Einzelbild herunterladen
 

XIX. Jahrgang

Marburg, Donnerstag, 6. März 1884,

fit*86

Olichchschc "kitung

IN

rrg,

e*

tu

treu zu bldben."

(Fortsetzung folgt )

für die rg und

>err w.

Residenten in Amsterdam, Hamburg und Frankfurt am Main die hilfsbedürftigen reformierten Auswanderer zu unterstützen und versprach denselben bei ihrer Niederlassung in seinen Staaten außer verschiedenen Freiheiten und Privilegien die nötigen Subsistenzmittel, Wohnungen, Ländereien und Geld zur Betreibung ihres Handels oder Gewerbes nach Maßgabe ihrer Bedürftigkeit zu gewähren.

Infolge des ErlasieS, der bald auch in Frankreich be­kannt wurde und den Mut der Verfolgten belebte, nahmen die Auswanderungen in solcher Menge zu, daß die Wachen nicht mehr ausreichten. Ganze Dörfer wurden von ihren Einwohnern verlasien und bevölkerte Städte menschenleer. Zu Tausenden überschritten die Kalvinisten die Grenzen und spotteten des strengen Verbots und der harten Strafen.

Auf das höchste empört über die Kühnheit des Kur­fürsten von Brandenburg und über die Folgen der von diesem getroffenen Maßregeln, beauftragte Ludwig seinen Gesandten in Berlin, den Grafen von Rabenac Feuqulerös in einer besonderen Audienz über das Potsdamer Edikt und die Aufnahme brr Reformierten ernstliche Beschwerde zu sühren und die Abstellung solcher Unzuträglichkeiten ge­bieterisch zu verlangen.

Mein allcrgnädigster Gebieter und Herr", sagte der französische Gesandte im hohen Ton,der großmächtige König Louis der Vierzehnte von F ankreich, hat mit aller­höchsten Mißfallen das von Eurer Hoheit erlaffene Edikt gelesen. Ganz besonders beklagt er sich wegen ,beS be­leidigenden Ausdruckes, harte Verfolgungen und rigoureuße proceduren gegen die Reformierten. Nicht minder über das Verfahren Eurer Hoheit, die Unterthanen seiner Majestät gegen ihren erhabenen Herrn aufzureizen und ihnen im Angesicht von ganz Europa die Mittel zur Auswanderung aus ihrem Vaterlande anzubieten. Ein solch befremdendes Benehmen veranlaßt mich im Namen meines Königs Eure Hoheit zu fragen, mit welchem Rechte Sie sich in die An­gelegenheiten der französischen Protestanten mischen, während

Abg. Tiedemann (Bomst) knüpft an die bezügliche Debatte zweiter Lesung an und unternimmt die Beweis­führung, daß der Abg. Kantak (Pole) aus einer im vorigen Jahrhundert in Polen eingcwanderten deutschen Familie stamme. Wolle man den Namen polnisch auSlegen, so bedeute kan Kante, kantak ein kantig gehacktes Stück Holz. (Heiterkeit )

Abg. Kantak verwahrt sich dagegen und legt, unter stürmischer Heiterkeit des Hauses, einen umfangreichen Pack Familtenakten, die seine polnische Herkunft bekunden sollen, auf den Tisch deS Hauses.

Abg. Frhr. v. d. Reck stellt zur Erwägung, ob eS nicht angemessen sei, eine derartige Debatte bei der dritten Etats­beratung möglichst rasch abzubrechen. (Beifall.) Das geschieht.

Abg. Dr. Meyer (Breslau) bemängelt es, daß bet der Auswahl der Zeitungen zu offiziellen Mitteilungen seitens der Behörden nach einseitigen politischen Rücksichten ver­fahren werde.

ES folgt der Etat der landwirtschaftlichen Verwaltung.

Abg. Dirichlet (fortschr.): Bei der letzten ReichS- tagSwahl fei in derNordd. Allg. Ztg." ein Artikel er­schienen, der die Konservattven aufgefordert habe, sich der landwirtschaftlichen Vereine als politischer Handhabe zu be­dienen. Ein derartiges Schauspiel habe sich auch bei der letzten Wahl zum landwirtschaftlichen Zentralverein in Ost­preußen abgespielt, wo die Konservativen durch ihre Agi­tation eine Majorität in ihrem Sinne zurechtgebracht hätten.

