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Marburg, Sonntag, 27. Januar 1884.
XIX. Jahrgang.
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vom Landtag.
Berlin, den 25. Haimar.
34. Plenarsitzung des Abgeordnetenhauses. DaS Hans ist gut besetzt. Am Mintstertische: Minister der Gütlichen Arbeiten Maybach und zahlreiche Regierungs- Kommissare; später Minister de» Innern v. Puttkamer.
Präsident v. Köller eröffnet die Sitzung um ll'/tUhr.
Erster Gegenstand der Tagesordnung ist die erste Beratung des Gesetzentwurfs, betreffend die weitere Herstellung von Eisenbahnen untergeordneter Bedeutung für Rechnung des Staates, die Beteiligung des Staates bei dem Bau einer Eisenbahn von Heide nach der Landesgrenze bei Ribe, sowie die Beschaffung von Mitteln für die Vervollständigung unb bessere Ausrüstung deS StaatSeisenbahnnetzeS.
Die Rednerliste, deren Feststellung geraume Zeit in Anspruch nimmt, gestaltet sich wie folgt: 23für, 1b gegen die Vorlage. (Heiterkeit.) DaS Wort gegen erhält zuerst
Abg. Dr. Wehr: Er befürchtet die Schädigung DanzigS i» gunsten Königsbergs, gegen deffen Aufblühen er zwar an sich nichts habe. Diese Schädigung erscheint um so nittt liegend, als die Verbindung DanzigS mit der Grenze, »odurch der Verkehr mit Rußland vermittelt wird, eine Privatbahn ist, die Bahn Mlawka - Marienburg, welcher durch die neu projektierte StaatSbahn zweifellos große Konkurrenz bereitet werde. DaS beste würde die Verstaatlichung dieser Privatbahn sein. Redner bittet den Minister um eine bezügliche Erklärung, welche gewiß zur Beruhigung der Gemüter beitrage und spricht sich im allgemeinen anerkennend für die Vorlage auS.
Abg. Schreiber wundert sich, daß sich Redner gegen die Vorlage einfchreiben ließen, welche im allgemeinen für dieselben seien und nur deshalb dagegen, weil eine von
i Augen der Seele.
Novelle von Wilhelm Jensen.
Ein sehr wohnlich-behaglicheS Zimmer, deffen AnS- sluttung von mannigfachen Ueberresten ehemaligen Wohl- ksndcs sprach, empfing mich, und eine ältliche Dame mit ihnliLem Ueberrest früherer Schönheit in Antlitz und Gestalt hob sich von ihrem Arbeitstisch auf. Ich stellte mich ihr der und sprach, daß ich gehört, ste habe einige Stuben zu »«mieten, jedoch bebaute, ihr mutmaßlich zwecklose Mühe i« bereiten, da dieselben, wie mir erschienen, für meine Absicht nicht geeignet sein dürften. Frau J nthurn ent- Degnete mit dem höflich-ruhigen Ton einer Dame aus gutem Stande: „Unser HauS ist allerdings eigentümlich und nicht jedem zusagend; wenn eS Ihnen gefällt, die Zimmer anzu- sehen, fo steht ja die Entscheidung bei Ihnen." Sie ging mit über den Flur voran, ihr Benehmen hatte etwa« würdig Zurückhaltendes, ungleich der gewöhnlichen Aufdringltchkett einet Vermieterin, äußerte sie kein Wort zum Lobe der Stuben, deren Thür ste mir aufschloß. Ich war angenehm verwundert, als ich zwei luftige, höchst sauber und freundlich ^gerichtete Räumlichkeiten gewahrte, noch freudiger aber «Heg meine Ueberrafchung, wie ich, an die Fenster tretend, entdeckte, daß diefe in» Freie auf den ehemaligen Zwinger hinausgingen und die nämlichen feien, die öfter beim ^vrüberfahren mein Jntereffe geweckt. ES waren die neuen folgen der alten Stadtmauer, in deren mächtige Gestein- k»nd das winklig-absonderliche HauS htneingebrochen und bebaut worden; wie ein vom Frühling auSgebretteter weißer Eppich lagen die blütenbedeckten Obstbäume deS Graben- bnrtens, bienenumsummt und schmetterlingumflattert, un- Ettrlbar unter mir, und schräghin, auf kaum halbe Stein-
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ihnen gewünschte Strecke nicht in Aussicht genommen sei. Im Lande herrsche allgemeine Genugthuung über die neu vorgeschlagene Erweiterung des Sekundärbahnnetzes, deffen Entwurf man wohl der Einsicht der Zentralstelle überlassen könne. Wolle man alle Einzelwünsche berücksichtigen, so gehöiten Hunderte von Millionen dazu. Im einzelnen wünscht Redner eine besondere Berücksichtigung der Bahn- hofSbauten. Ob die Anlage von Zentral-Bahnhöfen praktisch sei, kann angezweifelt werden; derartige Anlagen haben in den letzten Jahren große Summen verschlungen. Die Frage erscheint lediglich a!S Finanzfrage, und darum beantrage er die Ueberweisung an die Budgetkommifsion.
