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Marburg, Freitag, 7. März 1884.
XIX. Jahrgang.
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d. Annoncen-Bureaux Jägersche Buchhandlung in Frankfurt!«. M •; Hermann- scheBuchhandlung daselbst; Adolf Steiner i. Hamburg; Jnvalidendanl in Berlin, Dresden und Leipzig; I. Barck u. Co. in Halle; W. Thienes in Elberfeld.
«»»eigen nimmt entgegen: ^Expedition d. Blattes, lowie d Annoncen-Bureaux »on Haasenstein und Vogler in Frankfurt a M, Ham- Kura Magdeburg u. Wien; «udolf Moste in Frankfurt „ Berlin, München und «Sln: ® L. Daube und £ j'n Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u. Paris. ________________________________________________________________
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r vom Landtag.
' Berlin, den 5. März.
59. Plenarsitzung des Abgeordnetenhauses. HauS und Tribünen sind mäßig besetzt.
Am Ministerttsche: Kultusminister Dr. v. Gotzler, Justizminister Dr. Friedberg, Ministerialdirektor Bark- hausen und mehrere RegierungS-Kommifsare.
Präsident v. K ö l l e r eröffnet die Sitzung um 10V* Uhr.
Als erster Gegenstand steht auf der Tagesordnung: erste und zweite Beratung des Antrags der Abgg. Dr. Windthorst u. Gen. auf Annahme eines Gesetzentwurfs, betreffend die Herstellung der Leistungen aus Staatsmitteln für Die römisch - katholischen Bistümer und Geistlichen.
Der Antrag lautet, nach der EingangSsormel:
Einziger Paragraph.
Das Gesetz vom 22. April 1875, betr. die Einstellung der Leistungen aus Staatsmitteln für die römisch-katholischen Bistümer und Geistlichen (Gesehsamml. S. 194) tritt mit dem 1. Mat 1884 außer Wirksamkeit.
Die nach § 9 dieses Gesetzes weiter zu treffenden gt- fetzlichen Bestimmungen bleiben Vorbehalten.
Der Minister der geistlichen rc. Angelegenheiten ist mit der Ausführung dieses Gesetze« beauftragt.*
Abg.Dr. Windthorst: Das Sperrgesetz ist eine- der schwärzesten Blätter in der Geschichte deS Kulturkampfes. Wenn die Regierung deshalb in den meisten Diözesen dieses Gesetz wieder aufgehoben hat, so danke ich ihr dafür, soweit dies aus ihrer eigenen Entschließung geschehen ist. Zwar hat sie damit nur ihre Pflicht erfüllt; aber eS ist in heutiger Zeit schon dankenswert, wenn das geschieht, was geschehen muß. DaS Gesetz besteht nur noch in den Erzbistümern Köln und Gnesen-Posen. Bei ruhiger Ueber- lezung werden wir aber zweifellos zu der Erkenntnis kommen, daß eS hohe ^eit ist, einem solchen Gesetze ein absolutes Ende zu machen. Ich würde dämm mit der Beratung meines Antrages noch länger gewartet haben als ich eS schon gethan, hätte ich bestimmt in Erfahrung bringen können, daß die Regierung mit beruhigenden Plänen umgeht. Daß mit der Sperre nichts ausgerichtet wird, sollte man nachgerade gemerkt haben. Die Gemeinden haben, trotz der hohen Kommunallasten, trotz der Uebcrschwem- muntzsnöte am Rhein, aus eigenen Mitteln das ersetzt, was der Staat zu leisten aufgab. Diese Erwägungen haben mich zur Einbringung meines Antrags geleitet, und ich hoffe von Ihrem Edelsinn, daß Sie denselben annehmen. (Lebhafter Beifall im Zentrum.)
Abg. Frhr. von Hammerstein: Bei dem bestimmt formulierten Standpunkte der Konservativen, welche zu einer organischen Revision der Maigesetze gerne die Hand bieten wollen, sind wir nicht in der Lage, an einem einzelnen Punkte den Hebel anzusetzen. So sehr ich mit dem Abg.
io Die Schützlinge des Große« Kurfürsten.
Historische Erzählung von Max Ring.
