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3Tlar6urg, Sonntag, 3. Februar 1884.
XU. Jahrgang.
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Präsident v. Köller eröffnet die Sitzung um 11V»Uhr. Inf der Tagesordnung steht die Fortsetzung der gestern gebrochenen zweiten Beratung deS Etat- de- KultuS- ailiisteciums, und zwar bei Kapitel 119 „Universitäten".
Abg. Dr. Reichensperger (Köln) spricht sich in hgeter, auf der Journalistentribüne vielfach unverständlich Wender Rede über die studentischen Verhältnisse auS.
Wer Beziehung, namentlich hat man in England dem duellwcsen ein Ende gemacht. Dort fällt eS niemanden ichr ein, sich tot schießen zu taffen, weil er sich beleidigt tobt. Des weiteren beklagt der Redner den übermäßigen
ttt sich greife; er wolle nur daran erinnern, daß ein Zei« kngSredakteur den Hofprediger Stöcker herausgefordert We. Ein in Berlin gebildeter Verein zur Bekämpfung in Duelle werde schwerlich Erfolge haben, wenn er nicht
Genuß geistiger Getränke, welcher bei der akademischen Jugend immer mehr überhand nehme. Er meine vor allem den sogen. Frühschoppen. (Heiterkeit.) Diese Trinkereien müßten entschieden eingeschränkt werden im Interesse der Studentenschaft wie der Wissenschaft. Als er (Redner) den „Frühschoppen" zuerst hier zur Sprache gebracht, habe er eine Reihe anonymer Zuschriften erhalten, deren Inhalt ihn so recht von der abstumpfenden Wirkung des Frühschoppens überzeugt habe. (Heiterkeit.) Dieser Genuß verbleibt bei dem Referendar und vererbt sich auf den Beamten. Auch dir Kommis trinken jetzt schon „Frühschoppen". WaS kann da beispielsweise der „Verein zur Bekämpfung der Trunksucht" helfen, wenn in den höheren Kreisen der Trunk im Schwange ist, während man dem arimn Manne sein Gläschen Branntwein verkümmere? Redner bringt ferner die Vivisektion zur Sprache und hofft von der Loyalität des Ministers, daß derselbe auch die Gegner der Vivisektion bei der Enquete über diese Frage werde zum Worte kommen lassen. Schließlich beklagt der Redner das Cliquenwesen unter den Professoren und stellt einen im Vorjahre von ihm angeführten Fall richtig, daß ein Breslauer Universitätslehrer durch eine derartige Clique ins Ausland getrieben worden sein sollte. Alle diese Mißstände müßten, wenn dies auch nicht mit einem Male geschehen könnte, so doch allmählich beseitigt werden, damit unser UniversitätSleben, dem ich von Herzen das kräftigste Aufblühen wünsche, rein und klar vor aller Welt dastehe I (Beifall.)
Abg. vr. Graf (Elberfeld) antwortet dem Vorredner, daß derselbe die Aufgabe des „Vereins zur Bekämpfung der Trunksucht" sehr unterschätzt habe. Er hoffe, daß man diese Bestrebungen auf allen Seiten des Hauses unterstützen, und daß „daS Glas Branntwein des armen ManneS" nicht bei den nächsten Wahlen wieder als Agitationsmittel figurieren werde. Den Kultusetat betreffend, freut sich Redner über die für Göttingen eingestellte Posttion für ein Institut für medizinische Chemie und Hyzieine, und hofft, daß dies auf allen Universitäten eingeführt werde. (Beifall.)
Abg. Dr. Huyssen meint, daß der Abg. Dr.Reichensperger die Dinge wohl etwas zu schwarz geschildert und dabei seine eigene Jugendzeit etwas vergessen habe. Der mangelhafte Kollegienbesuch sei nicht allgemein, sondern durchweg in der juristischen Fakultät. Im übrigen müsse auch im Fleiße Maß gehalten werden, denn mancher lege durch Uebereifer auf der Universität den Grund zu späterem körperlichen Siechtum. Bezüglich des Trinkens sei unser Zeitalter nicht schlechter bestellt, als daS vorige (Heiterkeit), dagegen gebe er zu, daß jetzt mehr duelliert werde wie früher, hier müsse eine größere Strenge eintreten. Die Vivisektion möge man nicht so ohne weiteres verurteilen, denn ihre Ergebnisse kommen der leidenden Menschheit zu gute. Man möge lieber eine andere Art der Vivisektion, die fortwährenden Angriffe der Minister (Heiterkeit), ein- schränken. Schließlich wünscht der Redner auf den Universitäten die Einrichtung von Vorlesungen über allgemeine
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vom Landtag.
Berlin, den 1. Februar.
39. Plenarsitzung des Abgeordnetenhauses. DaS H,us ist mäßig, die Tribünen stark besetz.
Am Ministertische: Kultusminister Dr. vonGoßler, Ministerialdirektoren Greiff und Barkhausen, und
Rechtskunde, deren Kenntnis für alle akademisch Gebildeten von größtem Vorteile sei. (Beifall.)
