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XIX. Jahrgang

JUarfiUCfl, Sonntag, 2. März 1884.

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Eine franzöfische Stimme über deutsche Uutverfitäteu.

(Fortsetzung.)

Die Streitigkeiten unter ben Studenten werden am Ende des Semesters, vor der Abreise in die Ferien, geregelt. Die letzten Wochen sind die Blutwochen. Mittwochs und Sonnabends fleht man beim Tagesgrauen Fuhrwerke nach irgend einem benachbarten Dorfe eilen; wenn sie heim- kehren, dann sind die Vorhänge herabgelasien und in ihrem Inneren die Verwundeten geborgen, deren Köpfe in blutiges Leinen gehüllt sind.

ES ist selten, daß bei der gewöhnlichen Mensur daS Leben der Duellanten in Gefahr gerät. Sie sind mit einer stählernen Halsbinde versehen, welche den Hals schützt und vor den A gen tragen st- ein aus Metallfäden hergestellteS Gewebe, welches diese deckt. UebrigenS führen sie niemals das Rapier mit der Spitze nach vorn um den Gegner zu durchbohren, sie lasim es vielmehr weite Kreise in Mannes« höhe beschreiben, um entweder seinen Schädel oder seine Backen zu treffen. Die Nase ist der bedrohteste Punkt, der Streiter schätzt sich glücklich, wenn fle unverletzt bleibt.

So groß auch die Schmarre sein mag so verschroben sind ihre Ansichten die Schmarre ist eine Schönheit, welcher der Student sich rühmt. Er verheimlicht sie nicht, -r trägt sie stolz, sowohl als Zeichen der Tapferkeit, als auch wie ein thatfächlicheS Zeichen, daß er die Schwert- taufe empfangen.

Ueberall findet man Restaurationen in den Universitäts­städten. Die Einwohner scheinen den Profestoren und Studenten vollständig ergeben zu sein und leinen anderen Lebenszweck zu habm, als für ihre Wohnung, ihre Nahmng oder ihr Getränk zu sorgen. Nicht« ist für den Beobachter

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Deutsche« Reich.

Berlin, 29. Febr. DieKreuzztg." schreibt: Auf dem Diner bei dem russischen Botschafter von Saburoff brachte der mit dem Großfürsten Michael hierher gekommene General Gurko folgenden Toast in französischer Sprache aus:Indem ich vermöge de« mir gewordenen Amte« zu einem näheren nachbarlichen Verhältniste zu Preußen ge­treten bin, schlage ich vor, auf die tapfere deutsche Armxe zu trinken, für welche ich von tiefster Achtung erfüllt bin und die ich aufs höchste schätze. Ich danke den würdigen Vertretern dieser tapferen Armee für die liebenswürdige Aufnahme und die wohlwollende Gastfreundschaft, welche uns in diesem Lande verbunden haben. Ich leere dieses Glas auf das Wohl des deutschen Soldaten." General­leutnant v. Boehn erwiderte, gleichfalls in französischer Sprache:Ich trinke auf die tapfere russische Armee und ihre ruhmreichen Vertreter, welche bet dieser Gelegenheit zu uns abgesandt wurden." Mit den in bemerkenswerter Weife sich mehrenden, für Deutschland freundlichen FriedenS- äußerungen von russischer Seite treffen wiederholte hoch- offiziöse Kundgebungen aus Wien in ähnlichem Sinne zu­sammen. Die letzteren werden nicht nur in Paris die unverständige Vorstellung zerstören, als ob flch zwischen Deutschland und Oesterreich irgend etwas geändert habe. Dasselbe gilt, wie ebenfalls in vollkommen zuständiger Weise aus der österreichischen Hauptstadt verlautet und telegraphisch verbreitet wird, von den Beziehungen der deutschen Mächte zu Italien. ES ist eine starke Zumutung klerikaler Zei­tungen, glauben machen zu wollen, Italien habe zu Frank­reich hinübergeschwenkt und Deutschland habe stch deswegen von ihm abgewendet. Die Gewohnheit der Franzosen, mit den BündniSfragen ihr Spiel zu treiben, scheint auf inter­essierte Lager bei unS überzugehen. Kaum sind wenige Wochen seit dem Besuche des Kronprinzen in Italien, sowie am Hofe des Königs Humbert vergangen, und der ganze vielbesprochene, durch amtliche Erklärungen in Rom und Wien seiner Zett bekundete Anschluß an daS deutsch-

