zum Kaspi - See vor, von dem er prophezeite, daß er die Basis der zukünftigen Operationen fein werde. Beiläufig eroberte er Kamfchatka und den Archipel der Kurilen im Norden von Japan. Katharina II. machte in Asien zwar keine neuen Erwerbungen, aber sie verstärkte die gewonnenen Posttioren und inaugurierte das diplomatische Spiel der Agenten bei den noch freien Grenzstämmen. Paul I. war eben im Begriff eine Expedition auszurüsten, die nach Indien marschieren sollte, um dort mit der Armee Bonapartes, die in Syrien stand, zusammen zu agieren, als ihn die Mörderhand traf, die zugleich seinen kühnen Plan vernichtete. Alexander I. vernachlässigte Asien und ging ganz in europäische Politik auf. Aber Nicolaus L und sein Sohn Alexander IL nahmen die alten Traditionen mit konsequenter Metbode wieder auf. Militärstraßen wurden geschaffen und mit Forts versehen, und eine Reihe von Feldzügen und Verträgen unterwarfen Millionen von Kilometern der russischen Herrschaft. 1858 streckten die Kirghisen die Waffen. 1859 wurde der Kaukasus durch die Niederlage und Gefangennahme Schamyls definitiv in Besitz genommen. 1860 trat China das reiche Amurgebiet ab. 1867 wurde, nach oem Sieg des General Romanoski bei Jrdjar, das Generalgouvernement von Turkestan gegründet. 1873 wurde Khiwa einverlcibt. ES folgte Chokand, Bokhara und die Bucharei, bis endlich Skobcllff durch den blutigen Sturm auf die Tekke-Turkmenen «Feste Gök-Tepe 1881 das Werk der Eroberung krönte. Nun glaubte alle Welt, der russische Siegeslauf würde sich bis zur Grenze von Britisch-Jndten erstrecken, denn die Zustände der Zwischenländer gestatteten freien Vormarsch. Aber merkwürdigerweise wurde von Petersburg aus Halt geboten. Gladstone hatte die Gefahr der neuen Nachbarschaft beschworen, indem eS ihm einen Augenblick lang geglückt war, die Augen deS jungen Zaren Alexander III. von Asten ab auf europäische Jn- triguen hinzulenken. Jedoch bald ist das Kunststück Gladstones elend zu nichte geworden. DaS Kabinett von St. Petersburg hat die englischen Vorschläge zur Einmischung am Balkan definitiv zurückgewiesen und die traditionellen freundschaftlichen Beziehungen zwischen den drei Kaisern sind wieder hergestellt. Gleichzeitig wurde die aktive Politik in Asien wieder ausgenommen und die Einverleibung Merws mitten im Frieden fällt zusammen mit der tiefen Demütigung Englands, dessen Machtlosigkeit und Unfähigkeit sich in Aighanistan, am Cap, in Madagaskar, in Ostasten, in Irland und vor allem am Nil dokumentiert hat.
Ueber die Bedeutung MerwS ist man in England außer allem Zweifel. O'Donovan, der geistreiche Berichterstatter der „Daily News", der vor kurzem mit der Armee deS General Hicks bei Obeid ntedergemacht wurde, hat die besten Jahre seines Lebens in den dortigen Gegenden zugebracht und wird als vorzüglicher Kenner der Zustände
gerühmt. Er schrieb seinerzeit darüber: „An dem Tage, wo die Unabhängigkeit MerwS und seiner Tmkomenen vernichtet sein wird, wird sich ganz Zentralasien an die Seite seines Besiegers stellen.* Der General Rawlison, der das bedeutendste Werk über asiatische Verhältniffe geschrieben hat, nennt Merw die „Königin der Welt*, und der englische Reisende Marvin hat ein epochemachendes Buch berauSgegeben, besten Titel ebenfalls lautet „Merv, the Queen of the World.“ Für Rußl nd ist Merw jetzt die gesicherte Basis für die Operationen in Afghanistan, das unfehlbar in kurzer Zeit in ein die Einverleibung vorbereitendes Vasallenverhältnis treten wird. Ueber die Möglichkeit, große Truppcnmassen nebst deren Verpflegung aus Europa hierher vorzuschieben, wird man aufgeklärt, wenn man einen Blick auf die Karte, in welcher die neu erbauten Straßen verzeichnet sind, wirft. Odessa steht mit dem Hafen und der Festung MichailewSk am KaSpifee durch eine Dampfer-, beziehungsweise Bahnlinie in direkter Verbindung. Von hier aus ist eine Eisenbahn bis Kistl- Aewat, unfruchtbares Terrain durchscheidend, bereits fertiggestellt. Die weitere Fortführung