Abg. Dr. Windthorst bedauert, dem Vorredner in fast allen Punkten widersprechen zu müssen. Zunächst hält er den „Frühschoppen" für einen sozialen Fehler der allerschlimmsten Art, der nicht nur in der akademischen Jugend, sondern in allen Ständen um sich gegriffen habe. Der unmäßige Biergenuß muß allmählich zur Verdummung der Nation führen. Redner rügt ferner das sogenannte Repetiersystem beim UniversttätSstudtum; daS sei lediglich ein „Einpauken" für die Examina, das nach dem Examen alsbald sich verflüchtige. Dem vom Vorredner gewünschten Kolleg über allgemeine Rechtskunde tritt der Redner entschieden entgegen: dadurch werde die Winkelkonsulentschaft vermehrt. (Sehr wahr!) Im allgemeinen sich mit den Ausführungen des Abg. Reichensperger einverstanden erklärend, wünscht Redner eine wenn auch nur allmählich sich vollziehende, durchgreifende Reform in konservativem Sinne. Namentlich könne man dem Duellunwesen nicht streng genug zu Leibe gehen. Die Mehrforderung de- bezüglichen Etats bewillige ich um deS guten Zweckes willen mit Freuden I (Bravo I)
Abg. Dr. Virchow giebt zu, daß die Universitäten, so gut wie jede andere Einrichtung, ihre Fehler haben, betont, daß eine hier darüber gepflogene Debatte nur von Nutzen sein könne. Der Abg. Neichensperger habe indes noch immer eine beträchtlche Voreingenommenheit diesen Verhältnissen gegenüber. Das Vorhandensein eines pro- fefsorlschen Cliquenwesens bestreitet der Redner und beklagt vielmehr das wissenschaftliche Proletariat, welches der Staat schaffe durch Ernennung von Dozenten zu außerordentlichen Professoren, ohne ihnen Gehalt zu geben, Die Universitäten sind zwar Pflanzschulen für Lehrkräfte, aber nicht alle Privat - Dozenten können ordentliche Professoren werden. Früher freilich lieferte Deutschland zumeist auch für das Ausland die Lehrkräfte. Allein seitdem die neue WirtschaftSpolitit uns mit fast allen Nationen verfeindet hat, setzt man diesem Export-Artikel im Auölande Schwierigkeiten entgegen. Wenn der Abg. Reichensperger ihn daran erinnert habe, daß er (Redner) das Wort „Kulturkampf" erfunden, so sei ihm diese Erinnerung keine unangenehme, indes müsse er bemerken, daß dieses Wort heute in diametral entgegengesetztem Sinne gebraucht werde. Die Vivisektion betreffend, hält Redner die Enquete des Ministers für überflüssig und bedauert es, daß eine solche Lebensfrage der Wissenschaft hier so oberflächlich behandelt werde. Gegenüber den Ausführungen des Abg. v. Windthorst wegen deS BiergenusseS wünscht Redner Mäßigung, aber nicht Enthaltsamkeit, welche, wie die gesamte Kulturgeschichte lehre, auf die Dauer nicht durchführbar sei. Bezüglich der Duelle erinnert Redner daran, daß dieselben j-tzt nicht mehr von Universttätsgerichten abgeurtetlt werden. Die vom Abgeordneten Dr. Graf gewünschte allgemeine Einführung von UniversilätS'Instituten für medizinische
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Oberhesfische Zeitung
lom Justizminister in seinen Bestrebungen unterstützt werde, bruar 188 äderen Ländern habe man vernünftigere Ansichten In
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XrhältnlSmäßig wenig erreicht, es müßte mehr von oben tob vorgegangen werden. Da feien zunächst die langen llniversitätsferien, innerhalb bereit von den weniger streb- ton jungen Leuten nichts gearbeitet, vielmehr daS wenige .. „ .taute vergessen werde. Ein weiterer Krebsschaden sei ico. [332 in Duellunwesen, welche» neuerdings überhaupt wieder
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täglich in unser Hau«, unsere kleine ElSbet hing an >, wie an einem Bruder, und ebenso hing er auch <n k, obwohl um fast zehn Jahre älter; sie waren beide die •iigen Kinder unserer engbefreundeten Häuser. Dann 'rankte sie eines Tage« — wir und auch der Arzt ahnten finglich noch nicht, an welchem gefährlichen Nebel — und sprecht ließ sich nicht abhalten, bei seiner kleinen Freundin 1 Beit zu sitzen, denn sie rief in ihrem glühenden Fieber I seinen Namen und ward nur ruhig, wenn er feine Hand
