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Marburg, Dienstag, 22. Januar 1884.

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der katholischen Kirche. Waö die Vorlage selbst bekifft, so handelt es sich, wie der Vorredner dies präziser als die gestrigen Redner ausgesührt, um eine Grenzregulierung zwischen Staat und Kirche. Den Vorwurf des Zentrums, als haben die Parteien, welche die drei Paragraphen auf­heben halfen, die Verfasiung preisgegeben, müsie er ener­gisch zurückweisen; denn die Möglichkeit der VcrfasiungS- änderung sei in dieser selbst vorgesehen, und er selbst werde unter günstigeren politischen Verhältnissen für die Aende- rung gewisier Bestimmungen eintreten. Er habe Richtung und Ausgangspunkt der Maigesetzgebung mitgemacht und sei sich der Verantwortung voll bewußt, die er übrigens gerne trage. Herr v. Schorlemer hätte Herrn Virchow mit Vorwürfen wegen dessen Angriffen auf die Regierung billig verschonen sollen; er wolle ihn nur erinnern an seine (v. SchorlemerS) frühere Stellung und an seine Invektiven gegen den Fürsten Bismarck. Redner bedauert den ein­seitigen Rückzug des Staates, den er als Bußgang bezeichnet, und bezeichnet die Zivilehe und das Schulaussichtsgesetz als unbedingt festzuhaltende Errungenschaften des Kulturkampfes. Der jetzige Bußgang des Staates bestehe in, schwerwiegenden Konzessionen, die noch dazu auf jener Seite nicht dankbar gewürdigt werden; denn die neuen Bischöfe, beispielsweise, anerkennen nicht die kirchenpolitischen Staatsgesetze und be­finden sich so im Gegensatz zu der Regierung. Darin liege ja eben die Unhaltbarkeit der gegenwärtigen Situation, daß die Lebensbedingung der Matgesetzgebung, nämlich die Zähig­keit der staatlichen Kraft zu ihrer rückhaltlosen Durchführung, zerstört sei. Auö den angeführten G-ünden habe er (Redner) gestern für die Ueberweisung der Vorlage an eine Kom­mission gestimmt. Denn es sei unbedingt nötig, daß eine Grenzregulierung zwischen Staat und Kirche festgestellt werde und sollte darum eine ganz neue Arbeit, ein neuer Kampf notwendig sein. Denn der gegenwärtige Zustand sei ein Stadium der Versumpfung, der ein Ende gemacht werden müffe. Eine Regelung der Angelegenheit durch bloße Ver- faffungSparagraphen ist in einwandSfreiem Sinne nicht möglich. ES ist dazu eine neue Arbeit nötig, und zu dieser wird man unS allezeit bereit finden I (Beifall links.)

Abg. vr. Windthorst will auf die gestrigen Aus- führungen des Kultusministers nicht eingehen, weil der stenographische Bericht noch nicht vorliegt. An den Abg. v. Hammerstein sich wendend, betont Redner, daß der vom Zentrum eingcbrachte Antrag lediglich den Status quo ante wieder Herstellen wolle, ein Bestreben, welches vom heiligen Stuhle vollkommen gebilligt werde. Will man aber bloS einmal geschlagene Feffeln lösen, so können wir das allein auch ohne Rom. Der Staat ist souverän auf seinem Gebiet, die Kirche auf dem ihrigen, und der Grenzstreit

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Acten r. nach rautle®!

vom Landtag.

Berlin, den 19. Januar.

Auge« der Seele.

Novelle von Wilhelm Jensen.