derselben nach ASkabav und SarakhS ist nach dem Plan deö General Annenkoff genommen, und die Strecken nach Herat und Kabul find schon vor zwei Jahren vom Ingenieur Lessar traciert worden. Sarachs ist von Herat nur etwa 320 Kilometer entfernt. Durch die Pässe führen bequeme Straßen in das gut angebaute und keine Terrainschwierigkeiten darbietende Afghanistan. Die Bevölkerung ist in fortwährende Thron» oder Gebietsstreitigkeiten verwickelt, und ein großer Teil von bedrängten StammeSfürsten oder Prätendenten, wie auch die Ackerbauer und Kaufleute ersehnen die Herstellung geordneter Zustände, wie sie in den nördlichen Grenzläneern unter russischem Zepter bereits hergestellt find. Freilich wird dort ein eisernes Regiment geführt und blutige Metzeleien gehen jeder Pacifizierung voraus. ES giebt aber unter den an ewige Raubzüge gewöhnten halbwilden Volksstämmen kein anderes Mittel, die Autorität zur Geltung zu bringen. Skobeleff ließ wiederspenstige TribuS mit Weibern und Kindern vertilgen, und trotzdem oder vielleicht gerade wegen dieser Grausamkeiten, die den türkischen und monologischen Völkerschaften als ein Zeichen der Kraft und Machtstellung imponieren, strömt alles den Russen zu. Fürst Gortschakoff hatte in seinem famosen Zirkular an seine Agenten vom 3. Dezember 1864 die betreffende Instruktion mit den Worten geschlossen: „Die Völker Astens schreiben jeden Rückzug der Schwäche zu; sie respektieren nichts als die sichtbare und handgreifliche Stärke." Englands Ansehen ist deshalb auch vernichtet, seitdem die indobritische Armee durch Ejub so schmähliche Niederlagen erlitten hatte und in schleunigem Rückzüge Afghanistan räumen mußte. Der Volksinstinkt hat die Ueberzeugung von Englands kriegerischer Unfähigkeit überall
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Marburg, Mittwoch, 27. Februar 1884.
XU. Jahrgang.
Erscheint täglich außer an den Werltagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „FllustrirteS SonntagSblatt" durch die Expedition (Ko ch'sche Buchdruckerei) bezogen 2* 1/* Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg (excl. Bestellgebühr.) — Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg.
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Zentralasien unter dem russische« Zepter.
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Auf das stolze Albion bricht Schlag auf Schlag ein schweres Gericht ein. Noch ist die Nation kaum zu n Bewußtsein ihrer moralischen und materiellen Niederlage in Egypten und im Sudan gekommen, die sie nicht einmal zu ^parieren wagt, weil sie unter dem dumpfen Druck von innetn Krisen steht und von dem sich endlich durchbrechenden Gefühl, daß ihre insulare Lage bei der jetzigen Entwicklung der Verkehrs- und KriegSmittel ihre frühere Bedeulung verloren hat, da bringt plötzlich der Telegraph von Aökabad am 1. Februar die lakonische Depesche deS Generalleutnant Komaroff an den Zar, daß sich Merw und die Tekketurkmenen seinem Zepter bedingungslos unterworfen, und daß ihre Khans der vier TribuS und 24 Delegierte im Namen der Bevölkerung bereits den HuldigungS- eid geleistet haben. Damit ist der letzte Teil von Turan oder W st Türkistan in russische Hände übergegangen, und die Grenzen deS russischen Reiches stoßen unmittelbar an Nvrdost-Jran (Afghanistan), dem Lande, wo seit langer Zeit der russische Einfluß mit dem englischen ringt. Turan Ist ein Steppenland, daS einstmals Meeresgrund war; die tieferen Stellen sind noch mit Salzwasser gefüllt und bilden Steppcnfeen, von denen das Kaspische Meer und der Aralsee die be eutendsten sind. Im Nordwesten steht eS in Verbindung mit den osteuropäischen Steppenländern und vermittelte hier Jahrtausende lang die astatische Völkerwanderung nach Europa durch die Lücke zwischen Kaukasus und Ural. Neuerdings haben die Russen eine nähere VerkehrS- straße geschaffen, indem die Eisenbahn von Batum nach Baku durch Georgien die Dampferlinien auf dem Schwarzen und Kaspischen Meere verbindet.
