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Marburg, Dienstag, 26. Februar 1884.

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XU. Jahrgang.

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Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „ZllustrtrteS Sonntagsblatt" durch die Expedition (Koch'sche Buchdruaerey bezogen 3*/4 Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg (excl. Bestellgebühr.) — Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfa.

Für in der Expedition zu erteilende Auskunft und Annahme von Adreffen werden 25 Pfg. berechnet

eigen nimmtl entgegen: ^Expedition d. Blattes, .»«ie d Annoncen-Bureaux ^nH-asenst-m und Vogler Xrantfurt a SW-, Ham- [urg Magdeburg u. Wien; «udolf «offe *b 5ran(furt ; an Berlin, München und lüln- G L. Daube und in Frankfurt a. M., g£r[in, Hannover u. PanS.

Anzeigen nimmt entgegen: dikj,Expedition d. Blattes, sowie d. Annoncen-Bureaux Hügersche Buchhandlung in Frankfurt a. M; Hermann- scheBuchhandlung daselbst; Adolf Steiner i. Hamburg; Jnvalidendank in Berlin, Dresden und Leipzig; I. Barck u. Co. in Halle; W. Thienes in Elberfeld.

Auch für den Monat März nehmen alle Postanstalten (auf dem Lande die Landpost- botm) Bestellungen entgegen auf die

Oberhesfische Zeitung

und deren Gratisbeilagen

Illustrierte« Torrn tagSblatt, sowie für die Abonnenten der Kreise Marburg und Kirchhain

Amtlicher Anzeiger

für die Kreise Marburg und Kirchhai«.

vom Landtag.

Berlin, den 23. Februar.

DaS Abgeordnetenhaus erledigte in seiner heu­tigen 53. Plenarsitzung in dritter Beratung den Entwurf einer Kreisot dnung, sowie den Gesetzentwurf, betreffend die Einführung der altländischen Pcovinztaloronung für die Provinz Hannover. Abg. Richter (Hagen) warnte die Hannoveraner vor der Kreisordnung, durch welche ihnen das böse Element der Landräte importiert werde, während die hannoverschen Abgeordneten, mit Ausnahme des Dr. Windthorst, für die Einführung der Kreisordnung ein- Iraten. Dann wurde, nachdem Abg. von Rauchhaupt nochmals die Notwendigkeit des Instituts der Amtsvorsteher (§ 25) betont, die Kreisordnung mit erheblicher Mehrheit angenommen. Gegen die Provinzialordnung sprach zunächst ter fortschrittliche Abg. Dtrichlet, um zugleich einen An­trag Bender zu befürworten, welcher die Wählbarkeit einiger höherer Verwaltungsbeamten in die Provinztalver­tretung beseitigt wissen will. Abg. v. Rauchhaupt trat für einen Antrag Bödiker ein, welcher die Wiederher­stellung der KommtsstonSfaffung der Vorlage bezweckt. Abg. v. L e n t h e (Welfe) beleuchtete in loyaler Weise die han- noverschen Verhältnisse und sprach die Befürchtung aus, daß durch die neue Provinzialordnung die dortige Ritter- fchaft aus der Provtnzialvertretuug verdrängt werde. Minister o. Puttkamer bestritt dies und wandte sich dann vor­zugsweise gegen den Antrag Bender, indem er hervorhob, daß, wenn es sich um eine fortschrittliche Wahl handle, das Volk sortschrittlicherseitS als hoch erleuchtet gepriesen werde, während, wenn es sich um eine konservative Wahl handele, der Fortschritt die Wähler als „unmündige Masse" brand­marke. Hierauf wurde, unter Ablehnung der Anträge Bender und Bödiker, die Regierungsvorlage mit geringer Mehrheit ««genommen.

Präsident v. Köller schlägt alsdann die Vertagung, sowie die Ueberweisung des eingebrachten Nachtragsetats

an die Budget« Kommission vor. DaS Haus ist einver­standen, womit gleichzeitig die erste Lesung des Nachtrags- ctats als erledigt gilt. Der Montag bleibt daher für die Kommissions-Beratung, vor allem für die Budgetkommission frei. Nächste Sitzung: Dienstag 11 Uhr; Tagesordnung: Rest der heutigen und zwei kleinere Vorlagen. Schluß 4 Uhr 10 Minuten.

