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Marburg, Dienstag, 12. Februar 1884.
XIX. Jahrgang.
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bewilligen sollen, so meine ich, daß die Kirche auch ihr Recht geltend zu machen hat. (Sehr wahr! rechts.) In Sachsen z. B. sind 620000 Mark für derartige EntschL- tigungen im Etat festgesetzt, und ich denke: waS Sachsen kann, das wird Preußen auch können. ES liegt im höchsten Staatöinterefse, diesen Wünschen der Kirche entgegen zu kommen! (Lebhafter Beifall rechts und im Zentrum.)
Abg. Dr. Windthorst hat den Antrag mit Genugtuung begrüßt, ebenso wie die bezüglichen Ausführungen de« Antragstellers und des Abg. Stöcker. Er knüpft hieran die Hoffnung, daß die Herren Vorredner bei Beratung des Antrages wegen Aushebung des sogen. Sperrgesetzes ebenso warm dafür eintreten, daß auch die katholischen Geistlichen so gestellt werden, um mit Freudigkeit ihres Berufes warten zu können. (Lebhafte Zustimmung im Zentrum.) Wenn ich für Dotation der evangelischen Geistlichkeit stimme, so verlange ich dasselbe auch sür die katholische. Angesichts der mancherlei Schwierigkeiten der Frage empfehle ich die kommissarische Beratung des Antrags. (Beifall im Zentrum.)
Abg. Dr. 8rfiel beantragt die Ueberweisung des Antrags v. Bitter zur Vorberatung an diejenige Kommission (15), welche das Ministerialrcskript, betreffend die Gemeinde- Kirchenlasten, zu prüfen hat.
Abg. v. Rauchhaupt schließt sich namens der Konservativen diesem Anträge an unter Hinweis auf § 27 der Geschäftsordnung. — Darauf wird der Antrag Brüel angenommen.
Es folgt Kap. 125 „Medizinalwesen".
Abg. Dr. Graf (Elberfeld): Von der erfreulichen Erhöhung des Etats des Kultusministeriums im allgemeinen hat leider die vorliegende Position am wenigsten profitiert. Die GehaltSverhältniffe der Medtzinalbeamten bedürfen dringend der Regelung und Aufbefferung; überhaupt ist eine Organisation des gesamten Gesundheitswesen« in Preußen notwendig. Mit der Gewerbefreiheit im Jahre 1869 ist auch die Kurierfreiheit eingeführt worden, welche den ärztlichen Stand schwer schädigt. Redner betont die Notwendigkeit von Aerzte - Kammern, und bittet schließlich den Minister, seinen Einfluß bei der Reichsregierung geltend zu machen zur Herbeiführung einer Acrzteordnung und zur gesetzlichen Regelung der vorgeführten Mißstände. (Beifall.)
Abg. Dr. Freiherr v. Heere man beklagt in längerer Rede, daß den katholischen Ordensschwestern, welche den schweren Beruf der Krankenpflege sich zur Lebensaufgabe gemacht, noch immer nicht die Möglichkeit gegeben sei, zu ihrer segensreichen Thätigkeit zurückzukehren. AIS ich im Vorjahre diese Angelegenheit berührte, hat der Minister die Aeußerung gethan, er habe mich mit Geduld angehört. Dies beweist mir, daß der Minister selbst im Innern von der Trostlosigkeit jenes Ausnahmezustandes überzeugt ist. Gegen wen richtet sich nun da« sogenannte OrdenSgesctz?
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vom Landtag.
Berlin, den 9. Februar.
45. Plenarsitzung des Abgeordnetenhauses. HauS „nb Tribünen sind mäßig besetzt.
Am Minister tische: Kultusminister Dr. v. Goßler, Mnsterial'Direktor Greiff und mehrere Regierungs Kom-
Augeu der Seele.
Novelle von Wilhelm Jensen.
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und stieß auS: „Wenn nun nicht Du sie betrogen hättest, sondern sie Dich — ?"
Er fuhr auf. „Womit? Was soll das heißen?"
