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Marburg, Donnerstag, 31. Januar 1884.
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vom Landtag.
Berlin, den 29. Januar.
36. Plenarsitzung de« Abgeordnetenhauses. Da« Haus und Tribünen find stark besetzt. Am Ministertische: Minister der geistlichen rc. Angelegenheiten v. Goßler, Minister des Innern v. Puttkamer, StaatSmtnister v. Bötticher, Mintsterial - Direktoren Greif, Barkhansen, de la Croix und zahlreiche RegierungS-Kom- mlssare.
Präsident v.Köller eröffnet die Sitzung um 11V* Uhr mit geschäftlichen Mitteilungen.
Auf der Tagesordnung steht die Fortsetzung der zweiten Budgetberatung und zwar: Etat der geistlichen, UnterrichtS- und Medizinal-Angelegenheiten.
Abg. Dr. Brüel (Hosp, des Zentr.) trägt bezüglich der Verwaltung des Hannoverschen Klosterfonds einige Wünsche vor unter Hinweis auf die bevorstehende Verwaltungs-Organisation in der Provinz Hannover.
Abg. Lauenstein (nat.-lib.) spricht stch in demselben Sinne auS und wünscht insbesondere die Selbständigkeit der Forstverwaltung der hannoverschen Klosterkammer.
Abg. Dr. Windthorst betont, daß die beregte Angelegenheit eine reine Provinztalsache sei und dankt dem Minister, daß er diesen selbständigen Charakter des Gegenstandes gewahrt habe. UebrigenS sei die Einführung der allgemeinen Verwaltung in Hannover noch in der Schwebe und deshalb können endgültige Schlüffe noch nicht gezogen teeren. Den Wünschen der Vorredner im allgemeinen stch anschließend, bittet der Redner den Minister, vor allem den paritätischen Charakter des hannoverschen Klosterfonds im Auge zu behalten.
Daraus werden die „Einnahmen* ohne weitere Debatte bewilligt.
Zu den „Ausgaben* melden stch 9 Redner „gegen*, 2 „für" zum Worte.
Abg. Frhr. v. Minnigerode bringt die Frage der Vivisektion zur Sprache (Unruhe links) und bemerkt, daß er schon jetzt darüber spreche, um das Thema vor der allgemeinen Debatte vorwegzunehmen. Unter Hinweis auf die im Vorjahre gefaßte bezügliche Resolution des Hauses verlangt Redner, daß man auch die Gegner zum Worte laste, und hofft auf daS baldige Erscheinen der regierungsseitig in Aussicht gestellten Denkschrift. Redner verweist auf die neuesten Dresdener wissenschaftlichen Publikationen und erinnert an die Meinungsverschiedenheiten, welche selbst aus Seiten von Autoritäten über die Frage herrschen. Eine baldige Entscheidung der Angelegenheit sei dringend zu wünschen. (Beifall rechts.)
Abg. Dr. Langerhans (Fortsch.) wendet stch gegen die Ausführungen des Vorredners, indem er hervorhebt, daß die Vivisektion nur aus tiefstem wistenschaftlichen Drange vorgenommen werde. Wenn die Versuche nicht an Tieren gemacht werden sollen, soll man sie denn an Menschen machen? Möge man doch, wie auch der Vertreter des Ministers bereits früher gewünscht habe, die Sache von der Tagesordnung absetzen I (Beifall links.)
Minister Dr. v. Goßler erklärt, eine endgültige Antwort nicht geben zu können, da er das Material noch nicht in Händen habe. Die eingesorderten Gutachten beziehen sich auf die Anwendung der Vivisektion zu Unterrichtszwecken, als Forschungsmittel und außerhalb dieser Grenzen. Wir wollen uns auf diesem Gebiete nicht trennen, sondern ruhig das Verhältnis der Resultate zu den Opfern abwägen. Habe ich das Material, so werde ich es nicht nur nochmals besonders wissenschaftlich prüfen lasten, sondern auch von Laien, die auch in diesem Hause zahlreich vertreten sind. (Heiterkeit und Beifall links.)
