ftr.2«
Jllaröurg, Donnerstag, 24. Januar 1884.
XIX. Jahrgang.
OIinlieUchc Jritmiii
Srkcbeint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage ,,Zllustrirtes Sonntagsblatt" durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 2‘A Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg (excl. Bestellgebühr.) - Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg.
Für in der Expedition zu erteilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet
«a,eigen nimmt entgegen: Expedition d. Blattes, d Annoncen-Bureaux M Ha°s-nst"n und Vogler °° $rantfurt a. M, Ham» La, Magdeburg u. Men; Ludolf Messe in Frankfurt u M, Berlin, München und öfllrt - G L. Daube und K in Frankfurt a M, Berlin, Hannover u. Paris.
Anzeigrn nimmt entgegen: die^Expedition d. Blattes, sowie d. Annoncen-Bureaux Jägersche Buchhandlung in Frankfurt a. M.; Hermann- scheBuchhandlung daselbst; Adolf Steiner i. Hamburg; Jnvalidendank in Berlin, Dresden und Leipzig; I. Barck u. Co. in Halle; W. Thienes in Elberfeld.
ggy* Mr die Monate Februar und März nehmen alle Postanstalten (auf dem Lande die Land- postbotm) auf die
Oberhesfische Zeitung
und deren Gratisbeilagen
Illustriertes Touutagsblatt,
sowie für die Abonnenten der Kreise Marburg und Kirchhain
Amtlicher APeiger
für die Kreise Marburg «ud Kirchhain
Bestellungen entgegen.
gflC* Neu zutretende Abonnenten können auf Wunsch, so weit unser Vorrat reicht, infolge von Nachlieferungen die in diesem Jahre bereits ausgegebenen Nummern teö .Illustrierten SonntagsblatteS" erhalten, wollen sich jedoch tantt an unsere Expedition direkt wenden.
vom Landtag.
Berlin, den 22. Januar.
31. Plenarsitzung des Abgeordnetenhauses. DaS Hous ist wiederum nur mäßig besetzt, die Haupttridüne ist baeils bei Beginn der Sitzung gefüllt.
Am Ministerlische: Minister der öffentlichen Arbeiten Maybach, Ministerialdirektor Brefeld und mehrere Regie- mngS.-Kommissarien.
Präsident v. Köller eröffnet die Sitzung um llVeUhr. Auf der Tagesordnung steht die Fortsetzung der gestern ab- arbrochenen Beratung des Etats der Eisenbahn-Verwaltung.
Abg. Dr. Graf (Elberfeld) spricht sich für Aufbeffe- uwg der Betriebssekretäre aus in dem bereits gestern vom Abg. Dr. Hammacher (Essen) vertretenen Sinne; doch giebt er zu bedenken, ob der Zuschlag des WohnungSgeldzuschuffeS zum Gehalt zweckmäßig sei.
Abg. Bachem ist ebenfalls für die Aufbefferung der in Rede stehenden Beamteickategorien, meint aber, die Zahl der Eisenbahusekretäre könne^erringert werden. Im übrigen weist Redner aus den großen Gchaltsunterschied der Ma- tnialienverwalter, und betont schließlich die Notwendigkeit, diejenigen Beamten, denen Geld und Geldeswert anvertraut ist, pekuniär ausreichend zu stellen, um sie vor der Versuchung der Veruntreuung zu schützen.
Abg Rickert knüpft an die gestrige Aeußerung deS Ministers bezüglich der Wohnungsgeldzuschüsse an und wünscht eine eingehende Erklärung über die etwaigen Absichten der Regierung nach dieser Richtung; andererseits müsse er (Redner) sich und seinen Freunden freie Hand wahren über diese Position des Etats. Unter Hinweis auf die Höhe der Ueberschüffe der Eisenbahnverwaltung bittet
t Angen der Seele.
Novelle von Wilhelm Jensen.