Minister Dr. LuctuS: Das landwirtschaftliche Vereins­wesen hat sich autonom entwickelt, und dieser Autonomie gegenüber habe ich, wie auch meine Vorgänger dies gethan, mich stets neutral verhalten. Das Verhältnis des land­wirtschaftlichen Ministeriums zu den landwirtschaftlichen Vereinen ist festgelegt in dem Statut des Landwirtschafts­rats und in dem Regulativ vom 24. April 1878. Dar­nach habe ich lediglich zu prüfen, ob die den landw. Vereinen vom Staate überwiesenen Mittel auch zu landw. Zwecken verwendet werden. Zur Legitimattonsprüfung der landwirt­schaftlichen Wahlen ist allein der Landwirtschaftsrat befugt. Nun erfolgt die Wahl des landwirtschaftlichen Zentral- Veretnö in Ostpreußen, im Gegensatz zu den Organisa­tionen in den anderen Provinzen, nach einem direkten Wahl- moduS nach Art eines Plebiszits. Dies ist auch bei der jüngsten Wahl der Fall gewesen und meine Ermittelungen haben ergeben, daß die dortigen RegierungSbeamten, welche nach dem Labiauer Statut Mitglieder geworden sind, bei der Wahl lediglich als Zuschauer fungierten, aber nicht ab- gestimmt haben. Das Wahlergebnis ist daher lediglich die

wir unS niemals um die Verhältnisse der Katholiken in Brandenburg gekümmert haben? Seine Majestät muß sich um so mehr über diese Rücksichtslosigkeit beklagen, da der Kurfürst von Brandenburg sein Alliierter ist und von ihm Substdien bezieht."

Mit stolzer Ruhe hörte der Kurfürst die Beschuldigungen des Gesandten, ohne ihn zu unterbrechen. Nur um den energischen Mund und um das feste, wie aus Eisen ge­schmiedete Kinn schwebte ein überlegenes, fast verächtliches Lächeln und der Blick seiner Adleraugen streifte den französischen Grafen mit vernichtenden Blitzen.

Wir müssen uns verwundern", entgegnete er mit fester Stimme,daß Seine Majestät, der König von Frankreich an dem AusdruckVerfolgungen" Anstoß nimmt. Bei bestem Willen können wir seine Behandlung der Reformierten nicht anders bezeichnen, wenn man, wie dies geschehen, Kinder den Armen ihrer Ellern entreißt und Grausamkeiten gegen die Kalvinisten begeht, wie sie nicht einmal dir Heiden gegen die ersten Christen verübt haben. Wenn unsere Worte dem Könige hart erscheinen, so klingt die Beschuldigung der Ketzerei, so man sich gegen unsere Glaubensgenossen erlaubt, keineswegs milder, eben so wenig wie der in'den öffentlichen Schriften verteidigte Grundsatz, daß man den Ketzern keine Treue zu halten brauche, wodurch die Reformierten noch schlimmer als Türken und Httden ge­achtet werden. Was die Aufnahme der Hugenottin in unseren Staaten betrifft, so kann es dem König ganz g'eichgiltig sein, ob die Auswanderer sich in Brandenburg v'er in einem andern Lande niederlassen. Wenn Seine Majestät so großen Eifer für seine Religion zeigt, so darf eS ihn nicht überraschen, daß wir desgleichen für die unfrlge haben und das tiefste Mitleid mit jenen Unglücklichen empfinden, die im Grunde kein anderer Vorwurf trifft, a's lediglich ihrem Gewissen zu folgen und ihrer Ueberzeugunz

103 10)1

103

1021

681 76, 97|

104&

991 601

7?1 741

301

99 J 23

1191

67

Hl ii; i; '21 ui 2- ill 12 81 61 71 4 9 0 71 41 3 81 11 9i 6i

hemui- rach der gen Bc- [921

Folge der eigentümlichen Verhältnisse in Ostpreußen, und der Verein ist selbst verantwortlich für dieses Resultat. (Lebhafter Beifall rechts.)

Abg. Freiherr v. Minnigerode: Nach dieser hellen Fackelbeleuchtung der Dinge seitens deS Ministers kann ich mich auf einige sachliche Momente beschranken. Die An­gelegenheit ist lediglich Sache des ostpreußischen Zentral- Vereins. Ich bedauere das Hinetnziehen der Politik in solche Vereine, aber die wirtschaftlichen Fragen des Land­wirts find mit den ProduklionSfragen des Landwirts so eng verwachsen, und die politischen Parteien haben diesen wirtschaftlichen Fragen gegenüber so entschieden Stellung genommen, daß eine Stellungnahme im politischen Sinne auch bet den landwirtschaftlichen Vereinen nicht zu ver­meiden ist. Freilich wollen die Herren von der Linken den großen wirtschaftlichen Umschwung der letzten Jahre nicht anerkennen, aber im Volke bricht sich diese Anschauung immer mehr Bahn, das beweisen die vielen Sitze auf der Rechten. (Sehr gut!) Redner nimmt im übrigen den Generalsekretär des ostpreußtschen Konservativen Wahlvereins gegen die Angriffe DirtchletS in Schutz.