Deutsche« Reich.

Berlin, 23. Febr. Die „Nordd. Allg. Ztg." schreibt: Die Veröffentlichung der Depesche an Herrn v. Eisendecher über die an den Reichskanzler gestellte Zumuthung, ein Beileide Votum des amerikanischen Repräsentantenhauses an das Präsidium deS Reichstages gelangen zu lassen, hat der regierungsfeindlichen Presse erwünschten Anlaß gegeben, den Fürsten Bismarck anzagreifen; auch haben gewisse Blätter die Gelegenheit nicht vor übergehen laffen, um ein neues Zeugnis für die Niedrigkeit ihrer Gesinnungen abzulegen, indem sie ihre Spalten unwürdigen, gegen den Charakter deS Fürsten Bismarck gerichteten Insinuationen geöffnet haben. Wie wir voraussahen, ist nicht einmal der Versuch gemacht worden, die staatsmännische Haltung deS Reichs­kanzlers in dieser Angelegenheit mit sachlichen Gründen zu widerlegen. Dagegen hat man auf sezesstonistisch - fort­schrittlicher Seite die alte Kampfweise wieder ausgenommen un eine unhaltbare Situation dadurch zu retten versucht, daß man, anstatt von der Sache zu sprechen, die einzig in Frage kam, die Person des Fürsten Bismarck in die Dis­kussion gezogen hat, um diese in bekannter Weise zu ver­dächtigen und der politischen Aktion des deutschen Reichs­kanzlers persönliche Motive kleinlichster Art unterzuschieben. Solche Verdächtigungen, welche deren Urheber zu eben­bürtigen Mitarbeitern an gewissen Schmähschriften machen, die im Auslande über Deutschland tm allgemeinen und über den Fürsten Bismarck tm besonderen veröffentlicht wer­den, bedürfen keiner Widerlegung Sie sind bereits gerichtet. Dagegen wollen wir nicht unerwähnt lassen, daß selbst das leitende Organ der sezcsstonistischen Partei, die „Nat.-Ztg.", nicht umhin gekonnt hat, anzuerkennen, der Erlaß an Herrn von Eisendecher „nehme dem Vorgang für das Repräsen­tantenhaus und das Volk der Vereinigten Staaten jeden Stachel, da durch die Motivierung das Ganze zu einer An­gelegenheit der inneren deutschen Politik gemacht werde". Man konnte in der That, selbst im regierungsfeindlichen Lager, unmöglich die Behauptung aufstellen, daß der Er­laß nicht im rücksichtsvollsten Tone abgefaßt sei. Derselbe enthält nicht einmal eine Kritik darüber, daß man eS unternommen hatte, dem leitenden Minister einer fremden Regierung die amtliche Verherrlichung eines Führers der Opposition zuzumuten. Offenbar hat man sich hier bei