Ich hatte während der langen Trostlosigkeit eines deutschen, zwischen Regensturm und Nebel wechselnden Winters den Plan gefaßt, mit dem Frühlingsbeginn einen still abgelegenen Fleck am Seestrand aufzusuchen, um vort ungestört eine größere Arbeit zu beenden. Die letzten April« löge füllten zum erstenmal feit Monaten mein Zimmer mit so fremd gewordener lichtvoller und warmer Lieblichkeit der Senne, daß sie mir fast noch einmal Zweifel an der vor­geschrittenen Erkaltung derselben und dem langsam heran- n-henden Wiederbeginn der Eiszeit in deutschen Landen «eckte. Jedenfalls besitzen in unserer, nicht nur gemäßigten, sondern mehr noch für sehr gemäßigte Ansprüche berechneten Zone blauer Himmel, Sonnenfreudtgkeit, lauer Windhauch, Frühlinge duft und Lerchenschlag auch etwa» meteoritenhaft auf een Entschluß eines Menschen Wirkendes; ich war in kürzester Frist reisefertig, und der Bahnzug trug mich au« dem großen Sammelort zu Palästm und Hütten angehäufter Backsteine, lärmvollcn Straßengewühls, sogenannter wichtigster geistiger Interessen und sogenannter guter Freunde und an­regender Gesellschaftskreise zwischen grüne Wiesen hinaus, die im ersten Schmuck von Ranunkeln und Anemonen bald wie goldgelbe Bänder, bald wie röllich Überschnette Teppich- iiufer sich um den gleichgültig w-iter eilenden Wagen auf» rollten. Ich befand mich auf einem Schnellzuge, erst am späteren Nachmittag nötigte mich der Mangel anderen An­

.schluffeS, in dasjenige, waS wir heut der unerträgllchen k^wgjamkeit eines Schneckenganges vergleichen, einen Postzug ZKWjuyeigen. Doch kam diese Verlangsamung mir kaum pW. Empfindung, denn die Fahrt blieb überaus köstlich, > entsprach völlig einer meiner LieblingSnetgungen, allein in t einem Coup« am hastigen Gedränge wechselreicher Erscheinungen vorüber zu eilen. Die Geschwindigkeit der Bewegung «zeugt

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darf nicht einseitig entschieden werden. (Sehr wahr l im Zentrum.) Erst stelle man die Verfasiung als Grundlage wieder her, dann kann man auch an da» RevistonSwerk gehen! Gegen die Ausführungen des Abg. Hänel sich wen« dend, erklärt Redner, daß dieser mit seiner Theorie der individuellen Religionsfreiheit die Kirche überhaupt leugne. Die Rede deS Abg. Stöcker habe ihn wegen deren Angriffe vielfach schmerzlich berührt. Sie beweise eben so sehr den Mangel an Toleranz auf jener Seite, wie die Ernennung deS früheren Hofpredigers Baur zum General-Superinten­denten der vorwiegend katholischen Rheinlande, eines ManneS, der seine Feindseligkeit gegen die katholische Kirche öffenllich dokumentiert habe. Komme eS indes, wie eS wolle: wir setzen den Kampf mit allen Kräften fort, denn auch ohne einzelne VerfasfungS-Paragraphen bleibt das historisch ge­wordene Recht der Kirche unantastbar bestehen und Gott wird sie nicht verlasieu. (Lebhafter Beifall im Zentrum.)

Darauf wird die Diskufsion geschloffen. Im Verlaufe der persönlichen Bemerkungen erklärt der Abgeordnete Dr. v. Jazdzewski, er werde auf die Erklärung deS Ministers bezüglich des Kardinals Ledochowski bei Beratung deS Kul- tuS" Etat« zurückkommen, nachdem der Schluß der Diskussion ihn nicht habe zum Worte kommen lasten.

Dann erfolgt die Abstimmung: sowohl der konservative Antrag, als auch derjenige deS Abg. Reicheusperger u. Gen. wird abgelehnt. Damit ist der erste Punkt der Tages­ordnung erledigt.

Der Gesetzentwurf zur Abänderung deS § 2 deS Ge­setzes, betreffend die Verwaltung deS Staatsschuldenwesens und Bildung einer Staatsschuldenkommission vom 24. Febr. 1850, wird in dritter Lesung ohne Debatte angenommen. Desgleichen in dritter Beratung ohne Debatte der Gesetz- Entwurf, betr. die Haftung der Versicherungsgelder für die Ansprüche der Inhaber von Privilegien und Hypotheken im Bezirk des ehemaligen Appellationsgerichtshofes zu Köln.

ES folgt ad 4 der Tagesordnung die Fortsetzung der zweiten Beratung deS Entwurfs deS StaatshauShaltS-EtatS für 1884/85, und zwar bei dem Etat der Eisenbahn Ver­waltung.

Abg. Büchte mann bemängelt die Schwankungen deS Etats bezüglich der Einnahmen, da die Ueberschüste nicht mit wünschenswerter Sicherheit im Etat fixiert würden. Da infolge dessen schon seit Jahren die Einnahmen wesent­lich von den Voranschlägen abweichen, so bittet er den Minister, dieser Frage entschieden näher kommen zu wollen.