An der weiteren Debatte beteiligen sich noch der Abg. v. Foelkersamb (kons.), der sich unter dem Beifall seiner Freunde wesentlich im Sinne deS Vorredners äußerte, sowie die fortschrittlichen Abgeordneten Quadt und Dr. Hänel.

Zu Kapitel 101 Titel 5 des landwirtschaftlichen Etats liegt folgender Antrag Letocha Dr. Lieber (Mon­tabaur), von Mitgliedern aller Fraktionen (mit Ausnahme der Freikonservativen) unterzeichnet/ vor:

Die Königliche Staatsregierung zu ersuchen:

Den bet den Auseinandersetzungsbehörden (General- Kommissionen) beschäftigten Feldmessern auf deren erst nach Jahr und Tag zur Festsetzung gelangende Ansprüche an die Staatskasse auch für Hilfskräfte, Reisekosten, bare Auslagen u. s. w. von durchschnitt­lich jährlich 7500 Mark angemessene Monatsvor­schüsse leisten zu lassen und demgemäß die bis­her üblichen Vorschüsse von durchschnittlich 250 Mk. monatlich auf durchschnittlich 500 Mk. zu erhöhen." Abg. Dr. Lieber (Montabaur) begründet den Antrag unter namentlichem Hinweis darauf, daß die Feldmesser sehr lange auf Erstattung ihrer Auslagen und Diäten warten müßten, wodurch sehr viele der Wucherei in die Hände fallen.

Regierungs-Kommissar Geh. Rat Sterneberg bittet, den Antrag, wie er vorltegt, abzuiehnen, weil derselbe zu tief in die Details der Verwaltung cingreife.

EN

EL

wrde-

voch, nicht lestri- alien (916

» ihn, ung bt eundltz -Prak, nu.f.k 'ie diiH hlbej. . 2.

-eigen nimmt entgegen: Äbition d. Blattes, , «ie d Annoncen-Bureaux

Berlin, München und Ä- ® L. Daube und £ in Frankfurt a.M., Ain, Hannover u. Pans.

Historische Erzählung von Max Ring.

Zugleich beauftragte der Kurfürst die Herren v. Grumbkow und Schwerin, das betreffende Manifest abzufassen, dessen denkwürdiger Eingang folgendermaßen lautete:Wir Friedrich Wilhelm, von Gottes Gnaden Markgraf zu Brandenburg, des heiligen Römischen Reiches Ertz-Kämmercr und Chur- Fürst zu Preußen, zu Magdeburg, Jülich, Cleve, Berge, Stettin, Pommern, der Cassuben und Wenden, auch in Schlesien, zu Crossen und Jägerndorff Hertzog, Burggraf zu Nürnberg, Fürst zu Halberstadt, Minden und Cammin, Graff zu Hohenzollern, der Marck und Ravensberg, ßr von Ravenstein und der Lande Lauenburg und Bütow, u. s. Thun kund und gebm Männiglichen hiermit zu wissen. Nachdem die harten Verfolgungen und rigoureusen proceduren, womit man wie zetthero in dem Königreich Frankreich wider Unsere der Evangelisch-Reformierten Religion zugethane Glaubens-Genossen verfahren, viel Familien ver­anlasset, ihren Stab zu versetzm, und aus selbigen König­reich hinweg sich in andere Lande zu begeben, daß Wir dannenher aus gerechtem Mitleiden, welches Wir mit solchen Unfern, wegen des heiligen Evangelii und dessen reiner Lehre angefochtenen und bedrängten Glaubens-Genossen billig haben oiüssen, bewogen werden, vermittels dieses von Uns eigenhändig unterschriebenen Edikts denenselben eine sichere und freye retraite in alle Unsere Lande und frovincien in Gnaden zu offeriren, und ihnen daneben kund zu thun, was sür Gerechtigkeiten, Frevheiten und Prärogativen Wir ihnen zu concediren gnädigst gesonnen sehn, umb dadurch die grosse Noth und Trübsal, womit bem Allerhöchsten nach seinem weisen unerforschlichen Rath befallen, einen so ansehnlichen Theil seiner Kirche heimzu- snchen, auf einige Weise zu subleviren und erträglicher

lu machen." , .