,Da Eure Hoheit", versetzte der Gesandte, sich in die Brust werfend, „nicht gesonnen scheinen, den billigen Vorstellungen und Wünschen meine« Königlichen Herrn Gehör zu schenken, so sehe ich mich zu meinem Bedauern gezwungen, Eure Hoheit darauf aufmerksam zu machen, daß Frankreich zunächst die bewilligten Substdien entziehen und sich noch fernere Schritte vorbehaltm dürfte."
Bei dieser Drohung färbte sich da« Löwengeflcht de« Kurfürsten mit einer dunkeln Röte und auf seiner hohen, mächtigen Stirn schwoll die starke Zornader, während er unmutig das gewaltige Haupt schüttelte.
Herr GrafI" sagte er mit grollender Donnerstimme, „sagen Sie Ihrem König, daß der Kurfürst von Brandenburg nicht gesonnen ist, seine Ehre und Reputation, so wie die ihm geziemende Staatsräson für irgend eine Geldsumme hinzugeben, die wir übrigen« laut den Traktaten rechtmäßig zu fordern haben. Alle sonstigen Schritte Seiner Majestät erwarten wir ruhig, im Vertrauen auf Gott und unsere gute, gerechte Sache."
Mit einer stolzen Handbewegung entlasten, verabschiedete sich der bestürzte Gesandte, der einen solchen AuSgang der Audienz nicht erwartet und geglaubt hatte, daß ein Wort Ludwigs hinreichen würde, den kleinen Kurfürsten von Brandm- burg einzuschüchtern und zur Nachgiebigkeit zu bewegen.
Trotzdevi wagte Ludwig nicht, ihm die bisher gezahlten Substdien zu verweigern und mit ihm offen zu brechen. Dagegen untersagte er dm Protestanten in Pari« dm ihnm früher erlaubten Besuch der brandenburgischen Gesandtschaft«- Kapelle und ließ zu diesem Zweck eine Wache vor der Thür derselben aufftellen, um diejenigen am Eintritt zu verhindern,
Windthorst den Grundgedanken des Sperrgefetzes verwerfe, so muß doch für die künftige Gestaltung der Kirchengesetzgebung ein Modus festgelegt werden, vermöge besten der Staat seine Benefizien der Kirche gegenüber an gewiste Bedingungen knüpfen kann. Wa« nun die bisherige Aufhebung des Sperrgesetzes betrifft, so hat bet § 1 — und das ist mir wichtig — in jenen Diözesen keine Bedeutung mehr, da die Sperre nicht mehr verhängt werden kann. Schwebte diese Gefahr fort, so würde ich ohne weiteres für die Aufhebung des Sperrgesetzes stimmen. Nun haben Sie (zum Zentrum) mit uns beschlossen, der Regierung die Vollmacht zur Aushebung der Sperre zu geben. Diese Vollmacht war sogar schon einmal abgelaufen, und Sie haben dieselbe im Jahre 1882 wieder erteilen helfen. Mittlerweile sind auf dem Wege zur Anbahnung des kirchlichen Friedens bedeutende Fortschritte gemacht worden: die Regiernng hat, mit Ausnahme ron zwei Diözesen, die Sperre überall aufgehoben/ Da kann man doch nicht sagen, daß die Regierung die ihr erteilte Vollmacht unbenutzt gelassen Habel Sie hat vielmehr durchweg die Personalsragen—und solche Fragen waren es ja eigentlich nur — in Ueberetnstimmung mit der katholischen Kirche gelöst. Angesichts dieser Sachlage und des Umstandes, daß die gegenwärtige Vollmacht noch bis zum 1. April läuft und daß die weitere Lösung der Personalfragen im Flusse ist, glauben wir einen materiellen Beschluß nach dieser Richtung nicht fasten zu dürfen. Warten Sie bis zum 1. April: dann wird sich, je nach weiterer Stellungnahme der Regierung, über die Sache reden lassen. (Bravo! rechts)
Abg. v. Gerl ach (konservativ): Ich spreche nicht als Fraktionsredner, aber, wie ich hoffe, im Sinne eines großen Teils meiner politischen Freunde innerhalb und außerhalb dieses Hauses. Zur richtigen Würdigung des Antrags Windthorst erscheint es nötig, den gegenwärtigen Standpunkt der ktrchenpolitischen Frage, sowohl den der Regierung, als den der Parteien, ins Auge zu fassen. Die Regierung gelangt mehr und mehr zur Einsicht des Unrechts der Maigesetzgebung und möchte nicht nur den Frieden herbeigesührt sehen, sondern denselben auch diktieren, und daö ist sehr schwierig. DaS Zentrum bewegt sich teils defensiv, teils offensiv, teils befindet es sich in der Verfolgung des langsam weichenden Gegners. Die Konservativen decken den Rückzug der Regierung und sind aufrichtig bestrebt, als Friedensvermittler zu wirken. Die FortfchrittSpartei hat das Vertrauen auf den Sieg verloren und denkt nur voll Wehmut an die schöne Zeit zurück, wo Dr. Falk Kultusminister war. (Heiterkeit.) liebet die anderen Parteien, namentlich die Nationalliberalen, schweigt am besten des Sängers Höflichkeit. (Große Heiterkeit.) Trotz alledem zaudert die Regierung, das Eperrgesetz aufzuheben, welches nicht nur die Kirche, sondern auch die welche dcm Gottesdienst beiwohnen und die Predigt mit anhören wollten.