Damit waren wir bi« auf hundert Schritte etwa an das alte Zugangsthor der Stadt hinangekommen, wir hatten den Seitenweg verlassen, und wein Führer übte seine Gewohnheit jetzt an einigen, die Straße in regelmäßigen Abständen begrenzenden Prellstetnen, stand bald darauf still »nd sagte, fehlen Hut lüftend: „Hier biegt mein Weg ab, drinnen in der Stadt würde ich Ihnen nicht nutzen, Sie lönnen nicht mehr fehlen, die Gaffe führt gradauS auf den Marktplatz, an dem der Gasthof zum Einhorn liegt. Wenn ! Sie Ihren Vorsatz, länger bet uns zu bleiben, ausführen, i Hesse "ich, das Vergnügen zu haben, Ihnen wieder zu be-
i Segnen." _
Ich erwiderte aufrichtig, daß ich den nämlichen Wunsch ° hegte, und fügte hinzu, er habe bis jetzt verabsäumt, mir i den Namen desjenigen mitzuteilen, der mir in so liebenS- i würdiger Weise den Willkomm in seiner Vaterstadt bereitet, i Er versetzte, leicht errötend: „Mein Name ist etwas seltsam, [ ich heiße Wilprecht Fernblick." — „Allerdings ein ziemlich ! selten gewordener Vorname unseres Volkes," antwortete ich, „aber mich bedünkt solch' volltöniger Klang weit er- sreuenver und auSzeichnender, al» die große Mehrzahl unserer heutigen abgeschliffenen und abgegriffenen Namen, denen dlles persönliche Gepräge mangelt. Ich täusche mich gewiß i dicht in der Annahme, Herr Fernblick, einem, dem gelehrten [ Berufe angehörigen Manne meinen freundlichen Empfang hier verdankt zu haben."
t Nun entgegnete er, ein wenig zögernd: „Doch fdvch — ich habe mich srellich mit allerlei Dingen zu beschäftigen gesucht, aber meine Bemühungen sind stet- hinter
Redner den Minister, die hier als notwendig betonten Ge- haltSausbefferungen baldigst eintreten zu lasten.
Abg. v. Strombeck begründet seinen Antrag, die Petitionen mehrerer außeretatsmäßiger Bahnbeamten, Büreau- Asststenten, Betriebs-Sekretäre und Wagenmeister, der Regierung zur Erwägung zu überweisen. Redner beleuchtet das vielfach mangelhafte Einkommen dieser Beamten unter besonderem Hinweis auf deren ungünstige AnstellungS- und Avancements-Verhältnisse.
Reg.-Komm. Ministerialdirektor Brefeld anerkennt da« Bedürfnis, die B-triebSsekretäre aufzubestern. Er verweist auf dasjenige, was seitens der Regierung bereits für derartige Verbesterungen geschehen, und betont, daß doch diejenigen Herren im Hause mit stch im Widerspruch stehen, welche die Dauer der hohen Eisenbahneinkünste leugnen, trotzdem aber stets für Gehaltserhöhungen eintreten. (Sehr richtig I)
Abg. Dr. Windthorst stimmt für den Antrag von Strombeck und möchte am liebsten sämtliche Petitionen an die Staatsregierung überwiesen wisten. Redner plaidiert für eine generelle Ausbesterung des gesamten unteren Beamtenpersonals, da er es für bedenklich und schwierig hält, einzelne Klassen herauszugreifen und diese aufzubestern. Er anerkennt auch die finanziellen Schwierigkeiten des Eisen- brhnministerS, der sich deshalb erst mit dem Finanzminister in Verbindung setzen muß und dort auf den begreiflichen Widerspruch stößt, daß Forderungen der einen Beamtenkategorie solche aus anderen Restorts gegenüberstehen. — Angesichts dieser Schwierigkeiten möge man im gegebenen Falle den Gesichtspunkt festhalten, bei Erhöhungen solche Beamte zu bedenken, welche infolge des gesteigerten Verkehrs besonders zu leiden haben. (Beifall.)