Mir kam erst jetzt die Besinnung — war das Heilmittel nicht vielleicht gefährlicher als das Uebel? Und doch, eS gab kein zweites — eine Sekunde zauderte ich noch, das Herz schlug mir zu heftig — dann entgegnete ich langsam: „Wenn etwa dieselbe Krankheit, die Dich erblinden ließ, auch ihr etwas geraubt hätte — nicht die Augen, doch die zauberische Schönheit, welche vorher die Augen an ihr entzückt — so daß jetzt der Blick der Menschen sich eher von ihrem Gesicht abwendete, weil die unschöne Entstellung desielben ihn schmerzlich und erschreckend berührte —•?"
Ich stockte und sah ängstlich auf die seltsame Veränderung in den Zügen des Blinden. Er atmete mühsam und schien unbeweglich noch auf den Klang der verhallten Worte zu horchen. Dann murmelte er, wie abwefenden Geistes: „WaS sagtest Du? Wenn das wäre?"
„ES ist so, Wilprecht — nur Du weißt cs nicht."
Ich erschrak, denn er flog mit einem Sprunge vom Sitz empor. „Was ist?"
„Daß Deine ElSbet alles besitzt, waS einem Weibe Schönstes verliehen sein kann, nur eines nicht mehr, was sie ehemals besaß. Sie hat es in jener Krankheit so verloren, daß sie keine Liebe zwischen Mann und Weib entstehen zu laffen vermag — wenn der Mann Augen hat, um sie zu sehen."
Ich konnte nicht mehr zurück und hatte jetzt schnell gesprochen, eS mochte geschehen, waS wollte. Wie mit eisernem Gr:ff hielt Wilprecht Fernblick meine Hand umklammert und sprach schwerzungig »ach: „Daß sie keine Liebe zwischen Mann und Weib entstehen zu lösten vermag? Sprichst Du wahr? Wie kannst Du'S kundchun?"
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- - Präsidentv.Köller eröffnet die Sitzung um 10'/«Mr. icke Auf der Tagesordnung steht die Fortsetzung der zweiten gtIatung des KultuSetats.
Bon dem Kap. 124 „Kultus und Unterricht gemein- <gm« erübrigt nur noch die Beratung des letzten Titels /yt. 18): „Zur Entschädigung der Geistlichen und Kirchen- samten rc. 888819 Mk.". Hierzu liegt ein Antrag des Ria. v. Bitter u. Gen. vor:
Dem Kap. 124, Tit. 18 folgenden Zusatz zu geben: _v.. .Ersparnisse auS diesem Fonds können zur Beihilfe an .eborenU selche Geistlichen und Kirchenbeamten, sowie jüdische Reli- ,, -jonsdiener, bezw. Kirchengemeinden, welchen ein Anspruch aus Ersatz für den Ausfall von Stolgebühren nicht zusteht, mwendct werden."
Abg. Dr. v. Bitter begründet ausführlich seinen Antrag als eine Forderung der Billigkeit, wenn anders man die Berechtigung desselben auS § 54 des Gesetzes vom 9. März 1874 nicht ane> kennen wolle. Denn ganz abgesehen von der rein gesetzlichen Verpflichtung müffe der Staat auch sür Entschädigung derjenigen sorgen, welche durch zufällige Verhältniffe dieselbe Einbuße zu erleiden haben. (Beifall rechts.)
Kultusminister Dr. von Goßler erklärt die AuSfüh- ______mngen des Vorredners als ein leichtes Rezept, bei deffen cbtnur«! Anwendung jedoch die Staatsregierung mit den thatfäch- -' restim lichen Verhältnissen rechnen müffe. Eine Entscheidung über ■ die Entschädigungsfrage sei innerhalb der Staatsregierung lf noch nicht erfolgt, und es werde nach dieser Richtung auch
1 - erst dann ein Beschluß erfolgen, wenn die Stellungnahme
des Abgeordnetenhauses hierzu klar vorliegt.