Sobald der Kurfürst diese neuen, kleinlichen Verfolgungen erfuhr, ordnete auch er die Anstellung eines Postens vor der Wohnung des französischen Gesandten in Berlin an, in der sich die Katholiken sonst ungestört zur Abhaltung ihres Gottesdienstes versammelten, und ließ die Beschwerden deS Gesandten unbeachtet.
Während dieser politischen Verhandlungen und diplomatischen Streitigkeiten schmachtete die Familie Roussel zu Nimes, die Männer in dem Gefängnis der Zitadelle, die Frauen in einem wegen seiner Strenge verrufenen Nonnenkloster, und erwarteten ihre bevorstehende Verurteilung.
Unter furchtbaren körperlichen Qualen und Seelenleiden verflossen Tage und Wochen, die ihnen wie eine Ewigkeit erschienen. Von fanatischen Priestern und rohen Kerker- meistern bei Tag und Nacht gepeinigt und mißhandelt, den schmerzlichsten Demütigungen und Entbehrungen ausgesetzt, hielt fie nur das Bewußtsein ihrer Unschuld und der Glaube an die göttliche Gerechtigkeit aufrecht und schützte fie vor Verzweiflung.
Dennoch wankten sie nicht in ihrer Ueberzeugung und wiesen mit dem Mut der Märtyrer jeden Versuch ihrer Bekehrung zurück, ohne sich von dem Beispiel Anderer und dem Versprechen einer Erleichterung ihres harten Schicksals und der Möglichkeit ihrer Begnadigung verführen zu lasten, wodurch sie die Wut und den Zorn ihrer Verfolger nur noch mehr reizten.
Endlich wurde ihr Urteil gefällt und von dem rachgierigen Sekretär dem gefürchteten Intendanten Baville, zur Bestätigung vorgelegt. Als jedoch Anatole nächsten Tag wegen der Unterschrift kam, wurde er nicht vorgelaffen, da den Intendanten ein unerwartetes Unglück getroffen hatte.
Laien schädigt, ohne etwas auszurichten, ja vielmehr die Katholiken mit dem Papste enger denn je verbunden hat. Redner verbreitet sich im übrigen über die Folgen der Sperrmaßregeln und schließt mit der Bitte, den Antrag Windthorst pure anzunehmen. (Lebhafter Beifall im Zentrum und einem kleinen Teile der Rechten, Zischen rechts und links.)