Abg. Schreiber (Marburg) wendet sich gegen bleo Stellungnahme des Abg. Büchtemann zu den einschlägigen Beschlüsten der Budgetkommisflon. Die Regierung hat thatsächlich auf dem Gebiete der Beamtenverbesterungen in den letzen Jahren viel geleistet. Sie hat im Vorjahre 7000 Beamte erhöht, und diesmal sind es 6 Kategorien, welche aufgebestcrt werden sollen. Dazu kommt eine Mehr- etnstellung (2000) etatSmißigec Beamte. Aus diesen Gründen erklärt stch die Stellungnahme der Budgetkom- misston. Wohin soll eö führen, wenn nun hier im Hause der eine für diese, der andere für jene Beamten einzeln eintritt? Erhöhe man die Beamten allgemein, so wird damit der Etat dauernd mehr belastet. Was soll aber werden, wenn einmal der gerade vom Abg. Büchtemann prophezeite Fall eintritt, daß die Eisenbahn-Einnahmen stch verringern? (Sehr gut!) Lasten Sie e8 daher bet den Beschlüssen der Budgetkommisston. (Bravo! rechts.)
An der weiteren Debatte beteiligen sich noch die Abgg. v. Kletnsorgen, Dr. Freiherr v. Heereman und 2~r—--i ..... * 1
dem Ziel, das ich zu erreichen hoffte, zurückgeblieben. Man richtet sein Augenmerk — seine Wünsche, meine ich — leicht zu weit; ich hoffe, die Ihrigen werden sich im Einhorn befriedigt sehen. Also, auf Wiedertreffen, wenn meine Unterhaltung Ihnen genügt hat und ein günstiger Zufall es fügt. Guten Abend!"
Seine überaus melodische Stimme sprach das Letzte mit einer gewissen Hast, die unverkennbar den Wunsch ausdrückte, nicht länger zu verweilen. Ueberhaupt lag etwa«, der bisherigen Artigkeit seines Wesens Wi'erfprechendeS in seinem letzten Benehmen. Ich hatte ihm ziemlich nahe gelegt, mich zu einem Besuche in seiner Wohnung aufzufordern , aber offenbar vermied er absichtlich, mir diese zu bezeichnen, und wollte eS dem Zufall anheimgestellt lasten, ob wir uns nochmals irgendwo antreffen würden. Nun ging er, rechts abbiegend, im einfallenden Dämmerlicht am Außenrande der Stadtmauer auf dem breiten Wege einer Glacisanlage dahin. Ich blickte ihm eine Minute lang nach; trotz seinem etwas ablehnenden Benehmen am Schluß hatte er eine eigentümliche Anziehung auf mich geübt; kaum war mir jemals ein Mann, doch selbst auch kein weibliches Wesen begegnet, das so — ich wüßte keine richtigere Bemerkung dafür — von einer poetischen Atmosphäre umgeben gewesen. Schon seine körperliche Schönheit erschien, ohne Beeinträchtigung ihrer sicheren Männlichkeit, In solchen Duft eingetaucht, noch mehr jedoch die feine Blüte eines seltenen Geistes und Gemütes, die ab und zu während unserer Weg- unterrebung wie aus einem geheimnisvoll leuchtenden Grunde herausgeschimmert. In seiner Vaterstadt schien er inbefj wenig bekannt zu sein; der Weg um die Mauer war j tzt von ziemlich vielen, durch den köstlichen Abend umher Schlendernden belebt, die ihm entgegenkamen. Sie wichen
Büchtemann, welcher der Rechten Mangel an gutem Willen in der GehaltsaufbesterungSfrage vorwirft.
Abg. Freiherr v. Minnigerode wendet stch gegen die Ausführungen des Vorredners, indem er betont, daß es stch in dem gegebenen Falle absolut nicht um ein Votum der Rechten handelt, sondern einfach um einen Vorschlag der Budgetkommisston. (Sehr richtig!) Auch meine Freunde anerkennen die Notwendigkeit der gewünschten Ausbesterungen, sind uns aber der großen Verantwortlichkeit bewußt, wenn wir ein einseitiges Vorgehen unterstützen wollten. Gerade dasjenige, was hier im Hause zu der Frage gesprochen worden ist, bestätigt die Richtigkeit unserer Austastung. Wenn der Abg. Büchtemann der Rechten daraus einen Vorwurf zu konstatieren versucht und demgegenüber daS Eintreten der Linken hervorgehoben hat, so ist daS nichts weiter als PopularitätShascherei. Unerhört aber ist daS Büchtemannsche Verlangen nach Einschränkung der Disziplin bei den Bahnbeamten. Gerade bei einem so verantwortungsreichen Betriebe ist eine geradezu militärische Disziplin notwendig, und wenn diese bei den Privatbahnm nicht gehandhabt wurde, so verdienten stc schon um deswillen verstaatlicht zu werden. (Bravo! rechts.)