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österreichische Bündnis wird ultramontanerseits als be­seitigt und abgethan bargestellt I Es ist offenbar auch nicht der geringste thatsächliche Anhaltspunkt für eine solche voll­kommen unbegrünbete Behauptung vorhanben, die nur trre- führen unb namentlich in Paris neue Täuschungen Hervor­rufen kann. Der bem Bundesrat zugegangene Gesetz­entwurf, betreffend die Bewilligung von Mitteln zu Zwecken der Marincverwaltung, verlangt 18790000 Mark, welche im Wege der Anleihe mittels Schatzanweisungen aufzubringen sind. Die Summe soll verwandt werden zum Bau von siebzig Torpedobooten, einschließlich der dazu gehörigen Ar­mierung, zur Herstellung einer unterseeischen Torpedobatterie an der Ostseeküste, zur Anlage einer elektrischen Beleuchtung auf den Werften von Kiel und Wilhelmshaven, sowie zur Vervollständigung der KriegSbekleidung. Bei dem Minister für landwirtschaftliche Angelegenheiten, Dr. Lucius, fand gestern eine große parlamentarische Abendgesellschaft statt, zu welcher außer den Landtagsabgeordneten auch die Mit­glieder des LandwirtschaftSratS u. s. w. Einladungen erhalten hatten. Von 9 Uhr ab füllten sich die glänzenden Räume d-s MinistergebäudeS. Der Herr Minister und seine Frau Gemahlin begrüßten die Gäste, unter denen man auch den Kriegsminister General Bronsart v. Schellendorff, den Minister v. Bötticher, den Präsidenten des Abgeordneten­hauses v. Köller, ferner Mitglieder sämtlicher Fraktionen des Hauses und manche bekannte Namen aus nicht parla­mentarischen Kreisen, sowie einige Mitglieder der TageSpreffe bemerkte. Die Gesellschaft speiste in dem großen SitzungSsaale des Ministeriums zu Abend und trennte stch nach 11 Uhr. DieNordd. Allg. Ztg." sagt mit Bezugnahme auf die betreffende Auslastung desFigaro" über die LaSkeraffaire, die mit so viel Lärm inscenierte sezesstonisttsch- fortschrittliche Kampagne habe kläglich Fiasko gemacht; der Vorgang, den man zu einer internationalen Kundgebung gegen den Fürsten Bismarck auSbeuten zu können gehofft, habe nur dazu gebient, erneut zu zeigen, baß die Fortschrittspartei und die Cezessionisten recht unklug zu handeln pflegten, wenn sie den Reichskanzler auf dem Gebiete der auswär­tigen Politik, auf dem er ihnen so unendlich überlegen, anzugretfen versuchten, da ihre Ansichten solchenfalls nicht nur von nachsichtigen deutschen Gesinnungsgenossen, son­dern von der ganzen politisierenden Welt kontrolliert wür­den. In der St-uerkommisflon dcS Abgeordnetenhauses zog der Abg. Meyer seinen Antrag, betreffend die Heran­ziehung der Erträge auS vermieteten und verpachteten Grund­stücken zur Kapitalrentensteuer zurück, behielt sich aber vor, den Antrag bei bet zweiten Lesung in anderer Fastung wieder aufzunehmen. Generalsteuerdirektor Burghart, so­wie die Konservativen und das Zentrum hatten den An­trag hauptsächlich aus formellen Gründen bekämpft. Die Kommission wird in nächster Zeit schon in ihrem Personal-