der Abfassung jenes Schriftstückes von dem Gedanken leiten lassen, daß in Amerika die Stellung deS Abgeordneten Lasker und seiner sezessiontstischen Fraktion gar nicht be­kannt sei, und das große Publikum der Vereinigten Staaten sowie die Mehrheit der dortigen Abgeordneten von Herrn LaSker nicht viel mehr wiffe, als die Mehrheit des deut­schen Publikums bezüglich derjenigen amerikanischen Volks­vertreter wiffen wird, deren Bedeutung in Amerika etwa auf demselben Niveau steht, wie die Laskers in Deutsch, land war. Danach wird man wohl auch nicht fehlgehen, wenn man sich den Vorgang etwa so denkt, daß Mr. Ochiltre durch direkte oder indirekte Beeinflussung der hie­sigen Parteigenossen des Herrn LaSker bewogen worden ist, seinen Antrag einzubringen, und daß das Repräsen- tantenhaus in keiner andern Absicht, alS der, dem be­freundeten Deutschland etwas angenehmes zu sagen, ohne die Stellung des Abgeordneten Lasker zur preußische« und deutschen Regierung zu kennen, den Antrag angenommen hat. Eine bewußte Absicht der Verherrlichung deutscher regierungsfeindlicher Bestrebungen und Partetmänner ist nicht in den Kreisen amerikanischer Abgeordneten, sondern nur in denen deutscher Parteigenossen der sezesstonistisch-fortschritt- lichen Färbung zu suchen. Da glauben wir allerdings an eine lang angelegte und sorgfältig erwogene Sache um so mehr, als zu den Leitern der sezesstonistischen Fraktion Per­sönlichkeiten gehören, deren intime Beziehungen zu ameri­kanischen Gestnnungsgenoffen die Ausführung des sinnreichen Vorhabens erheblich erleichtern mußten. Diese haben augen­scheinlich die Sache in Szene gesetzt, um auf indirektem Wege die deutsche oder preußische Regierung, wider ihren Willen vor den sezessionistischen Parteiwagen etnzuspannen. Sie sind die Jntestaterben des politischen Kapitals, welches der Abgeordnete Lasker etwa hinterlassen hat. Dasselbe durch eine Art Börsenkoup noch nach Lasker- Tod zu steigern, ist eine Berechnung, die man, um sich eines amerikanischen Ausdrucks zu bedienen, als „smart“ bezeichnen kann; nur hätte man dabei nicht vorauSsctzen sollen, daß der Reichskanzler die ihm zugedachte Rolle bereitwillig übernehmen würde. Unserer Ansicht nach war die Regierung vom Standpunkt der deutschen Politik gar nicht in der Möglichkeit, sich an jener Aus­beutung des Laskerschen Todesfalles im Parteiintereffe zu beteiligen, zu der die FraktionSgenoffeu des Verstorbenen ihre Stellung gemißbraucht haben. — Daß die „Times", ihrer sonstigen antideutschen Tradition entsprechend, diesen Vorgang benutzt, um daS amerikanische Selbstgefühl gegen Deutschland aufzuregen, wundert uns nicht, seitdem dieses große Blatt seine Deutschfeindlichkett durch die bekannten Hetzereien zwischen Deutschland und Frankreich hinreichend gekennzeichnet hat. Auffallend ist nur, daß der Berliner Korrespondent deS Blattes in dem betreffenden Artikel sagt.

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Die Schützlinge des Grotzeu Kurfürsten.

Historische Erzählung von Max Ring.

**mmen, um die Seele des Kranken, so lang r- «och Zeit V, zu retten und ihn vor seinem Tode mit den Tröstungen

„Um so mehr sind wir verpflichtet, alles zu thun, was unserer Macht steht, um den Verirrten zu bekehren und *9«. in den Schooß der allein selig machenden Kirche zurück- Whren."

„Dazu habt Ihr kein Recht," versetzte der empörte

Eines Abends, als die ganze Familie bekümmert an dem Lager des vor Schwäche fast bewußtlosen Greises saß, "schien plötzlich in der Thür des Krankenzimmers der Syndikus in Begleitung mehrerer Beamten und eines durch feinen fanatischen Eifer bekannten katholischen Geistlichen in dollem Ornat, besten befremdender Besuch den Goldschmied ««willkürlich mit bangen Ahnungen erfüllte und erschreckte.

Dessenungeachtet ging er den unerwarteten Gästen höflich «»gegen und ersuchte sie näher zu treten, in dem Glauben, d«ß es sich um irgend eine allgemeine Maßregel des Inten­danten oder um eine städtische Angelegenheit handeln dürfte, denn er sich auch die Anwesenheit deS katholischen Priesters i« einem so feierlichen Aufzuge nicht zu erklären vermochte, „Darf ich fragen," sagte er, nachdem er sie begrüßt, >vas mir zu so später Stunde die Ehre verschafft und was die Herren zu mir führt? Zugleich möchte ich Euch ersuchen, denn Ihr mir eine Mitteilung zu machm habt, mit mir i« das anstoßende Gemach zu treten, da, wie Ihr seht, hier di« Kranker liegt, welcher der Ruhr und Schonung bedarf."

„Eben deshalb," «widerte der Syndikus, „sind wir ge-

„Wie Ihr wißt," entgegnete der Goldschmied, nur mit , diühe seinen Unwillen beherrschend, „ist mein Bat« Kalvinist, ß '’n treuer Anhänger der neuen Lehre."

u für Kü nnfeter heiligen Religion zu versehen, auf Ost' oem? ist

Goldschmied, „und ich kann nicht zugeben, daß Ihr die letzten Stunden meines Vaters durch Eure nutzlosen Be­kehrungsversuche stört. Darum muß ich Euch dringend bitten, mein Haus zu verlasten."