Abg. Stöcker erklärt namens der Konservativen deren lebhafte Zustimmung zu dem vorliegenden Antrag. Wir wünschen von Herzen, daß die schweren Wunden, welche die Mstandsgesetzgebung auch auf materiellem Gebiete der Kirche zugefügt, nach Möglichkeit wieder gut gemacht werden. Hierzu ist der Staat durchaus verpflichtet, und wenn er die gesetzliche Verpflichtung ablehnt, so hat er die moralische. (Sehr wahr! rechts.) Leider liegt die Sache heute Io, daß, je treuer ein Geistlicher in Ueberwindung jener Verhältnisse ist, je erfolgreicher die Kirche jenen Schäden begegnet, desto schlechter die staatliche Anerkennung auöfällt. Was die Summe betrifft, so kann sie unseren Wünschen schwerlich entgegenstehen, denn eS handelt sich nur um ‘/2 Million Mark. Wenn wir Millionen für Kunstzwecke
Doch er fiel mir mit der leidenschaftlichen Heftigkeit einer herzzerreißenden, unumstößlichen Erkenntnis in« Wort: »Woher? Kann c« denn ander« fein? Ist« denn nicht ewiges Recht der Natur, da« ich frevelhaft gebrochen? De« Weibes Schönheit begehrt nach dem Auge, da« sie bewundert, und meine« ist tot, gewahrt ihr blühendes Leben nicht. Sie hat es nicht bedacht, als sie sich opferte, hat g'meirt, es zu können. Aber sie ist jung, und es kam ein Anderer — selbst auch schön, Du hast eS gesagt — ein Sehender! Er kam jeden Tag und sah den wundersamen Zauber ihres Antlitzes, und seine Augen sprachen, daß er ßr bewundert, liebt — sie kann nicht ander« — ihr Herz »aß klagen, schreien, daß ick sie betrogen."
Er warf sich auf das Sopha nieder und bedeckte sein schluchzende« Gesicht mit den Händen. Ich stand einige Augenblicke faffungSlo« vor diesem unglaublichen Irrwahn Inner Eifersucht auf Ernst Heerwag, die der Mangel seiner Sinne geweckt und zu einem Riesenphantom aufgenährt. Aach häufiger Art solcher beklagenswerter Stiefkinder der v , Stoßen Lebensmutter, war ihm aus feinem Mißgeschick Miß- zu trauen an sich selbst und nach außen erwachsen, seine Blind- heil hatte ihm daö Ohr geschärft, Dinge zu wähnen, zu "«nehmen, die nicht waren; von seiner brütenden Phantasie
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Gegen die edle Weiblichkeit, welche ihr Leben, ohne irdischen Lohn zu beanspruchen, den Werken der Barmherzigkeit auf« opfert. (Lebhafte Zustimmung im Zentrum.) Ich will dem Minister nicht zu nahe treten, ich bin fern von jeder Animosität gegen ihn. Aber ich muß ihn doch auf die Ausführungsmaßregeln Hinweisen, mit welchen jenes Gesetz durchgeführt wird. Damit schädigt ter Staat sich selbst am meisten. Denn der Staat beruht nicht auf der äußerlichen Macht, sondern auf einer von Gott eingesetzten Obrigkeit, und darin liegt der hohe, ethische Grundbegriff des Staats. Diese ethischen Gesichtspunkte bilden die Unterlage des Staate« wie der Wirksamkeit der Regierung. Durch Aufgabe dieser Gesichtspunkte finkt der Staat von seiner Höhe unendlich herab (sehr wahr im Zentrum), und nicht« wirkt verderblicher als dies. Ich habe mich aufrichtig gefreut, als ick vorhin den Kollegen Stöcker die „moralische" Pflicht des Staates betonen hörte. Nun, so helfen Sie (zur Rechten), daß der Staat auch uns gegenüber dieser seiner moralischen Verpflichtung nachkomme! (Lebhaftes Bravo! im Zentrum und bet den Polen.)
Abg. Dr. v. S t a b l e w S k i unterstützt die Ausführungen des Vorredners und verweist auf die chikanöse Behandlnng des Mutterhauses der barmherzigen Schwestern in Kulm. Dasselbe habe sich unter dem Ministerium Falk einer relativen Ruhe erfreut; die Aufhebung diese« friedlichen Zustande« sei dem jetzigen Regime Vorbehalten gewesen. Es sei eine völlige Drangsalierung eingetreten, weil man den Verdacht hegte, daß unter dem dienenden Personal jener Anstalt sich Ordens-Aspirantinnen befänden. Ein wahrhaft christlicher Staat muß solchen Zuständen ein Ende machen. (Bravo! bei den Polen und im Zentrum.)