Regierungs-Kommistar Geh. Rat Rappmund ant­wortet, daß der Budgetkommisston bei Besprechung dieser Frage daS mögliche Material seitens der Regierung vor­gelegt worden sei und deren Billigung erfahren habe.

mit der Ungewißheit eines Menschen um mich, der sich nicht ganz im Klaren darüber befindet, ob er etwas Vernünftiges oder etwas Närrisches begangen.

Außer mir war niemand ausgestiegen, nur ein Be­diensteter des kleinen Bahnhofs kam auf mich zu und frug, ob er die Fortschoffung meine« Gepäcks besorgen solle. Er schien anzunehmen, daß ich keine andere Absicht hegen könne, als imEinhorn* Unterkunft zu suchen, und ich hütete mich, ihn durch eine Frage nach sonstigen Gasthöfen in dieser offenbar ehrenden Voraussetzung zu beirren. Dagegen nahm ich, wie er sich mit einem Handkarren neben mir in Bewegung setzte, bald einen Vonvand, ein Weilchen be­trachtend an freierem UmblickSpunkt inne zu halten und ihn einen erheblichen Vorsprung gegen die Stadt gewinnen zu lassen, eh' ich langsam nachfolgte.

ES war des Jahres köstlichste Zeit und auch wieder ungefähr um die Zeit de« Tages, in der ick fast stets beim Vorüberfahren daS anziehende Bild der Stadt gewahrt. Ein linder Vorabend lag über dem anmutigen Thal, überall hoben sich blütenbedeckte Obstbäume, von keinem Hauch geregt, über dem frischen Sammetgrün de« Bodens, doch schon in einem weichen Schatten, nur die oberen Hälften der Kirch- thürme ragten noch, von der Sonne angestrahlt, in ein Gebiet golddurchwirkter Luft hinein. Traumhaft schön war«, dieses Stückchen altüberlieferten und ewig jung erneuten Leben« so mit Augen schauen zu können; auch die anderen Sinne nahmen daran teil, der des Geruches durch den FrühlingSvuft umher, das Gefühl im lauen Anhauch der Luft, ab und zu da« Gehör durch einen fernen, versummen- ben Ton. Aber sie fügten gleichsam doch nur die Arabesken eines harmonisch auSgesonnenen Rahmens um daS Bild, besten eigentlichen, wirklichen Zauber allein der Blick auf« nahm, oder vielmehr erst erschuf. Eine wundersame, göttliche Kraft des Menschen lag darin, Tote« so für die Empfindung

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auch eine ähnliche der geistigen Thätigkeit, die einengenden Schranken des Wirklichen schwinden zu einer tröstlichen Be­deutungslosigkeit, Gedanke und Gefühl erscheinen sich, einer vo n festen Standort abgelösten, zum Falter gewordenen Blüte gleich, in unbegrenzter Freiheit. In dem rollenden Summen des Zugs hörte ich schon jenes gleichmäßige An­rauschen des Meeres am einsamen Kielstrand, das als harmonische Begleitung zu einem schaffenden Trachten unseres Gemütes stimmt; ich sah das Wellenglimmen der uferlos gedehnten See, au« dem sich ein leises, schwermütig-heitereS Auf- und Niederwallen in unserer Seele fortpflanzt. ES war unfraglich ein äußerst glücklicher Versatz, der mich der Wirklichkeit dieses PhantasiebildcS entgegenführte.

Da schob sich in den glänzenden Wasserspiegel durchaus unerwartet, mich vollständig überraschend, etwas meinen Augen Wohlbekannte« hinein, ein alter, epheugrüner Thurm zwischen halb verfallenden Ringmauern; die Lokomotive pfiff, der Zug fuhr langsamer, und urplötzlich, in der Erkenntnis eines Augenblicke« wußte ich, daß meine Absicht, ans Meer zu gehen, nur ein Vorwand gewesen, den ein geheimer Trieb in mir benutzt hatte, mich überhaupt zu einer Reise zu veranlassen, um mich hierher zu bringen. In der souveränen Bestimmung meiner Seele stand nicht die See, sondern die alte Stadt al« Ziel vorgezeichnet, und nun hatte sie da« Trachten ihrer jahrelangen, verschwiegenen Arbeit erreicht und überließ mir höchst gleichmütig die Schwierigkeit der praktischen Ausführung. Aber ihr Wille war ein so unweigerlichesTel est notre bon plaisir, daß cs meiner Anstrengung gelang, während des kurzen StationsaufenthaltcS meines weiter eingeschriebenen Gepäck« Habhast zu werden, mit dem ich beim Fortgang deS Zuges auf dem unbedachten Perron dastand. Zwei oder drei Minuten höchsten« konnten vergangen sein, seitdem bet jähe Abbruch meiner Fahrt mir zugleich als erster Gebanke unb . Entschluß durch den Kopf geschossen, und ich sah ein wenig