NamenS der Budgetkommisston plädiert der Referent, Abg. v. Tiedemann (Bomst), in einem Schlußworte für Uebergang zur Tagesordnung über die vorliegenden Petitionen, deren Ueberweisung an die Regierung von anderer Seite (wie schon erwähnt) beantragt ist. Bei bet Abstimmung werben die Anträge Hammacher (Ueberweisung ber Petition von Büreau-Assistenten „zur Erwägung") angenommen, währenb im übrigen, nach den Beschlüsten der Budgetkommisston, zur Tagesordnung übsrgegangen wird.
Hierauf werden die einzelnen Positionen der „Dauernden Ausgaben" ohne erhebliche Debatte genehmigt. Dem Abg. Büchtemann, welcher die Teuerung notwendiger Anschaffungen für den Eisenbahnbetrieb bemängelt, antwortet der
Regierungö Kommissar Ministerialdirektor Schneider, der Regierung von einer Konvention der Wagenfaörikanten, um die Regierung zu hohen Preisen zu drängen, nichts bekannt sei. Bei Submissionen sei eö dem Auslande nicht verwehrt, stch zu beteiligen, doch seien in den letzten Jahren keine Offerten von dort eingelaufen.
An der Debatte beteiligen sich noch die Abgeordneten Büchtemann, Bygen, welcher auf dieUeberproduktion der Eisenwerke hinweist, Dr. Meyer (Breslau), welcher diese übergroße Leistungsfähigkeit mit „Schwindel" iventi- fiziert, Dir ich l et und Löwe (Bochum), welcher betont, daß Deutschland auf den Export angewiesen sei und in diesem Sinne daS Schutzzoll System gegenüber den fortschrittlichen Rednern verteidigt. RegierungS - Kommissar Ministerialdirektor Schneider weist den der Regierung
ihm mit einer gewissen Achtung und Zuvorkommenheit, schien cs, aus, doch kein Hut zog stch zum Gruß vor ihm; nur ein kleines, blondlockiges Mädchen sprang vom Spiel ihrer Genossen fort, lief freudig auf ihn zu und faßte, da er nicht auf ihr Kommen acht gegeben, zutraulich seine Hand. Nun blieb er stehen und strich einigemal mit seiner Linken freundlich über das Haar und Gesichtchen des anmutigen KindeS; dann setzte er seinen Weg fort und verschwand zwischen den übrigen Spaziergängern.
Und so stand ich unter dem alten Thorbogen, ber mir manchmal beim hastigen Vorüberbrausen flüchtigen Einblick vergönnt. Ich fühlte mich freudig gestimmt; es war nichts Närrische», auch nichts Vernünftiges nur, sondern innerlichst Befriedigendes, was ich gethan. Fast heimisch mutete die fremde Gaffe mich an, durch die ich langsam hinwanderte; viel Glück und Leid hatte seit fernen Tagen in diesen altertümlichen Häusern gewechselt, zweifellos bargen sie auch jetzt da« eine neben dem andern. Aber das war gemeine» MenschenlooS auf ber großen Wage, bie Schalen mußten steigen und sinken, ohne Schatten zu werfen, fiel kein Licht. D^b das stille Licht, welches hier die Dinge umgab, besaß ef®S» tröstlich und erwärmend Wohlthuenbes. Man empfanb ihren LebenSzuiammenhang mit dem Vergangenen, nirgendwo hatte ein Durchriß Abtrennung davon herbeigeführt, sondern in langer Reihenfolge das Heute stets dem Gestern fortgesetzt. Ein Sicherheitsgefühl einflößend, sah überallher das Beruhigende solcher Ueberlieferung an, klang aus der abendlichen Zwiesprache ber Leute vor ihren Thüren, von benen nur wenige ben Fremben ohne ein Grußwort vorüber ließen.
(Fortsetzung folgt.)