Abg. Dr. Virchow will die konfessionelle Krankenpflege überleiten in eine bürgerliche, auf der großen Basis der Humanität überhaupt. Die charitas sei eine allgemein menschliche Tugend und nicht in Erbpacht der katholischen Kirche, welche damit lediglich Propaganda mache. (Lebhafter Widerspruch im Zentrum, und Rufe „Beweise!") Man habe von dieser Seite heute einen förmlichen orthodoxen Sturmlauf geaen den Minister organisiert. Daß die Krankenpflege mit der Konfession nicht« zu thnn habe, beweise da« Beispiel Englands, wo mehr geleistet werde, als jemals von katholischen Orden geleistet sei. UebrigenS frage man ja auch bet dem Arzte nicht nach der Konfession, sondern nach deffen Tüchtigkeit und Gewifsen- hastigkeit. Die Organisation des Medizinalwesens betreffend, wünscht Redner dieselbe auf freien Prinzipien durchgeführt, nicht alS Bcamtenstand oder Zunft. (Beifall links.)
Kultusminister Dr. v. Goßler ist bezüglich der idealen Auffaffung des Staatsbegriffs dnrchauS einverstanden mit dem Abgeordneten v. Hecreman. Derselbe habe jedoch bei
Fast ohne Wissen entfuhr es mir: „Erinnerst Du Dich, daß ich beim Abschied Dich bat, sie küssen zu dürfen — ich konnte mich kaum überwinden, die Augen nicht dabei z> schließen."
Ich wußte nicht, ob ich Gutes oder noch UeblereS vollbracht, denn er schwankte auf den Füßen, griff nach einer Stütze hinter sich unb stand reglos mit weiß erblaßtem Gesicht. Aber plötzlich brach ein jauchzender Schrei aus feiner Brust: „Ich Glücklicher habe ja keine Augen!" und er stürzte auf die Thür zu und rief: „ElSbet — ElSbet!"
Sie kam, von dem sonderbaren, ihr fremd gewordenen Ton seiner Stimme hastig herbeigezogen. „WaS hast Du, Wilprecht?" fragte sie unsicher.
„ElSbet — ist eS wahr?" Er hielt mit zitternden Händen ihre Schultern gefaßt — „bist Du nur für mich so schön?"
Ihr Blick suchte, ungewiß und unruhvoll fragend, meine Augen, ich nickte ihr rasch, bejahende Antwort zu geben. Stockend sagte sie leise: „Vergib mir, daß ichS verschwieg — ich thats nicht um meinetwillen —*
Er entgegnete nichts, sondern zog sie, von der Aufregung krafterschöpft, mit sich an den verlassenen Sophasitz; dort hielt er stumm ihren Kopf an sich gedrückt, nur seine Hand glitt leise tastend über ihr Gesicht. Ein traumhaft wunderseliger Ausdruck überhellte mehr und mehr seine Züge zu tiefem Frieden. „Vergib Du mir!" hauchte er ihr an« Ohr und schwieg wieder. Dann ging ihm ein Lächeln um die Lippen, und er sagte: „Ich weiß, daß Ihr Wahrheit nach Eurer Meinung gesprochen, aber mich betrügt Ihr nicht. Eure Augen alle find blind, ich allein sehe Dich, wie Du bist, meine ElSbet, und trage Dein wirkliche« Bild in mir — hier — bi« ans Ende." tSchluß folgt.)
.AMtrafl* in8 Ungeheuere vergrößert, reifte ihm die Einbildung zur unerschütterlichen Gewißheit. Ich fühlte, die Ueberzeugung, Mi er ein schwere« Unrecht begangen und die- nur durch 9li$ ^eigkbung ElsbrtS gut machen könne, war nicht auS seiner c.t>* Seel, zu reißen.
»on OrlM Da durchzuckte mich ein jäher Gedanke, blendend, so Ntwvlbereitet, daß er, ehe ich ihn erwogen, mir schon von | ha Lippen entflog. Ich hatte Wilprecht« Hand gefaßt
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öffim z«m Ile Be«. östcr.