Anzeigen nimmt entgegen: bie^Expebition b. Blattes, sowie b. Annoneen-Bureaux Jägersche Buchhandlung in Frankfurt a. 3JL; Hermann- scheBuchhanblung daselbst; Adolf Steiner i. Hamburg; Jnvalidendank in Berlin, Dresden unb Leipzig; I. Barck u. Co. in Halle; SB. Thienes in Elberfeld.

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' u * 'Mr in der Expedition zu erteilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet ____

29 Plenarsitzung beS Abgeordnetenhauses. Am MMcrlische: Kultusminister vr. v. Goßler, Justizminister yr Friedberg und mehrere Kommistarien. HauS und tfiibünen sind gut besetzt.

Präsident v. K ö l l e r eröffnet die Sitzung um 11V* Uhr.

Erster Gegenstand der Tagesordnung ist die Fortsetzung d-r zweiten Beratung des Antrages v. Retchensperger und Kenosien, auf Annahme eines Gesetzentwurfes, betreffend die Wiederherstellung der Art. 15, 16 und 18 der 33er« iassungsurkünde vom 31. Januar 1850.

1 abg. vr. Majunke beklagt den Verlauf der gestrigen Debatte, die ihn an die Zeit des heftigsten Kulturkampfes erinnerte, wo Männer wie Wehrenpfennig, v. Sybel und auch vielleicht v. Eynern eiferten. Nicht bester habe es «steru der Abg. Stöcker gemacht, welcher der katholischen Kirche eine Intoleranz vorgeworsen, wie sie nie bestanden babe. Dieselbe sei vielmehr auf der evangelischen Seite zu suchen, wie dies namentlich bet der jüngsten Lutherfcier sich «zeigt, wo Herr Stöcker sich mit seiner Propaganda nicht auf Deutschland beschränkt, sondern auch jenseits des Kanals, in England, getrieben habe. Im einzelnen auf die gestrigen Ausführungen des Abg. Stöcker eingehend, erklärt der Redner, daß das Wort deS verstorbenen Papstes, jedes ge­lauste Individuum stehe in gewtster Beziehung mit ihm, »etabe ein Beweis für die Duldsamkeit der katholischen Kirche, und selbst von protestantischer Seite sympathisch anerkannt worden sei. (Gelächter.) WaS die VersaffungS- bestimmungen betrifft, deren Wiederherstellung wir erstreben, so sind dieselben lediglich eine Kodifizierung der den Katho­liken von den preußischen Regenten gewährleisteten Frei- ». Jam heilen aus kirchlichem Gebiete. Der Kampf, den wir führen, geht also nicht um materielle Güter, sondern um die höchste Freiheit, und in diesem Kampfe ist keine Macht der Welt stark genug, uns erlahmen zu lassen. (Bravo I im Zentrum.) Abg. Dr. Hänel hätte nicht erwartet, daß seitens deS Vorredners ein derartiger Angriff gegen Stöcker unter­nommen werden würde. Er habe zwar nichts dagegen, wenn gewisse Protestanten, die sich immer an die katholische Kirche herandrängen und verlangen, vom Papste al« Amts- brüdcr anerkannt zu werden (Heiterkeit), von jener Seite gründlich abgefertigt würden. Der wahre Protestantismus habe sich nie in dieser Weise herangedrängt, denn er sei sich der tiefen Kluft der katholischen Kirche gegenüber be- 2V. I« vuht, welche in jener nie eine Schwesterkirche erblicke, sondern einen verlorenen Sohn. Der Protestantismus kann stolz darauf sein, denn er erstrebt die individuelle religiöse Freiheit im Gegensatz zu dem Autorilätsprinzip

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