Abg. Dr. Windthorst will stch einstweilen bei der Antwort deS Ministers beruhigen, zumal derselbe erklärte, auch sog. Laien in der Frage anhören zu wollen. Er hoffe, daß die Herren, welche hier so warm für die Humanität eintreten, dies auch auf anderem Gebiete tbun möchten. Und damit komme er zum Thema. Zunächst weiß er der Regierung und dem Minister Dank für die Rückberufung der Bischöfe. Leider kann er bei diesem Danke nicht stehen bleiben, sondern muß sein Bedauern daran knüpfen, daß nicht auch die Erzbischöfe zurückberufen sind. Auch laste sich zur Zeit noch nicht übersehen, waS seitens der Regierung geschehen muß, um diese Session fruchtbar zu machen im Sinne des kirchlichen Friedens. Man mache doch dem Zentrum nicht immer den Vorwurf der Unfrledfertigkeit. Bis zur Einführung des SchulaufstchtSgefetzeS haben die Katholiken in Preußen in einem Frieden gelebt, um den uns andere Völker beneideten. Dieser Friede wurde mit einem Schlage [zerstört. Wenn wir nun die Wiederherstellung des alten, guten Zustandes verlangen, so verarge
man unS das nicht; ebenso verschone man uns mit dem Vorwurf der Unersättlichkeit, wenn wir für einzelne Wohl- that zwar danken, aber gleichzeitig daran erinnern, daß wir einen gerechten Anspruch auf daS Ganze haben. Wenn ich eine Forderung an jemanden habe, so kann ich doch bei einer Abschlagszahlung nicht über das Ganze quittieren! Nun lag die Initiative zu einer durchgreifenden Aenderung erst kürzlich hier vor, man hat sich aber davon abgewandt. Darauf hätten wir wohl aufbauen können. Aber wenn wir eine Grundlage wollen, so wird dieselbe angefochten; stellen wir Spezialanträge, so heißt es: wir reizen, aber bessern nichts. Auch die Regierung legt keinen bestimmten Plan vor. Am Fundament der Maigesetze ist noch nicht gerüttelt, sie bestehen fort, obschon sie anerkanntermaßen tief in die Verhältnisse der katholischen wie der evangelischen Kirche einschneiden. Redner geht im einzelnen auf die Nachteile der Maigesetze ein und hebt hervor, daß die Forderung der Kirche, den KleruS selbst zu erziehen, eine durchaus gerechtfertigte sei. Man sage: ecclesia militans. Jawohl ist die Kirche eine streitende Macht, gegen Unglauben und Umsturz. Faßt man den gegenwärtigen Zustand ins Auge, so kommt man zu dem klaren Schluß: das Wesen der traurigen Zustände ist geblieben, wir aber wollen Remedur in der Sache haben. Redner schließt mit der Anfrage an den Minister, ob eS in den Intentionen der Staatsregierung liege, noch in dieser Session bestimmte Vorschläge zu machen, um den Kulturfrieden wieder herzustellen. Er hoffe dies bestimmt und in einem Sinne, wie der ernste Gegenstand ihn erheische. Denn die Obrigkeit trägt das Schwert von Gottes wegen, und nicht nach Willkür I (Lebhaftes Bravo! im Zentrum und bei den Polen.)
Abg. Freiherr v. Minnigerode kommt nochmals auf die Vivisektionsfrage zurück und dankt dem Minister, daß derselbe auch das Urteil der Laien prüfen will, denen er (Redner) in manchen Dingen ein besseres Urteil zutraue, als den sogenannten Autoritäten. Die Zeit ist vorüber, wo die Wissenschaft ein verschleiertes Bild zu So!« war und die Gelehrten sich hinter den Staubwolken wifsen- schaftlicher Autorität verbergen konnten. (Bravo! rechts.)
Abg. Dr. Reichensperger (Köln) knüpft an die Ausführungen deS Vorredners an und bezeichnet die Mai- gefetzgebung als eine Vivisektion der katholischen Kirche. Bezüglich des Kulturkampfes auf die trefflichen Ausführungen seines Freundes Dr. Windthorst verweisend, faßt Redner seine Wünsche in zwei Fragen zusammen: Was hat daS katholische Volk verschuldet, um solche Härten erleiden zu müssen, und: WaS fürchtet man von der Aufhebung der Maigesetze? Diese Fragen ständen noch immer offen, und er bitte den Minister um eine Antwort. (Bravo! im Zentrum.)
Abg. Freiherr v. Ha mm er stein erklärt namens der Konservativen, daß sie stch auf einseitige akademische Er-
io Auge« der Seele.
Novelle von Wilhelm Jensen.
Ich hatte in der mannigfachen Geschäftigkeit deS letzt- vergangenen TageS seiner kaum mehr gedacht, nun erwies et sich mir unerwartet als der Bewohner deS Thurmes und teeckie mein Interesse an ihm lebendig wieder auf. Er stand, mir zugewendet, vom vollen Gol^licht de« Morgen« übergvffen, wie einer, der mit Jener lieblichsten Empfindung den süßen Schauer de« Sonnengruße« und Frühlingsduftes in die Tiefe der Seele hinabatmet; unwillkürlich winkte ich ihm nachbarlich mit der Hand, aber er mußte vom Licht geblendet oder in Nachstnnen versunken sein, denn er erwiderte mit keiner Regung darauf. Erst al« ich seinen Namen rief, fuhr er sichtbar zusammen und entgegnete, wie es schien, nach einem kurzen Sammeln seiner Gedanken: .Sie stndS? Sind Sie der neue Inhaber der Zimmer drüben?* Auch mir verband stch nun erst mit seinem Anblick do6 Gedächtnis an den gestrigen Abend und daß er bet eigenartige Geigenkünstler gewese , sei; eS drängte mich mit einem noch sympathi cher angeregten Gefühl al« bd unserer ersten Begegnung zu ihm hinüber, und ich rief; „Wenn Sie mich öorgeftem beim Abschied auch nicht dazu aufgefordert haben, werden Sie mit nach diesem Zufall doch nicht versagen, dem Höflichkeitsgebot Folge zu leisten und Ihnen einen Nachbatbesuch abz, statten." Und ohne eine Antwort von ihm zu erwarten, ergriff ich meinen Hut, eilte auf bl1 Straße hinunter und stand gleich danach vor einer Zimmerthür de« Epheuthurme«, von bet mich eine Ratte mit dem Namen „Wilprecht Fernblick* ohne dnr Weitere Standes- ober Berufsangabe ansah.