Abg. v. Quast: Gegenüber den Gegenden mit verstaatlichten Strecken sind diejenigen im Nachteile, welche noch Privatbahnen haben. Er vermißt in der Vorlage die Berücksichtigung der Piignitz und des Kreises Templin, welche Gegenden wohl deshalb vernachlässigt seien, weil daS angrenzende Mecklenburg die Verbindung mit Preußen lange gescheut habe. Den hieraus sich ergebenden offenbaren Notständen abzuhelfen, seien aus jenen Kreisen heraus zwei Projekte entworfen worden, um deren Berücksichtigung der Redner den Minister bittet.
Abg. vom Heede bezeichnet als einen Triumph der Verstaatlichung die infolge der Konzentration ermöglichte größere Ausnutzung des BetriebSmaterialS. Gegenüber diesen gesteigerten Leistungen erscheine die eingestellte Forderung von 20 Millionen zur Vervollständigung bezw. Ergänzung der Ausrüstung. Außerdem gab zu Kontroversen In der Vorlage Anlaß die verschiedenartige Behandlung hinsichtlich des Grunderwerbs. Redner wünschte schließlich den Ausbau der Strecke Ründeroth - Derschlag und der Wuppetthalbahn, und beantragt die U.berweisung der Vorlage an die Eisenbahnkommission. (Beifall links.)
Minister Maybach betont, daß bis jetzt zumeist Dinge vorgebracht seien, die gar nicht in der Vorlage stehen. (Sehr richtig 1 rechts.) Man möge doch aus dem Umstande, daß gewisse Wünsche in der Vorlage nkcht berücksichtigt seien, nicht den Schluß ziehen, daß er diesen Projekten unmittelbar gegenüberstehe. Bedenkt man, daß seit 1879 schon 5 Ausbau-Projekte mit einem Kostenaufwande von fast 274 Millionen Mark — die indes zumeist vermöge der Verstaatlichungen gedeckt werden — vorliegen, so wird man anerkennen muffen, daß die Regierung das Möglichste geleistet und dazu die richtigen Wege eingeschlagen hat. Auch fernerhin wird die Regierung bestrebt sein, den Einzelwünschen möglichst gerecht zu werden. Allein daS weitere Vorgehen auf diesem Gebiete hat mit Vorsicht zu geschehen, weil man dabei nicht nut die allgemeine Finanzlage, sondern auch die politische Lage inS Auge fassen muß. Auf Einzelheiten einzugehen, behalte ich mir für die KommisstonSberatung vor, will aber schon vorweg bemerken, daß die Provinz Posen der Erfüllung ihrer be
wurfSweite, blickte nachbarlich drüberher mein alter Freund, der Ephenturm mir ins Gesicht. Wenn er selbst mir kein Unterkommen zu bieten vermochte, so konnte ich jedenfalls nirgendwo in der Stadt eine mir erwünschtere, traulicher anmutende Wohnung als diese finden, und ohne weiteres Bedenken sprach ich Frau Jmthurn meine Bereitwilligkeit, den Sommer hindurch als Mieter bet ihr zu verbleiben, aus. Ihr Gesicht zeigte jetzt gleichfalls unverhehlte Erfreuung unb ste fügte offen hinzu, daß eö ihr feht lieb fei, dir Zimmer derartig verwerten zu können, wozu bei den Verhältnissen in der kleinen Stadt nicht viel verläßliche Aussicht vorhansen gewesen. Wir begaben unS zu näherer Verabredung in ihr Wohngemach zurück, wo die Tochter jetzt an einer häusliche» Arbeit beschäftigt stand; außer einer alten Dienst- magd befand sich fonst niemand in dem Hause. Dem neuen Hausgenossen gegenüber zeigte Frau Jmthurn sich nun gesprächiger, wies bei der Wunderlichkeit und dem beschränkten Wohnraum deS merkwürdig eingeschachtelten Gebäudes aus den dazu gehörigen Zwingergarten als eine erquickliche Sommerannehmlichkeit hin und flößte mir ein anheimelndes Gefühl ein, daß ich auch in bezug auf meine Hauswirtin nicht leicht eine besser befriedigende Wahl hätte treffen können. Alles umher redete wohl von auferlegter Beschränkung, doch zugleich von Freude an Ordnung und geregelter Thätigkeit; da und dort machte sich unverkennbar auch mit geringen Mitteln wirkender Schönheitssinn bemerklich. An Schmuck boten die Ztmmerwände nur einige alte Familier,Porträts und über dem Sopha das lebensgroße Brustbild eines ungefähr fünfjährigen Kindes; dies stellte Indes ein Mädchengestcht von fo lieblichem Zauber dar, daß es meine Augen beim ersten Anblick völlig befangen fest- hielt. Aus den wunderholden Zügen leuchteten dem Be
rechtigten Wünsche sich versichert halten darf. Wenn ich Sie schließlich bitte, dieser Vorlage, von deren Durchführung ich nachhaltige Segnungen für das ganze Land erhoffe, mit Wohlwollen gegenüberzutreten, und hieran die Hoffnung knüpfe, daß dies nicht die letzte gewesen, so hoffe ich, nicht vergeblich für die Vorlage eingetreten zu sein! (Lebhaftes Bravo! aus allen Seiten deS Hauses.)