Seit Jahrhunderten strebt die russische Politik gleichsam instinktiv nach Ausdehnung der russischen Herrschaft in Asien. Im Jahre 1581 begann Iwan der Schreckliche den Vormarsch nach dem Osten und eroberte den größeren Teil Sibiriens; seine Nachfolger vervollständigten daS Werk. Peter der Große stellte den Plan für die russische äußere Politik auf, der noch heute maßgebend ist. Er drang bis
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Wieder einer unserer besten Männer auS unserer Mitte geschieden! Nach jahrelangen Leiden, die in eine mehr und mehr zunehmende körperliche Schwäche übergingen, starb am vorigen Sonnabend der vorhinnige Gerichts-Aktuar Ernst Bon 8 6 ro en ft ein. Im Jahre 1861 siedelte derselbe von Rinteln, wo er die glücklichsten Jahre seines Lebens zugebracht hatte, nach Marburg über. Durch die Lauterkeit seiner Gesinnung, durch Treuherzigkeit, Aufrichtigkeit und Herablassung auch zu den Bedürftigsten, erwarb er sich allgemeine Achtung und Liebe in seltenem Grade. Alle, welche in Geschäften mit ihm In Berührung traten, werden des Lobes seiner Redlichkeit und seiner Bereitwilligkeit, mit Rat und That zu helfen, voll sein, alle, welche ihm als Familienglieder, als Bekannte und Freunde nahe standen, erfuhren von ihm eine fHtene Anhänglichkeit, Treue und Herablassung. Mit Fröhlichen konnte er fröhlich fein und mit Trauernden traurig, v. Löwenstein war nicht bloß Edelmann, er war auch ein wahrhaft edler Mann. Im Besitze bedeutender genealogischer Kenntnisse, namentlich der hessischen Familien, war er im stände, manche willkommene Belehrung zu erteilen. Neben diesen Kenntnissen besaß der Verstorbene ein besonderes Interesse für Gartenbau, Obst- unb Blumenzucht und praktische BerufSthätigkeit. Ich unterschreibe gern daS Urteil, welches Löwensteins bester Freund über seine Tüchtigkeit gefällt hat, daß er, ganz besonders in seinen jüngeren Jahren, befähigt gewesen wäre, eine höhere Verwaltungsstelle in dem ehemaligen Staat Kurhessen mit Ehren und mit Nutzen für daS Volk zu bekleiden. Doch es war fern von ihm, sich an Einflußreiche heranzudrängen und seine Tüchtigkeit nach oben geltend zu machen.
Seinem herannahenden Ende sah er mit christlicher Ergebenheit entgegen. Sein Geist blieb ungeschwächt bis die Stunde der Erlösung schlug.
Ave, pia anima! —r.
8 Die Schützlinge des Grotzen Kurfürsten.
Historische Erzählung von Max Ring.
Von frommen Schauern durchrieselt, knieten seine Angehörigen an dem Lager deS Sterbenden im stillen Gebet. Leiser und leiser klang sein Gesang, schwächer und schwächer wurde sein Atem, matter und matter schlug daS Herz in seiner Brust, bis daS Lied verhallte und die verklärt lächelnden Lippen für immer verstummten.
Noch größer als die Trauer um den geliebten Toten war der Schmerz der Familie Roussel über den Streit, der sich um die Beerdigung des Verstorbenen erhob, da die Geistlichkeit den Leichnam für sich beanspruchte und, trotz aller Widerrede seiner Angehörigen, auf obrigkeitlichen Befehl ihn mit allen Ceremonien auf dem katholischen Friedhof bestattete, wobei sämtliche Verwandten gezwungen wurden, dem he kömmlicken Ritus und der Totenfeier beizuwohnen, so sehr sie sich auch dagegen sträubten.
Wenige Tage nach diesem doppelt schm izlichen Begräbnis saß die trauernde Familie in ihrem Landhause, tief betrübt durch ihren Verlust und von schweren Sorgen um die Zukunft erfüllt, da, wie sie sich nicht verschweigen konnten, ihre Lage mit jedem Tage peinlicher und unhaltbarer zu werden drohte.
Selbst der sonst so geduldige und vertrauensselige Goldschmied war durch die letzten Vorgänge auf da» Tiefste erschüttert und auS seiner Ruhe aufgescheucht, so daß er seinen Kummer nicht länger verbergen konnte und zum
ersten Mal in laute Klagen über die unerträglichen Bedrückungen und Verfolgungen auSbrach.
„Bei Goitl" seufzte er tief. „Die Ungerechtigkeit und Bosheit unserer Freunde überschreitet jede« Maß. Solche Gewaltthateu kann der König nicht wollen. Ich werde mich bei ihm beschweren."
„Das wird Dir nichts nützen," erwiderte Raoul, „fetoft wenn eS Dir gelingen sollte, zu ihm zu bringen, was ich bezweifle."
„Ludwig ist nicht grausam —"
„Aber ehrgeizig, und der Ehrgeiz macht ihn unduldsam. AuS Ehrgeiz opfert er Tausende seiner Untertanen auf
dem Schlachtfeld, verfolgt er die Reformierten, um mit dem Ruhm des Eroberer« den Namen eines Wiederhersteller« der katholischen Kirche zu verbinden. Er hält sich für ein auserwähltes Werkzeug der Vorsehung, für einen zweiten Konstantin oder Karl den Großen und seine Schmeichler bestärken ihn in diesem Wahn. Seine Selbstvergötterung verblendet seinen sonst so klaren Verstand und verhärtet sein für bessere und edlere Empfindungen keineswegs unempfängliches Herz. Sein Ich ist feine einzige Gottheit; er glaubt darum der wirkliche, leibhaftige Stellvertreter Gottes auf Erden zu sein, dem das Leben, das Herz und da« Gewissen seiner Untertanen gehört und dessen Befehle göttliche Gebote find. Niemand darf es wagen, ihm zu widersprechen und selbst die Räte und Bischöfe, welche die grausamen Maßregeln gegen die Reformierten mißbilligen, scheuen seine Ungnade oder find von der Fruchtlosigkeit ihrer Vorstellungen überzeugt."
„Gibt eS denn," rief der Goldschmied verzweifelt, „keinen Schutz, keine Hilfe gegen diese himmelschreienden Bedrückungen ? Findet sich unter den vielen protestantischen Königen und