ener seine Scheu und nannte den hier verpönten Namen des kalvinistischen Arzte«, deffen wunderbare Kunst und großes Wissen er mit südfranzöstscher Lebendigkeit laut rühmte, so daß der Intendant und seine Gattin aufmerksam wurden und neue Hoffnung schöpften.

Sogleich erhielt der Diener den Befehl, eiligst Raoul in dem nahen Gefängnis aufzusuchen und auf der Stelle herbeizuführen. In Erwartung feines Urteils war dieser von der unverhofften Botschaft auf da« Höchste überrascht, so daß er seinen Ohren nicht traute und nur zu träumen glaubte.

Von den widersprechendsten Gefühlen bestürmt, folgte er dem Diener, nachdem der Kerkermeister ihm die schweren Eisenkelten abgenemmen hatte. Einen Augenblick schwankte Raoul, ob er nicht die gebotene Gelegenheit benutzen und in der allgemeinen Verwirrung entfliehen sollte, was er leicht thun konnte, da der alte Diener nicht auf ihn achtete und auch zu schwach war, ihn zu hindern.

Aber der Gedanke an seine Eltern und an seine Schwester, das Vertrauen, da« ihm der Intendant geschenkt, sein menschliches Mitgefühl und seine ärztliche Ehre hielten ihn zurück, stärker als alle Bande und Wachen. Noch in seiner Gefängniskleidung trat er mit bescheidenem Gruße in das Krankenzimmer, in dem ihn der Intendant mit seiner Frau sehnlichst erwartete.

Rettet meinen Sohn!" rief ihm der Intendant zu. Ich will Euch fürstlich belohnen."

Eröffnung deS Reichstags.

Berlin, 6. März 1884.

Die 4. Session der V. Legislaturperiode des ReichS- tageS wurde heute mittag bald nach 12 Uhr im Weißen Saale des königlichen Schlöffe« in denjenigen Formen er- zfsnet, welche üblich sind, wenn Se. Majestät der Kaiser und König den Staatsakt nicht Allerhöchstselbst vollzieht. Eine gottesdienstliche Feier hatte zuvor im Dome und in der St. Hedwigskirche stattgefunden.

Nachdem die Mitglieder des Reichstage« in nicht ge c.de ccheblicher Anzahl erschienen waren, traten als­bald unter Führung des Staatssekretär« des Innern, StattS- ministerS v. Bötticher die Mitglieder de« Bundesrat« in den Saal deffen Thronsessel verhüllt geblieben war und nahmen in der herkömmlichen Weise links vom Throne Aufstellung, so daß neben dem den Reichstag eröffnenden Staatssekretär zunächst der bayerische BundeSbevollmächtigte folgte, während sich diesem ein preußischer Bundesbevoll­mächtigter anschloß, dem dann wieder der sächsische Bevoll­mächtigte rc. folgte.

Der Staatssekretär deS Innern, StaatSministcr von Bötticher, trat einige Schritte vor und verlas folgende Eröffnungsrede*):

Geehrte Herren I

Se. Majestät der Kaiser haben mich zu beauftragen geruht, Sie bet dem Beginn Ihrer Beratungen willkommen zu heißen.

Die bedeutsamste Aufgabe deS Reichstags liegt auch für die bevorstehende Session auf dem Gebiete der sozialpolitischen Gesetzgebung. Der zu wiederholten Malen feierlich und mit besonderem Nachdruck ausgesprochene Wunsch Sr. Maje­stät des Kaisers, die wirtschaftliche und soziale Lage der Arbeiter durch organische Gesetze zu heben und dadurch den Frieden unter den Bcvölkerungsklaffen zu fördern, hat im deutschen Volke volles Verständnis gefunden. Die Ver­handlungen über das im vergangenen Jahre Dank Ihrer hingehenden Mitarbeit zu stände gekommenen Kranken- versichcrungsgesetz haben den erfreulichen Beweis geliefert, daß der Reichstag sich mit den verbündeten Regierungen in dem Bewußtsein der Bedeutung und Dringlichkeit der erstrebten sozialen Reformen begegnet.