Abg. Dr. Reichensperger (Köln) dankt dem Minister für daS Projekt des Bahnbaues von St. Vilh nach der luxemburgischen Grenze. Er wünsche indes auch eine besondere Berücksichtigung des HundSrückS und der Eifel, und er betrachte das bezügliche Schweigen des Ministers als den Ausdruck von dessen Sympathie. (Große Heiterkeit.)
Unter großer Unaufmerksamkeit des Hauses bringen demnächst die (infolge der Unruhe kaum auf der Tribüne verständlichen) Abgg.Jürgensen, Günther, v.Wlerz« binöki, Steffens und Jenfch Spezialberichte ihrer heimatlichen Provinzen vor.
Abg. v. Tiedemann (Labtfchin) konstatiert, daß das Rezept der Reden aller Vorredner darin bestanden habe, zunächst die Vorlage im allgemeinen dankend anzuerkennen und hinterher einen Spezialwunsch vorzutragen, was ihn jedoch nicht abhält, nach demselben Rezept zu verfahren. (Heiterkeit.)
Abg. Wolff weist auf die Bedürftigkeit deS Kreise- BeeSkow-Storkow hin, welcher weder Bahn noch Staats- wege habe, und wünscht eine Bahnverbindung Guben- BeeSkow-Berlin.
Abg. K o e h u e spricht sich im Sinne des Abg. v. Quast aus und befürwortet die Erschließung der Prignitz unter Hinweis auf die bevorstehende Verstaatlichung der Berlin- Hamburger Bahn.
Spezialwünsche werden noch weiter vorgebracht von den Abgg. Hansen, v. StablewSki, Dr. Kolberg, Dr. Schläger und Biesenbach,
Abg. v. Heppe erklärt,' im Gegensätze zu den Vorrednern, sich mit "einer bereits im Bau begriffenen Bahn beschäftigen zu wollen. Es handelt sich um bie &trrtfr von Erfurt über Suhl nach Wttzmhausen in Meiningen. Der Voranschlag für Grunderwerb, welcher der Stadt Suhl oblag, hat sich in der Wirklichkeit viel höher gestaltet unb dadurch die Stadt erheblich mehr belastet. Redner hofft die Einstellung einer Position in den nächsten Etat, welche die betreffende Stadt nach der Richtung hin erleichtert.
Darauf wird ein Antrag auf Schluß der Debatte angenommen, und die Vorlage, dem Anträge Schreiber gemäß, an die Budgetkommifsion verwiesen.
Es folgt der mündliche Bericht der Budgetkommifsion Über Kap. 83, Tit. 9 der dauernden Ausgaben des EtaiS deS Ministeriums des Innern für daS Jahr vom 1. April
schauer zwei weit offene, perlartig schimmernde, fragende Augen entgegen, goldig braunes Haargeflecht spann sich über die Stirn zu duftigen Fäden und fiel, wie Int Wind flatternd, überall lang auf Nacken und Schultern herab. Ich vermochte einen unwillkürlichen Laut der Bewunderung nicht zurückzuhalten, unb ebenso beantwortete Frau Jmthurn diesen mit einer Aeußerung mütterlichen Stolzgefühls: „Ja, es ist ein schönes Bild von ElSbet, von meiner Tochter." — „So besitzen ste noch eine Tochter?" frug ich halb gedankenlos. Die Mutter schwieg jetzt, als ob ste meine Frage nicht gehört, doch im selben Moment durchfuhr es mich mit einem jähen Schreck, mein Blick war zufällig über daS mir zugewandte Mädchen gestreift, und daS war das nämliche, nur anders geordnete goldbraune Haar auf ihrem Scheitel, der gleiche Perlenglinz der hellen, großen Augen zwischen den häßlich entstellenden Blatternarben be< Gesichts. ES konnte kein Zweifel bleiben, die alte Dame besaß nur die eine Tochter unb diese war einstmals das engelhaft hold- selige Kinderantlitz an der Wand gewesen.
©lebet Jmthurn mußte meine nicht völlig beherrschte Bestürzung wahrgenommen haben .ihre Miene gab freilich auch jetzt nichts davon kund, doch ste verließ unter einem Vorwand mit auffälliger Eile das Zimmer. Ich blieb stumm, die Mutter sagte, einen Seufzer zurückdrängend, nur kurz: „ES war — vorher — sehr ähnlich," dann wandte sie sich wieder unserer unterbrochenen Bcredung zu. Verwirrt hörte ich kaum auf daS, was sie sprach, willigte in alles ein; die Luft in dem anheimelnden Raum hatte etwas Bedrückendes für mich angenommen und drängte mich hinan«, mit meinen Gedanken allein zu fein.
(Fortsetzung folgt.)