Im ferneren Verlauf dieses sogenannten Potsdamer Edikts vom 29. Oktober 1685 entbot der Kurfürst seinen

Rr. 1 llig »e [919

«g von c ist aus

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d. Annoncen-Bureaux Jiigersche Buchhandlung in Frankfurt'a. M.; Hermann- scheBuchhandlung daselbst; Adolf Steiner i.Hamburg; Jnvalidendank in Berlin, Dresden und Leipzig; I. Barck u. Co- in Halle; W. Thienes in Elberfeld.

(end ba tein.

ft, kuft, wnslag« trüber- 0 Sotten

(383

n

zu bet« (851

zu ott«

>g'

i 4.

23.

!ro. 11 cil b. 3 [837

Stellung aSarbeit in wird Exped.

[920

von» Landtag.

Berlin, den 4. März.

58.Plenarsitzung des Abgeordnetenhauses. Haus und Tribünen sind mäßig besetzt.

Am Minist rtische: Vizepräsident deS Staatsministeriums, Minister deS Innern von Puttkamer, Kultusminister Dr. von Goßler, Landwirtschaftsminister Dr. Lucius nd mehrere Regierungskommiflare.

Präsident v. Köller eröffnet die Sitzung um ll1/* Uhr.

Auf der Tagesordnung steht die (gestern abgebrochene) eitere dritte Lesung des Staatshaushaltsetats. Dieselbe wird fortgesetzt beim Etat de»Ministeriums des Innern".

Abg. Dr. Reichensperger (Olpe) bringt soweit er bei der Unruhe im Hause auf der Journalistentribüne verständlich ist daS Gesetz, betr. die Unterbringung ver­wahrloster Kinder zur Sprache.

Abg. v. WierzbinSki (Pole) führt Klage darüber, daß in der Provinz Posen neu entstehende Ortschaften, Niederlassungen und Vorwerke lediglich deutsche Namen erhielten.

Minister deS Innern v. Puttkamer: Eine bezügliche Beschwerdeschrist ist mir bereits zugegangen und wird sorg- fällig geprüft werden. Der Vorredner geht von der un­richtigen Voraussetzung aus, als sei in Preußen die NamenS- beilegung dem einzelnen Besitzer überlassen. Nicht nur dir Behörde, sondern die Oeffentlichkeit hat ein Interesse daran, daß gemeinverständliche Namen gewählt werden, und eS ist preußischer VerwaltunzSgrundsatz, daß dafür die Allerhöchste Genehmigung eingeholt wird. Eine Vermehrung der pol­nischen Ortnamen stehe ich allerdings nicht an , als uner­wünscht zu bezeichnen.

Abg. Dr. Frhr. v. Schorlemer-Alst: Es sei leider neuerdings eingerissen, daß selbst ungerechte RegierungS- beschetse höheren OrtS sanktioniert würden; namentlich sei dies in der Provinz Posen der Fall «ach bem Grundsatz, daß die Oberbehörde die Unterbehörde nicht im Stich lassen dürfe. Ein solcher Fall scheine in der Klage der polnischen Abgeordneten vorzuliegen. Damit säe man Haß, statt Vertrauen.

Abg. Hahn: Der Vorredner hätte sich wahrlich bei der Antwort deS Ministers beruhigen sollen, was sogar der polnische Beschwerdeführer gethan. Die Namensbeilegung erfolgte lediglich unter Zugrundelegung der Frage: wie wird der öffentliche Verkehr sich darnach gestalten? Daß dieser Gesichtspunkt allein maßgebend ist, erhellt aus der That- sache, daß noch im Vorjahre einem polnischen Gutsbesitzer regierungsseitig gestattet wurde, einem neu geschaffenen Gut einen polnischen Namen zu geben.

15 Die Schützlinge des Große« Kursürste«.

/frftbeint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis ifflr das Quartal mit der wöchentlichen Beilage AllustrirteS Sonntagsblatt" durch die Expedition (Ko ch'fche ' Buchdruckerei) bezogen 2>/. Wurf, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg (excl. Bestellgebühr.) - Jnsertionsgebühr für tue gespaltene Zeile 10 Pftz.

Für in der Expedition zu erteilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet.