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Marburg, Sonntag, 10. Februar 1884
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Auge« der Seele.
Novelle von Wilhelm Jensen.
Nach einer halben Stunde etwa kam Frau Elsbet, der erste Blick kündete, daß ihre Entbindung nicht mehr lange bevorstehe. Sie wußte nicht von meiner Ankunft, erschrak ein wenig, begrüßte mich dann jedoch unbefangen und setzte fid; zu uns. Mit ihr allein zu reden, fand ich keine Ge- iegeicheit, nur unsere Augen tauschten ab und zu stunme Sprache aus. Auch das Benehuien WilprechtS gegen sie
thode zur Aufnahme der BaudmkmLler mit Erfolg aru wendet. Diese Aufnahmen müssen indes möglichst be« schleunigt werden, da infolge der administrativen Schwierigkeiten bei solchen Mesiungen Gefahr im Verzüge ist. Allein ich wünsche nicht nur solche Aufnahmen, sondern auch die Beschaffung von Fonds zur Erhaltung der nationalen Baudenkmäler: das ist eine Ehrenfrage für die Nation 1 (Bravo I)
Kultusminister Dr. v. Goßler: Die Ausführungen des Vorredners haben mich durchaus sympathisch berührt. Wenn ich den gewünschten Gesetzentwurf noch nicht vorlegen konnte, so liegt dies in den Schwierigkeiten der Materie selbst, die indes überwunden werden müssen. Die materielle Seite betreffend sind seit 1875 die vorzugSweisrn Mittel fast erschöpft. Indes werde ich eingehend erwägen, wie die Mittel zur Abhilfe dauernd heranzuziehen sind, andererseits werde ich auch Se. Majestät den König um gnadenweise Verfügungstellung bezüglicher Mittel bitten. Mit dem erwähnten Architekten Meidenbauer steht die Regierung seit geraumer Zeit in Verbindung und hat ihm wiederholt Urlaub erteilt — er ist Kreisbaubeamter — zur Ausführung seiner photogrammctrischen Aufnahmen.
Abg. v. Gerl ach bittet um Erhaltung dcS in Zerfall geratenen Domes von Walbeck in der einstigen Nordmark. Dieses Baudenkmal, aus ältester Zeit stammend, wurde später unter weiland König Jerome von Westfalen säkularisiert. Dann zerfiel cS mehr und mehr: im Kapitelsaale ist jetzt eine Nagelschmiede eingerichtet, im übrigen wird das Gebäude als ^Armenhaus benutzt. Hier ist dringend Abhilfe nötig. (Bravo rechts.)
Nach kurze» Bemerkungen der Abgeordneten v. Eyne rn und Dr. Se elig wird auch dieser Titel bewilligt.
ES filgt Titel 37 „Akademie der Künste in Berlin und die mit derselben verbundenen Institute/
Abg. Löwe-Berlin: Die Bedürfnisfrage eines neuen Akademie-Gebäudes ist bereits im Vorjahre im Haufe anerkannt wordm; es handelt sich nur um den Bauplatz. Die vorläufig regierungsseitig geplante Verlegung der Akademie nach Charlottenburg würde gleichbedeutend mit dem Ruin der Akademie sein. AlS die geeignetsten Plätze erscheinen der Lützow - Platz und der gegenwärtig für daS neue LandtagSgebäude in Aussicht genommene.
Abg. v. Benda: Nach meiner Ansicht ist das HauS nicht in der Lage, sich für den einen oder anderen Bauplatz zu engagieren. (Zustimmung.) Warten wir eS ab, bis auS der Künstlerschaft heraus unS eine bestimmte Erklärung darüber vorliegt. (Beifall.)
Ministerialdirektor Griff erklärt namens des dienstlich ferngehaitenen Ministers, daß er sich vorläufig nur über die bezüglichen Verhandlungen äußern könne. Der Lützowplatz ist ungeeignet, da, abgesehen von der Int akademischen Senate darüber herrschenden Meinungsverschiedenheit, jener Platz von vornherein als freier Platz im städti-
Doch auch der folgende Tag brachte mir keinerlei Aufhellung. Wilprecht suchte mir offenbar beflissentlich seine tiefe Schwermut zu verhehlen, trotzdem empfand ich an jedem Wort, daß ihm im Innern etwas an der Wurzel seines HerzenSglückeS fraß. ES konnte nur mit seiner Frau Zusammenhängen; er vermied, von ihr zu sprechen, jede Frage, fühlte ich, n?5r; vergeblich gewesen. Meine Empfindung fügte mir hinzu, er hatte sich über mein Kommen aufrichtig gefreut, wünschte aber uicht, daß ich länger bliebe.
Sollte ich unter solchen Umständen nutzlos noch verweilen? ElSbet bat mich, und ich ließ mich halten, doch zuletzt beschloß ich fest, am nächsten Morgen abzureisen; Wilprecht setzte meiner Mitteilung nur ein flüchtiges Bedauern entgegen und sprach nicht mehr davon. Am Nach- mittag machte ich allein einen weiten Gang in die Berge, um noch einmal ungestört nachzusinnen, doch umsonst, mir kam kein Ergebnis. Als ich zurückkehrte, fand ich meinen Mit-Trauzeugen, Ernst Heerwag bei dem Blinden vor, wir begrüßten uns freundlich und unterhielten unS eine Weile, dann ging er. Nachblickend sagte ich, wie er da» Zimmer verlaffen: „Ein wirklich ungewöhnlich schöner Mann; ist er noch immer unverheiratet?"
Wie ich eS mit dem Ton einer beiläufigen, zufällig angeregten Bemerkung gesprochen, sah ich, daß Wilprecht plötzlich sonderbar zusammenzuckte. Er stand und hielt die Augen starr gegen mich gerichtet, als ob dieselben mit ihrem einstmaligen Sehvermögen in meinen Zügen zu lesen trachtctm, dann atmete er tief auf, trat mit einer jähen Bewegung an mich heran und sagte, krampfhaft meine Hand umklammernd: „Bist Du mein Freund?"
„Du weißt eS," versetzte ich.
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weitaus größte Teil derselben in hohem Grade der wisten- schaftlichen Forschung zu gute komme. Die Im Prinzip anerkannten und auch bereits beschloffenen Erweiterungen der Bibliothek seien baulicher Schwierigkeiten halber bisher noch nicht weiter gediehen, indes stehe ein Teil derselben bezüglich des niederländischen Palais in Kürze bevor. Bezüglich der gewünschten Neuerwerbungen von Werken rc. möge man seinen guten Willen nicht bezweifeln; allein die Anforderungen seines ReffortS seien so umfangreich, daß er sich nach der Decke strecken müffe. An seiner Bereitschaft, helfend einzutreten, werde es niemals fehlen, er hoffe aber in diesem Sinne, daß man euch in den Bewilligungen ihm dementsprechend hier entgegenkommen möge. (Beifall.)
Abg. Dr. Lieber entgegnet dem Minister auf dessen Anspielung wegen seiner (des Redners) „ aktenmäßiger " Kenntnis, daß er dieselbe nicht auf indirektem Wege durch einen Beamten, sondern auS einem bezüglichen Artikel der „Kreuz-Zeitung" erworben habe. Des weiteren verweist der Redner auf die mögliche FeuerSgefahr der Bibliothek.
Kultusminister Dr. v. Goßler erklärt bezüglich des letzterwähnten Punktes, daß er nach dem Brande der Hyzteine - Ausstellung seine sämtlichen fiskalischen Bauten von Sachverständigen auf« genaueste bezüglich der FcuerS- gefahr habe untersuchen und nach allen Regeln der Feuerlöschkunst Fürsorge habe treffen lassen.
Die folgenden Titel werden, nach Befürwortung seitens des Referenten, ohne Debatte bewilligt.
Bei Titel 35 „Zur Konservierung der Altertümer in den Rheinlanden" bringen die Abgeordneten Scheben und Dr. Reichensperge r (Köln) Spezialwünsche vor und halten die Einstellung für zu niedrig, während ihr Fraktion Sgenoffe Abg. Dr. Freiherr v. Hecrem an sich gegen diese Wünsche ausspricht. Die Rheinlande würden verhältnismäßig am besten bedacht; wollten sie Mehrforderungen, so müsse man auch die anderen Provinzen entsprechend bedenken. (Beifall.) Dann wird der Titel bewilligt.
Bei Titel 36 „Zu Kosten für die Bewachung und Unterhaltung von Denkmälern und Altertümern rc." nimmt das Wort der
Abg. Dr. Reichensperger (Köln): Die Baudenkmäler sind unmittelbar aus dem Leben unserer Nation erwachsen, und dieses Leben muß gepflegt werden. In Frankreich sind hunderte von Millionen zur Erhaltung der Baudenkmäler verwendet worden. Möchte doch endlich eine Gesetzesvorlage ausgearbeitet werden, welche eine allgemeine Regelung herbciführt und Bestimmungen enthält, wie weit die einzelnen Verbände rc. zur UnterhaltungS- pfltcht herangezogen werden können. Ebenso notwendig ist eine statistische Aufnahme der Baudenkmäler Preußens und demnächst deS gesamten Reiches. Ich verweise in dieser Beziehung auf daS verdienstvolle Werk des Architekten Meidenbauer in Marburg, der eine praktische Me-
mangelhaften Baulichkeiten näher ein und verweist auf die unzulänglichen Räume für die Beamten, welche unter den ungünstigsten lokalen Verhältniffen, Dunkelheit der ArbeitS- tiume u. dergl. ihrem schweren Berufe nachkommen. Man beschücide in entsprechender Weise die Ausgaben für die Kunstsammlungen und decke mit den Schleppen, welche von deren reichen Gewändern abfallen, die Blößen der Wiffrn- schlrst I (Beifall.)
Abg. Zelle beschäftigt sich eingehend mit den Stellen- und Gehaltsverhältnissen der Königl. Bibliothek, an welcher nicht einmal die etatSmäßigen Stellen besetzt seien. Damit sei konstatiert, daß die für jene Zwecke bewilligten Summen nicht im Sinne ihrer Bewilligung verwendet würden; das sei doch das mindeste, waS man verlangen könne.
Kultusminister Dr. v. Goßler erwidert zunächst dem Abg. Dr. Lieber, welcher mit geradezu aktenmäßiger Kenntnis über die Verhätniffe gesprochen, daß die Kunstsamm- lungcn nicht einseitig der Kunst dienen, sondern daß der
Sem Landtag.
Berlin, den 8. Februar.
44. Plenarsitzung des Abgeordnetenhauses. HauS und Tribünen sind mäßig besetzt.
Am Ministertifche: Kultusminister Dr. von Goßler, Ministerial - Direktoren Greiff, Barkhausen und zahlreiche Siegierungskommiffare.
Präsident v. Köller eröffnet die Sitzung um 11V* Ubr. Die zweite Beratung des Kultus-Etats wird bei Kap. 122 der dauernden Ausgaben „Kunst und Wissenschaft" fortgesetzt. Namens der Budgetkommisston referiert Abg. Dr. Virchow. Die ersten Titel werden dcbattcloS bewilligt. Lei Tit. 12 „Königl Bibliothek zu Beilin" nimmt das Wort
Abg. Schmidt (Stettin), welcher für eine Erhöhung der Ausgaben eintritt, der persönlichen zur Aufbesserung der Beamtengehälter, der sachlichen zur Anschaffung von Werken der älteren Nationallitteratur, deren Erwerbskosten immer höher geschraubt würden durch die Ankaufs Bestrebungen seitens fremder Bibliotheken. Der notwendige Neubau für die Bibliothek werde sich infolge des Ankaufs des niederländischen Palais, wie Redner hofft, bewerkstelligen lassen.
Abg. Dr. Lieber (Montabaur) kann die zuversichtliche Anschauung deS Vorredners nicht teilen. Schon jahrelang beschäftige sich das HauS aufs eingehendste mit den mangelhaften Zuständen der Königl. Bibliothek, ohne damit einen ersichtlichen Ei folg zu erzielen. Es müffe endlich einmal Ernst gemacht werden. Wenn eS sich um Museumsbauten handele, dann fänden sich stets die Bauplätze, während man bei Bibliotheken stets auf Schwierigkeiten stoße. Die Kunstsammlungen erfordern Millionen, denen gegenüber die Neueinstellung von 96000 Mark für die Bibliothek geradezu als kläglich bezeichnet werden muß, so daß der Gedanke
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Seine Brust rang nach Luft. „So bleib morgen noch — und geh zu ihr und sage, daß sie sich von mir trennen soll. Ich Habs oft selbst gewollt — aber ich kannS nicht."
Da war er auf einmal — Ich begriff nicht, wodurch — erfaßt morsen, an seinem bisher tief verheimlichten Gram zu rühren, ihn über die Lippen zu bringen. Mir schlug bang erwartungsvoll daS Herz, unwillkürlich, als verstehe ich ihn nicht, gab ich Antwort: „Von wem willst Du Dich trennen?" Aber schnell kam mir die Besinnung, daß ich ihm dadurch eine Möglichkeit, sich auf« neue zu verschließen bieten könne, und ich fügte sogleich drein: „ES ist mir nicht entgangen, daß Du verändert bist! Wamm willst Du Dich von Deiner Frau trennen? Was hat sie Dir gethan, welche Schuld?"
Einige Sekunden kämpfte er noch, dann brach e« mit einem Ungestüm, ver die ungeheure Erregung seines Innern kund gab, ihm von den Lippen: „Sie mir gethan? Ich allein trage die Schuld, daß ich ihr Opfer angenommen! Der Wahn, sie sei die Urheberin meine« Mißgeschicks, Mitleid und ein grundloses Verschuldungsgefühl haben sie verleitet, mich glauben zu lasten, daß sie meine heiße Liebe erwidern könne, ihre Jugend, ihr Glück an einen elenden Krüppel hinzuwerfen. Und mein Herz, blinder noch als mein Auge, nahm irrsinnig ihre edelmütige Verblendung an und betrog sie um ihr Recht, um ihr Leben —"
Er hielt erschöpft stockend inne; ich war von der UeberzeugungSschwere seines Tone» selbst verwirrt und stotterte ungewiß: „Woher weißt Du das? Womit hat Deine Frau Dir Grund zu solcher Annahme —?"
(Fortsetzung folgt.)
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»erriet nichts von einem Unwillen, dem inneren Gefühl, sie seine Blindheit täusche, ungemacht, nicht durch meine Anwesenheit veranlaßt, legte er die größte Sorglichkeit für ihren Zustand an den Tag, war aus innerstem Herzen Atig gegen sie, wie sie geschrieben. Ich schüttelte ihren Augen mehrmals den Kopf; der Grund, den ich vermutet, den auch ihr Brief nur halb verhehlt, wollte mir nicht blich halten; sie verstand, waS ich meinte, und hob mit Anem unterdrückten Seufzer die Brust. Doch eine tiefe Abrückung lag unzweifelhaft auf der (einigen; im Blick Nabels las ich, er bestrebe sich noch, dieselbe gewaltsam zu »irbergen. AlS wir von der Mahlzeit aufstanden, legte er Auen Moment die Hände auf ihre Schultern und küßte ihr Ällich die Stirn. „Möge Dein K'nd Dir gleichen!" Ne er halblaut dazu. Ich verneinte den fragenden Blick "» errötenden jungen Frau noch einmal mit sicherster Ent- Wesenheit; er ahnte zweifellos nicht, wa« er seinem Kinde wünschte. Aber was nahm ihm die Lebensfreudigkeit, die *» io voll besessen?
Ohne eine Ahnung darüber gewonnen zu haben, ver- Rtyebete ich mich, um im „Einhorn" zu übernachten.
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