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ioo - M geriet auf die Zunge, |te zu Befragen, vo jte ucayereo 101» lA d» der Herstammung seine« GestchtSverluste«, über die er ® di flüchtig hinweggegangen, anzugeben wisse. Frau Jmthurn jl schien bei meinen Worten etwa« befangen, sie blickte sich id tzf dem Flur um, öffnete bann die Thür ihre« Wohn- $ hmet« und bat mich, elnjutreten. Hier frug sie zögernd : „Er hat Ihnen nicht davon ge« ich die« nochmal«, etwa« verwundert,
In solchen Gedanken stieg ich die lichtlose Treppe zu •dnet Wohnung wieder hinan und traf meine Hauswirtin fön - dem Flur mit einer Arbeit beschäftigt an. Ich konnte 1011 - < 6er Stimmung de« Momentes nicht flüchtigen Grußes ,ar 101$ JA tz ihr vorübergehen, sondern teilte ihr mit, wo ich gewesen trt ” und in welcher traurig überraschenden Weise ich eine,
60 S gedämpfter Stimme: Zu 7i ^dchen?" und al« ich .... . , 292)291 ^drücklich verneinte, fuhr sie mit einem Seufzer fort: oft 97$ J ist der edelsinnigste Mensch, dem ich auf Erden be-
222 if** Regnet bin, war e« auch al« Knabe schon. Damals kam
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in seiner hielt. So blieb er den ganzen Tag hindurch bei ihr, bis auch ihn plötzlich die nämliche Krankheit befiel, die sich erst jetzt zu unserm Schreck als schwarze Blattern herausstellte. Wochenlang schwebten beide zwischen Leben und Tod und genasen saft wider Erwarten. Von der Schönheit meiner ElSbet war da« geblieben, wa« Sie heut an ihr sehen; den Knaben dagegen hatte keine äußere Entstellung, doch noch Schlimmeres betroffen, er war völlig erblindet."
Frau Jmthurn hielt mit einem abermaligen tiefen Seufzer der Erinnerung einen Moment an, warf wie zuvor einen sorglichen Blick um sich und fügte bann leise breln: „Ich bitte Sie, die Sache nicht in Elsbets Gegenwart zu berühren; sie spricht freilich selbst niemals davon, aberich weiß, sie bedrückt sich im Stillen mit dem ungerechten Vorwurf, daß sie die Schuld an dem Augenverlust WilprechtS trage und eigentlich die Urheberin seines LebenSunglückeS sei."
Tie Mutter brach rasch ab, denn draußen näherte sich ein Schritt der Thür, und die Tochter trat herein. Wie ich sie begrüßte, traf mein Blick eine Sekunde lang in ihre schönen Augen und erkannte jetzt verständnisvoll, diese Augen bargen ein tief geheimes Leid, dessen stetiges Neuerwachen nicht von dem Gefühl der Entstellung ihre« eigenen Gesichtes herstammte. Oder wenigstens nicht allein, nicht den Hauptgram nach — etwa« mochte allerdings auch da« Bewußtsein ihrer Häßlichkeit an dem schweigsamen SchmerzensauSdruck ElSbet Jmthurns beteiligt sein. Ich nahm einen Vorwand, mich ball von den beiden Damen zu verabschieden, und begab mich mit wunderlichen Gedanken über Menschenschicksale und die Gemütsberuhigung, welche diese einer
„großen, gütigen Ordnung" beimessen zu können glaubte, in meine Zimmer hinüber.
Bald gestaltete ich mir indeß mein eigenes TageSleben jetzt zu einer festen Ordnung, bestimmtem Wechsel zwischen Arbeit und Erholung, hauptsächlich durch Wanderungen in der idyllischen Umgebung der Stadt. Zumeist begleitete mich auf den letzteren Wllprecht Fernblick und erhöhte mir ihren Genuß. Wissend, bewunderte ich jetzt die ruhige Sicherheit seines EinhergehenS; sein Stock glich dem Steuer eine- Schiffe«, so lenkte derselbe ihm vermittelst leisester Abweichung den Fuß- Nur wenn mich Lust trieb, einen ihm fremden Weg in da« Thalgelände hinauf einzuschlagen, legte ich meinen Arm in den (einigen und führte ihn. Unzweifelhaft hätte kein Sehender in der Stadt meinen geistigen Augen so viel zu bieten vermocht, wie er; jeder Gedanke gestaltete sich in ihm zu einer so klaren Anschaulichkeit, kam ungesucht einfach und doch allmal so mit dem bezeichnendsten Gepräge des Wortes von seinen Lippen, daß ich ihm oft mit Staunen über den vertieften inneren Ersatz seines äußeren SinneS- mangels zuhörte. Wir standen nicht mehr im Begriff, eine Freundschaft zu knüpfen, sondern waren rascher, als e« unter gewöhnlichen Umständen zu geschehen pflegt, Freunde geworden. Nach Ablauf etlicher Wochen sagte er eines Tage« ein wenig zaudernd: „Darf ich in unbräudblidjer Weise als der Jüngere eine Bitte aussprechen — daß wir das Sie zwischen un« ablegen?" Ich reichte ihm herzlich die Hand und entgegnete: „Mit Freuden, wenn Du cS willst!" Er lächelte in seiner ernstsichönen Art: „Man steht besser mit dem Wort." (Fortsetzung folgt )