Der nächste Schritt auf diesem Gebiet besteht in der endlichen gesetzlichen Regelung der Fürsorge für die durch Betriebsunfälle verunglückten Arbeiter und deren Hinter­bliebene. Nachdem auch der im Frühjahr 1882 Ihnen vorgclcgte Entwurf eine» UnfallverstcherungSgesetzes zum legislatorischen Abschluß nicht gelangt war, ist derselbe unter Berücksichtigung der au» dem bisherigen Entwickelungsgange gc chöpsten Erfahrungen nochmals einer sorgfältigen Prü­fung unterzogen worden. Dieselbe hat zu demjPlane einer

*) Im Auszuge in gestriger Nummer telegraphisch mitgeteilt.

durch das Schluchzen der armen besorgten Mutter unter­brochen wurde. Als aber der Verwundete die Augen auf­schlug und, durch einen Schluck edlen WeinS gestärkt, mit schwachem Lächeln seine glücklichen Eltern begrüßte und ihnen die noch zitternden Hände reichte, da kannte ihre Freude keine Grenzen.

Der noch vor wenigen Augenblicken verachtete und ge­miedene Raoul wurde wie ein Gott von allen geehrt und gepriesen, und selbst seine neidischen Kollegen sahen sich gezwungen, mit süßsaurcn Mienen seine Geschicklichkeit und sein überlegenes Wissen anzuerkennen. Die erfreute Mutter dankte ihm mit Thränen in den Augen; der strenge Intendant ve>sprach ihm die höchsten Belohnungen und forderte ihn auf, die fernere Behandlung des Kranken allein zu über­nehmen und diesen bis zur gänzlichen Genesung nicht mehr zu verlassen, indem er ihm zugleich in seinem Palast eine eigene Wohnung anwie« und ihn wie einen hohen Gast behandelte. Auch ließ er den Angehörigen de« jungen Arztes jede mögliche Erleichterung zukommen, sie in ein besseres Gefängnis bringen und ihnen von Seiten ihrer Wächter die höchste Milde und Nachsicht angedeihen, so daß sie von den übrigen Gefangenen beneidet wurden und kaum noch ihre frühere Freiheit vermißten.

Unter der sorgsamen Pflege RaoulS erholte fich der Kranke, der eine große Liebe zu seinem Arzt faßte, so schnell, daß er schon nach einigen Tagen außer aller Gefahr war und bald auch sein Bett verlaffen konnte, worüber seine Eltern natürlich höchst erfreut und glücklich war n.

Unter diesen Umständen war selbstverständlich von der Vollstreckung des bereit» gefällten Urteils keine Rede mehr, wenn es auch nicht in der alleinigen Macht des Inten­danten lag, die Familie Rouffel zu begnadigen und frei zu

Ich werde alles thun", versetzte Raoul bewegt,was meine Kunst vermag. Der Erfolg steht allein in Gottes Hand."

Nachdem der junge Arzt so schonend als möglich mit den vorhandenen Instrumenten die Brust des Verwundeten untersucht und sich von der Lage der im Rücken fest ein- gekeilten Kugel überzeugt hatte, erklärte er, daß nur durch eine schwierige Operation, einen tiefen Einschnitt dicselbe entfernt und die Blutung gestillt werden könnte, wogegen die noch anwesenden Acrzte, von der Nutzlosigkeit und Gefahr eines solchen Eingriffs überzeugt und von Hrß und Neid gegen ihren jugendlichen Kollegen erfüllt, entschieden protestierten und feierlich warnten.

Von furchtbaren Zweifeln gequält und voll Mißtrauen gegen den Gefangenen, warf der Intendant Raoul einen schrecklichen Blick zu, den dieser ruhig aushielt, ohne die geringste Furcht in seinem offenen Gesicht zu verraten.

Euer Kopf", murmelte der Intendant finster,bürgt mir für daS Leben meines Sohnes. Wenn er unter Euren Händen stirbt, feid Ihr verloren."

Ich biete meinen Kopf zum Pfände", erwiderte Raoul mit fester Stimme,wenn ich den Kranken nicht rette."

Uneingeschüchtert von den Drohungen des Intendanten und dem Widerspruch seiner Kollegen, ergriff er mit sicherer Hand das bereit liegende Meffer und führte einen kühnen Schnitt durch die Muskeln des Rückens bis zu der Stelle, wo die Kugel lag. Diese entfernte er dann leiht und geschickt mit der chirurgischen Zange durch die geräumige Oeffnung, worauf er die blutenden Adern unterband, so daß bald kein Tropfen mehr floß und der lebensgefährliche Blutverlust aufhörte.

Während der ganzen Zeit herrschte eine tiefe, ängstliche Stille, dir nur durch das leise Stöhnen deS Operierten und

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