Al« ich eintrat, kam er mir entgegen, bot mir freunblich die Hand und bat mich, Platz zu nehmen. Doch hatte sein Benehmen ein wenig Unstchetes, machte mit den Eindruck, als ob ich ihm etwa« ungelegen und störend gekommen fei. Ich blickte mich, während wir die ersten Worte tauschten, in dem idyllisch - reizvoll aus der Gartentiefe aufgehobenen Gemach um, an besten Fenstern die grünen Epheuranken niedethingen. „Heule dämpfen sie den überstarken Glanz,* sagte ich, darauf hlnauSdeutend, „doch an trüben Tagen werden sie Ihnen ein wenig zu viel Licht nehmen.* Er errötete eigentümlich und versetzte: „Mir? Hat man Ihnen drüben nicht — ?* allein abbrechend fügte er rasch drein; „Ja, die Sonne scheint heute sehr stark,* und unser Gespräch erstreckte stch weiter. Die Stube war bequem und reichhaltig, nur mit einer auffälligen Gleichgültigkeit gegen da« nicht Zusammenpasten der Farben an den AuSstattungS- gegenständen eingerichtet; bei dem feinen harmonischen Gefühl de« Bewohner« für die Töne nahm mich die« Wunder. Ueberhaupt wich der Inhalt des Raume« absonderlich von dem, in Gelehrten- oder Künstlerzimmern Bräuchlichen ab. Kein Bild hing an den Wänden, und nirgendwo befand sich ein Gestell mit Büchern; statt dessen umrahmte fast ein Dutzend großer Marmorbüsten auf äußerst niedrigen Postamenten die Stube, die beinahe alle jene Spuren auf« wiesen, welche häufiges Anfnsten von Händen an der Weiße de« Gestein« hinterläßt. Auch die Geige lag auf einem Tisch, doch ich konnte kein Notenblait rundumher entdecken.
Wilprecht Fernblick saß mir gegenüber, sein Wesen hatte einen wunderlichen Anstrich. Manchmal redete er hastig, verstummte plötzlich, schien wieder Awas sagen zu wollen und e« unschlüssig zurückzudrängen. Nur auf dem Tisch,
an dem wir saßen, lag ein einzelnes aufgeschlagenes Buch, doch sonderbarer Art, denn gleich den Gebirgen einer Reliefkarte, hoben stch die Buchstaben höher und niedriger von den Blättern empor. Ich nahm eS und fragte unwillkürlich: „Wozu ist daS?" — „Was meinen Sie?" entgegnete er, und ich blickte ihn verwundert über seine Zerstreuung an, die nicht auf den von mir gehaltenen Gegenstand acht gab. Nun streckte er die Hand durch nach dem Buch und ich reichte ihm daffelbe hinüber. Seine Finger bewegten sich genau in der Richtung vor, doch sie schloffen stch seltsam zweimal, ehe ste den Band noch erfaffen konnten, zusammen, und unvorbereitet durchgoß es mich jähling« mit einer heiß« siedenden Schreckerkenntnis vom Scheitel bi« zur Sohle; Die schönen, lichtblauen Augen meine« Begleiters, der mich vom Bahnhof bi« an da« alte Stadtthor geführt hatte, waren lichtlos blind.
Mit einem Schlage lag mir alle«, was mich befremdlich an ihm berührt hatte, aufgehellt, auch daß er nicht seinen Vornamen Wilprecht als „etwa« selisam* bezeichnet, sondern seinen, ihm von einer bitterlichen Ironie verliehenen Familiennamen. Jetzt, da ich seine traurige Entbehrnis erkannt, schien e« mir im selben Moment fast unverständlich, wie e« möglich gewesen, daß dieselbe mir verborgen geblieben, allein bald darauf begriff ich c« doch wieder vollkommen. Er besaß jene unglaublich feine Ausbildung der übrigen Sinne, welche ihm auf bekannten Wegen trotzdem ein Zurechtfinden ermöglichten, ihn selbst während einer Unterhaltung vermittelst seines Gehörs und Stocke« unbeirrt die Merkzeichen, deren er bedurfte, erkennen ließen. Und nur wenn man es wußte, sah man, daß die Augen trotz ihrem Gl nze einen leblosen Ausdruck boten. (Fortsetzung folgt )