so interessant als diese Räume, in denen die Jugend mit ihren Lehrern jeden Tag einige Stunden zubringt. Man sieht hier alle Typen an stch vorüberzichen; es gibt deren unter den Studenten zwei scharf von einander getrennte: den Genußsüchtigen und den Arbeitenden. Der Erstere, Prahlhans und streitsüchtig, mit kriegerischem Aeußeren, die Backe mit Narben bedeckt, wandert daher, indem er das kleine schirmlose Serevis-Käppchen seiner Verbindung tief in die Augen gedrückt hat und sein Spazierstöckchen in der Luft schwingt. Stets isi er von seinem riesenhaften Hunde begleitet. Der Zweite ist arm, sparsam und fleißig, er kleidet stch ohne Eleganz, trägt lange Haare, läßt den Bart ungepflegt und lebt für einen Frank und fünfzig Centime« den Tag; er erhebt sich sehr früh des Tages, hört fünf oder sechs Kollegien und verdient durch feinen Fleiß der bevorzugte Schüler eines berühmten Lehrer« zu werden. Der Erstere spricht von seinen Abenteuern, seinen Duellen und seinen Gastereien, der Zweite von der Wtstenschaft, von seinen Prüfungen und seinen Träumen.

ES gibt auch zwei Arten von Profestoren. Der eine ist schweigsam, er liest ernst seine Zeitung und leert seinen Schoppen ohne ein Wort zu sagen; der andere setzt, vor einem kleinen Kreis von Schülern, seinen Vortrag über Philologie, die arabische Sprache, da« Altfranzöstsche, Geschichte rc. In den Räumen der Restauration fort. Einige leben zurückgezogen von der Welt in einem abgelegenen Hause, man steht sie jeden Morgen zu derselben Stunde, durch dieselben Straßen zur Universität gehen und abmd« spazieren mtt ihrer Frau am Arm unter den großen gast­freundlichen Bäumen, welche dort gerade für sie gepflegt zu sein scheinen.

So lebte Kant vor einem Jahrhundert in einer keinen Straße Königsberg«.

bestand dadurch Veränderungen erfahren, daß statt der Herren von Benda, Euneccerus und v. Eynern, welche aus der Kommission ausgetreten sind, nationalliberalerseits die Herren Bollert, Vyzen und Seyffardt-Krefeld In die Kom­mission eintreten. Herr von Eynern nimmt einen drei­wöchentlichen Urlaub, da er in Privatangelegenheiten nach seiner Heimat reisen muß. Herr von Benda scheidet aus der Kommission aus, weil er im Reichstag und in seinem Provinziallandtag zu stark in Anspruch genommen sein wird, um noch einen guten Teil seiner Zeit auch der kom- mistarischen Thätigkeit im Abgeordnetenhause widmen zu können. Herr EnnecceruS ist schon seit länger als einer Woche an einem HalSübel ernstlich erkrankt und auf Ur­laub nach feiner Heimat Marburg gegangen. Herr Tannen (Hannoveraner) nimmt nicht den Standpunkt der großen Mehrheit seiner FrakttonSgenosten den Steuergesetzen gegen­über ein, sondern stimmt fast stets mit der Rechten, deren agrarischen und dem Kapital fast feindlichen Tendenzen er nicht fern steht. Der Bericht der RechnungSkommisston über die allgemeinen Rechnungen betreffend den StaatS- hanShalt 1880/81 ist erschienen. Die Kommission bean­tragt, daS Haus der Abgeordneten wolle nachträglich den Etatsüberschreitungen und die außeretatsmäßigen Ausgaben genehmigen, ferner erklären, daß den für die Verwaltung und die Rechnungslegung ter älteren Staatsbahnen maß­gebenden Etatsttteln diejenigen Positionen in den Einnahme- unb Ausgabeübersichten der neuerworbenen Bahnen hin- sichlich der Uebertragbarkeit gleichgestellt werden, welche nach dem Umfange ihrer Zweckbestimmung nicht allzuweit über den Inhalt der analogen Titel bei den älteren Bahnen hinauSgehen; endlich die Eutlastnng der Regierung bezüg­lich des Staatshaushalts 1880/81 u. s. w. aussprechen.