Abg. Dr. Freiherr v. Sch orl em er-Alst: Dem geehrten Vorredner muß ich den warmen Dank meiner Freunde für die trefflichen Ausführungen abstatten, mit denen er unseren Antrag unterstützt hat. Ich hätte denselben fast nichts mehr hinzuzusügen, dächten die Konservativen alle so, wie Herr v. Gerlach. Leider ist dies nicht der Fall, wie dies die Rede des Freiherrn v. Hammerstein beweist. Die von diesem präzisierte Stellungnahme zielt geradezu auf eine Versumpfung des Kulturkampfes. Denn wie kann man einerseits den Grundgedanken eines Gesetzes verwerfen und andererseits die Beseitigung dieses Gesetzes verhindern? Im einzelnen gegen die Ausführungen deö Abg. v. Hammerstein polemisierend, beklagt Redner die weitere Verbannung der früheren Erzbischöfe Melchers und Graf Ledochowski und schließt mit der Wendung an die Regierung: Die Zurückberufung dieser beiden Bischöfe würde die schönste Antwort auf den Antrag Windthorst sein! (Lebhafter Beifall im Zentrum.)
Abg. Freiherr v. Minnigerode: Wenn ich angesichts der Erklärung des Abg. v. Hammerstein das Wort ergreife, so geschieht es, um die aus den Worten deS Vorredner« hervorgehende besondere Schätzung der Erklärung v. Gerlach« auf das richtige Maß zurückzusühren. Herr v. Gerlach hat nicht im Namen eine« „großen" Teils der Fraktion gesprochen, ich bin vielmehr von zahlreichen engeren Freunden des Abg. v. Gerlach zu der Erklärung autorisiert, daß dieselben sich deffen Motive und die Breite seiner Stellungnahme nicht zu eigen machen. Herr von Gerlach hat sich mit großer Schärfe ausgesprochen und die einzelnen Kulturkampf-Erscheinungen nach ihrer ganzen Schwere charakterisiert. Es ist ja leicht, in dieser Weise eine Sache zu zerpflücken, aber sehr schwer, etwas beffere« an ihre Stelle zu fetzen. Mit Herrn v. Hammerstein muß ich sagen: warten Sie nur noch 3 Wochen und häufen Sie nicht die Schwierigkeiten! Wir stehen fest auf dem Boden der Refolution Althaus, und mit dieser Stellungnahme haben wir bisher wesentlich dasjenige gefördert, was die Katholiken erstreben. Diejenigen werden schwerlich etwas, erreichen, welche mit dem Kopf durch die Wand gehen wollen. Wir haben den lebhaften Wunsch, aus diesen Wirren herauSzukommen und mit dem Zentrum eine Solidarität anzubahnen, aus welche gestützt wir an die Lösung der schwierigen sozialen Fragen herantreten können. Aber wir muffen auch bedenken, daß Preußen kein katholischer,
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Sein einziger Sohn, Offizier bei den Dragonern in Nimes, den er mehr als alles liebte, war des Morgens im Duell mit einem seiner Kameraden lebensgefährlich verwundet und von den sogleich herbeigerufenen Aerzten al« rettungslos verloren aufgegeben worden, da sie die in der Brust sitzende Kugel nicht herausziehen und die tötliche Blutung nicht stillen konnten.
Jetzt stand der grausame Mann, der ungerührt Tausende zur Galeere und zum Galgen verurteilt hatte, verzweifelnd mit seiner jammernden Gattin an dem Lager seines sterbenden Lieblings, ratlos und ohne Trost, von den furchtbarsten Qualen und Leiden bestürmt.
Vergebens beschwor er die Aerzte, ihre ganze Kunst anzuwenden, um daS fliehende Leben seines einzigen Sohnes zu rett n, bot et sein ganzes Vermögen für die Erhaltung des Verwundeetn; umsonst rang die unglückliche Mutter ihre Hände und gelobte der Jungfrau Maria und allen Heiligen die kostbarsten, fürstlichsten Geschenke, goldene Gewänder und eine Krone von Edelsteinen.
Unaufhaltsam floß das Blut, der Quell des jungen Lebens; immer schwächer, kaum noch fühlbar schlugen die matten Pulse und kaum noch hörbar daS bereits stockende Herz. Der Tod schien unvermeidlich und aller Kunst bet ohnmächtigen Aerzte zu spotten, die den Blutstrom nicht zu hemmen vermochten.
In diesem Augenblick der höchsten Gefahr und Verzweiflung erinnerte sich der alte Diener bt« Intendanten an den jungen Doktor Rouffel, der ihn vor wenigen Monaten in einer schweren Krankheit behandelt und durch seine Geschicklichkeit glücklich wieder hergestellt hatte.
(Fortsetzung folgt)