„Und wenn Ihr nicht gutwillig geht," fügte Raoul mit drohend aufgehobenem Arm hinzu, „so bleibt uns nichts übrig, als unser Hausrecht zu brauchen und den unge­betenen Gästen die Thür zu weisen."

„Nehmt Euch in acht," junger Mann I" rief d« Syndikus höhnisch lächelnd. „Es könnte Euch schlecht bekommen, wenn Ihr Euch an der hohen Obrigkeit vergreift, die hier im Namen des Königs steht, um seine Befehle auSzuführen. Wie das kürzlich erlastene Gesetz verordnet, sollen alle kranken Reformierten ernstlich belehrt und ermahnt werden, ihren falschen Glauben abzuschwören und das heilige Sakrament zu nehmen, wenn sie ihre Ketzerei bereuen, was nur ein neuer Beweis für die unendliche Güte und Gnade unseres großen Königs ist. Wer sich aber weigert od« gar die Erfüllung dieser heiligen Pflicht mit Gewalt zu hindern sucht, setzt sich den schw«sten LeibeS- und Geld­strafen aus, wonach Ihr Euch zu richten habt."

Zähneknirschend vor Wut, aber dem Gesetz gehorchend, mußten der Goldschmied und Raoul ruhig zusehen, wie der von dem Syndikus begleitete Geistliche an das Lager deS ohnmächtigen Kranken trat und denselben mit salbungsvollen Worten aufforderte, seinen falschen Glauben abzuschwören, indem er ihm zugleich in den grellsten Farben die furcht­baren, ihn erwartenden Höllenstrafen auSmalte, wen« er in seinen Ketzereien beharren und sich nicht bekehren wollte.

Da der unglückliche Greis zu schwach und apathisch war, um zu widersprechen und ihm augenscheinlich jedes VnständniS für die Reden des fanatischen Priesters fehlte, so nahm dieser sein erzwungenes Schweigen für ein Zeichen der Beistimmung und der Reue, worauf der Geistliche dem

besinnungslosen und unzurechnungsfähigen Kranken feierlich die Absolution erteilte und ihn zum Entsetzen der bestürzten und empörten Familie für einen guten Katholiken erklärte.

- Erst nachdem sich der Syndikus mit seinen Begleitern entfernt hatte, kehrte das Bewußtsein deS sterbenden Patriarchen zurück, wie dies nicht selten bei schweren Kranken kurz vor dem Tode zu geschehen pflegt. Mit wunderbarer Kraft richtete er sich ohne Unterstützung von seinem Lager auf und mit lauter, überirdisch klingenden Stimme sang er nach einer alten, ergreifenden Melodie den Psalmen Davids: „Herr, ich traue auf Dich; laß mich nimmer zu Schanden werden. — Errette mich durch Deine Gerechtigkeit und hilf mir aus; neige Deine Ohren zu mir und hilf mir. — Sei mir ein starker Hort, dahin ich immer fliehen möge, der Du mir zugesagt hast, mir zu helfen; denn Du bist mein Fels und meine Burg. — Mein Gott, hilf mir aus der Hand der Gottlosen, aus der Hand der Ungerechten und Tyrannen. — Denn Du bist meine Hoffnung, Herr, Herr, meine Hoffnung von meiner Jugend an. — Auf Dich habe ich mich verlaffen von Mutterleib an, Du hast mich aus mein« Mutt« Schooß gezogen. Mein Ruhm ist immer von Dir. — Ich bin vor vielen ein Wunder, aber Du bist meine starke Zuversicht. — Laß meinen Mund Deines Ruhures und Preises voll sein täglich. — Verwirf mich nicht in meinem Alter, verlaß mich nicht, wenn ich schwach »erbe —"

Immer lauter und kräftiger tönte die Stimme des Sterbenden; seine eingefallenen Augen leuchteten wie die Sterne HeS Himmels und auf seinem bleichen, abgezehrten Gesicht ruhte der Abglanz der Ewigkeit, während die unter- gehende Sonne mit einer Strahlenglorie da« silberweiße Haupt des scheidenden Patriarchen zu krönen schien.

(Fortsetzung folgt.)