Schleswig, 27. Febr. Unser Provinziäl-Landtag, der bereits seit dem 17. d. M. versammelt ist, hat stch bisher lediglich mit Angelegenheiten beschäftigt, welche über die Provinzialgrenzen hinan» nicht das mindeste Interesse er­wecken würden. Gestern wurde der bisherige Landes- direktor, Klosterpropst v. Ahlefeld, mit allen gegen eine Stimme auf fernere 12 Jahre als solcher wiedergewählt.

Könitz, 29. Febr. Die neue Verhandlung des Pro­zesses wegen des Neustettiner Synagogenbrandes begann heute vormittag vor dem hiestgen Schwurgericht. Der Gerichtshof besteht aus dem Langerichtörat Arndt aus Danzig als Vorsitzenden, bem Landrichter von Kaltenborn und dem Affeffor Dr. Kayser als Beisitzer. Als Vertreter der Staatsanwaltschaft fungiert Staatsanwalt Schlingmann. Die Verteidigung haben übernommen die Justizräte Makower und Scheunemann, sowie die Rechtsanwälte Dr. Sello und Meibauer. Auf der Anklagebank nehmen Hirsch LeS- heim, Hirsch Heidemann, Gustav Heidemann und Leo Lesheim Platz. Ersterer wurde auS der Haft vorgeführt.

Ich glaube nicht, sagt Heinrich Heine, daß die große Uhr der Kathedrale ihre sichtbare Aufgabe mit weniger Leidenschaft und größerer Regelmäßigkeit erfüllt hätte, als ihr Landsmann Emanuel Kaut. Aufstehen, Kaffee trinken, schreiben, seinen Vortrag halten, auf die Promenade gehen, alles hatte seine bestimmte Stunde und die Nachbarn wußten genau, daß eS zwei und ein halb Uhr war, wenn Emanuel Kant, im grauen Anzuge, sein spanisches Rohr in der Hand auS seinem Hause trat und sich nach der kleinen Linven- Allee wandte, welche man gegenwärtig zur Erinnerung an ihn den Philosophengang nennt."

Ein Leben, welche« der Wiffenschaft gewidmet ist, muß von einer fast klösterlichen Regelmäßigkeit sein. Niemand gleicht mehr einem Benediktiner, einem Mönch, al« ein wahrer Gelehrter. Die Wiffenschaft gleicht Gott, dem sie entstammt, sie beschäftigt ausschließlich, sie trennt von allem sonstigen Verkehr diejenigen, welche sie lieben.

Eine« schönen Morgen« belebt stch die Stadt. Alle Häuser haben geflaggt. AuS allen Fenstern hängen Fahnen in den verschiedensten Farben heraus. Der überraschte Fremdling fragt sich, welcher hohe Beamte kommen wird. Geschmückte Wagen fahren im raschen Galopp durch ihre Straßen, indem sie ernste und wie Minister schweigsame Studenten mit stch sortsühren. Es ist das Fest irgend einer Korporation der Universität. An diesem Tage trinkt man, ißt man, singt man, feiert ohne Ende von zehn Uhr morgens bis zum Sonnen-Aufgang des anderen Tage«. Die alten Studenten sind eingeladen. Sie kommen von allen Punkten Deutschlands und während der zwei Festtage steht man alte Graubärte, den Kopf, wie vor zwanzig Jahren, mit dem toten, grünen oder blauen Käppchen bedeckt, fraternisierend mit dem jungen Fuchs. (Fortsetzung folgt.)

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